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Die Stadtbefestigung von Neubrandenburg

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Luftbild von Neubrandenburg 1943
Luftbild vom noch unzerstörten Neubrandenburg 1943: im Vordergrund die Marienkirche, links der Marktplatz mit Rathaus und Palais Neubrandenburg, im Hintergrund das Friedländer Tor

Die Vier-Tore-Stadt

Wer heute auf Neubrandenburg zufährt, möchte vielleicht am liebsten schnell wieder umkehren. Die Außenbezirke der Stadt sind gesäumt von DDR-Plattenbauten, die historische Altstadt im Krieg in großen Teilen zerstört. Doch die drittgrößte Stadt in Mecklenburg-Vorpommern birgt einen kostbaren Schatz, der einen Besuch sehr lohnenswert macht. Gemeint ist die am besten erhaltene mittelalterliche Stadtbefestigung Europas in einem Backsteingebiet, der die Stadt an dem Flüsschen Tollense den Beinamen Vier-Tore-Stadt zu verdanken hat.

1248 verlieh Markgraf Johann von Brandenburg dem Ort das brandenburgische Stadtrecht. Neubrandenburg ist eine typische Stadtgründung der hochmittelalterlichen Siedlungsphase östlich der Elbe. Entsprechend regelmäßig präsentiert sich der Stadtgrundriss mit rechtwinklig aufeinanderstoßenden Straßenverläufen. In der Mitte befindet sich der rechteckige Marktplatz, in einem davon abgesetzten Quadranten die Stadtpfarrkirche St. Marien. An den Ausfallstraßen zu drei der vier Himmelsrichtungen entstanden entsprechende Toranlagen, die bis heute fast vollständig erhalten sind. Eine vierte trat später hinzu.

Die Stadtmauer und ihre Wiekhäuser

Das einzigartige Architekturensemble der Befestigungsanlagen erlebt man wohl am vollständigsten bei einem Rundgang entlang der Stadtmauer. Wahlweise haben wir dabei mehrfach von der Stadtseite zur Feldseite – so wird die Außenseite der Stadtmauer bezeichnet – und umgekehrt gewechselt. Außerhalb der Stadtmauer sind die ehemaligen Wallanlagen und Gräben wie in vielen Städten zu einem parkartigen Grünstreifen mit Promenade gestaltet. Der Verkehrslärm des mehrspurigen Stadtrings dringt dabei nur gedämpft durch die Bäume und lässt fast vergessen, dass man sich in einer mittelgroßen deutschen Stadt mit ihrer Geschäftigkeit befindet.

Die Stadtseite offenbarte uns dagegen immer wieder spannende Einblicke in die nur spärlich erhaltene historische Bausubstanz. Letztere findet sich vorwiegend im Südwesten der Altstadt, an der Großen Wollweberstraße mit ihren meist zweigeschossigen, traufenständigen Fachwerkhäusern. Doch die Wunden, die der letzte Krieg in die Stadt gerissen hat, sind noch unverkennbar an vereinzelten Brachflächen und den vielen Nachkriegsbauten auszumachen. Hervorzuheben ist dabei der frühe sozialistische Wiederaufbau der 50er-Jahre, der sich von der späteren DDR-Plattenbaukulisse qualitativ wohltuend abhebt.

Die vollständig erhaltene Stadtmauer aus der Zeit um 1300 besteht im Gegensatz zu den Stadttoren weitgehend aus Feldstein und nicht aus Backstein. Bedingt durch die letzte Eiszeit ist dieses Baumaterial hier in Mecklenburg unzählig in Form von Findlingen auf den Feldern anzutreffen. Neben den vier repräsentativ gestalteten Toranlagen und zwei Wehrtürmen sind es primär die in regelmäßigen Abständen in die Stadtmauer eingelassenen Wiekhäuser, die das Bild der Neubrandenburger Stadtbefestigung prägen. Sie treten auf der Feldseite aus der Flucht der Stadtmauer und dienten bei gleichzeitigem Fehlen eines Wehrgangs zur Verteidigung. Ihre Fachwerkkonstruktionen im Obergeschoss sind allerdings jüngere Zutaten, die zu Wohnzwecken seit dem 17. Jahrhundert erfolgten. Sie machen den besonderen Reiz des Gesamtensembles aus. Der Typus der Wiekhäuser ist vornehmlich im nordöstlichen Deutschland anzutreffen, aber auch am Niederrhein bekannt. Ein vergleichbarer Reichtum an Wiekhäusern findet sich in den brandenburgischen Städten Gransee und Templin.

Neubrandenburg - Stadtmauer mit Wiekhäusern
Stadtmauer mit Wiekhäusern

Die vier Stadttore

Anmerkung zur Datierung und den Vortoren

Unbestrittener Höhepunkt der über 700 Jahre alten Stadtbefestigung von Neubrandenburg sind die in ungewöhnlicher Vollständigkeit erhaltenen vier Toranlagen mit ihren repräsentativen Schaufassaden und Giebeln. Sie offenbarten jedem nahenden Besucher die Wehrhaftigkeit der Stadt sowie den Reichtum und die Unabhängigkeit der Bürgerschaft. Erhalten haben sich nicht nur die in die Stadtmauer eingelassenen Tortürme, sondern auch drei der ihnen vorgelagerten Vortore und die verbindenden Zwingermauern.

Die bauliche Chronologie der Torbauten möchte ich hier nur grob umreißen, da sie wohl nicht jedem Reisenden im Detail von Interesse erscheinen mag. Die Datierungen sind teilweise dendrochronologisch belegt. Dabei sind drei der Tortürme im Laufe des 14. Jahrhunderts entstanden. Lediglich das Neue Tor ist erst ins späte 15. Jahrhundert zu datieren. Das Vortor des Friedländer Tores stammt vom Anfang des 14. Jahrhunderts, während die beiden anderen in die Mitte des 15. Jahrhunderts zu verorten sind. Gehen wir die Stadttore im Uhrzeigersinn ab und starten dabei im Süden.

Neubrandenburg - Stargarder Tor - Vortor
Stargarder Tor mit Vortor

Stargarder Tor

Das Stargarder Tor besitzt ein Vortor, das demjenigen am Treptower Tor nahezu gleicht. Abbildungen des einen oder anderen zieren wohl nahezu jeden touristischen Führer über Neubrandenburg. Die Feldseite ist mit Maßwerkblenden, Fialen und krabbenbesetzten Wimpergen äußerst reich gestaltet. Die Komposition ist ohne Zweifel ein Höhepunkt spätgotischer Backsteinarchitektur im gesamten Ostseeraum. Doch auch die Stadtseite des Torturms ist mit seinen hohen Blenden von besonderer Wirkung. Ihnen sind neun Terrakottafiguren eingefügt, die sich identisch am Neuen Tor wiederfinden.

Treptower Tor

Das Ensemble aus Torturm, Zwingermauern und prachtvollem Vortor wirkt am Treptower Tor vielleicht am stimmungsvollsten von allen vier Stadttoren. Das gilt trotz oder gerade wegen der an der Südseite mit Telegrafenamt und Fachwerkanbau neuzeitlichen Zutaten, die die Szenerie beleben. Die Gestaltung des Vortores mit seinem filigranen spätgotischen Formenschatz erscheint wie eine fast exakte Kopie der Situation am Stargarder Tor. Der Torturm ist der höchste der vier Neubrandenburger Stadttore. Seine Stadtseite ist reich mit Maßwerkblenden gegliedert, die teilweise frei vor dem Grund stehen und auf diese Weise eine mehrschichtige Wandgestaltung ausbilden.

Neubrandenburg - Treptower Tor - Vortor
Vortor des Treptower Tores

Friedländer Tor

Das Friedländer Tor besitzt das älteste Vortor der Stadt, zeigt sich aber in seiner Gesamtwirkung bescheidener als die Anlagen am Stargarder und Treptower Tor. Charakteristisch – und somit von den anderen Toranlagen dadurch unterscheidbar – ist ein im 16. Jahrhundert vorgebauter Halbrundbau, ein Rondell bzw. Zingel. Seine fortifikatorische (wehrhafte) Funktion belegt er eindrucksvoll mit zahlreichen Schießscharten. Solche primär im 15. und 16. Jahrhundert anzutreffenden Artilleriebauwerke sind der Entwicklung von Feuerwaffen und Geschützen geschuldet, denen mittelalterliche Befestigungsanlagen nicht mehr gewachsen waren.

Neues Tor

Das Neue Tor ist nicht nur das jüngste der vier Stadttore, sondern war auch abseits der mittelalterlichen Hauptverkehrswege aus der Stadt von untergeordneter Bedeutung. Das Vortor hat sich nicht erhalten. Am stadtseitigen Giebel existieren acht Terrakottafiguren mit ausgebreiteten Armen, die im engen Zusammenhang mit der fast identischen Darstellung am Stargarder Tor stehen. Das Bildmotiv ist in seiner Symbolik nicht restlich geklärt. Am überzeugendsten erscheint die Deutung als die neun Engelchöre. Nicht selten werden die Figurenreihen unspezifisch als Adorantinnen oder Adoranten (selbst das Geschlecht der Dargestellten ist umstritten), also Betende, angesprochen. Auffällig ist jedoch, dass die Figuren zur Stadtseite angebracht sind, wo doch die reichere Gestaltung bei Stadttoren meist die Feldseite darstellt.

Neubrandenburg - Neues Tor - Adoranten
Terrakottafiguren am Neuen Tor

Abstecher zur Marienkirche

Der Besuch in Neubrandenburg sollte nicht enden, ohne einen Blick auf die südlich des Marktes stehende Hauptpfarrkirche St. Marien geworfen zu haben. Als Hallenkirche mit geradem Chorschluss ist der Bau ein prominenter binnenländischer Gegenentwurf zu den gewaltigen Basiliken und Umgangchören in den Hansestädten der Ostseeküste. Die unmittelbar nach Stadtgründung in der Mitte des 13. Jahrhunderts begonnene Kirche ist durch Brände und Kriegszerstörungen ihrer Pfeiler und Gewölbe beraubt und wurde ab 2001 als Konzertkirche einer neuen Nutzung zugeführt. Insofern ist ein Blick ins Innere für die meisten Besucher aus den Spuren der Backsteingotik nur von mäßigem Interesse, aber als Zeugnis für die gelungene Zweckentfremdung ehemaliger Sakralbauten ein überzeugendes Anschauungsobjekt.

Neubrandenburg - Ostgiebel der Marienkirche
Ostgiebel der Marienkirche

Umso mehr entlohnt die Betrachtung des Ende des 13. Jahrhunderts entstandenen Ostgiebels des Kirchenbaus. Er steht mit seiner Gestaltung den Vortoren am Stargarder und Treptower Tor stilistisch sehr nahe und dürfte für sie vorbildhaft gewirkt haben. Seine filigranen, vor dem Mauergrund frei stehenden Maßwerkformationen besitzen eine Extravaganz, die nur noch vom eng verwandten Giebel an der Marienkirche in Prenzlau in der Uckermark erreicht wird. Wir erleben hier einen würdigen Abschluss unseres Rundganges durch das mittelalterliche Neubrandenburg.

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