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Rebellion in der zeitgenössischen Architektur?

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Jüdisches Museum Berlin
Kontraste am Jüdischen Museum Berlin: Barocker Altbau neben Dekonstruktivismus von Daniel Libeskind

Europäische Initiativen für Nachhaltigkeit im Städtebau

Dass die Nachkriegsmoderne und die Ideologie der autogerechten Stadt insbesondere in den zerbombten Städten Deutschlands zum Teil mehr Schäden angerichtet haben als die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs, ist im Diskurs um die Zukunft unserer Städte mittlerweile weitgehend Konsens. Dennoch tut man sich weiterhin schwer damit, lebenswerte Architektur und Stadträume für den Menschen zu schaffen. Generationen von Architekten sind in gesichtslosen Fassaden aus Beton und Glas geschult worden, weil man mit dem Kriegsende auch architektonisch und städtebaulich mit der Vergangenheit abschließen wollte. Ihre in großen Teilen seelenlosen Bauten haben zumeist eine kurze Lebensdauer und verhelfen den Innenstädten selten zu mehr Attraktivität. Dabei zeigen einzelne Projekte wie in der Altstadt von Frankfurt und am Neumarkt von Dresden durchaus, wie nachhaltiger Städtebau funktionieren kann.

Doch es regt sich auch bürgerlicher Widerstand gegen die Einfallslosigkeit von städtischen Behörden und etablierten Architekten. Das zeigt bereits die lange Liste von Bürgerinitiativen für Denkmalschutz, Rekonstruktion und Stadtbildpflege. Auf europäischer Ebene macht die schwedische Initiative „The Architectural Uprising“ Furore. In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Ableger in Europa und auch darüber hinaus gebildet. In Deutschland ist man vor allem in den sozialen Netzwerken unter dem Namen „Architektur-Rebellion“ unterwegs. Für mich als Kunst- und Bauhistoriker war es selbstverständlich, sich trotz des doch etwas populistisch klingenden Namens in der Bewegung ebenfalls zu engagieren. Ich fungiere als Moderator in der Facebook-Gruppe des Netzwerks, die innerhalb nur weniger Monate auf weit über 10.000 Mitglieder angewachsen ist. Zudem bin ich langjähriges Mitglied des gemeinnützigen Vereins Stadtbild Deutschland e. V.

Kritik von Maik Novotny

Architekturjournalist Maik Novotny übte nun harsche Kritik an derartigen Gruppierungen – namentlich auch an „Architektur-Rebellion“. Deshalb fühle ich mich angesprochen, eine Erwiderung zu verfassen. Novotny urteilt über diese Initiativen bereits im Titel und Teaser seines Artikels, indem er sie pauschal als rechte Gruppen anspricht, die einen Kulturkampf für das christliche Abendland ausfechten. Indizien oder gar Belastbares für seine These führt er nicht an. Stattdessen beklagt er die nicht differenzierte Sichtweise auf Architektur, die in traditionell und modern, in gut und böse unterteilt. Man würde effekthascherisch anhand von Doppelbildern, die klassische Bauten einem brutalistischen Betonbau oder einer Glasarchitektur gegenüberstellen, einen Grundton aggressiver Dauererregung provozieren.

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich nicht allen Beobachtungen von Novotny ihre Berechtigung absprechen möchte. Für mich als Kunsthistoriker ist es manchmal schwer zu ertragen, dass man – das trifft weniger auf „Architektur-Rebellion“ selbst, als vielmehr auf andere Szene-Plattformen zu – dem Bauhaus, letztlich also der Klassischen Moderne, regelmäßig die Legitimität als bedeutende Strömung in der deutschen und internationalen Architekturgeschichte absprechen möchte und es als Keimzelle unserer aktuellen architektonischen Misere verteufelt. Die Einordnung von Architektur anhand von polarisierenden Gegenüberstellungen ist mir zudem viel zu banal und plakativ – zumindest in der Form, wie sie in den sozialen Netzwerken praktiziert wird. Das Empörungspotenzial ist in vielen Gruppen und Foren meist zu hoch, um einen sachbezogenen Diskurs zu führen. Doch das ist eine Feststellung, die Aktivitäten auf Social Media grundsätzlich betrifft und nicht auf die besprochenen Themenfelder reduzierbar ist.

Anders verhält es sich mit dem Vorwurf rechter Gesinnung. Damit machte es sich Novotny viel zu einfach, indem er nach Nordamerika schaut und die dortigen Schlüsse auf alle derartigen Initiativen überträgt. Grundsätzlich möchte ich die Gefahr rechter Unterwanderung und Instrumentalisierung von Bewegungen in dem geschilderten Kontext nicht kleinreden. Ein solcher Versuch seitens einer allgemein bekannten Partei am rechten Rand ist mir sogar aus eigener Anschauung bekannt. Konservative Projekte – insbesondere Rekonstruktionen – ziehen auch Menschen rechts des Konservatismus an. Da muss man als Verantwortlicher sehr genau hinschauen, wen man sich ins Boot holt. Das wurde zuletzt in der Causa Bödecker bei der Rekonstruktion des Berliner Schlosses deutlich. Aber gerade in sozialen Netzwerken und Foren ist eine Lenkung von tausenden Meinungen nur bedingt umsetzbar. Es ist daher nicht legitim, aus Äußerungen einzelner anonymer Nutzer auf die Absichten und Überzeugungen der Verantwortlichen der Initiativen zu schließen.

Grundsatzgedanken

Als engagierte Bewegung, die mit beiden Beinen auf dem Boden des Grundgesetzes und in der Mitte der Gesellschaft steht, tut man sehr gut daran, sich von radikalen Ideen und Vereinigungen unmissverständlich zu distanzieren. Toleranz mit dem Ziel, das größtmögliche Meinungsspektrum einzufangen, ist hier fehl am Platz. Dies ist allein in Hinblick auf den drohenden Imageschaden von großer Bedeutung. Und dabei sollte betont werden, dass die Initiativen vor allem aus der Mitte der Gesellschaft getragen werden und auch progressive Komponenten beinhalten, wenn sie zum Beispiel im Städtebau den Fokus auf die Verkehrswende legen und somit der Schaffung eines positiven Lebensumfelds des Menschen dienen.

Für mich persönlich gilt: Sollte ich bei einem Verantwortlichen eine von mir unterstützten Gruppierung rechtspopulistische oder gar rechtsextreme Tendenzen erkennen – und ich habe hierbei einen feinen Seismografen -, dann werde ich mein Engagement sofort einstellen. Das habe ich in der Vergangenheit so gehandhabt und auch bereits in einem Fall vollzogen.

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