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St. Ansgarii in Bremen – Rekonstruktion oder Luftschloss?

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Stadtansicht Bremen 1564
Älteste erhaltene Stadtansicht Bremens – Holzschnitt 1564 von Hans Weigel d. Ä.

Bremens verlorenes Wahrzeichen

Ihr Turm war stadtbildprägend wie kaum ein anderer, der Kirchenbau einer der bedeutendsten der Stadt, der Ort der Ausgangspunkt der Reformation in Bremen: die St.-Ansgarii-Kirche. Hier hielt im November 1522 der Augustinermönch und Reformator Heinrich von Zütphen die erste evangelische Predigt in der Stadt.

Die Kirche wurde im letzten Krieg in großen Teilen zerstört. Die Ruine ist 1959 abgetragen worden, um einem Kaufhaus Platz zu machen – ein Vorgang, der aus Sicht des heutigen Denkmalschutzes geradezu unfassbar erschient. Dadurch klafft im historischen Gefüge der Bremer Altstadt eine schmerzliche Lücke.

St. Ansgarii - Luftbildaufnahme
St. Ansgarii – Luftbildaufnahme vor den Zerstörungen des Krieges

Anschari e. V.

Strukturen und Öffentlichkeitsarbeit

In den letzten Jahren flammte die Diskussion um eine mögliche Rekonstruktion von St. Ansgarii immer wieder auf. Geführt wird diese von einer Handvoll Aktivisten, die sich nun in dem Verein Anschari e. V. organisieren. Die die Idee tragenden Personen sind der Historiker Nils Huschke und der Architekt Axel Spellenberg – Vorstandsvorsitzender und dessen Stellvertreter im Verein.

Das Vorhaben des Vereins scheitert aber bislang bereits an der nötigen Öffentlichkeit und den Strukturen. Bisher ist dem Verein die Gemeinnützigkeit versagt geblieben. Es existiert nicht einmal eine Website, auf der man das eigene Anliegen vorstellen und die Planungen für eine mögliche Rekonstruktion konzentrieren kann. Auch wären Printmedien in Form von Büchern, Broschüren oder Flyern notwendig, um die Bedeutung von St. Ansgarii für Stadtbild und Geschichte Bremens einer breiten Öffentlichkeit nahe zu bringen. Und die sozialen Netzwerke: auch Fehlanzeige! Der Verein besteht bisher nur auf dem Papier.

Als Ersatz dient ein vor zehn Jahren eröffneter, sehr langer und entsprechend strukturloser Strang im Diskussionsforum des Vereins Stadtbild Deutschland. Die wichtige Dokumentation der ursprünglichen Gestalt der Kirche geht dort aber leider weitgehend unter. Der 2. Vorsitzende von Anschari e. V. verliert sich darin allzu häufig in Rundumschläge und verbale Entgleisungen gegen die Institution Kirche, die Politik, Bremer Verantwortliche, seine Architektenkollegen, ja sogar gegen die mitdiskutierenden Foristen und die eigenen Vereinsmitglieder, die sie eigentlich in ihrem Vorhaben auf ihrer Seite zu suchen haben. So konnte man in den letzten Tagen persönliche Zwistigkeiten innerhalb des Vereins öffentlich verfolgen, wobei die Moderatoren des Forums die meisten der problematischsten Passagen bereits entfernt haben. Damit wird dem vereinseigenen Anliegen von Anschari e. V. wirklich ein Bärendienst erwiesen!

Daneben existieren noch einige Kurzfilme über St. Ansgarii auf YouTube, die für die Dokumentation des Bauzustandes vor der Zerstörung hilfreich sein können. Ihre Qualität und der unüberhörbare Pathos, der ihnen innewohnt, sind aber kaum geeignet, nachhaltig als Werbemittel zu dienen und Überzeugungsarbeit zu leisten. Die Links zu den Videos:

Erste Entwürfe

Doch auch sonst stehen die Chancen auf eine Rekonstruktion der Kirche seit Jahren nicht gut. Das Areal ihres ehemaligen Standortes ist derzeit vom Bremer Carée, einem Einkaufszentrum, bebaut. Die Bremer Politik zeigt insgesamt wenig Interesse an den Ideen des Vereins, die zunächst eine vollständige Rekonstruktion des Kirchenbaus vorsahen. Diese war eingebettet in einer umfangreiche Neugestaltung der gesamten mittleren Altstadt. Dadurch sollte die Aufenthaltsqualität in diesem Bereich verbessert werden.

St. Ansgarii - Rekonstruktionsentwurf
St. Ansgarii – Rekonstruktionsentwurf mit Ansgarii-Viertel von Axel Spellenberg

Rekonstruktion des Turmes?

Zuletzt konzentrierte man sich aber vor allem auf das Machbare, einer Rekonstruktion des mittelalterlichen Turmes. Doch auch hierfür müsste ein Teil der derzeitigen Bebauung weichen. Spellenbergs Entwürfe sehen dabei die Umgestaltung des Bremer Carée in historisierenden Formen vor.

St. Ansgarii - Modell der Turmrekonstruktion
St. Ansgarii – Modell der Turmrekonstruktion mit umgestaltetem Bremer Carée von Axel Spellenberg (Fotos: Nils Huschke)

Ästhetisch wirkt dies ganz ansprechend, könnte aber Rekonstruktionsgegnern Vorschub leisten, das gerne beschworene Lied vom „Disneyland“ anzustimmen. So polemisch diese Kritik an den Entwürfen auch klingen mag, so sehr ist die Frage berechtigt, ob diese frei erfundene historisierende Architektur nicht ebenfalls den Makel der Beliebigkeit trägt, der moderner Architektur aus Glas und Beton meist anhaftet. Dem könnte man entgegnen, dass Spellenbergs Entwurf sich immerhin an der Formensprache des verlorenen Kirchenbaus orientiert.

Zudem könnte man mit der laufenden Rekonstruktion des Turmes der Potsdamer Garnisonkirche ein erfolgreiches Beispiel einer solch sukzessiven Vorgehensweise anführen. Dabei zeigen zahlreiche Beispiele großflächiger Rekonstruktionen wie in Potsdam, Dresden oder Frankfurt, dass die Zeit für die Wiederherstellung verlorener Stadtbilder durchaus gekommen ist. Die Erfahrungen aus diesen Projekten weisen einige wichtige Faktoren für ein Gelingen aus:

  • Unterstützung aus der Bevölkerung
  • zahlungskräftige Investoren oder Mäzene
  • ein durchdachtes Nutzungskonzept, das auch die wirtschaftlichen Aspekte berücksichtigt
  • das Freiwerden oder das Vorhandensein einer Baufläche am ursprünglichen Standort

In Bremen scheint es derzeit an vielen dieser Voraussetzungen zu mangeln.

Ausblick

Auch andere Ideen dieser Art haben Jahrzehnte bis zu Realisierung gebraucht. Als wichtig erachte ich, die Ideen stetig in die Öffentlichkeit zu tragen und die Chance zu nutzen, wenn das entsprechende Areal für Neubebauungen zur Disposition steht. In einem solchen Fall erscheint mir auch die Rekonstruktion der gesamten Kirche nicht als aussichtslos. Entscheidend dafür wird ein überzeugendes Nutzungskonzept sein.

Zu diesem Zweck rate ich zu einem Blick in die benachbarten Niederlande, wo man schon seit langer Zeit gute Erfahrungen mit der Umnutzung von Kirchenbauten besitzt. Besonders hinweisen möchte ich auf eine jüngst erschienene Dissertation von Stefan Netsch mit dem Titel „Strategie und Praxis der Umnutzung von Kirchengebäuden in den Niederlanden“, die kostenlos heruntergeladen werden kann. Dazu ergänzend sei die Publikation von Oliver Meys und Birgit Gropp „Kirchen im Wandel – Veränderte Nutzung von denkmalgeschützter Kirchen“ genannt, die sich diesem Phänomen in Nordrhein-Westfalen annimmt. Zwar handelt es sich bei den vorgestellten Beispielen in aller Regel um bestehende Kirchenbauten und nicht um Rekonstruktionen, wie es in Bremen der Fall wäre, doch die Konzepte und ihre Umsetzung sind möglicherweise als Anregung brauchbar.

Dieser Blogbeitrag mag im bescheidenen Rahmen dazu dienen, die Aufmerksamkeit auf den Rekonstruktionsbemühungen um St. Ansgarii in Bremen zu erhalten. Zu meinem Bedauern reibt sich aber der das Projekt fördernde Verein in internen Querelen auf, die auch noch öffentlich ausgetragen werden, anstatt nachhaltige Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben.

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