Home / Alle Artikel / Die Kulturgeschichte des Backsteins in Nordeuropa

Die Kulturgeschichte des Backsteins in Nordeuropa

Posted on
Luftaufnahme Lübeck
Luftaufnahme der Hansestadt Lübeck mit ihrer mittelalterlichen Backsteinarchitektur, hier: St. Marien und Rathaus

Ziegeltechnik in der Antike

Backsteine – gemeinhin häufig als Ziegel bezeichnet – lassen sich erstmals in den antiken Kulturen des Nahen Ostens finden. Sie wurden bei einer Grabung in Jericho im Jordantal nachgewiesen und ins 8. Jahrtausend v. Chr. datiert. Entscheidende Bedeutung für die Entwicklung der Lehmsteine als Baumaterial hatte vor allem Mesopotamien. Im Laufe der Zeit entwickelte sich hier der künstliche Baustoff zu regelmäßig geformten und gebrannten Backsteinen. Zuvor waren ausschließlich die Handformung und Lufttrocknung ohne Brand üblich. Letzterer brachte den Vorteil einer längeren Haltbarkeit mit sich. Das notwendige Rohmaterial fand sich vorrangig entlang der großen Ströme von Euphrat und Tigris.

Über Griechen und Römer gelangte der Backsteinbau nach Europa. Die Römer erkannten die statischen Eigenschaften des Ziegelsteins und etablierten ihn als Baumaterial auch in den Provinzen nördlich der Alpen. Die Ziegeltechnik erlaubte es, aufgrund der leichten Handhabung und des geringen Gewichts der Tonsteine Rundbögen, Gewölbe und Kuppeln effektiv zu errichten. Der Siegeszug der Backsteinarchitektur im Römischen Reich setzte im 1. Jahrhundert v. Chr. ein. Später wurden Backsteine auch dekorativ eingesetzt, sodass man auf eine Verputzung der Mauern verzichtete. Als bestes Beispiel der römischen Backsteinbauweise nördlich der Alpen gilt die Konstantinbasilika in Trier, die ursprünglich als Palastaula diente.

Trier - Konstantinbasilika
Konstantinbasilika in Trier

Mittelalterliche Neuentdeckung

Während in Italien die Tradition der Backsteinherstellung seit der Römerzeit nie gänzlich abbrach, kam es nördlich der Alpen zu einer regelrechten Neuentdeckung im 12. Jahrhundert. Frühe karolingische Backeinbauten wie die Einhardbasilika in Michelstadt waren zunächst Unikate. Dort, wo natürliche Steinvorkommen nicht existent oder rar waren, entwickelte sich in wenigen Jahrzehnten eine regelrechte Architekturlandschaft. Bemerkenswert ist dabei, dass im 3. Viertel des 12. Jahrhunderts an mehreren Orten Nordeuropas gleichzeitig Großbauten entstanden, die ohne erkennbare Vorstufen die Backsteintechnik in Perfektion anwandten: Mark Brandenburg (Prämonstratenser-Stiftskirche Jerichow, Brandenburger Dom), Holstein (Ratzeburger Dom, Lübecker Dom, Stiftskirche Segeberg) und auf der dänischen Insel Seeland (Benediktiner-Klosterkirche Ringsted, Zisterzienser-Klosterkirche Sorø). Angenommen werden darf vielfach die Urheberschaft eines oberitalienischen Bautrupps, die aber in keinem konkreten Fall durch schriftliche Quellen belegbar ist.

Den Großbauten folgten in vielen Regionen zahlreiche Dorfkirchen und schließlich städtische Pfarrkirchen aus Backstein. Regionen, in denen sich eine sehr große Anzahl romanischer und frühgotischer Kleinkirchen aus Backstein erhalten hat, sind die dänischen Inseln Lolland und Falster, die südjütländische Nordseeküste des Herzogtums Schleswig (sowohl auf deutscher als auch auf dänischer Seite), die friesische Küste von den niederländischen Provinzen Friesland und Groningen bis zur ostfriesischen Halbinsel auf deutscher Seite, das Jerichower Land und Teile der Altmark (primär in der Wische im Nordosten der Altmark) sowie die Ostseeküste in Holstein und Mecklenburg.

Diese Cluster wuchsen im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts in Norddeutschland zu einem zusammenhängenden Gebiet der Backsteingotik zusammen, das im Osten bis ins Baltikum und nach Schlesien und im Südwesten bis an den Niederrhein reichte. Auch in ganz Skandinavien entstanden zahlreiche spätmittelalterliche Backsteinbauten. Letztlich sind es aber vor allem die Hansestädte an der Ostseeküste, die unsere Vorstellungen der mittelalterlichen Backsteinarchitektur prägen. Nahezu das gesamte Bauschaffen dieser Handelsstädte erfolgte durch den Kunststein. Zu den Sakralbauten gesellten sich hauptsächlich im städtischen Umfeld frühzeitig auch Profanbauten in Gestalt von Rathäusern, Stadttoren und Patrizierhäusern. Aber auch Burgen entstanden nun aus Backstein. In den Städten entwickelte sich im Spätmittelalter eine regelrechte Ziegelindustrie mit zahlreichen städtischen Ziegeleien.

Stralsund - Rathaus - Giebel
Ein Werk der hansischen Backsteingotik: Fassade des Rathauses in Stralsund

Der Herstellungsprozess des Backsteins

Ton und Lehm als Rohmaterial

Zu betonen ist, dass der Backstein mit seiner Steinsichtigkeit und den zahlreichen dekorativen Elementen, die sich vor allem am Traufenfries, an den Giebeln oder an den reichen Portalanlagen zeigen, niemals als Surrogat (Ersatz) für den fehlenden Naturstein verstanden wurde. Die Herstellungstechnik hat sich dabei hierzulande seit dem Mittelalter bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts nicht wesentlich verändert. Erst danach wurde das Handwerk allmählich durch die Industrialisierung ökonomischer und ertragreicher gestaltet. Ich möchte mich daher im Folgenden auf die traditionelle Ziegelherstellung konzentrieren, die nördlich der Alpen rund 700 Jahre weitgehend identisch praktiziert wurde.

Das Rohmaterial für Backsteine sind Ton und Lehm, wobei sich Lehme vorwiegend durch einen großen Anteil Sand vom Ton absetzen. Backsteinbauten finden sich entsprechend dort, wo es einerseits häufig Tonlagerstätten und andererseits einen Mangel an natürlichen Steinvorkommen gibt. Abbau und Transport waren aufwendig und mühsam. Neben den archäologisch schwer nachweisbaren Feldbrandziegeleien in der Nähe der Tongruben existierten ebenso städtische Ziegeleien. Letztere hatten meist größere Kapazitäten und versorgten eine Vielzahl von Baustellen.

Vor der eigentlichen Verarbeitung wurde das Rohmaterial durch unterschiedliche Verfahren aufbereitet. Auf diese Weise wurden Homogenität und Formbarkeit des Tons gesteigert. Durch Wintern oder Sommern, wobei die Witterung die gewünschten Eigenschaften der Rohmasse erzeugte, konnte sich diese Phase über Monate hinziehen. Bereits die Zusammensetzung des Rohamterilas hatte – neben dem Brennvorgang selbst – Einfluss auf die Farbgebung des gebrannten Steins. Deshalb finden sich sowohl tiefrote als auch gelbliche Ziegelbauten.

Formen und Trocknen der Rohlinge

Der aufbereitete Ton wurde schließlich per Hand in Holzformen gepresst und abgestrichen, wobei der Ziegel mit den charakteristischen Quetschfalten an den Ansichtsflächen entstand. Die Praxis des Schneidens aus flachen Tonkuchen ist dagegen nur bis ins 12. Jahrhundert in Italien betrieben worden. Auf diese Weise entstanden die für römische Bauten typischen, sehr flachen Backsteine. Nördlich der Alpen findet im Mittelalter und der frühen Neuzeit ausschließlich die Technik der Handstrichziegel Anwendung. Die Holzformen konnten oben und unten offen sein oder auch als Kastenform mit Boden Verwendung finden. Auch Formsteine mit speziellen Profilen für Friese, Maßwerk oder Dienste konnten auf diese Weise mit Schablonen hergestellt werden.

Bibel von Utrecht - Israeliten stellen Ziegel her
Israeliten stellen Ziegel her – Bibel von Utrecht, Mitte 15. Jahrhundert

Nun folgte der Prozess der Trocknung. Dazu wurden die Formlinge – wie die Backsteine nun in diesem Zustand des Herstellungsprozesses heißen – unter freiem Himmel, bei ortsfesten Ziegeleien auch in einem Trockenschuppen, in Bahnen bzw. in Gerüsten aufgeschichtet. Effektiver gegenüber der natürlichen Trocknung war die künstliche, bei der die Abwärme der Öfen genutzt wurde. Während des Trocknens schrumpfte der Formling auf seine endgültigen Dimensionen und war schließlich nicht mehr formbar, weil der Tonmischung das Wasser vollständig entzogen worden war.

Das Brennen des Formlings

Die Krone des Ziegelns ist schließlich das Brennen, das bei Temperaturen zwischen 850 und 1250 °C stattfindet. Es existieren zahlreiche Ofenformen wie römischer Ofen, Meiler bzw. Feldbrandofen oder Ringbrandofen. Als Brennstoff kamen bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts Holz, danach Kohle und Torf zum Einsatz. Die Farbe des gebrannten Ziegels ist nicht nur von der Rohstoffmischung abhängig, sondern wird vor allem auch von der Brenntemperatur bestimmt. Es spielen auch noch weitere Faktoren wie die Materialaufbereitung und die Ofenatmosphäre hinein. So entstehen beim reduzierten Brennen mit wenig Sauerstoffgehalt oft dunkelrote, bei kalkreichen Tonen gelbliche Ziegel.

Feldbrandofen
Feldbrandofen in Vreden-Köckelwick (1927)

Veredelung: Glasur und Riefelung

Veredelt werden konnten Backsteine durch eine Glasur. Diese Technik war bereits im Altertum bekannt und wurde vor allem in Mesopotamien als Gestaltungsmerkmal eingesetzt. Im nordeuropäischen Mittelalter erlebte die Glasur seit der Mitte des 13. Jahrhunderts eine Hochphase. Es kamen dabei grüne, dunkelrote und schwarze Glasuren zum Einsatz, die dem Rohling vor dem Brand flüssig aufgetragen wurden. Ab 1350 tauchten glasierte Terrakottareliefs in Nord- und Ostdeutschland auf. Ihr Vorkommen ist insbesondere an den Schaufassaden von Pfarrkirchen, Rathäusern oder Stadttoren der reichen Handelsstädte zu beobachten.

Wismar -  St. Nikolai - Südgiebel
Giebel der Südhalle der Nikolaikirche in Wismar mit glasierten Terrakottafiguren

Die mittelalterlichen Steine des 12. und 13. Jahrhunderts weisen zudem häufig eine Oberflächenbehandlung auf. Sie zeichnet sich durch eine schräg verlaufende, feine Riefelung aus, die wahrscheinlich in den lederharten Rohling gezogen wurde. Ihre genaue Intention ist nicht überliefert, doch darf man davon ausgehen, dass man in der Frühphase des Backsteinbaus in Nordeuropa einen Naturstein nachahmen wollte. Das Phänomen verschwindet im fortgeschrittenen 13. Jahrhundert vollständig und taucht nie wieder auf.

Backsteinformate

Die Formate der Ziegel weisen eine große Vielfalt auf. Während die römischen Ziegel durch das Schneiden aus dem Tonkuchen ausgesprochen flache Platten darstellten, entwickelte sich im 12. Jahrhundert das sogenannte Klosterformat, das in Nordeuropa ohne Ausnahme Verwendung fand. Es orientierte sich an den Bedürfnissen der Verarbeitung, sodass ein Maurer den Backstein gut mit beiden Händen fassen und in einem regelmäßigen Verband vermauern konnte. Dabei ergab eine Ziegelbreite plus Fuge häufig die Länge eines Backsteins. Die Höhe der Steine beträgt grob die Hälfte der Breite oder mehr. Ein typischer mittelalterlicher Ziegelstein konnte die Maße 30 mal 14 mal 9 cm aufweisen. Erst mit der Massenproduktion des späten 19. Jahrhunderts hielten exakte Formate wie das Reichsformat in Deutschland Einzug.

Trier - Kaiserthermen - Mauerwerk
Spätrömisches Mauerwerk an den Kaiserthermen in Trier

Es gab und gibt Bemühungen in der Forschung, anhand der Höhe der Backsteine relativ präzise Datierungen von mittelalterlichen Bauten vorzunehmen. Im regional begrenzten Rahmen kann dies durchaus erfolgreich praktiziert werden. In einigen Backsteinregionen ist das Phänomen zu beobachten, dass die Steine mit nicht selten mehr als 10 cm Höhe charakteristisch für die Mitte des 13. Jahrhunderts sind. Frühneuzeitliche Backsteine sind übrigens in aller Regel deutlich kleiner als ihre mittelalterlichen Vorgänger. Ungeachtet der Unsicherheiten bei diesem Ansatz lassen sich aber zumindest Bauabschnitte meist zuverlässig durch den Wechsel des Backsteinformats an einem Bau nachvollziehen.

Mauerverbände

Neben den Formaten sind auch die Mauerverbände dazu geeignet, Bauten chronologisch einzuordnen. Man unterscheidet dabei zum Beispiel zwischen gotischem, märkischem und Kreuzverband, wobei die Terminologie leider nicht einheitlich geregelt ist und häufig Verwirrung stiftet. Ziegel, die mit der langen Fläche als Ansichtsfläche vermauert wurden, bezeichnet man als Läufer, die tief ins Mauerwerk einbindenden Backsteine als Binder. Die Abfolge von Läufern und Bindern in einer Schicht und die Platzierung der darüberliegenden Ziegelschicht auf den Stoßfugen der unteren definiert letztlich den Mauerverband.

Besonders charakteristisch und für Nichtkundige leicht nachvollziehbar ist der Wechsel des üblichen Verbandes im 16. Jahrhundert, also an der Grenze zwischen Mittelalter und Neuzeit. Bei den jüngeren Bauten wechseln nun Schichten aus Läufern und Bindern stets alternierend im aufragenden Mauerwerk. Daneben existieren auch zahlreiche Zierverbände, die insbesondere in Ost- und Westfriesland eine bemerkenswerte Vielfalt ausbilden. Sie waren wie der überregional weit verbreitete Fischgrätenverband vorwiegend im 13. Jahrhundert Usus und erlauben eine recht präzise Datierung der Bauten.

Weiterführende Literatur zu Architektur und Technik des Backsteins

Dieser Überblick über die Backteintechnologie von der Antike bis in die frühe Neuzeit kann nur den Einstieg in die Thematik abdecken. Die maßgebliche Phase in Mittel- und Nordeuropa hatte der gebrannte Tonstein aber gewiss im Hoch- und Spätmittelalter, wo er mit unzähligen Bauwerken der Backsteinromanik und Backsteingotik ganze Landschaften und Städte prägte. Für die vertiefende Lektüre dieser Epoche möchte ich einige Buchtitel anführen (darunter meine eigene Dissertation), wobei ich auf bibliografische Angaben im Sinne wissenschaftlicher Korrektheit bewusst verzichte:

Zum kunsthistorischen und technischen Kontext des Backsteinbaus:

  • Hans Josef Böker, Die mittelalterliche Backsteinarchitektur Norddeutschlands
  • Barbara Perlich, Mittelalterlicher Backsteinbau in Europa: Zur Frage der Herkunft der Backsteintechnik
  • Johannes Cramer, Dorothée Sack (Hg.), Technik des Backsteinbaus im Europa des Mittelalters
  • Damian Kaufmann, Die romanischen Backsteindorfkirchen in der Altmark und im Jerichower Land: Studien zur Kleinkirchenarchitektur an der Mittelelbe und im südlichen Ostseeraum
  • 10 Bände Studien zur Backsteinarchitektur, hrsg. von Ernst Badstübner und Dirk Schumann, darunter auch:
  • Paul Nawrocki, Der frühe dänische Backsteinbau: Ein Beitrag zur Architekturgeschichte der Waldemarzeit
  • 6 Bände Backsteinbaukunst: Zur Denkmalkultur des Ostseeraums, hrsg. von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz

Zu den Aspekten der Ziegelherstellung:

  • Mila Schrader, Mauerziegel als historisches Baumaterial: Ein Materialleitfaden und Ratgeber
  • Willi Bender, Vom Ziegelgott zum Industrieeletroniker: Geschichte der Ziegelherstellung von den Anfängen bis heuteDownload als PDF

2 Kommentare zu “Die Kulturgeschichte des Backsteins in Nordeuropa

  1. Vielen Dank für den Artikel zur Backstein-Architektur, insbesondere für die Literaturhinweise. – Gibt es wirklich keine Spuren italienischer Baumeister im Jütland des 13. Jh. , obwohl Mönche doch gut schreiben konnten? Kaum vorstellbar, dass einheimische Handwerker ohne Anleitung z.B. Kloster Løgum errichteten.
    Frieder Knüppel.

    1. Die Quellenforschung hat in all den Jahrzehnten in der Tat nichts hervorgebracht, was als Nachweis dienen könnte. Wenn wir vom Kloster Løgum sprechen, dann sind wir auch bereits in der zweiten bzw. dritten Generation von Backsteinbauten im nördlichen Europa. Man darf wohl annehmen, dass zu diesem Zeitpunkt längst einheimische Bautrupps die Arbeit an den entsprechenden Bauten verrichteten. Wenn wir von Italien sprechen, dann kann es sich allenfalls um die ersten Impulse handeln, wie sie wohl in Jerichow, Sorø oder Ringsted anzunehmen sind.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Top