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Der Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam

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Potsdams historische Mitte

Potsdam ist als Residenz der preußischen Könige nicht nur einer der bedeutendsten Orte deutscher Geschichte, sondern mit seinen Schlössern und Gärten UNESCO-Weltkulturerbe. Dabei war das eigentliche Zentrum Potsdams, der Alte Markt, im letzten Krieg und vor allem durch die ideologisch bedingten Abrisse des DDR-Regimes zu großen Teilen ausradiert. Eine riesige Brachfläche, auf die sich kaum ein Mensch verirrte, klaffte wie eine Wunde im Stadtbild. Nach der Wende besann mach sich in Potsdam aber seiner preußischen Geschichte und startete ein ambitioniertes Stadtbauprojekt. Am Alten Markt wurden Leitbauten des Barock rekonstruiert: das von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff erbaute Stadtschloss – heute ist hier der Landtag untergebracht – und das Palais Barberini, das als Museum genutzt wird. Weitere historische Bauten sollen die Platzanlage und das Umfeld komplettieren.

Unweit des Alten Marktes stand auch die 1732 geweihte Garnisonkirche, eine der architektonisch und historisch bedeutendsten barocken Sakralbauten Deutschlands. Die Ruine der durch Kriegseinwirkung ausgebrannte Kirche wurde erst 1968 abgerissen, obwohl ein Wiederaufbau möglich und auch geplant war. Nach der Wende nahm man sich des Themas erneut an. Die Rekonstruktion beginnt nun offiziell am 29. Oktober 2017. Finanzielle Unterstützung erhält das Projekt vom Bund, der evangelischen Kirche und Günther Jauch, der Potsdam zu seiner Wahlheimat gemacht hat. Zunächst soll der stadtbildprägende, fast 90 Meter hohe Turm als Wahrzeichen Potsdams errichtet werden. Die Planungen für die Rekonstruktion des Kirchenschiffes haben noch nicht begonnen. Dafür müsste auch das an dieser Stelle in den 70er Jahren errichtete und lange leer stehende Rechenzentrum weichen. Zur Zeit ist dort ein Künstlerzentrum beheimatet. Eine Webcam dokumentiert auf der Website der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche und der Stiftung Garnisonkirche Potsdam live den Baufortschritt auf dem Areal.

Garnisonkirche Potsdam
Carl Hasenpflug, Die Garnisonkirche zu Potsdam, 1827

Kritik am Wiederaufbau der Garnisonkirche

Der Kirchenbau ist 2013 vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien als national bedeutendes Kulturdenkmal eingestuft worden. Eine wieder errichtete Garnisonkirche wäre ein weiterer Schritt zur Auferstehung der historisch-barocken Mitte Potsdams, wenn man es so pathetisch ausdrücken möchte. Ohne diesen Leitbau ist dieses Vorhaben nicht zu realisieren. Und trotzdem gibt es heftige Kritik an den Wiederaufbauplänen. Es ist vor allem die Initiative Potsdams Mitte neu denken um den Kunsthistoriker André Tomczak, die das sozialistische Stadtbild der DDR-Zeit erhalten möchte. Man fürchtet eine Gentrifizierung der Potsdamer Stadtmitte.

Die Organisation Christen brauchen keine Garnisonkirche spricht dem Sakralbau eine fragwürdige Symbolwirkung zu. Man verweist auf die Funktion der Kirche als Militärkirche unter den preußischen Königen. Zudem wäre die Kirche für nationalsozialistische Propaganda missbraucht worden, insbesondere durch den am 21. März 1933 („Tag von Potsdam“) erfolgten Festakt zur konstituierenden Sitzung des Reichstages, bei dem sich Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg die Hand gaben. Die durch das Bündnis von Thron und Altar bestimmte Geschichte der Kirche hat der Journalist Matthias Grünzig in seinem Buch Für Deutschtum und Vaterland: Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert skizziert.

Kompromiss in Sicht?

Wie kann es gelingen, diese gegensätzlichen Standpunkte zu einem Kompromiss zu vereinigen? Zum einen ist festzuhalten, dass man um die Wiedererrichtung der Garnisonkirche nicht herum kommt, wenn man den ernsthaften Versuch unternimmt, Potsdams barocke Stadtmitte wieder auferstehen zu lassen. Wer jemals durch die trostlosen Plattenbauten des sozialistischen Wohnungsbaus flaniert ist, kann auch nicht seriös abstreiten, dass die Rekonstruktionen der Stadt Attraktivität und somit auch wirtschaftliche Impulse geben würden. Dass das Konzept einer wiedergewonnenen Stadtmitte aufgeht, zeigen die bisherigen Bemühungen Potsdams um sein barockes Erbe und auch Erfahrungen anderer Städte wie Dresden und vielleicht demnächst auch in Frankfurt am Main, wo derzeit große Teile der im Krieg zerstörten Altstadt rekonstruiert werden. Die Menschen sehnen sich nach Identität und historisches Flair und können auf diese Weise den vielerorts aussterbenden Stadtzentren neues Leben einhauchen.

Auf der anderen Seite müssen derartige Vorhaben stets mit langfristigen Nutzungskonzepten verbunden werden, um die Architektur nicht zu einem „Disneyland“ verkommen zu lassen, wie es die Gegner jeglicher Rekonstruktion gerne bezeichnen. Eine vitale und ausgewogene Mischung aus Wohnen, Kultur und Kommerz könnte der befürchteten Gentrifizierung entgegen wirken. In Bezug auf die Garnisonkirche wäre angesichts des sensiblen Ortes eine Nutzung als Erinnerungs- und Geschichtszentrum Potsdams vielleicht der ersehnte Kompromiss. Die Anziehungskraft dieses stadtbildprägenden Baus könnte genutzt werden, um zugleich seine kontroverse Geschichte zu vermitteln. Wenn das keine Win-win-Situation wäre! Dafür müssen sich nur alle Parteien an einen Tisch setzen.

Das DDR-Regime sprengte die Garnisonkirche 1968 unter dem Vorwand, der Kirchenbau wäre ein Symbol des deutschen Militarismus. Man sollte diesen Fehler jetzt nicht ein zweites Mal begehen und keine ideologische Scheinargumente in die Debatte einführen. Die Stadt Potsdam ist ein Symbol für den eingeschlagenen Weg zu einer gelungenen Stadtrekonstruktion. Ihre barocke Architektur ist identitätsstiftend und sollte durch seine ästhetische Wirkung und nicht allein durch historische Ereignisse beurteilt werden. Es ist möglich, die Architektur mit einer Rekonstruktion zu würdigen und zugleich die Erinnerung an den Missbrauch des Ortes zu bewahren. Eine leere oder durch Neubauten entstellte Fläche kann dagegen beiden Anliegen nicht gerecht werden.

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