Home / Alle Artikel / Der Friedhof Ohlsdorf in Hamburg

Der Friedhof Ohlsdorf in Hamburg

Posted on
Friedhof Ohlsdorf - Anonymer Urnenhain und Mausoleum Riedemann
Anonymer Urnenhain und Mausoleum Riedemann im Nordwesten des Ohlsdorfer Friedhofsareals

Sepulkral­kultur in Hamburg

Friedhöfe können weit mehr sein als ein stiller Schauplatz des Abschieds. Wer hier unterwegs ist, betritt einen Bereich, in dem sich Fragen nach Vergänglichkeit und Erinnerung ganz konkret in vielfacher Weise manifestieren können: Wege, Bäume, Steine, Inschriften und allen voran die Grabstätten selbst – manchmal ganze Mausoleen. Genau an diesem Punkt beginnt Sepulkralkultur: das Zusammenspiel aus Ritualen, Symbolen, Sprache und Architektur, mit dem Menschen seit Jahrhunderten dem Sterben einen Platz im Leben geben – sichtbar, begehbar und oft überraschend vielstimmig. Der Tod wird auf dem Friedhof zu einem anschaulichen Kulturthema.

Der Friedhof im Hamburger Stadtteil Ohlsdorf – mit 389 Hektar der größte Parkfriedhof der Welt – ist so ein besonderer Ort, an dem das menschliche Schicksal mit kulturellem Schaffen zusammenkommt, Kultur und Kunst ihre leise, dauerhafte Form finden. Auf dem weitläufigen Areal ist diese Kultur auf besondere Weise erfahrbar, weil der Friedhof selbst wie ein offenes Buch aus Kleinarchitektur, Bildhauerei und Gartenkunst wirkt. Grabmäler, Kapellen, Skulpturen und sorgfältig komponierte Naturflächen erzählen Geschichten – von einzelnen Biografien ebenso wie von Epochen, ästhetischen Strömungen und gesellschaftlichen Umbrüchen. Auf dem Friedhof gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Grabanlagen: Ehrenanlagen, Genossenschaftsgräber, Massengräber und Mahnmale – über 250.000 Grabstellen insgesamt.

Plan Friedhof Ohlsdorf
Orientierungsplan des Friedhofs Ohlsdorf – Quelle: Hamburger Friedhöfe

Entstehung und Geschichte des Ohlsdorfer Friedhofs

Bis ins 19. Jahrhundert hinein erfolgten Begräbnisse auch im städtischen Rahmen auf dem Grund der Kirche, weshalb man manchmal noch heute Friedhöfe rund um den Kirchenbau antrifft. Insbesondere aus hygienischen Gründen änderten sich diese Bestattungsriten. 1812 wurden auch in Hamburg innerstädtische Beisetzungen generell untersagt, sodass es zur Gründung zahlreicher Friedhöfe außerhalb der Stadtmauern kam. Aufgrund des enormen Wachstums der Bevölkerung seit Mitte des 19. Jahrhunderts stieg der Bedarf an entsprechenden Flächen enorm. Das war die Geburtsstunde für den Ohlsdorfer Zentralfriedhof. Konkrete Planungen begannen aber erst 1870. Sie waren verbunden mit einem Umbruch des Beerdigungswesens, bei dem die Hoheit von den Kirchen zu den kommunalen Verwaltungen wechselte. Gleichzeitig setzte eine Entwicklung ein, die die Einbettung der Gräber in Grünanlagen zur Regel machte. Humanistisches Gedankengut förderte die Idee, auch den armen Bevölkerungsschichten würdige Einzelbestattungen zu gewähren.

Bauarbeiten Friedhof Ohlsdorf 1887
Bauarbeiten am Friedhof Ohlsdorf im Jahre 1887

Am 1. Juli 1877 erfolgte in einem feierlichen Akt die Friedhofseröffnung in Ohlsdorf. Das Areal war damals etwa 130 Hektar groß. Zum ersten Verwalter und späteren Direktor des Friedhofs wurde der Architekt Wilhelm Cordes ernannt. Er hatte das Amt bis zu seinem Tod 1917 inne. In dieser langen Zeit prägte Cordes die Gestalt des Friedhofs nachhaltig. Er orientierte sich an amerikanischen Parkfriedhöfen und englischen Landschaftsgärten als Vorbildern. Der Tod sollte dem Besucher nicht gleich in Erscheinung treten, weshalb die Grabanlagen im ältesten Teil des Friedhofs durch umfangreiche Gehölzpflanzungen der direkten Sicht von Straßen und Hauptwegen entzogen sind. Ein großer Teil der Bauten auf dem Areal geht ebenfalls auf Pläne von Cordes zurück. Zwischen 1880 und 1912 entstanden acht Kapellen unter seiner Regie, von denen noch sechs Exemplare stehen. Auch das neobarocke Verwaltungsgebäude am Haupteingang stammt aus seiner Feder.

Cordes’ Nachfolger Otto Linne erweiterte den Ohlsdorfer Friedhof nach dem Ersten Weltkrieg beträchtlich nach Osten. Die beiden Teile, der Cordesteil und der Linneteil, unterscheiden sich in ihrer Anlage grundsätzlich. Linne kehrte den Prinzipien des Landschaftsparks den Rücken und schuf eine klar strukturierte Anlage mit geradlinigen Wegeverläufen und Achsen. 1928 kam als letzte Erweiterung die Anlage des Prökelmoorteichs hinzu. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof sind zahlreiche Hamburger Persönlichkeiten und Prominenz wie Helmut Schmidt, Heinz Erhardt, Hans Albers, Heidi Kabel, Jan Fedder, Philipp Otto Runge oder Carl Hagenbeck begraben. Es befinden sich zudem zahlreiche Gedenkstätten und Mahnmale auf dem Gelände. Folgende Aufzählung stellt nur eine Auswahl dar: Bombenopfer-Mahnmal, Gedenkstein für die Sturmflutopfer von 1962, Gedenkstätte für die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung sowie die Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

Rundgang über das Friedhofsareal

Landschaftspark im Cordesteil

Bereits am Haupteingang des Friedhofsareals an der Fuhlsbüttler Straße offenbart sich, dass man es hier nicht mit einem herkömmlichen Totenacker zu tun hat. Allein das neobarocke Verwaltungsgebäude, in dem sich heute auch ein kleines Museum befindet, strahlt die Repräsentanz eines Herrenhauses aus. Durch die filigrane schmiedeeiserne Toranlage fahren Busse und Autos. Zu weit liegen die insgesamt dreizehn Kapellen auf dem Gelände auseinander, als dass es den Trauernden zuzumuten wäre, den Weg zu Fuß zu bewältigen.

Friedhof Ohlsdorf - Verwaltungsgebäude
Gartenansicht des Verwaltungsgebäudes an der Fuhlsbüttler Straße

Hinter dem Eingangsbereich breitet sich eine Landschaftskulisse von fast morbidem Charme aus. Dieser zeigt sich insbesondere in den in eine baumbestandene Parkanlage eingebetteten Gräbern zwischen dem Althamburgischen Gedächtnisfriedhof und dem Cordesbrunnen, die vielfach Familengrabstätten darstellen. Stilistisch spielen die Grabanlagen mit dem Formenrepertoire der Jahrhundertwende: Historismus (Neobarock, Neugotik, Neoromanik), Klassizismus (als Neoklassizismus), Jugendstil. Das sind die prägenden Gestaltungsmerkmale im Cordesteil des Friedhofs. Südlich hiervon, jenseits der Cordesallee, trifft man auf eine Landschaft rund um den Südteich, die mit kleinen Inseln und Brücken fast leiblich anmutet. Weiter südlich liegt der offen gestaltete Rosengarten mit dem Cordesdenkmal.

Die Kapellen und der Wasserturm

Als Orientierungspunkte können die ursprünglich dreizehn Kapellen des weitläufigen Friedhofs dienen, die zumeist als points de vue in Hauptsichtachsen angelegt sind. Sie sind namenlos durchnummeriert und gehen zum Teil auf hölzerne Provisorien zurück. Die neugotische Kapelle 2 ragt als ältestes steinernes Gebäude des Ohlsdorfer Friedhofs heraus. Sie entstand 1886. Die Kapellen 3, 4, 6, 7 und 8 stellen bemerkenswerte Kleinodien des Jugendstils dar und sind allesamt von Cordes erbaut. Ähnlich war die Kapelle 5 gestaltet, die 1940 abbrannte. Kapelle 1 ist ein Nachkriegsbau als Nachfolger einer provisorischen Holzkapelle.

Beachtenswert sind die beiden Kapellen 12 und 13 im Bereich der Friedhofserweiterung durch Linne. Die 1923 geweihte Kapelle 12 entstand im Heimatschutzstil, während die 1929 fertiggestellte Kapelle 13 dem in Hamburg heimischen Backsteinexpressionismus angehört. Sie ist ein Werk des Architekten Fritz Schumacher und bildet gleichzeitig einen monumentalen östlichen Abschluss des Friedhofs in der Achse der Mittelallee. Kapelle 9 ist eine 1918 entstandene Notkapelle. Die Kapellen 10 und 11 stellen Nachkriegsbauten dar.

Im westlichen Teil des Friedhofsgeländes steht an der Cordeallee ein Wasserturm, der mit seiner äußeren historisierenden Erscheinung wie ein Turm einer Burganlage und somit beinahe deplatziert wirkt. Er entstand 1898 und stammt ebenfalls von Cordes. Der Turm diente ursprünglich der Wasserversorgung des Friedhofgeländes, insbesondere der Deckung des gärtnerischen Bedarfs.

Die Krematorien

Schumacher war es auch, der mit dem Neuen Krematorium in den Jahren von 1930 bis 1932 einen späten Bau des Backsteinexpressionismus schuf. Er liegt an der Fuhlsbüttler Straße nördlich des Verwaltungsgebäudes. Der monumentale Baukörper wirkt mit seiner offenen Terrassenstruktur wie ein Denkmal. Die zentrale Feierhalle mit steilen Dächern wird von zahlreichen Neben­gebäuden symmetrisch gerahmt. Der dunkle Klinker und die weitgehend geschlossenen Wandflächen erzeugen eine Atmosphäre, die morbider und schauriger kaum sein könnte. Die geschlossene, bunkerartige Schwere der Architektur rief in mir Assoziationen zu manchen Szenen einer Science-Fiction-Kulisse hervor. Immerhin ist das Innere der Halle im Kontrast zum Äußeren hell gehalten.

Friedhof Ohlsdorf - Neues Krematorium
Neues Krematorium

Das Neue Krematorium ersetzte einen entsprechenden Bau aus dem Jahr 1891, der noch heute außerhalb des Friedhofsgeländes steht: das Alte Krematorium an der Alsterdorfer Straße, das für die Feuerbestattungen bald zu klein wurde. Stilistisch ist dessen Baukörper ein harter Kontrastpunkt zum Neubau. Mit seinem Campanile und der Laterne über einem Zentralraum erinnert die Silhouette des Krematoriums an den Kirchenbau einer christlich-orthodoxen Gemeinde irgendwo in Süd- oder Südosteuropa. Die hanseatisch-neoromanischen Bauformen verraten aber schnell, dass wir uns doch im norddeutschen Raum befinden müssen. Der Campanile birgt und kaschiert übrigens den Schornstein des Krematoriums.

Friedhof Ohlsdorf - Altes Krematorium
Altes Krematorium an der Alsterdorfer Straße

Die Mausoleen

Entscheidend zum morbiden Charme des Ohlsdorfer Friedhofs tragen auch die Mausoleen bei, die in der Überzahl in den Jahrzehnten um 1900 entstanden sind und sich stilistisch zwischen Neoklassizismus, Neorenaissance, Neoromanik und Jugendstil bewegen. Die reichen Hamburger Familien haben sich hier für die Ewigkeit eingeschrieben. Die prächtigsten Bauten stehen allesamt im Nordwesten des Friedhofsgeländes in der Nachbarschaft von Kapelle 7. Hierzu gehören Kuppelbauten wie die Mausoleen Riedemann, von Schröder, Höpfner oder Hoefele. Klassische Formen eines griechischen Tempels zeigen die Musoleen von Puttkamer/Heymann, Peper/Hegel, Heinrich Freiherr von Ohlendorff, Stupakoff sowie Nugent. Das klassizistische Mausoleum Jenisch ist ein Nachbau einer älteren Begräbnisstätte auf den Dammtorfriedhöfen.

Herauszuheben ist das beeindruckende Mausoleum von Schröder, das sich unmittelbar hinter der Kapelle 7 erhebt und das größte seiner Art auf dem Friedhofsgelände darstellt. Es wurde für die hanseatische Kaufmannsfamilie Schröder, die in den Freiherrenstand erhoben wurde, errichtet. Der Zentralbau von 1906/07 in schweren neomanischen Formen trägt entscheidend zum düsteren Gesamteindruck der Umgebung bei. Der leider ruinöse Zustand des Mausoleums macht es zu einem klassischen Lost Place. Die Vergänglichkeit des Lebens manifestiert sich im Grabmal und seinem Verfall selbst.

Gartenkunst und der Linneteil

Fokussiert man sich nicht auf die Architektur, so trifft man immer wieder auf kleine Inseln der Stille und Besinnung, die als kleine Gärten zum Erkunden und Verweilen einladen. Sie hier alle gleichberechtigt aufzuführen, würde den Rahmen sprengen. Neben dem oben erwähnten Rosengarten mit dem Cordesdenkmal ist der Garten der Frauen ein solcher Platz. Er ist ein Erinnerungsort für Frauen, die die Geschichte der Stadt Hamburg prägten. Am Übergang zwischen Cordes- und Linneteil des Friedhofs wurde mit dem Freilichtmuseum im Heckengarten ein Bereich eingerichtet, in dem man Grabsteine von älteren Hamburger Friedhöfen gesammelt hat. Sie vermitteln nun ein anschauliches Bild von der Entwicklung der Grabsteingestaltung vergangener Jahrhunderte.

Friedhof Ohlsdorf - Freilichtmuseum im Heckengarten
Freilichtmuseum im Heckengarten mit einer Rundschau Hamburger Grabsteine

Mit dem Linneteil betreten wir eine andere Welt innerhalb des Friedhofsgeländes. Geradlinige Achsen und geometrisch angelegte Teichlandschaften prägen das Bild. Von der Mittelallee, die im Osten in der Kapelle 13 kulminiert, gehen zahlreiche Achsen rechtwinklig ab. Eine davon führt auf das beeindruckende Sammelgrab der Bombenopfer als Mahnmal zu. Hölzerne Balken nehmen die Namen der betroffenen Stadtteile auf. Sie führen kreuzförmig auf ein Monument zu, das in seiner Geschlossenheit wie ein Mausoleum wirkt. In ihm befindet sich ein nach oben offener Raum mit einer eindringlichen Skulpturengruppe, die die Fahrt über den Styx, den Übergang der Seelen von der Welt der Lebenden in das Totenreich in der griechischen Mythologie, zeigt.

Die gestalterische Vielfalt des Friedhofs Ohlsdorf ist derart umfangreich, dass sie kaum in einem einzigen Artikel erfasst werden kann. Zudem werden auf dem Areal so viele Facetten des Todes und Aspekte der menschlichen Vergänglichkeit thematisiert, dass jeder Besucher andere Impressionen mitnehmen kann. Was an dieser Stelle zu tun bleibt, ist der Verweis auf weitergehende Literatur und Einrichtungen:



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Top