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Spender mit rechtsradikaler Gesinnung am Berliner Schloss?

Posted on – zuletzt aktualisiert am 23. November 2021
Kuppel Berliner Schloss

Kontroversen und kein Ende

Der Streit um die Rekonstruktion des Berliner Schlosses als Humboldt-Forum ist so alt wie die Idee dazu und er ebbt auch jetzt nicht ab, da das Forum eröffnet ist und die alten neuen Barockfassaden wieder an angestammter Stelle in der Mitte Berlins erstrahlen. Zuletzt entbrannten erbitterte Kontroversen über das Kuppelkreuz und die Inschrift auf der Kuppel.

Die nächste Runde zwischen Rekonstruktionsbefürwortern und -gegnern ist nun vor wenigen Tagen eröffnet worden. Protagonisten sind dabei der Architekt und Architekturtheoretiker Philipp Oswalt und der 2016 verstorbene Bankier und Historiker Ehrhardt Bödecker, auch wenn letzterer keine aktive Rolle mehr einnehmen kann.

Philipp Oswalt und Ehrhardt Bödecker

Um die Konstellation besser einordnen zu können, wollen wir die beiden Personen etwas näher kennenlernen: Bödecker zählt zu den Großspendern für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Er wird deshalb im Humboldt-Forum gemeinsam mit seiner Ehefrau mit einem Reliefmedaillon gewürdigt. Im Jahr 2000 gründete er das Brandenburg-Preußen Museum in Wustrau als Privatmuseum und schrieb mehrere Bücher über die preußisch-deutsche Geschichte, die sich in rechten Kreisen großer Beliebtheit erfreuen.

Oswalt dagegen gehörte von der ersten Minute an zu den erbittertsten Gegnern einer historisierenden Schlossrekonstruktion. Er steht Rekonstruktionen generell skeptisch gegenüber, was er auf seinem Blog in zahlreichen Artikeln deutlich macht. Eine explizite Ausnahme macht er aber offenbar bei Bauhaus-Architektur, denn unter seiner Leitung der Stiftung Bauhaus Dessau von 2009 bis 2014 wurden die Meisterhäuser nach Kriegszerstörung mustergültig rekonstruiert.

Rechte Umtriebe bei Rekonstruktionen?

Nun ist der Vorwurf rechter Aktivitäten im Kontext von Rekonstruktionen kein ganz neuer. Spätesten seitdem Stephan Trüby seine Theorien veröffentlicht hat, die belegen sollen, dass sich die Rekonstruktionsarchitektur in Deutschland zu einem Schlüsselmedium der autoritären, völkischen, geschichtsrevisionistischen Rechten entwickelt, hat die Sensibilität in Bezug auf derartige Projekte einen neuen Höhepunkt erreicht. Ich hatte mich bereits an anderer Stelle zu Trübys Thesen geäußert.

Oswalt seinerseits beschreitet konsequent den von Trüby eingeschlagenen Weg. In einem Artikel im Tagesspeigel von Ende Oktober wirft er Bödecker Antisemitismus und eine antidemokratische Gesinnung vor. Und tatsächlich offenbart seine akribische Recherche zu Äußerungen Bödeckers ein detailliertes Bild des Großspenders als Leugner oder Relativierer deutscher Völkermorde, als Kritiker des Grundgesetzes und unserer demokratischen Grundordnung. Und auch vor antisemitischen Äußerungen schreckte er nicht zurück. Bödeckers Familie selbst hat die Vorwürfe mittlerweile eingeräumt und befürwortet die Abnahme des Ehrenreliefs im Humboldt-Forum.

Motive und Folgen

So richtig es ist, bei entsprechenden Hinweisen die Rolle von Großspendern zu hinterfragen, so sehr muss die Motivlage Oswalts beleuchtet werden. In seinem mit Nina Brodowski gemeinsam geführten Blog heißt es:

Der Blogg Schlossdebatte versteht sich als Plattform für alle kritischen Geister, die weder resigniert haben noch als gehorsame Untertanen sich einem fragwürdigen Bundestagsbeschluss ohne Widerrede ergeben.

Von der für einen Professor für Architekturtheorie erwartbaren wissenschaftlichen Distanz ist nicht viel zu spüren. Es drängt sich fast der Eindruck auf, hier soll zu zivilem Ungehorsam gegen die Beschlüsse des Bundestages aufgerufen werden. Auch die Tatsache, dass die Überprüfung Bödeckers nach Eröffnung des Humboldt-Forums und fünf Jahre nach dem Tod des Spenders erfolgt, lässt an persönliche Motive eines Mannes denken, der sich mit der vollendeten historisierenden Rekonstruktion des Berliner Schlosses nicht abfinden möchte.

Vielleicht ist auch die Familienbiografie eine Triebfeder des leidenschaftlichen Auftretens von Oswalt. Sein Vater entging als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime nur durch eine glückliche Fügung einer Verurteilung und somit wahrscheinlich einer Hinrichtung. Fakt ist, dass Oswalts Enthüllungen dazu geeignet sind, Rekonstruktionsvorhaben zu diskreditieren. Das könnte zukünftige Spender und Förderer solcher Projekte abschrecken, teils weil sie erwarten müssen, selbst in den Fokus von Nachforschungen zu geraten, teils weil sie befürchten müssen, mit rechten Kreisen in Verbindung gebracht zu werden.

Bewertung

Als Freund von Rekonstruktionen – insofern sie auf einer soliden wissenschaftlichen Basis erfolgen – sehe ich mich bei der Bewertung der Sachlage in einem Zwiespalt. Die Reparatur von Stadtbildern erachte ich als ein wichtiges Anliegen, das in viele gesellschaftlich relevante Bereiche positiv ausstrahlt. Auf der anderen Seite darf die Gefahr der Unterwanderung durch rechte Strukturen nicht unterschätzt werden. Die Frage, was mit der gespendeten Summe von Bödecker nun geschehen sollte, kann und will ich daher an dieser Stelle nicht beantworten. Dazu ist die Problematik zu vielschichtig.

Wenn antisemitische oder demokratiefeindliche Förderer den Schlossbau finanzieren, wird das gesamte Projekt in Misskredit gezogen. Das spielt denjenigen in die Hände, die aus welchen Gründen auch immer gegen Rekonstruktionen wettern. Und deshalb ist eine gründliche Aufarbeitung der Causa Bödecker so eminent wichtig. Sie könnte zur Blaupause für den Umgang mit zukünftigen Enthüllungen dieser Art werden.

Nachwehen

Update (23.11.21): Die Enthüllungen von Oswalt haben die Diskussion über die politische Instrumentalisierung von Rekonstruktionen erneut befeuert. Christoph Gunkel unternimmt im Spiegel den Versuch, die kontroversen Positionen gegenüber zu stellen. Neben Trüby kommt der Historiker Martin Sabrow, Professor an der Humboldt-Universität in Berlin und Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, zu Wort. Letzterer glaubt, nicht das Berliner Schloss als Gebäude sei das Problem, sondern die Wahrnehmung und kulturelle Deutung. Diese Ansicht bildet die Gemengelage der verschiedenen Argumente vielleicht am treffendsten ab.

Gunkel nimmt zudem einen der Fördervereine des Wiederaufbaus ins Visier: die Gesellschaft Berliner Schloss e.V. Er verweist darauf, dass das Vorstandsmitglied Daniel Krüger als Bezirksstadtrat für die AfD tätig ist. Ob allerdings die Zuordnung eines zweiten Vorstandsmitglieds – meines Kollegen und Kunsthistorikers Guido Hinterkeuser – ins rechtspopulistische Lager schlüssig ist, darf zumindest angezweifelt werden. Ich halte von solchen pauschalen Urteilen ohne belastbare Faktenlage nicht viel.

Auch im Diskussionsforum des gemeinnützigen Vereins Stadtbild Deutschland, der sich bundesweit für den Erhalt historischer Bausubstanz und der Reparatur verlorener Stadtbilder einsetzt, diskutiert man leidenschaftlich über die Causa Bödecker. Nun stehen derartige Foren naturgemäß jedem Interessierten für Meinungsäußerungen offen, so dass folgende Zeilen eines anonymen Users nicht zwangsläufig den Ansichten des Betreibers entsprechen:

Typen wie Oswalt haben sich mittlerweile auf alle Gesellschaftsbereiche ausgebreitet und betreiben dort ihr Spiel des Anschwärzens, des Leumund-Vernichtens, des Karrieren-Zerstörens, des Leben-Stehlens.

Diese Kulturkämpfer sind doch Leute, die gar keine Frau mehr brauchen, sondern jeden Tag ihren Höhepunkt schon dabei bekommen, wie alle auf ihre in den Raum geworfenen Beschuldigungen hin nervös werden, umkippen, sich in Demutsgesten üben, und dann gehorsam zur reinigenden Tat schreiten. Wie moderne Neros sind die, die in der Arena nach Belieben den Daumen senken und heben können. Und die Masse traut sich nicht, den Typ vom Podest zu werfen.

Da ich selbst Vereinsmitglied von Stadtbild Deutschland bin, empfinde ich solche respektlosen Ausschweifungen als äußerst belastend. Es ist eine Verhöhnung derjenigen, die ernsthaft und nicht ideologisch aufgeladen um Aufklärung bemüht sind – und zwar auf beiden Seiten! Derartige Äußerungen sind es auch, die Kritikern von Rekonstruktionsvorhaben wie Trüby und Oswalt Munition für ihre Thesen liefern. Gleichzeitig sind sie ein Beleg dafür, wie sehr sich die Kontroverse von der Sachebene entfernt hat und bisweilen ad hominem geführt wird.

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