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10 Jahre Europäische Route der Backsteingotik

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Wismar - St. Nikolai
Wismar – St. Nikolai

Kultur und Tourismus gehen immer häufiger Hand in Hand. Das Synergiepotenzial, das sich daraus ergeben kann, haben beide Seite vielerorts erkannt. So auch an der Ostseeküste: Der Verein Europäische Route der Backsteingotik e. V. feierte im September dieses Jahres in Greifswald sein zehnjähriges Bestehen. Zweck des Vereins ist die Förderung von Kunst und Kultur, Wissenschaft, Bildung und Völkerverständigung. Im Einzelnen setzt man sich weitreichende Ziele:

  • die Unterhaltung und Weiterentwicklung der kulturhistorisch begründeten Europäischen Route der Backsteingotik
  • die Erfassung und Dokumentation von Baudenkmälern der Backsteingotik entlang der Route
  • die Darstellung der Geschichte und Entwicklung europäischer Backsteingotik und ihres bau-, kunst- und kulturhistorischen Kontexts
  • die Präsentation der Europäischen Route der Backsteingotik und ihrer Bauten in der europäischen Öffentlichkeit
  • die Realisierung von Informationsveranstaltungen und kulturhistorisch verknüpften Maßnahmen und Projekten zur europäischen Backsteingotik
  • die Konzipierung und Realisierung von Weiterbildungsmaßnahmen für die Mitglieder und Interessenten europäischer Backsteingotik
  • die Umsetzung lokaler, regionaler und internationaler Publikationen, Präsentationen und Veranstaltungen zur Information über die Europäische Route der Backsteingotik und Einbindung von Bürgern und Akteuren vor Ort
  • die Erarbeitung und Verbreitung von Informationsmaterial sowie Qualifizierung elektronischer Medien zur europäischen Backsteingotik

Geschichte und Mitglieder

Die Anfänge der Kulturroute lagen bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und deren Gründer Prof. Dr Gottfried Kiesow. In den 1990er Jahren entstand die auf Norddeutschland begrenzte Initiative Wege zur Backsteingotik. Im Fokus standen der Erhalt und die Erschließung des in weiten Teilen auf ehemaligen DDR-Gebiet befindlichen mittelalterlichen Kulturerbes aus Backstein: Kirchen, Rathäuser, Bürgerhäuser, Stadtbefestigungen. Es folgten von 2002 bis 2007 die EU-Projekte Europäische Route der Backsteingotik und European Route of Brick Gothic. Daran nahmen Städte rund um die ganze Ostsee über Dänemark, Deutschland, Schweden, Polen, Estland, Lettland und Litauen teil. Im Anschluss an die EU-Projekte gründete sich schließlich der Verein am 26. September 2007.

Heute sind Städte, Regionen und einzelne Bauwerke aus Dänemark, Deutschland und Polen Mitglied, wobei der Fokus weiterhin auf den deutschen Destinationen liegt. Auf der Route kann man vom dänischen Roskilde über Lübeck, Lüneburg, Schwerin und Stralsund nach Stettin und Danzig reisen. Vor allem Stätten, die nur dem versierten Kulturreisenden ein Begriff sind, dürften touristisch von dem Netzwerk profitieren: Løgumkloster, Wismar, Bad Doberan, Greifswald, Güstrow, Neubrandenburg, Stendal, Tangermünde, Brandenburg, Chorin, Stargard, Kulm. Der Reiz dieser Region liegt aber auch in den unzähligen Dörfern und Kleinstädten mit ihren Backsteinkleinoden, die die Landschaft prägen.

Lübeck - An der Obertrave
Lübeck – An der Obertrave

Atmosphäre tanken

Ganz abseits dieser nüchternen Fakten kann ich nur jedem empfehlen, sich auf den Reiz dieser Kulturlandschaft einzulassen. Wer an einem ruhigen und sonnigen Sonntag schon mal durch die unzähligen Gassen und Gänge Lübecks geschlendert ist, wird sich der besonderen Atmosphäre des „Hauptes der Hanse“ nicht entziehen können. Stralsund reizt mit einer eben solch prächtigen Altstadt unmittelbar am Ufer der Ostsee. Was liegt da näher, als den Tag in einer gemütlichen Lokalität mit Blick auf die Insel Rügen ausklingen zu lassen? In Danzig kommt man aus dem Staunen gar nicht heraus, ob der Monumentalität der Marienkirche und der Kleinteiligkeit des umgebenden Häusergewirrs. Dies ist umso bemerkenswerter, als dass große Teile der Altstadt im 2. Weltkrieg zerstört wurden. Im Gegensatz zu vielen deutschen Städten hat man in Danzig allerdings großflächig rekonstruiert.

Nicht minder reizvoll ist die Fahrt über das Land. Insbesondere im Mai und Juni, wenn die Rapsblüte das hügelige Land in einen gelben Teppich verwandelt und sich am Horizont das Blau der Ostsee abhebt, kann man die Bilderbuchlandschaft erleben, die in farbenfrohen Reisekatalogen angepriesen wird. Immer wieder passiert man Orte mit ihren knallroten Dorfkirchen aus Backstein oder den archaisch anmutenden Feldsteinkirchen, die mit ihren hoch aufragenden Türmen als Landmarken weit ins Land sichtbar sind. Klingt kitschig? Ist es aber nicht. Die Ostsee und ihr Hinterland sowie die Architektur der Altstädte haben eine entschleunigende Wirkung, wie sie in weiten Teilen Mitteleuropas selten geworden ist. Auch dies kann eine Kulturlandschaft charakterisieren!

Stralsund - St. Marien
Stralsund – St. Marien

Kulturlandschaft: Der Backstein als nordeuropäisches Baumaterial

Die Backsteinarchitektur ist im niederdeutschen Flachland so präsent wie in keiner anderen nordeuropäischen Region und bildet eine eigenständige Kulturlandschaft heraus. Der bis ins 20. Jahrhundert vorherrschende Baustoff aus gebrannten Lehm wird vor allem mit der Zeit der Hanse und dem Terminus der Backsteingotik in Verbindung gebracht. Die mittelalterlichen Bauleistungen an Stadtpfarrkirchen und Patrizierhäusern wetteifern hierbei mit den Kathedralen Frankreichs und den Profanbauten Flanderns. Neben Großbauten ist aber auch eine große Zahl romanischer Kleinkirchen im ländlichen Raum entstanden. Diese Landpfarrkirchen aus Backstein sind ebenso wie ihre Pendants aus Feld-, Bruch- oder Werkstein eng mit der ostelbischen Siedlungsbewegung des Hochmittelalters verbunden.

Die Fokussierung auf die Architektur der Gotik verstellt aber oftmals den Blick darauf, dass die Anfänge der Backsteinarchitektur in Nordeuropa bereits in der Mitte des 12. Jahrhunderts, also noch vor dem Bauboom in den Hansestädten liegen. Hierbei handelt es sich aber keinesfalls um unbeholfene erste Gehversuche beim Einsatz des neuen, wahrscheinlich aus Oberitalien eingeführten Baumaterials; vielmehr offenbaren Bauleistungen wie an den Kloster-, Stifts- und Domkirchen in Sorø, Ringsted, Jerichow, Ratzeburg oder Lehnin den geübten Umgang mit dem gebrannten Lehm, aus dem repräsentative Bauten überregionalen Ranges entstanden. Backstein lediglich als Surrogat aus Ermangelung natürlicher Steinvorkommen zu deuten, würde bereits unter diesem Gesichtspunkt zu einer zu oberflächlichen Beurteilung des neuen Baustoffes führen.

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2 thoughts on “10 Jahre Europäische Route der Backsteingotik

  1. Lieber Damian,
    sehr informativer Beitrag! Mein Wissen über Architekturformen ist definitiv ausbaufähig. Ich erfreue mich aber an den vielen verschiedenen historischen Baustilen. Eine Europäische Route der Backsteingotik finde ich eine sehr gutes Projekt. Städte wie Lübeck haben es mir sehr angetan. Da will man mehr sehen.

    Viele Grüße
    Renate

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar, Renate. Die Route der Backsteingotik ist in der Tat eine kulturtouristische Erfolgsgeschichte. Die Vernetzung sollte in Zukunft noch internationaler werden. Der Backstein ist kein Phänomen, das allein auf die Ostsee beschränkt ist, wenngleich die wirtschaftliche Kraft der Hanse dort am nachhaltigsten zur Verbreitung des Materials beigetragen hat.

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