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Brand am Kehlsteinhaus: Angriff auf Erinnerungskultur?

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Kehlsteinhaus am Obersalzberg
Kehlsteinhaus am Obersalzberg vor dem Brand

Brandstiftung an einem NS-Erinnerungsort

Mit dem Kehlsteinhaus im Berchtesgadener Land, das vielfach irreführend als Hitlers Teehaus bezeichnet wird, ist vor wenigen Tagen ein historisch bedeutendes Bauwerk durch einen Brand weitgehend zerstört worden. Die Ermittlungsbehörden gehen von Brandstiftung aus. Das Gebäude entstand 1937/38 (Architekt: Roderich Fick) und war als Repräsentationsbau Teil des Führersperrgebiets Obersalzberg. Adolf Hitlers Landhaus, der Berghof, eine der Machtzentralen des NS‑Staates, lag nur wenige Kilometer entfernt. Das Kehlsteinhaus diente als Ausflugsort, wobei Hitler selbst dort nur selten zu Gast war. Er bevorzugte das näher gelegene Teehaus am Mooslahnerkopf, das mit dem Kehlsteinhaus nicht zu verwechseln ist.

Seit 1952 war das Gebäude wieder öffentlich zugänglich. Eine Ausstellung, die 2017 durch das Institut für Zeitgeschichte neu konzipiert wurde, informierte über seine Geschichte. Sie ergänzte die Ausstellung Idyll und Verbrechen im Dokumentationszentrum Obersalzberg. In den übrigen Räumen des Kehlsteinhauses war eine Gaststätte angesiedelt. In der Nacht auf den 24. Oktober ist dieser Lernort zur NS-Geschichte Opfer von Brandstiftung geworden. Das Dokumentationszentrum selbst ist nicht betroffen.

Wiederaufbau – aber in welcher Form?

Stimmen von Politik, Wissenschaft und Tourismus

Seitens der Politik zeichnete sich rasch ein Konsens über den Wiederaufbau ab. Doch das Wie wird noch Gegenstand längerer Diskussionen und Planungsverfahren sein. Eine Expertenkommission mit Fachleuten aus Denkmalpflege, Bauwesen und Erinnerungskultur soll die Wiederherstellung vorbereiten. Man wolle das Gebäude als Zeugnis der Geschichte und Ort der Aufklärung für kommende Generationen erhalten. Zu bedenken ist dabei nicht nur, dass man es hier mit einem Erinnerungsort, sondern auch mit einer wichtigen touristischen Destination in Bayern zu tun hat. Gegebenenfalls ist ein neues oder angepasstes Nutzungskonzept zu entwickeln. Jens-Christian Wagner, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, spricht sich für einen Ideenwettbewerb aus.

Grundsätzlich stehen für diese sensible Aufgabe mehrere Optionen zur Debatte. Sie reichen von einer Sicherung als Ruine über einen Wiederaufbau, der die Spuren des Brandes nicht verbirgt, bis zu einer vollständigen Rekonstruktion. Sven Keller, der fachliche Leiter der Dokumentation Obersalzberg, plädiert für eine Lösung, die die Zeitschichten des Bauwerks sichtbar belässt und damit auch in das Vermittlungskonzept als NS-Lernort einbezieht. Anders ausgedrückt: Die Hintergründe des Brandes könnten als Geschichte des Kehlsteinhauses Bestandteil einer Ausstellung werden. Bartl Wimmer, der Vorsitzende des Zweckverbandes Bergerlebnis Berchtesgaden, und der Wirt Norbert Eder, dessen Existenz durch den Brand gefährdet sein dürfte, sprechen sich ebenfalls für einen zurückhaltenden Wiederaufbau aus.

Zwischen Geschichtszeugnis und originaler Rekonstruktion

Das Kehlsteinhaus verdankt seine historische Bedeutung weniger seiner architektonischen Qualität als vielmehr seiner Funktion als Zeugnis der NS‑Herrschaft. Es war Teil der nationalsozialistischen Selbstinszenierung im Berchtesgadener Land. Man könnte nun die Chance nutzen, das Haus in seiner Bedeutung als Geschichtszeugnis aufzuwerten, indem man die Funktion des Hauses als historischen Lernort stärkt und es noch enger in die Dokumentation über den Obersalzberg einbindet. Nicht verstecken, sondern thematisieren – das halte ich für die richtige Devise.

Wie die Umstände des Brandes in das Vermittlungskonzept einbezogen werden können, hängt möglicherweise auch von den Ermittlungsergebnissen zur Motivlage des Brandstifters ab. Dabei ist stets zu berücksichtigen, dass ein Wiederaufbau in originalgetreuer Form die Inszenierung der NS-Täter erneut erzeugen könnte. Andererseits ist auch das Argument nicht von der Hand zu weisen, dass eine nicht vollständige Rekonstruktion das Signal aussenden könnte, mutwillige Zerstörung würde sich auszahlen. Die Entscheidung über die künftige Gestalt des Kehlsteinhauses sollte sich allerdings nicht an der mutmaßlichen Absicht eines Brandstifters orientieren, sondern an denkmalpflegerischen, historischen und gesellschaftlichen Erwägungen. Eine Wiederherstellung, die den historischen Charakter des Hauses wahrt und zugleich die Spuren seiner wechselvollen Geschichte sichtbar macht, erscheint mir deshalb besonders überzeugend.

Führersperrgebiet Obersalzberg (Franz Weiss)
Idealplan Führersperrgebiet Obersalzberg von Franz Weiss (1941) – am oberen Rand das Kehlsteinhaus

Angriff auf Erinnerungskultur

Instrumentalisierung des Brandes

Die Frage nach dem Wiederaufbau ist zunächst eine denkmalpflegerische, geschichtspolitische und nicht zuletzt gesellschaftliche Herausforderung, bei der unterschiedliche Positionen ihre Berechtigung haben. Doch in Teilen der öffentlichen Debatte geht es längst nicht mehr allein um den Umgang mit der historischen Bausubstanz. Vielmehr wird der Brand zum Anlass genommen, die Institutionen und Grundsätze der deutschen Erinnerungskultur grundsätzlich infrage zu stellen. Schon kurz nach dem Brand kursierten in sozialen Medien und einschlägigen Diskussionsforen unbelegte Spekulationen, wonach Linke oder die Antifa für die Tat verantwortlich sein könnten. Dass der mutmaßliche Täter bereits gefasst ist und von den Ermittlungsbehörden bisher keinerlei Erkenntnisse über die Motivlage veröffentlicht wurden, bleibt dabei unbeachtet.

Delegitimierung von Gedenkstätten und Museen

Bei meinen Recherchen habe ich eine bemerkenswerte Stellungnahme in einem Diskussionsforum namens Forum für traditionelle Baukultur gefunden. Ich möchte den Text fast vollständig zitieren, weil er beispielhaft aufzeigt, wie der Vorfall aus dem Kehlstein genutzt wird, um die bundesdeutsche Erinnerungskultur anzugreifen (Tipp- und Grammatikfehler übernommen):

Diese „Dokumentation Obersalzberg“, dessen Leiter besagter Sven Keller ist, ist doch nur ein weiteres Produkt dieser völlig aufgeblähten bundesdeutschen Museums- und Volksbelehrungs-Landschaft. Diese Einrichtung verfügt über einen umfangreichen Personalapparat. Insgesamt werden dort 20 Personen beschäftigt. (siehe hier) Und folglich vom Steuerzahler finanziert. Sie ist fest in die Organisationsstruktur des Instituts für Zeitgeschichte München–Berlin (IfZ) integriert und wird vom Freistaat Bayern unterhalten.

Und diese Einrichtung ist ja nur eine von ganz vielen, die als Jobmaschine für zahlreiche studierte Historiker, Kunsthistoriker, Germanisten, Ethnologen usw.usf. dienen, die andernfalls sich eine Arbeit als Tagesmutter, Uber-Fahrer oder Altenbetreuer suchen müssten.

Dass ein Leiter einer solchen Einrichtung 100-prozentig auf Linie des derzeitigen politischen Zeitgeistes ist, versteht sich von selbst. (Da muss ich auch nur die physiognomische Erscheinung betrachten). Er wird stets das nachplappern, was er von oben hört, und alles tunlichst vermeiden, dass irgendwie seine Position gefährden könnte.

Und so plädiert dieser Keller für das Konzept, das derzeit auch beim thüringischen Schloss Schwarzburg (siehe entsprechenden Thread) Lustwallungen in diesem Milieu aus Denkmalschützern, Historikern und Volkspädagogen auslöst. Es lautet „Zeitschichten“. Keller: „Ich kann mir keine 1:1-Rekonstruktion vorstellen von einem Gebäude, das mit ideologischer Absicht errichtet wurde. Ich würde die Zeitschichten des Hauses offenlegen. Die NS-Zeit. Die Präsenz der Amerikaner. Die Gastronomie. Die Brandstiftung. Das ist eine Chance für die Bildungsarbeit. Man kann diesem Überwältigungsnarrativ etwas entgegensetzen.“

Ist doch klar. Zum Einen liegt darin die obligatorische Distanzierung vom Nationalsozialismus, die das einzige sinnstiftende Element der späten Bundesrepublik darstellt. Und da ist natürlich die Möglichkeit anhand dieser gezeigten einzelnen Zeitschichten, möglichst viele weitere Ausstellungen, Audio-Führungen oder Broschüren zu konzipieren, für die es möglichenfalls weiteres Geld vom Staat gibt. Dass das Konzept weit ideologischer ist als der Ursprungsbau, ist diesen Leuten nicht mal ansatzweise bewusst.

Letztlich aber sind diese Institutionen mindestens mittelfristig bedroht, denn der Schuldenstaat wird irgendwann nicht mehr umhin können, irgendwo Stellen streichen zu müssen oder Ausgaben zu kürzen. Es sei denn, er will die Bürger in fast unerträglichem Maß weiter auspressen oder enteignen, um sich den Luxus dieser ganzen Museums- und Dokumentationsstätten-Landschaft zu unterhalten. Die ja nur ein Teil des ganzen Luxus´ eines aufgeblähten öffentlichen Dienstes ist.

Spätestens wenn sich der Autor über die Physiognomie Kellers auslässt, die er zudem geradezu sinnfrei mit einer vermeintlichen politischen Haltung in Verbindung setzt, ist kaum zu verschleiern, welche diffamierende Strategie er verfolgt. Der unsachliche und herabsetzende Angriff auf das Dokumentationszentrum Obersalzberg und darüber hinaus auf die deutsche Erinnerungskultur insgesamt wird zum Kern seiner Polemik. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter solcher Einrichtungen stellt er als Nutznießer staatlicher Finanzierung dar, die ohne diese Beschäftigung auf fachfremde und schlechter bezahlte Tätigkeiten angewiesen wären.

Auffällig ist dabei, dass der Autor die fachlichen Argumente Kellers kaum inhaltlich widerlegt. Stattdessen unterstellt er ihm politische Konformität und wirtschaftliches Eigeninteresse. Auf diese Weise wird nicht nur die persönliche Glaubwürdigkeit des Leiters angegriffen, sondern auch die wissenschaftliche Unabhängigkeit der gesamten Einrichtung infrage gestellt. Geradezu absurd erscheint die Behauptung, das wissenschaftliche Vermittlungskonzept sei ideologischer als der Ursprungsbau. Schließlich diente das Kehlsteinhaus ausdrücklich der nationalsozialistischen Selbstinszenierung, während das Ausstellungskonzept diese ideologischen Hintergründe offenlegen und kritisch vermitteln soll. Für die Bundesrepublik sieht der Verfasser die Distanzierung vom Nationalsozialismus als einziges sinnstiftendes Element. Kurzum: Bildung im Sinne von historischer Aufklärung wird als lästige Volksbelehrung und Ideologie delegitimiert.

Rechte Strategien gegen Erinnerungspolitik

Die Äußerungen des Autors stehen nicht isoliert da und stellen kein spontanes Statement eines frustrierten Bürgers dar. Sie fügen sich sowohl in das publizistische Wirken des Verfassers als auch in ein seit Jahren zu beobachtendes Muster rechter Angriffe auf die deutsche Erinnerungskultur ein. Der Forennutzer Heimdall, der auf verschiedenen Plattformen mit zahlreichen Beiträgen vertreten ist, fällt immer wieder mit Äußerungen ähnlicher Schlagrichtung auf. Die Person hinter diesem Pseudonym, ein Politologe, ist mir bekannt. Er ist seit Jahren im neurechten Spektrum publizistisch aktiv, unterhält Verbindungen zu rechtsextremen Milieus rund um Götz Kubitschek in Schnellroda und hat wiederholt in Verlagen dieses politischen Spektrums veröffentlicht. Wir haben es hier also mit einem Akteur zu tun, der öffentliche Meinungsbildung mitformt.

Solche seit Jahren bei der politischen Rechten zu beobachtenden Angriffe auf unsere Erinnerungskultur sind Teil eines Kulturkampfes um die Deutungshoheit über die deutsche Geschichte. Am offensivsten und anschaulichsten wird dieser in Sachsen-Anhalt in der Person Hans-Thomas Tillschneider von der AfD geführt. Er ist einzubetten in eine Strategie, deren Ziel es ist, die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen zurückzudrängen, ihre Bedeutung für das politische Selbstverständnis der Bundesrepublik zu relativieren und stattdessen ein stärker positiv geprägtes nationales Geschichtsbild zu etablieren. Teil dieser Strategie ist der fortwährende Angriff auf und die Delegitimierung von NS‑Gedenkstätten, wie wir es im obigen Zitat sehen. Erinnert sei in diesem Kontext an die denkwürdigen Aussprüche von Björn Höcke, der das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnete und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ forderte.

Schlussbemerkung

Mit diesen Angriffen setzen sich Wissenschaft, Museen und Bildungseinrichtungen bereits seit Jahren auseinander – in jüngster Vergangenheit intensiviert in Form von Publikationen und Tagungen. Ganz aktuell:

Die Diskussion um den Wiederaufbau des Kehlsteinhauses ist längst mehr als eine denkmalpflegerische Auseinandersetzung. Sie betrifft auch die Frage, wie wir künftig mit den baulichen Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus umgehen wollen. Die Debatte sollte nicht jenen überlassen werden, die historische Aufklärung als ideologische Bevormundung diffamieren. Mir erscheint es wichtig, die Spuren der Geschichte des Kehlsteinhauses beim Wiederaufbau nicht zu kaschieren, sondern sie zum Gegenstand der historischen Vermittlung zu machen. Dazu gehört auch, das Kehlsteinhaus inhaltlich und konzeptionell noch enger mit dem Dokumentationszentrum Obersalzberg zu verzahnen.

Ein Kommentar zu “Brand am Kehlsteinhaus: Angriff auf Erinnerungskultur?”

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