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Architektur als Identitätspolitik – eine Kritik an Philipp Oswalts Thesen

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Dessau - Haus Gropius
Rekonstruiertes Meisterhaus: Haus Gropius in Dessau

Rekonstruktion und Gesellschaft

Philipp Oswalt ist Professor für Architekturtheorie an der Universität Kassel und einer der schärfsten Kritiker von Rekonstruktionsprojekten. Als streitbarer Akteur bei Architekturdebatten hat er nun seine Thesen über geschichtsrevisionistische Tendenzen bei Wiederaufbauvorhaben in einem Buch zusammengetragen: „Bauen am nationalen Haus – Architektur als Identitätspolitik“. Damit fordert er die Freunde traditioneller Architektur heraus. Seine Kernthese lautet, dass der Wille nach möglichst historischen Rekonstruktionen zumeist identitären und nationalistischen Ideen folgt. Sogar einen eklatanten Mangel an demokratischer Willensbildung verbindet er mit entsprechenden Projekten. Wir wollen schauen, ob seine Argumentation zu überzeugen vermag.

Der Autor arbeitet sich an prominenten Rekonstruktionen der letzten Jahre ab: der Potsdamer Garnisonkirche, dem Berliner Schloss sowie der neuen Altstadt in Frankfurt am Main. Als Gegenpunkt stellt er die Rekonstruktion der Bauhaus-Meisterhäuser in Dessau vor, an der er maßgeblich beteiligt war. Zudem geht er auf die Frankfurter Paulskirche ein. Sie stellt eine Ikone der Demokratiebewegung in Deutschland und somit einen besonders symbolträchtigen Bau dar. Dabei sieht Oswalt in Rekonstruktionen Werkzeuge für eine gesellschaftliche Verschiebung. Es geht für ihn um Fragen der Identität und der Geschichtspolitik, die in einen Kulturkampf münden. Wortgewaltig beschreibt er einen ideologischen Kern, der in seinen Augen traditioneller Architektursprache in bestimmten Konstellationen anlastet.

Vorwurf der Orthodoxie in der Rekonstruktion

Oswalt lässt an Rekonstruktionen gleich zu Beginn seines Buches kein gutes Haar. Insbesondere die originalgetreue Rekonstruktion ist ihm ein Dorn im Auge. Er beklagt eine zunehmende „Orthodoxie“ in dieser Disziplin, die ein möglichst authentisches Ergebnis mithilfe der Medien Fotografie, Fotogrammetrie und digitaler Bildbearbeitung erzielen will. Bereits an dieser Stelle muss man als Leser stutzig werden, denn sollte nicht die Rekonstruktion mit exakten wissenschaftlichen Methoden bis hin zur Materialität und im besten Fall nach historischer Handwerkskunst ein erstrebenswertes Ziel sein? Dabei sollten doch eine professionelle Herangehensweise und Erkenntnisgewinn den Vorzug haben vor historisierenden Wiederherstellungen, die dem Original nur bedingt nahekommen. Schließlich ist die möglichst getreue Wiederherstellung eines historischen Zustandes wünschenswert, nicht eine kulissenhafte Fantasiearchitektur.

Auch Oswalts Vorwurf, Rekonstruktionen würden die deutschen Traumata des 20. Jahrhunderts ungeschehen machen wollen, ist pauschal nicht zutreffend. Entscheidend ist vielmehr die Kontextualisierung am konkreten Objekt. Erst ein wiederaufgebautes historisches Bauwerk ermöglicht die Auseinandersetzung mit seiner Zerstörung und den Ursachen. Nachkriegsarchitektur und Zweckbauten, die die Wunden im Stadtgefüge häufig unzureichend kaschieren, vermögen dies dagegen nicht zu leisten. Zugegeben: Auch die „kritische Rekonstruktion“ ist geeignet, die kriegsbedingten Einschnitte in der Kontinuität darzustellen, allerdings gelingt das selten so behutsam wie am Beispiel der Dresdner Frauenkirche, wo sich altes und neues Baumaterial farblich absetzen. Und auch die neue Frankfurter Altstadt ist mit ihrem Nebeneinander von rekonstruierten und neu interpretierten Bauten in diesem Sinne allemal als gelungen zu bezeichnen.

Präzedenzfälle

Die Potsdamer Garnisonkirche

Der Initiator Max Klaar

Wenden wir uns den von Oswalt angeführten Beispielen für seine Thesen zu, so fällt zunächst die Potsdamer Garnisonkirche auf, der der Autor sehr viel Raum widmet. Von dem im Krieg beschädigten und 1968 durch das DDR-Regime abgerissenen, stadtbildprägenden Barockbau ist mittlerweile der Turm in großen Teilen rekonstruiert. Die Debatte über eine Wiederherstellung des Kirchenschiffes wütet seit Jahren. Die preußische Militärkirche zählte zu den bedeutendsten Leistungen des protestantischen Barocks, ist aber zugleich durch den Tag von Potsdam vorbelastet, bei dem die Nationalsozialisten den Sakralbau für ihre Ideologie missbrauchten.

Minutiös stellt Oswalt die Geschichte der Bemühungen um die Rekonstruktion der Garnisonkirche dar. Am Anfang stand die Initiative von Oberstleutnant Max Klaar, der bereits vor der Wende in den 80er-Jahren mit der „Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel“ den Nachbau ebendieses vorantrieb, um schließlich nach der Wiedervereinigung Spenden für eine Rekonstruktion der gesamten Kirche zu sammeln. Oswalts Bewertung, dass die Motivlage Klaars primär in einem Traditionsverständnis zu suchen ist, das von Preußen über die Wehrmacht bis in die Bundeswehr reicht, ist aufgrund der öffentlichen Äußerungen des Offiziers nicht von der Hand zu weisen. Bezeichnend für die zunehmende Radikalisierung Klaars und seines Umfeldes ist vor allem der Umstand, dass die Bundeswehr sich im Jahre 2004 vom „Verband deutscher Soldaten“, dessen Vorsitzender Klaar zu diesem Zeitpunkt war, distanzierte und jegliche Zusammenarbeit untersagte.

Förderer und Unterstützer

Doch Oswalt liefert die Argumente, warum die Geschichte der Rekonstruktion der Potsdamer Garnisonkirche nicht auf die Person Klaars zu reduzieren sei, gleich mit. Mit entsprechender Intensität engagierten sich Bundespräsident Richard von Weizsäcker, die evangelische Kirche, die Stadt Potsdam und zahlreiche Politiker aller Parteien für das Vorhaben. Es warben der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck, Innenminister Jörg Schönbohm, Bischof Wolfgang Huber, letztlich sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als Schirmherren für den Wiederaufbau des Kirchenbaus. Die Liste der Förderer und Unterstützer des Projektes liest sich mit der britischen Königin Elisabeth II., Angela Merkel, Günther Jauch oder Wolfgang Joop wie ein Stelldichein der Prominenz aus allen Bereichen der Gesellschaft. 2008 wird die „Stiftung Garnisonkirche Potsdam“ gegründet. 2013 steigt der Bund als Förderer ein. Der Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche wird als national bedeutend deklariert. Klaar selbst stellte noch vor Realisierung der Idee sein Engagement ein, nachdem er sich nicht beim Nutzungskonzept für die wiederaufgebaute Kirche gegen die anderen Akteure durchsetzen konnte.

Es verwundert nicht, dass auch die brandenburgische AfD, namentlich in Person des damaligen stellvertretenden Vorsitzenden Andreas Kalbitz, versuchte, sich mit der Fürsprache für den Wiederaufbau der Garnisonkirche zu profilieren. Auch andere Kreise aus der rechten und rechtsextremen Szene befürworteten das Vorhaben, lässt uns Oswalt wissen. Doch im Ergebnis ist es ihnen nicht gelungen, Einfluss zu nehmen, nicht zuletzt, weil man sich bei der Stiftung entschieden von allen geschichtsrevisionistischen und reaktionären Ideen bei dem Projekt distanzierte und so eine Vereinnahmung verhinderte.

Trotz oder gerade wegen des Symbolcharakters des Kirchenbaus ergibt sich hier die einmalige Chance, Aufklärung und Versöhnung zu leisten. Entscheidend ist dabei ein umfassendes Ausstellungskonzept, das sowohl die militärische Vergangenheit Preußens als auch den „Tag von Potsdam“ kritisch einbezieht. Sogar die problematische Wiederaufbaugeschichte selbst kann dabei verarbeitet werden. Die bisher in den Turm vorgesehene Ausstellungsfläche kann hierzu nur ein Anfang sein. Eine wichtige Botschaft und Lehre könnte sein, dass die demokratischen Kräfte letztlich doch die Oberhand und Deutungshoheit über Rekonstruktionsprojekte dieser Art behalten. Als Oswalt 2016 aus Protest gegen den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche aus der evangelischen Kirche austritt, gibt er diese Sichtweise für sich persönlich auf. Dabei wird die Botschaft einer wiedererrichteten Garnisonkirche weniger von der äußeren Gestalt getragen, als vielmehr durch eine überzeugende Kontextualisierung. Der Prozess der Ideenfindung ist aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch gar nicht abgeschlossen und kann weiterhin positiv geformt werden, wenn ein Nutzungskonzept für das Kirchenschiff entwickelt werden soll.

Das Berliner Schloss

Die Symbolwirkung einer Rekonstruktion

Als Nächstes nimmt Oswalt das Berliner Schloss in den Fokus. Er bemängelt zunächst die Orientierung an einem barocken Idealbild bei der Gestaltung der wiederaufgebauten Fassaden und nennt dabei explizit das Fehlen der Renaissanceflügel des Schlosses. Damit stößt er aber letztlich ins gleiche Horn wie Rekonstruktionsbefürworter, die gerne eine vollständigere Wiederherstellung gesehen hätten. Das hätte auch die wechselvolle Baugeschichte des Schlosses besser hervortreten lassen.

Oswalt arbeitet sich auch an unzähligen rekonstruierten Details ab, die teilweise erst im Bauprozess zu den Planungen hinzugestoßen sind. Insbesondere in der Kuppelarchitektur mit Kreuz und Spruchband, die übrigens nicht zum barocken Konzept von Andreas Schlüter gehörte, sondern eine Zutat des 19. Jahrhunderts ist, sieht er einen absolutistischen Herrschaftsanspruch mit entsprechender Symbolwirkung. Wie unterschiedlich die Interpretationen hierbei sein können, offenbart die daraus resultierende Debatte. Unabhängig davon, zu welcher Deutung man neigt, muss die Frage gestellt werden, was eine Wiederrichtung im 21. Jahrhundert für Konsequenzen hat. Möchte hier jemand tatsächlich die Monarchie wiederauferstehen oder zumindest hochleben lassen? Ist damit ein gesellschaftlicher Umbruch realisierbar? Oder ist es viel banaler und hier wird lediglich der Versuch unternommen, einen zentralen Bau für die Geschichte Berlins, Preußens und Deutschlands in seiner letzten Gestalt so detailgetreu wie möglich wiederherzustellen und damit das Stadtbild in seiner historischen Dimension zu reparieren, um wieder ästhetische Architektur in den Stadtraum zu bringen? Letzteres stellt Oswalt in seinem Buch immer wieder in Abrede.

Rechte Spender

Im nächsten Schritt nimmt Oswalt die Spenderliste ins Visier, die durch den von Wilhelm von Boddien gegründeten Förderverein zum Wiederaufbau des Berliner Schlosses entstanden ist. Nicht zu Unrecht verweist Oswalt darauf, dass auch Geldgeber aus dem rechten Milieu darauf zu finden sind, merkt aber selbst an, dass diese in der Summe nicht zahlreich sind. Bei gesamtdeutschen Zustimmungswerten von rund 20 % für rechte Parteien ist es auch nicht verwunderlich, wenn sich zugleich eine konservativ-reaktionäre Klientel an historisch aufgeladenen Rekonstruktionen beteiligt. Ich würde eher stutzig werden, wenn dies nicht der Fall wäre. Festzuhalten ist jedenfalls, dass das Gros der Spender und Befürworter des Projektes dagegen aus der Mitte der Gesellschaft stammt.

Im Fall des umstrittenen Großspenders Ehrhardt Bödecker haben der Förderverein und die „Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss“ reagiert und ein unabhängiges Gutachten durch das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin in Auftrag gegeben, das seine Äußerungen einordnen sollte. Es kommt zu dem Schluss:

In den analysierten Texten Ehrhardt Bödeckers lassen sich wiederholt antisemitische Passagen identifizieren. Aus ihnen geht nicht hervor, dass Bödecker in seinen Äußerungen einen systematisierten oder aggressiven Antisemitismus vertrat, der von allen Gesprächspartnern oder Leserinnen sofort als solcher erkannt wurde, oder dass Antisemitismus für Bödecker eine bewusst handlungsleitende Funktion besaß.

Die Abnahme des Ehrenreliefs für Bödecker im Humboldt Forum war daher die einzig logische Folge. Aus dem Einzelfall einen untragbaren Skandal zu konstruieren, verbietet sich allein durch die schiere Anzahl an unbelasteten Spendern. Überhaupt ist dem Förderverein wohl kaum zuzumuten, die politische Gesinnung aller Spender im Vorfeld zu durchleuchten. Oswalt überzieht seine Kritik dann spätestens an dem Punkt, an dem er dem Vorstandvorsitzenden des Fördervereins – und zudem SPD-Mitglied (!) – Richard Schröder vorwirft, Holocaustleugnung als freie Meinungsäußerung einzustufen. Der von Schröder im Berliner Extrablatt zu der Thematik der Spender verfasste Artikel mag streckenweise angreifbar sein, aber eine solche Interpretation des Textes kann ich nicht als nachvollziehbar oder gar zwingend ausmachen.

Offene Fragen

Nun sind viele Beobachtungen Oswalts hinsichtlich der Beteiligung einiger rechter Spender nicht grundsätzlich falsch. Auch der Umgang mit der Causa Bödecker darf zurecht in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden. Doch was soll daraus folgen? Ein Einfluss auf die Gestalt des Schlosses durch rechte oder gar rechtsextreme Kreise kann an keiner Stelle nachvollzogen werden, auch wenn die Kritiker des Projektes dies bei jeder Gelegenheit wie der jüngsten Anbringung einer Wappenkartusche suggerieren. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass die Rekonstruktion in der Öffentlichkeit für ein revisionistisches Geschichtsbild oder gar für politische Zielsetzungen instrumentalisiert wird. Franco Stellas Entwurf für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses versucht auch nicht, die Zerstörung der Residenz zu kaschieren; dazu sind die Brüche in der Architektur zu markant. Bis auf die spendenfinanzierten historischen Fassaden und einen Teil des Schlüterhofs ist das Berliner Schloss ein zeitgenössisch gestalteter Neubau.

Es erscheint mir an dieser Stelle zudem angebracht, darauf hinzuweisen, dass der Beschluss zur Rekonstruktion des Berliner Schlosses im Jahre 2002 vom Bundestag höchstpersönlich getroffen wurde. Dabei ist man auch der Empfehlung eines Expertenrates gefolgt, der die Rekonstruktion von Schlüters Fassaden befürwortete. Ebenso sollte darauf verwiesen werden, dass der Neubau bewusst abseits des ursprünglichen Zwecks als Museumsbau (Humboldt Forum) konzipiert wurde, wenngleich sich die thematischen Schwerpunkte mit ihren ethnologischen Sammlungen in der Rückschau als unglückliche Wahl erwiesen haben. Die Realisierung des Vorhabens ist somit im Wesentlichen demokratischen Prozessen zu verdanken. Zum Objekt des Kulturkampfes wurde es erst durch Kritiker wie Oswalt, die in einer Rekonstruktion mehr sehen als eine Stadtreparatur.

Die neue Frankfurter Altstadt

Einen gänzlich anderen Weg beschreitet Oswalt bei seiner Kritik an der Wiederherstellung von Teilen der Frankfurter Altstadt, die zwischen 2012 und 2018 realisiert wurde. Diese von einem breiten Bündnis aus Bürgerschaft und Politik unterstützte Idee ist letztlich unter einer schwarz-grünen Stadtregierung umgesetzt worden. Da die Finanzierung nicht spendenbasiert erfolgte, wurde das Kostenrisiko letztlich von der Stadt geschultert. Dabei berücksichtigt Oswalt aber nicht die positive Langzeitwirkung des Altstadtviertels, die sich bereits jetzt zum Beispiel auf dem Sektor des Tourismus abzeichnet. Überhaupt bemängelt er den Quartiers-Charakter für die besser gestellte Bevölkerung, die zulasten des dringend benötigen sozialen Wohnungsbaus gehe.

Zudem stört Oswalt sich an der fotorealistischen Rekonstruktion von insgesamt fünfzehn Häusern. Er kritisiert die dadurch geknüpften Traditionsbezüge in die Zeit vor 1919 und betont den Ursprung der Bundesrepublik im Jahre 1949, der als Bezugspunkt unserer Geschichte zu priorisieren sei. Architektonisch würde die Altstadt alle sichtbaren Spuren des Kontinuitätsbruches tilgen wollen. Wie einseitig diese Einordnung allerdings ist, kann jeder Besucher bei einem Rundgang durch die Straßenzüge an den Fassaden ablesen. Die rekonstruierten Häuser sind eingebettet in eine Vielzahl von neu interpretierten Bauten. Vereinzelt trifft man Zwitterlösungen an, die vorhandene Reste oder Spolien historischer Bauten in einen Neubau integrieren. Dies ist im Ganzen derart harmonisch umgesetzt, dass Altes und Neues eine Einheit eingehen, ohne das andere auszuklammern.

Frankfurt - Hühnermarkt
Hühnermarkt in der in Teilen rekonstruierten Altstadt von Frankfurt am Main

Bemerkenswert ist aber immerhin, dass Oswalt sich nicht auf die Argumentationslinie seines Kollegen Stephan Trüby einlässt, der in der Vergangenheit immer wieder betonte, dass die Anregung zur Wiederherstellung des Altstadtviertels auf rechtspopulistische Kreise rund um Claus Wolfschlag, Wolfgang Hübner und die Fraktion der Bürger für Frankfurt (BFF) zurückgeht. Ganz im Gegenteil lehnt Oswalt Trübys ideologische Verortung des Projektes als überzogen ab und verweist darauf, dass es bereits seit 1945 Bemühungen zum Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt gab. Aber unabhängig davon, wie man diese Randbemerkung gewichtet, bleibt festzuhalten, dass es im höchsten Maße demokratische Kräfte und Prozesse aller politischen Couleur waren, die letztlich das Vorhaben realisierten. Ähnlich wie an der Potsdamer Garnisonkirche konnte es nicht von rechts okkupiert oder instrumentalisiert werden.

Frankfurter Paulskirche

Als Gegenentwurf stellt Oswalt den Wiederaufbau der Frankfurter Paulskirche in den Jahren 1946 bis 1948 unter der Leitung von Rudolf Schwarz vor. Dieser symbolhafte Bau der Demokratiebewegung in Deutschland ist in den vergangenen Jahren in den Fokus der Kritik quer durch alle politischen Lager geraten. Die Gestaltung des Innenraumes sei in ihrer durch Mittelknappheit und Zeitdruck entstandenen Nüchternheit eine Buß- und Reuerarchitektur und trage nicht die Aura der Nationalversammlung von 1848. Oswalt verweist dagegen auf die Programmatik des Wiederaufbaus, die Schwarz seinerzeit auch kommunizierte. Der Raum sollte mit seiner fast mönchischen Strenge einerseits die Bedeutung und Wahrhaftigkeit des gesprochenen Wortes hervorheben, andererseits die Erinnerung an den ruinösen Zustand des Baus wachhalten. Der in Licht getauchte Versammlungsraum wird als Endpunkt eines dunklen Weges zur bundesdeutschen Demokratie zelebriert.

Aus diesem Grunde kritisiert Oswalt auch die Pläne für ein Haus der Demokratie in der Nachbarschaft, denn der lebendige Ort für eine gelebte demokratische Praxis bestehe mit der Paulskirche bereits seit Jahrzehnten an dieser Stelle. Nicht zu Unrecht verweist er auch darauf, dass Denkmale aus der Zeit gefallen sein müssen, um relevant zu sein. Aber gleichzeitig verkennt Oswalt, dass die Paulskirche nicht nur ein Denkmal für den demokratischen Neubeginn ist, sondern auch aktiver Ort demokratischer Prozesse, an dem die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte in der Praxis kenntlich wird. Deutschland ist nicht mehr das Land, das die Welt mit seiner nationalsozialistischen Diktatur in den Abgrund gestoßen hat und nun reuevoll in den Reigen der demokratischen Nationen zurückkehrt. Die Bundesrepublik ist selbstbewusst zu einem Vorreiter der Demokratiebewegung in der Welt geworden. Ist es daher so unvorstellbar, dass diese neue Rolle in einer Neugestaltung der Paulskirche zum Ausdruck kommt? Und wäre es so verwerflich, wenn man sich dabei an der initial wirkenden Frankfurter Nationalversammlung von 1848 orientieren würde?

Dessauer Meisterhäuser

Konzepte der Authentizität

Zuletzt zeigt sich Oswalt doch noch offen gegenüber Rekonstruktionen, allerdings gegenüber solchen, an denen er selbst beteiligt war. Als Direktor des Bauhaus-Museums Dessau war er maßgeblich verantwortlich für den Wiederaufbau zweier im Krieg zerstörten Meisterhäuser von Walter Gropius. Man sah in dem Projekt sogar touristisches Potenzial – ein Gesichtspunkt, der von Rekonstruktionsgegnern gerne übergangen wird.

Oswalt kritisiert in diesem Kontext explizit und erneut den Wiederaufbau von verlorenen Gebäuden, der auf zwei gängigen Prinzipien der Authentizität aufbauen kann. Er nennt zum einen die visuell authentische, die auf wissenschaftlich-technische Standards der Fotoanalyse basiert. Aber auch in der von der Denkmalpflege propagierten materiellen Authentizität sieht er kein geeignetes Werkzeug für den Umgang mit unserem Bauerbe. Das hätte nämlich im konkreten Fall den Erhalt des 1956 erbauten Hauses Emmer bedeutet, das auf den Grundmauern eines der zerstörten Häuser errichtet wurde.

Die dritte Position

Rekonstruktion sollte nach Ansicht von Oswalt eine kritische Reflexion beinhalten. Entsprechend ging er einen neuen Weg für die Wiederherstellung in Dessau. Das verkopfte Konstrukt, das er dabei aufbaut, liest sich so:

Bei diesem bezieht sich die Authentizität nicht mehr ausschließlich auf eine historische Gegebenheit (ob nun Bild oder Material), welche in die Gegenwart unverfälscht und unverändert zu überführen ist, sondern die Authentizität leitet sich aus der Gegenwart und ihrem Geschichtsverständnis ab. Als authentisch gilt nun, wenn die Gestalt schlüssig aus einer heutigen Position entwickelt und der Entwurf kohärent und in sich stimmig ist, weil er einer inneren Logik folgt, auf der sich seine Integrität begründet.

Seite 187

Und weiter heißt es übertragen auf die Autorschaft der Architektur:

Die dritte Position sieht die Autorschaft beim heutigen Architekten, der sich auf historische Sachverhalte bezieht, aber als Rückerinnerung aus der Gegenwart. Das Historische wird hier nicht als vermeintlich objektive Tatsache verstanden, sondern als eine subjektive Konstruktion, in der das Historische eben nicht abgeschlossen ist, sondern sich erst in der Gegenwart ausformt.

Seite 188

Was dies nun in der Praxis der Rekonstruktion bedeutet, erklärt Oswalt ebenfalls. Bei der Auswertung des Archivmaterials bleiben die Unklarheit, Widersprüche und Unschärfen nicht verschleiert, sondern werden zum gestalterischen Thema. Die Differenzen zum Vorgängerbau würden dabei sichtbar gemacht und die zwischenzeitliche Zerstörung des Gebäudes vergegenwärtigt. Entsprechend ist das Innere – wie aber auch bei vielen anderen Rekonstruktionen seit den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges bis heute – den Gestaltungsprinzipien oder Neuinterpretationen der Gegenwart unterlegen. Schwer nachvollziehbar bleibt dabei, inwiefern diese Ideen ganz konkret auch auf die Ausprägung des Äußeren der Dessauer Meisterhäuser Einfluss hatte. Das muss sich der Leser leider an anderer Stelle erarbeiten.

Oswalt bleibt hier zudem die Antwort darauf schuldig, warum dieses Konzept der Authentizität nicht zumindest in Teilen auch auf andere Rekonstruktionen wie die neue Altstadt in Frankfurt am Main zutrifft. Ist nicht die dortige Einbindung von Spolien in Neubauten oder die Vermischung von Rekonstruktionen mit frei interpretierten Baukörpern zu einem städtebaulich prägenden Ensemble eine kritische Rekonstruktion? Und verbindet sie nicht viele gewollte Vorzüge wie Stadtreparatur, Tourismusförderung und Aufenthaltsqualität? Und zeigen sich nicht auch an einem Zwitterbau wie dem Berliner Schloss aus historischen Fassaden und zeitgenössischen Elementen – unabhängig von der ästhetischen Wirkung – die Brüche in der Geschichte überdeutlich? Sind das nicht nur verschiedene Interpretationen derselben Idee, Historisches mit der Gegenwart in Bezug zu setzen? Die Trennschärfe von Oswalts Unterscheidungen erscheint hier zuweilen gering; seine Argumentation wirkt daher nicht immer überzeugend.

Schlussbetrachtung

Oswalt positioniert sich überdeutlich als Gegner originalgetreuer Rekonstruktionen. Doch anstatt sich an ästhetischen oder städtebaulichen Gesichtspunkten in seiner Argumentation zu orientieren, unternimmt er den Versuch, die Bauten durch das Aufspüren einzelner umstrittener Freunde und Förderer der Wiederaufbauvorhaben zu diskreditieren. Damit zieht er Rekonstruktionen auf eine politische Ebene, die von den Organisatoren und Initiatoren der Projekte in der Regel nicht intendiert ist. Nicht auf Geschichte und Nation berufen sie sich, sondern auf Ästhetik und Lebensqualität, auf das Schließen städtebaulicher Wunden. Muss daher nicht sogar der Ansatz, ein menschenwürdiges organisches Stadtumfeld zu schaffen, gegenüber dem Festhalten an Beton- und Glasarchitektur, die die Nachkriegsmoderne seit Jahrzehnten prägt, als der progressivere Weg angesehen werden?

Aus einer Reihe richtiger und wichtiger Beobachtungen zieht der Autor vielfach überzogene und fragwürdige Schlüsse. Er begeht dabei den Fehler, Korrelation als Kausalität auszugeben. Weil auch rechte Gruppierungen Rekonstruktionen wohlwollend gegenüberstehen, unterstellt er derartigen Projekten einen erinnerungspolitischen Revisionismus sowie „Narrative und eine Identitätskonstruktion […], die auf essenzialistischen Ideen von Herkunft und Ursprung basieren„. Ich kenne allerdings keinen entsprechenden Bau, der in der Öffentlichkeit in dieser Weise instrumentalisiert worden wäre. Nicht der Hildesheimer Marktplatz, nicht die Frankfurter Altstadt, nicht das Potsdamer Schloss! Selbst das Berliner Schloss kann nicht wirklich als überzeugendes Beispiel herhalten. Und an der Dresdner Frauenkirche, die bisher als unbelastete Rekonstruktion gilt, setzte man sogar ein Zeichen gegen die Pegida-Aufmärsche. Vielmehr sind dies alles Konzepte, die von der Bürgerschaft getragen oder von demokratischen Entscheidungsprozessen begleitet worden sind. Das bedeutet nicht, dass sie grundsätzlich nicht kritikwürdig sind. Das sollte aber auf einer anderen Metaebene stattfinden, die nicht mit fadenscheinigen Theorien aufwartet und den Menschen ihre tatsächliche Motivation am ästhetischen Bauen und an lebenswerten Stadtbildern abspricht.

Zuletzt gibt sich Oswalt aber auch versöhnlich, wenn er die publizierten Interpretationen seines Kollegen Stephan Trüby und einiger seiner Co-Autoren in Teilen kritisiert. Bereits die dabei angewandte Begrifflichkeit als „Rechte Räume“ stößt bei Oswalt auf Ablehnung, weil sie die Grenzen zwischen legitimen konservativen und rechtsradikalen Positionen verwischt. Rückbezüge auf historische Traditionen sowie ihr Gegenstück der Traditionsbrüche betrachtet er weder per se als reaktionär noch progressiv. Gleichzeitig betont er berechtigterweise, dass Gebäude eine symbolische Wirkung innehaben können, die Botschaften in die Öffentlichkeit transportieren. Ist es dann aber nicht auch legitim, originalgetreue Rekonstruktionen allein durch ihre neue Funktion zu kontextualisieren und ihnen damit einen modifizierten Aussagegehalt zukommen zu lassen? Auf diese Weise kann auch eine Potsdamer Garnisonkirche zum Ort der Versöhnung und der Friedensbotschaft werden – ganz unabhängig von ihrer barocken Gestalt. Und das ist es doch, was für die meisten von uns zählt, nicht die einengende Fokussierung auf dunkle Flecken in ihrer Geschichte.

2 Kommentare zu “Architektur als Identitätspolitik – eine Kritik an Philipp Oswalts Thesen

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Kaufmann,

    vielen Dank für Ihren betont sachlichen Beitrag!
    Da ich als Gründungs- und Vorstandsmitglied der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e. V. wiederholt in denunziatorischer Weise von Prof. Oswalt angegriffen wurde, möchte ich mich mit folgender Wortmeldung auf das Thema Garnisonkirche beschränken, obwohl es zu den übrigen Themen ebenfalls viel zu sagen gäbe.
    Der Ort der Potsdamer Garnisonkirche ist umstritten, darüber besteht Einigkeit. Aber gerade deswegen muss er als „Pfahl im Fleische“ originalgetreu wiedererstehen. Allein die Wiedererkennbarkeit ist ein Garant für die Aufmerksamkeit, wie man allein schon aus den Einlassungen Oswalts schließen kann. Ein Neubau in moderner Form würde diese Anziehungskraft niemals erreichen können. Nebenher ist schon der noch unvollendete Turm ein großer Gewinn für das Stadtbild der barocken Innenstadt Potsdam.
    Die demnächst zu eröffnende Ausstellung wird alle Aspekte der problematischen Geschichte dieses Ortes (und ganz Deutschlands!) berücksichtigen – nicht nur die positiven, die wiederum Oswalt in seinen angriffslustigen Texten stets außer Acht lässt oder relativiert.
    Nicht der vielgeschmähte Max Klaar, der mit seinen Projektideen auf ganzer Linie gescheitert ist, sondern die 2004 in Potsdam gegründete Fördergesellschaft und die aus ihr hervorgegangene kirchliche Stiftung haben das Projekt initiiert. Der sofortige Beitritt in die internationale Nagelkreuzgemeinschaft entlarvt die krude, völlig aus der Luft gegriffene Erzählung Oswalts, hier seien „rechte Kräfte“ am Wirken! Kein Cent des von Klaar gesammelten Geldes ist hier eingeflossen! Vielmehr sind andere Wiederaufbauprojekte damit unterstützt worden (über diese spricht eigenartigerweise niemand). Obwohl Oswalt geradezu beschwört, „alte und neue Rechte“ würden das Projekt okkupieren, war am Ostermontag zur Widmung der Nagelkreuzkapelle im wiedererstanden Turm kein einziger von ihnen zu sehen, weder außerhalb noch innerhalb des Gotteshauses. Dagegen fanden sich ca. 150 aufgehetzte Linksautonome ein und skandierten etwas von „Nazikirche“.
    Im Übrigen geht das Wiederaufbauprojekt auf demokratische Beschlüsse der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung zurück, die jeder im Internet nachlesen kann. Ebenso der (immer noch gültige) B-Plan! Die Bürger wurden in zahlreichen Formaten am Zustandekommen dieser Entscheidungen beteiligt, die bereits gefallen sind, als es weder eine Fördergesellschaft noch eine kirchliche Stiftung gab.
    Die Entscheidung des Bundes, dieses Projekt zur Heilung der Stadt und als wichtigen Lernort der deutschen Geschichte (diesen Begriff hat die Stiftung bereits lange verwendet, bevor sich Oswalt seiner bemächtigte) finanziell zu unterstützen, geht ebenfalls auf demokratische Beschlüsse der Bundestagsabgeordneten zurück. Zu Unrecht erworbenes Parteivermögen der SED wurde dafür verwendet. Das von dieser Partei 1968 veranlasste ideologieverblendete Auslöschen der Geschichte an diesem Ort ist untauglich. Die historische Gebäudeform gibt dem Stadtbild nicht nur ihr charakteristisches Gesicht wieder, sondern bewirkt, dass dieser Erinnerungs- und Lernort überhaupt wahrgenommen wird. Neben Bundesmitteln sind Millionenbeträge von privaten Spendern eingeflossen, was gern verschwiegen wird. Wer wie Oswalt behauptet, politisch rechten Kräfte seien die Initiatoren dieses Projektes, verbreitet nicht nur Lügen und desavouiert die Handelnden, sondern verhält sich demokratiefeindlich und gesellschaftsspalterisch!

    1. Vielen Dank für Ihr Statement, werter Herr Kitschke. Es ist nicht mein Anliegen, mich in diesen Disput hineinziehen zu lassen, der ganz offensichtlich bereits länger eine persönliche Ebene erreicht hat. Das entnehme ich nicht nur Ihren Worten, sondern erlebe es leider täglich auf diversen Plattformen und in verschiedenen Medien, wie scharf dort ad hominem geschossen wird und Feindbilder aufgebaut werden. Ich verstehe aber auch Ihren Frust, wenn Sie mit Widerständen zu kämpfen haben, die sich nicht immer auf eine klar definierte Faktenlage zurückführen lassen. Ich bin dennoch der Überzeugung, dass man wieder zu sachbezogenen Debatte zurückkehren muss, um nicht dauerhaft unversöhnliche Fronten aufzubauen. Es war für mich daher ein wichtiges Anliegen, die Thesen des Kollegen Oswalt nicht voreingenommen abzulehnen, sondern zu schauen, wo sich vernünftige Ansätze finden und wo er ganz offensichtlich über das Ziel hinaus geschossen ist.

      Bedanken möchte ich bei Ihnen für den sicher wichtigen und richtigen Hinweis, dass die Potsdamer Garnisonkirche bisher gerade eben nicht zum Aufmarschort rechter Demokratiefeinde und kaiserlicher Nostalgiker geworden ist. Vielmehr ist dort immer wieder von Aktionen linker Aktivsten zu lesen, die in ihren Methoden nicht gerade zimperlich sind. Und das Vertrauen in Sie als Förderverein und in alle anderen Verantwortlichen, dass die Kirche ein Ort gelebter Demokratie und ein Symbol der Versöhnung wird, das scheinen die zum Teil hochkarätigen politischen Entscheidungsträger und Befürworter des Projektes ganz offensichtlich zu haben. Und ich denke, dafür werden Sie Sorge tragen. Nur darauf sollte es letztlich ankommen. Wir müssen daher fragen, inwiefern auch eine rekonstruierte Kirche Positives für die heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen bewirken kann. Viel Erfolg dabei!

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