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Frankfurts neue Altstadt – Eindrücke und Tagungsbericht

Posted on (Update 28. Oktober 2018)
Frankfurt - Altstadt
Die neue Frankfurter Altstadt im Wiederaufbau

Frankfurt am Main – Stadt der Gegensätze

Als ich am letzten Wochenende mit der zunächst oberirdisch verlaufenden U2 von meiner Unterkunft auf dem beschaulichen Lande Richtung Frankfurter Innenstadt fuhr, beschlich mich angesichts des Anblicks der Frankfurter Skyline ein eigentümliches Gefühl. Mitten zwischen Kornfeldern weit außerhalb urbaner Zentren wirkte dieser Anblick auf mich befremdlich, wie eine Filmkulisse aus „Flucht ins 23. Jahrhundert„. Einheimische mögen sich längst daran gewöhnt haben, für mich war es Faszination und Abstoßung zugleich. Ein Reflex folgte: Hier draußen in der Frankfurter Peripherie möchtest du nicht leben, mit dieser unheilvollen Silhouette stets im Blickfeld. Merkwürdig: Von der Hektik der Autobahn aus betrachtet hatte diese Kulisse keinen so abweisenden Charakter auf mich, ebenso wenig in der Stadt selbst.

Das sollte also die Stadt sein, die mit der Wiederauferstehung eines Teils ihrer Altstadt Geschichte schreibt? Ich hatte um Frankfurt die letzten Jahrzehnte einen sehr großen Bogen gemacht. Für einen Kunsthistoriker mit Forschungsschwerpunkt in mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Architektur gab es hier auch sehr wenig Reize. Als ich vor über 20 Jahren zuletzt in Frankfurts „Altstadt“ weilte und vom Dom zum Römer zu gelangen versuchte, stand noch das Technische Rathaus aus den 70er Jahren: ein monumentaler Verwaltungsbau, der von Waschbeton dominiert wurde. Die Altstadt entfaltete damals den Charme einer Geisterstadt, aus der die Menschen so schnell wie möglich entfliehen wollten, sobald sie die nötigen Besorgungen oder Tätigkeiten erledigt haben.

Die Altstadt: Altes neu oder Neues alt?

Jetzt war ich auf dem Weg zur Tagung „Altstadt 2.0“ im Historischen Museum Frankfurt. Sie wurde organisiert vom Verein Pro Altstadt e. V., einer Bürgerinitiative, der es in den letzten Jahren gelungen ist, Investoren und Politiker davon zu überzeugen, nach dem Abriss der Technischen Rathauses die kleinteilige Bebauung der historischen Altstadt mit einem hohen Anteil an originalgetreuen Rekonstruktionen wieder auferstehen zu lassen. Was hatte es in den letzten Jahren von Seiten der modernistisch bauenden Architektenschaft oder von Architekturtheoretikern (allen voran Stephan Trüby oder jüngst Philipp Oswalt) nicht an scharfer Kritik an dem Vorhaben gegeben! Jetzt konnte ich die Argumente endlich mit dem realen Zustand abgleichen, nachdem ich Trübys zweifelhaften Thesen bereits vor einigen Wochen entgegen getreten bin.

Frankfurt - Hühnermarkt
Hühnermarkt mit Stoltze-Brunnen

Kulturtourismus und Wohnungsbau

Zunächst muss ich überrascht feststellen, wie quirlig und lebendig die Gassen der neuen Altstadt bereits sind, obwohl die meisten Geschäfte und Gastronomiebetriebe ihre Immobilien noch gar nicht bezogen haben. Die offizielle Einweihung findet übrigens in einem großen Festakt Ende September statt. Überall tobt das pure Leben – die Leute flanieren, fotografieren, unterhalten sich, essen, trinken und sie staunen. Kein Vergleich zu der Geisterstadt meines letzten Besuchs. Allein aus kulturtouristischer Sicht haben sich die Investitionen der Stadt offensichtlich bezahlt gemacht und dürften nachhaltig wirken. Die Kritik, bei der Förderung des Projekts Steuergeld versenkt zu haben, ist daher vollkommen aus der Luft gegriffen. Auch die pauschale Aussage, man solle lieber den sozialen Wohnungsbau fördern, greift zu kurz. Die Altstadtquartiere sind nun alles andere als der richtige Ort dafür. Ganz im Gegenteil: Sollte Frankfurt den Tourismus in der Stadt auf diese Weise nachhaltig beflügelt haben, könnten die Einnahmen gerade in den dringend benötigten Wohnungsbau fließen.

Kulissenarchitektur oder lebendige Vielfalt?

Und was ist mit dem Totschlagargument der Kritiker, Rekonstruktion sei die Erschaffung von Disneyland? Nun, eine gewisse Gefahr der Errichtung von Kulissenarchitektur ist solchen Projekten sicher nicht abzusprechen. Gerade hier gilt es durch kluge Konzepte entgegen zu wirken. Auch wenn ich gerne noch mehr Rekonstruktionen in diesem Frankfurter Quartier gesehen hätte (von den 35 neuen Häusern sind 15 Rekonstruktionen), so muss ich zugeben, dass der eine oder andere behutsam eingefügte Neubau eine lebendige Mischung entstehen ließ, die eben nicht den Eindruck von schnöden Kulissen hinterlässt. Dieser Vorwurf verbietet sich allein dadurch, dass die Bauten anhand der überlieferten Dokumentationen bis in die Struktur und die handwerkliche Ausführung hinein dem Original aufwändig angeglichen wurden. Und natürlich trägt zum Gesamteindruck ein ausgewogenes und auf Vielfältigkeit ausgelegtes Nutzungskonzept bei. Davon wird entscheidend abhängen, wie sich das Viertel weiterentwickelt.

Frankfurt - Goldene Waage
Goldene Waage

Auch wirkt die eine oder andere neue Holzbalustrade naturgemäß wie aus dem Ei gepellt, aber das wird sich mit der Zeit legen. Hühnermarkt und Goldene Waage vermitteln anschaulich eine Vorstellung des alten Frankfurt und des Krönungsweges der deutschen Kaiser zwischen Dom und Römer, während das „moderne“ Stadthaus mit seinen Giebeln und Sandsteinquadern einen akzeptablen, weil behutsamen Kontrast dazu bildet. Auch überzeugt die Funktion letztgenannten Gebäudes als Herberge des Archäologischen Gartens, der frei zugänglich ist und des Nachts einfach durch Fallgitter geschlossen werden kann. Zu sehen sind Fundamente und Mauerreste der Pfalzen aus karolingischer und staufischer Zeit. Andere Neubauten sind dagegen weniger gelungen und man wünscht sich, dass hier mit der Zeit korrigierend eingegriffen wird.

Das Gesamtkonzept ist jedoch stimmig und funktioniert. Es ist eben nicht Ergebnis von Partikularinteressen aus Politik, Wirtschaft oder der Elite aus der Architektenschaft. Die Idee wurde getragen von einer starken Bürgerschaft, die sich für Frankfurts Altstadt die Vitalität und Urbanität wünschte, die ein historisches Umfeld zu leisten im Stande ist.

Frankfurt - Rotes Haus
Rotes Haus am Hühnermarkt mit Turmspitze des Domes im Hintergrund

Tagung: Altstadt 2.0

Aber zurück zum meinem eigentlichen Grund für den Besuch in Frankfurt: der von Pro Altstadt e. V. organisierten Tagung Altstadt 2.0 mit dem etwas pathetischen Untertitel „Städte brauchen Schönheit & Seele“ am 8. und 9. September. Sie fand im Historischen Museum Frankfurt statt und bot einen höchst interessanten Einblick in die vielfältigen Aktivitäten zahlreicher Rekonstruktionsinitiativen in Deutschland. Vorgestellt wurden neben dem Frankfurter Aufbauprojekt weitere Vorhaben, Planungen und Ergebnisse aus Dresden, Potsdam, Berlin, Nürnberg und Wesel. Daneben stellte sich der auf dem gesamten Bundesgebiet agierende Verein Stadtbild Deutschland e. V. vor. Wer auf der Veranstaltung allerdings Rekonstruktionsgegner und damit eine kontroverse Diskussion erwartet hatte, wurde enttäuscht. Nun gut, dafür war dann der Anlass der Tagung vielleicht auch nicht geeignet. Immerhin hatte man mit dem Architekten Stefan Forster einen Vertreter modernistischer Architektur eingeladen, der aber dankend abgelehnt hatte – verständlich. So geriet die abschließende Podiumsdiskussion zu einer einseitigen Angelegenheit.

Herausgreifen möchte ich den Vortrag des Politikwissenschaftlers Dr. Philipp Maaß mit dem etwas sperrigen Titel „Nachhaltigkeit, die wir meinen, oder was ist modernes Bauen?“ Zum Hintergrund: Maaß veröffentlichte vor wenigen Jahren eine Dissertation zum Thema „Die moderne Rekonstruktion: Eine Emanzipation der Bürgerschaft in Architektur und Städtebau“. In seinem Vortrag plädierte er dafür, den Begriff der modernen Architektur durch abstrakte Architektur zu ersetzen. Nicht ganz zu Unrecht stellte er die Frage, ob modernes Bauen denn nicht jegliches zeitgenössisches Bauen sei. Kann es nicht auch modern sein, sich wie in Frankfurt bewusst für Rekonstruktionen zu entscheiden? Ist es etwa nicht modern, Nachhaltigkeit als Leitgedanken für zeitgenössische Architektur zu implementieren? Entsprechend des fehlenden Nachhaltigkeitsgedankens bezeichnete Maaß abstrakte Architektur als Wegwerfarchitektur und ermutigte die Rekonstruktionsbefürworter, offensiver für ihre Ziele einzutreten.

Stargast der Veranstaltung war dagegen unzweifelhaft der Architekt Léon Krier, der eigens aus Mallorca eingeflogen kam. Der gebürtige Luxemburger ist einer der bekanntesten Anhänger einer klassischen Bautradition und setzte viele Jahre Projekte für Prinz Charles um. So war es auch nicht überraschend, dass er in seinem Vortrag mit dem provokanten Titel „Die Rolle der Heuchelei im Alltag und in der Kunst“ ein Plädoyer für das traditionelle Bauen hielt. Seine Einlassungen stellten zugleich eine Abrechnung mit der abstrakten Architektur und ihren Theoretikern, allen voran Trüby, dar. Mehr noch: Er bezeichnete die Modernisten immer wieder wörtlich als Verbrecher und Dummköpfe. Und das Publikum dankte es ihm mit Applaus und Gelächter, wenn der charismatische Krier seine Ausführungen mit dem ihm eigenen Humor würzte. Ob dies zur Versachlichung der Debatte beiträgt, bezweifle ich sehr. Auftritte dieser Art können der Sache mehr schaden als nützen.

Fazit und Erkenntnisgewinn

Das doch recht einvernehmliche Fazit der Tagung war, dass man allerorts gegen Widerstand von Politik, Hochschulen und weitestgehend auch vom Denkmalschutz zu kämpfen hat. Dagegen hilft nur Hartnäckigkeit, Aufklärung und immer wieder gute Argumente wie sie letztlich auch in Frankfurt gefruchtet haben. Vor allem die Visualisierung der Projekte hat sich vielfach als der entscheidende Schlüssel zum Erfolg erwiesen. Argumente sind wichtig, doch mit den Möglichkeiten der heutige 3D-Darstellung kann man Begeisterung auslösen und damit die Unterstützung in breiten Teilen der Bevölkerung auslösen. Vor diesem Hintergrund verwundert auch nicht, dass fast alle größeren Rekonstruktionsprojekte in Deutschland durch Bürgerbewegungen angestoßen und getragen wurden und werden.

Was nehme ich selber aus Frankfurt mit? Zunächst ist da Verwunderung über die Tatsache, dass die Vertreter der Stadt der Veranstaltung trotz Einladung fernblieben. Offensichtlich schmückt man sich gerne mit dem Erfolg des Projektes, zu sehr identifizieren möchte man sich damit dann aber doch nicht, um nicht Begehrlichkeiten nach weiteren Quartieren dieser Art zu wecken. Der Weg zu weiteren Erfolgen wird für die Rekonstruktionsbefürworter also steinig werden.

Ein weiterer Punkt stimmte mich nachdenklich: Unabhängig voneinander berichteten viele Eingeweihte sowohl im persönlichen Gespräch, im Vortrag oder aus dem Publikum heraus von demselben Phänomen: An den Hochschulen wird traditionelles Bauen in den Architekturstudiengängen bewusst nicht gelehrt. Architekturgeschichte wird meist nur noch in einem einzigen Semester abgehandelt. Studenten, Dozenten und Architekten, die sich klassischen Bauformen zuwenden, berichteten eindringlich davon, wie sie von ihren Kollegen gemieden und ausgegrenzt würden. Ein Student, der sich nicht der abstrakten Architektur verschrieben hätte, würde enorme Hindernisse zu überwinden haben, um sein Studium erfolgreich abschließen zu können. Die Fülle und die unterschiedlichen Richtungen, aus denen diese Berichte vorgetragen wurden, lässt mich zu dem Schluss gelangen, dass es sich hierbei um mehr als um vereinzelte Negativerfahrungen handelt. Es wirkt beinahe so, als würde eine bewusste Strategie verfolgt werden, als sollten alternative Ideen zur Moderne bereits im Keim erstickt werden. Ist eine solch starre ideologische Ausrichtung an unseren Hochschulen tatsächlich vorhanden?

Frankfurt am Main - Luftbild der Altstadt 1942
Frankfurt am Main – Luftbildaufnahme der Altstadt 1942

Die Presse zur Tagung

Und zuletzt ist da noch der in der taz erschienene Bericht über die Frankfurter Tagung. Als gelegentlicher Leser dieses Blattes hat mich der unsachliche und überaus polemische Stil etwas sprachlos gemacht:

Rechtes Denken und Architektur – Alle an ihren Platz – Besorgte und betuchte Bürger haben ein neues Hobby: Bauen. Auf der Frankfurter Tagung „Altstadt 2.0“ bejubelten sie sich.

Bereits Titel und Untertitel lassen mich daran zweifeln, dass der Autor Adrian Schulz ernsthaft an einem objektiven Tagungsbericht interessiert war. Ob dies seinem jugendlichen Alter von 22 Jahren geschuldet ist?

Mit dem jugendlichen Alter sprechen wir auch schon eine seiner zahllosen fragwürdigen Aussagen über die Tagung an:

Das Publikum johlt. Es besteht überwiegend aus älteren Männern mit buntkarierten Kurzarmhemden, welche den Eindruck erwecken, als sollten sie ihre Träger selber zum Fachwerkbau hochrenovieren. Ein Mario-Barth-Nachmittag für die etwas Gebildeteren: Man ist sich einig.

Ich weiß zwar nicht, wo Herr Schulz am Wochenende gewesen ist, aber es war einer der bemerkenswerten Erkenntnisse der Tagung, dass die Initiativen auch von einer sehr großen Anzahl junger Menschen getragen werden. Und die waren in Frankfurt auch nicht zu übersehen.

Um nur noch eine weitere Zeile dieses Pamphlets herauszugreifen:

Die Rechten und Rechtsextremen haben ihre neue Kampfzone gefunden: die Städte und ihre „Traditionen“.

Es mag zwar naheliegend erscheinen, dass sich rechte Kreise mit dem Thema Rekonstruktion identifizieren können, den Umkehrschluss zu ziehen und der Veranstaltung in Frankfurt einen rechten, ja rechtsextremen Hintergrund anzudichten, ist eine Beleidigung an jeden Anwesenden. Ich glaube, dass ich mir einen feinen Seismographen für rechte Tendenzen in meinem Umfeld angeeignet habe. In Frankfurt habe ich nicht viel von diesen gesehen oder gehört. Herr Schulz, mit Ihrem Artikel haben Sie einen gewaltigen Bock geschossen. Sie werfen Konservative und Rechte in einen Topf, aber vielleicht werden Sie da noch zu differenzieren lernen.

Update (28.10.18): Pro Altstadt ließ über die Tagung einen Image-Film drehen, der die Kernbotschaften gut transportiert.

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