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Architektur als Identitätsträger für Europa

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Europa

Projekt #SalonEuropa

Das Museum der Burg Posterstein versteht es, Netzwerke aufzubauen und den Besucher zur Partizipation anzuregen. Ein ungewöhnliches Ausstellungsprojekt weist den Weg:

Die Ausstellung „#SalonEuropa vor Ort und digital“ versteht sich als ein Labor. Ausgehend von der historischen Salonkultur um 1800 soll sie den Bogen schlagen in die heutige Zeit und zur aktuellen politischen Lage. Wie der Dichter Jean Paul anerkennend berichtete, durfte im Salon der Herzogin von Kurland jeder frei seine Meinung äußern, so lange sie höflich vorgetragen wurde. Analog dazu soll im #SalonEuropa Labor Besuchern vor Ort und im Digitalen die Möglichkeit gegeben werden, ihre Gedanken zu Europa heute zu äußern. Auf einem Bildschirm in der Ausstellung und auf dieser Website sollen in Videos, Kommentaren und Blogposts unterschiedliche Meinungen zu Europa zu Wort kommen.

Teil des Ausstellungskonzepts ist – wie sollte es anders sein – eine von der Kunsthistorikerin Tanja Praske konzipierte Blogparade. Unter dem Titel „#SalonEuropa – Europa ist für mich…“ sind Blogger aller Couleur aufgerufen, ihre Gedanken und Vorstellungen über unseren Kontinent nieder zu schreiben:

Ein Nachdenken über Europa ist gerade jetzt wichtiger denn je. Europa ist in Bedrängnis und in Veränderung. Wo liegen die Chancen, wo die Risiken? Wie wirkt sich Europa auf unsere Gesellschaft und Kultur aus?

Krisenstimmung in Europa

Wie recht man im thüringischen Posterstein mit diesen Sätzen hat und wie berechtigt die Fragen nach dem tieferen Sinn eines geeinten Europas sind, das bekommen wir mittlerweile in dieser aus den Fugen geratenen Welt täglich vorgeführt. Populisten – angefangen bei einem narzisstisch veranlagten amerikanischen Präsidenten – bedrohen das, was die Menschen sich nach dem Inferno des letzten Weltkrieges und der permanenten Bedrohung durch den kalten Krieg aufgebaut haben, täglich aufs Neue.

Auch die Vision eines geeinten und solidarischen Europas wankt in diesen Zeiten. Brexit, Flüchtlingskrise und Nationalismus bestimmen die politische Bühne. Da kann die Rückbesinnung auf alte Werte, insbesondere kulturelle Werte, die Richtung weisen, in die wir hier in der „alten Welt“ schauen müssen, um dem Auseinanderdriften der Weltgemeinschaft einen Gegenpol zu setzen.

Europäische Architekturtradition

Einer dieser kulturellen Identitäten ist die gemeinsame Architektur. Sie steht primär in einer christlichen Tradition und reicht bis in römische Zeit zurück. Christliche Werte sind es auch, die über nationale Grenzen hinweg Gültigkeit haben, so dass es nicht verwundert, deren Einfluss auf die Baukunst bereits im Mittelalter in ganz Europa beobachten zu können. Die europäischen Länder weisen trotz aller regionalen Ausprägungen eine Verbundenheit in der Architektursprache auf, die sich sowohl im Sakral- als auch im Profanbau widerspiegelt. Europa zeigte sich in jener Zeit durch sein Bauschaffen weitaus mehr geeint, als es durch die politischen Konstellationen wirklich Fakt war. Und es setzte sich durch seine Bauten auch von der übrigen bekannten Welt ab. Die Architektur der christlich geprägten Gesellschaft des Mittelalters war damit in der Lage, über machtpolitische Grenzen hinweg eine gemeinsame Identität auszubilden.

Dieses einenden Faktors besinne ich mich, wenn ich durch deutsche und europäische Städte wandele und deren historische Bauten bewundere. Ich denke an das Straßburger Münster, einem deutschen Bau auf französischem Boden, an den Kölner Dom, einem französischem Bau auf deutschem Boden, die Marienburg des Deutschen Ordens auf polnischen Boden und vor allem an die akribische Rekonstruktion „deutscher“ Städte wie Danzig durch polnische Denkmalschützer nach 1945.

Silhouette von Köln
Silhouette von Köln

Und wenn ich die Wiederauferstehung der Frankfurter Altstadt mit dem Krönungsweg deutscher Kaiser befürworte, schwingt dort nicht Nationalstolz mit, sondern die Freude über die gemeinsame Überwindung der zerstörerischen Kräfte, die zur Vernichtung europäischer Städte und Identität führte. Die Rekonstruktionen der letzten Jahrzehnte in vielen deutschen Städten sind nicht nur ein deutscher, sondern vor allem auch ein europäischer Verdienst. Der lange europäische Frieden ist es, der die Gewähr ist für all diese kulturellen Blüten, die es auf diesem Kontinent noch und wieder zu bestaunen gibt.

Aus diesem Grund kann ich den ideologisch geführten Debatten der letzten Jahre, die sich um traditionelles und modernistisches Bauen drehen und die gerne auch politischen Lagern zugeschrieben werden, nicht folgen. Dabei unterstellt man den Anhängern der traditionellen Schule gerne ein revisionistisches Geschichtsbild und Rückwärtsgewandtheit, während Befürwortern von abstrakter zeitgenössischer Architektur identitätsfeindliche Globalisierungstendenzen zugesprochen werden. Nichts von beidem ist in ihrer Pauschalität zutreffend. Der Kunsthistorikerin Anke von Heyl ist es dankenswerter Weise gelungen, zu vermitteln, wie auch Nachkriegsarchitektur als Symbol europäischer Einheit, Freiheit und Demokratie wirken kann. Es ist offensichtlich nicht allein die Ästhetik, die den Wert eines Bauwerks für die Gesellschaft definiert.

Die Welt braucht ein starkes Europa mehr denn je, doch die „alte Welt“ ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um globale Probleme zu lösen. Vielleicht ist paradoxerweise die Rückbesinnung auf gemeinsame Werte und Traditionen das, was aus dieser Krise führt. Damit ist aber gerade nicht die Abschottung gegenüber dem Rest der Welt gemeint. Vielmehr sollte ein geeintes und solidarisches Europa eine politische und moralische Vorreiterrolle einnehmen, die im positiven Sinne auf die Weltordnung wirkt. Der Gedanke an die einende Bautradition mag dabei als stetige Erinnerung und Mahnung an unsere gemeinsamen Wurzeln und Ziele wirken.

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8 thoughts on “Architektur als Identitätsträger für Europa

  1. Lieber Damian,

    merci für deinen Beitrag zur Blogparade #SalonEuropa! Mich freut auch, dass du an Ankes Beitrag anknüpft und anders denkst, aber nicht im Kern abweichst, sondern die Wertediskussion entlang einer historische kulturellen Identität befürwortest.

    Architektur, zumal sakrale Architektur, war mitunter Ausdruck klerikaler Ansprüche, getragen von weltlichen Potentaten, auf die es zurückstrahlen konnte bzw. die sich ihr Seelenheil über Stiftungen sicherten. Spannend was im 14. und 15. Jahrhundert passierte, als weltliche Herrscher an Kirchenportalen Heiligenfiguren nicht verdrängten, sich aber in den Vordergrund drängten. Muss da immer gleich an das Portal der Kartäuserkirche in Dijon von Claus Sluter denken, das aber auch Vorläufer unter Philipp IV. und Karl V. gesaß. Davon hat sich so gut wie nichts mehr erhalten aufgrund der französischen Revolution und mehr noch wegen der Zeit danach, als Kirchengüter wirtschaftlich ausgeschlachtet und abgetragen wurden. Heute komme ich schon zum 2. Mal zurück auf meine Diss, nachdem Ralf einen wunderbaren Beitrag zur Blogparade brachte (30). Bemerkenswert und klasse sind eure Beiträge und die der anderen.

    Was will ich nun damit sagen? Auch diese Architekturen einte der Anspruch auf Macht. Eine Architektur, die europäisch war und die vereinte. Natürlich ging es im Mittelalter um Machtansprüche, die sich manchmal subtil, manchmal mächtig ausdrückte, aber es gab da noch weitaus mehr und da bist du der Fachmann. Ich sehe es nur aus Skulpturensicht.

    Ich stimme dir darin zu, dass Kulturhistorie ein integrative Wirkung haben kann und in dienstbar für eine Wertediskussion ist, im Positiven wie im Negativen.

    „Vielleicht ist paradoxerweise die Rückbesinnung auf gemeinsame Werte und Traditionen das, was aus dieser Krise führt. Damit ist aber gerade nicht die Abschottung gegenüber dem Rest der Welt gemeint.“

    Genau hier lässt sich weiterdenken. Danke für deine wichtigen Gedanken zum Thema!

    Herzlich,
    Tanja

    1. Liebe Tanja,
      danke für deinen ausführlichen Kommentar.
      Natürlich war Architektur (im geringeren Umfang auch Malerei und Skulptur) in der Geschichte immer ein Statement für machtpolitische Ansprüche. Das galt für das Mittelalter noch viel mehr als heute. Und trotzdem erscheint sie in der Rückschau vielleicht nicht nur als Ausdruck partikularer Kräfte, sondern auch als Teil eines gemeinsamen Wertekanons. Und es gilt, sich dieser Gemeinsamkeiten in Europa wieder bewusst zu werden. Danke, dass eure Blogparade mich angeregt hat, in eine für mich neue Richtung zu denken.

    1. Liebe Anke,
      ohne deinen Beitrag wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, europäische Werte und europäische Einheit mithilfe ihrer Architekturgeschichte zu betrachten. Danke dafür.

  2. Lieber Damian Kaufmann,

    vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag zum #SalonEuropa und für die ausführliche Beschreibung unseres Projektes! Auch ich musste sofort an Anke von Heyls Artikel denken. Architektur verbindet nicht nur in der Tradition, sondern auch in der Moderne. Das kulturelle Erbe Europas verband schon vor Jahrhunderten Länder und Menschen, auch wenn die jeweilige politische Realität vielleicht anders aussah.
    Die „Freude über die gemeinsame Überwindung der zerstörerischen Kräfte, die zur Vernichtung europäischer Städte und Identität führte“, teile ich uneingeschränkt mit Ihnen. Ich sehe diese Überwindung nicht nur in der Rekonstruktion historischer Stätten, sondern auch in der Verbindung mit neu geschaffen Bauwerken. Das Neue lernt schließlich in irgendeiner Weise aus dem Alten. Beide existieren nicht nur nebeneinander, sondern miteinander. So kann das architektonische Erbe Europas auch ein Symbol für eine europäische Gemeinschaft sein.

    Vielen Dank für diesen gelungenen Beitrag und für Ihre tatkräftige Unterstützung!
    Herzliche Grüße aus Posterstein
    Franziska

    1. Liebe Franziska,
      vielen Dank für die richtigen und ergänzenden Worte. Die gelungene Verbindung von Altem und Neuem ist wichtig für die ideelle Wertschöpfung aus Kultur und Tradition. Leider ist das in meinen Augen gerade in den 60er und 70er Jahren in der Architektur zu selten gelungen bzw. wurde vielfach erst gar nicht angestrebt. Und auch heute tut sich die Architektenschaft sehr schwer damit, Vergangenes und Bewehrtes in ihre Werke einfließen zu lassen. Es gibt aber Lichtblicke und die müssen nicht zwingend aus Rekonstruktionen bestehen.

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