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Ein Jahr später: Selbständigkeit in der Pandemie

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Alltag während Corona

Corona, Kultur und die Blogparaden

Rund ein Jahr ist es her, dass ich meine ersten Erfahrungen zur Selbständigkeit in der Pandemie niederschrieb. Im Rahmen der Blogparade #KulturAlltagCorona fragte ich gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen von Kultur hoch N nach den Erfahrungen in der Kulturbranche bei der Bewältigung der Corona-Krise. Aus den unterschiedlichsten Bereichen erhielten wir Antworten und Beiträge. Nun ruft Kultur hoch N erneut zur Teilnahme an der Blogparade #KulturAlltagCorona2 auf. Danke an dieser Stelle vor allem an Birgit Baumann, die die Organisation übernahm.

Vor einem Jahr waren die Zeilen mit der Hoffnung verbunden, das Gröbste hinter uns gelassen zu haben. Nur wenige ahnten, dass uns mit einem schier nicht endenden Lockdown mit unzähligen gebrochenen Versprechungen seitens der Politik der schlimmste Teil der Pandemie noch bevorstand. Zu verlockend war die Vorstellung, dass wir die zweite Welle ähnlich souverän bewältigen wie die erste. Und so herrscht auch nun seit wenigen Wochen der Optimismus vor, dass uns die Impfungen den Weg aus der Pandemie weisen, wenn uns nicht eine Mutante einen Strich durch die Rechnung macht.

Ich schloss meinen ersten Blogbeitrag zur Selbständigkeit in der Corona-Krise mit der Feststellung, mich trotz aller Widrigkeiten in einer privilegierten Position zu befinden. Die Selbständigkeit erzeugte seit kurzem genügend Umsatz, um gut davon leben zu können. Mit beengten Wohnungsverhältnissen oder dem Bildungsnotstand in den Schulen hatten wir nicht zu kämpfen. Allerdings gingen Existenzängste auch an meiner Familie nicht ganz spurlos vorbei, zumal meine Frau und ich direkt bzw. indirekt von der Kultur leben.

Selbständigkeit in der Pandemie

Nach mehr als einem Jahr Pandemie hat sich die Situation verschärft. Nun zahlt sich aus, dass ich mich in der digitalen Welt immer breit positioniert habe und neben meiner Kernkompetenz als Webdesigner auch noch andere Dienstleistungen anbieten kann. Das berufliche Überleben ist damit vorerst gesichert. Während die Krise im Jahr 2020 mit langfristigen Projekten gut abzufangen war, offenbaren sich – wie von mir befürchtet – die mittel- und langfristigen Folgen der Pandemie für meine Zielgruppe in der Kulturbranche aber nun immer deutlicher und beeinflussen auch meine Selbständigkeit in mehrfacher Weise spürbar:

  • Stagnation von Projekten
    Zahlreiche Anfragen für ein Angebot zur Umsetzung einer Website sind seit Monaten nicht über diese Phase hinausgekommen. Offenbar wartet man in der Kulturbranche die weitere Entwicklung der Pandemie ab oder es fehlen derzeit einfach die Mittel, die Projekte umzusetzen.
  • Stillstand in der kulturellen Bildung
    Ein langjähriger Kunde aus dem Bereich der Kulturbildung konnte nun bereits seit einem halben Jahr keine Kurse mehr stattfinden lassen und musste auch 2020 den Großteil ausfallen lassen. Das kurz vor der Pandemie erarbeitete Online-Marketingkonzept konnte daher nie richtig zur Wirkung kommen. Die diesbezüglichen Aktivitäten und somit mein Honorar sind erheblich reduziert.
  • Ausfall von Tagungen und Vorträgen
    Im Frühjahr 2020 sollte ich als Vortragender an der Fachtagung FOCUS Museum – Kulturtourismus, Besuchermanagement und Marketing für Museen teilnehmen. Mein Beitrag über Strategien des Online-Marketings für Museen und Kultureinrichtungen hatte das Potential, mich beruflich entscheidend voranzubringen. Die Tagung ist mehrfach ausgefallen und ist derzeit auf Herbst 2021 verschoben.
  • Ausfall aller VHS-Kurse
    Alle meine angebotenen VHS-Kurse in den Jahren 2020 und 2021 zu Themen rund um Webdesign und das Bloggen sind ausgefallen. Lediglich ein einwöchiger Bildungsurlaub zum Umgang mit dem CMS WordPress hätte unter strengen Auflagen stattfinden können. Da allerdings der Kern des Kurses als Gruppenarbeit konzipiert ist, habe ich ihn meinerseits ausfallen lassen. Für 2021 habe ich nun bewusst auf das Angebot weiterer Kurse verzichtet. Die Planungsunsicherheit bis unmittelbar vor Kursbeginn empfinde ich mittlerweile als zermürbend.
  • Rückgang der Zugriffszahlen auf Website
    Und da ist noch meine kleine Arbeitszeiterfassung, die ich zum Download anbiete (als kostenlose und Lizenzversion). Meine Analyse-Tools verraten mir, dass das Interesse daran seit dem zweiten Lockdown erheblich nachließ. Das spiegelt dann wohl auch die generelle Zurückhaltung bei den kleinen Unternehmen wider, denen vielfach jegliche Planungssicherheit fehlt.
  • Behördenversagen
    Nicht zuletzt muss das Finanzamt Quakenbrück Erwähnung finden, das dem Selbständigen Steine in den Weg legt: Anfang Dezember 2020 beauftragte ich meinen Steuerberater damit, eine Umsatzsteuer-Identifikationsnummer zu beantragen, die ich nun für die Buchführung benötige. Fast ein halbes Jahr und unzählige Anfragen später stehe ich noch immer ohne dar. Dadurch sind Fristen für Meldungen verstrichen. Mal schauen, wen man dafür haftbar machen wird.

Der steinige Weg aus der Krise

Optimismus durch Impfkampagne

Mir ist es ein Bedürfnis, ein paar Worte zur Pandemie selbst zu verlieren. Durch einen glücklichen Umstand sind wir seit kurzem geimpft und erwarten in ein paar Wochen die zweite Dosis. Die Museen öffnen allerorten wieder und damit wird nicht nur mein potentieller Kundenstamm zum Leben erweckt, es ergeben sich auch Alternativen zum tristen Alltag der letzten Monate. Wandern ist schön und füttert die Seele in der Natur, nutzt sich aber auf Dauer ab, erst recht bei dem bescheidenen Wetter, das uns dieses Frühjahr beschieden war. Zaghafter Optimismus macht sich breit, dass die Impfkampagne nun endlich die Wende bringt.

Überhaupt sind die Impfungen in den letzten Wochen zu einem zentralen Thema auch im privaten Rahmen geworden. Viel Zeit investierten wir, um bei Freunden und Familie die entscheidende Bedeutung einer raschen Impfung im Kampf gegen Corona ins Bewusstsein zu rücken, ganz unabhängig von der eigenen Risikobewertung, an Covid-19 zu erkranken. Nur auf diese Weise sind Normalität und Herdenimmunität in absehbarer Zeit zu erreichen.

Impfskeptiker und Querdenker

Umso deprimierender ist es, immer wieder mit Menschen konfrontiert zu werden, die wissenschaftlicher Expertise und unseren Leitmedien nicht vertrauen, stattdessen ihre Querdenker-Mentalität offen kommunizieren und somit unsere Gesellschaft in mehrfacher Hinsicht gefährden. Sogar ein persönlicher Anwerbeversuch eines AfD-Mitglieds für eine Bürgerbewegung, die die Menschen davor warnen möchte, dass Bill Gates uns Chips unter die Haut spritzt, kann ich als Erfahrung verbuchen. Die Gründe für das Erstarken der Impfgegner während der Pandemie analysiert Sascha Lobo vortrefflich.

Dies ist sicher nicht der Ort, um die kruden Thesen selbsternannter Experten oder Esoteriker zu diskutieren. Trotzdem möchte ich einige Namen warnend anfügen, die mir in letzter Zeit wider Willen begegnet sind, denn sie gefährden den Erfolg der Impfkampagne, die baldige Rückkehr zur Normalität und somit die erfolgreiche Wiederbelebung des kulturellen Lebens. Zu den mehr oder weniger radikalisierten Impfskeptikern, die man mit ihren fragwürdigen Botschaften bei YouTube antreffen kann, gehören Wolfgang Wodarg, Clemens Arvay oder Vanessa Schmidt-Krüger. Von den Aktivitäten letzterer distanziert sich ihr Arbeitgeber folgendermaßen:

Bei den Youtube-Videos handelt es sich um rein private Meinungsäußerungen der Autorin. Sie stehen in keinem Zusammenhang mit der Forschung am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC); insbesondere besteht kein Zusammenhang mit der Corona-Forschung des MDC. Die Autorin ist weder Immunologin noch Virologin noch RNA-Forscherin noch Epidemiologin, sie hat keinerlei Erfahrung in der Impfstoffentwicklung. Ihre Expertise liegt beim Thema neurodegenerative und metabolische Erkrankungen. Die Aussagen der Autorin sind wissenschaftlich nicht von Kolleg*innen mit ausgewiesenem fachlichen Hintergrund geprüft und verifiziert worden.

Kollateralschäden und Spätfolgen

Die politischen Entscheidungen zur Eindämmung der Pandemie wurden bestimmt von der ständigen Angst vor einer Triage, wie wir sie durch die Bilder aus der Lombardei oder nun Indien immer wieder vor Augen geführt bekommen haben. Was mir in der Abwägung der Maßnahmen aber immer zu kurz kam, sind die immensen Kollateralschäden und Spätfolgen der Krise. Das betrifft natürlich das kulturelle Leben, aber vor allem auch die psychischen Auswirkungen. Aus erster Hand kann ich berichten, dass Psychotherapeuten von einer enormen Zunahme der Therapieanfragen berichten. Die Lage in diesem schon zuvor überlasteten Bereich hat sich nochmals deutlich verschärft. Besonders dramatisch stellt sich die Situation bei den jüngsten Generationen dar. Steuern wir auf eine Gesellschaft mit enormen psychischen Folgeschäden zu, wie man das auch von Kriegsgenerationen kennt?

Wie wird die Welt am Ende der Pandemie aussehen? Welche Spätfolgen werden uns herausfordern? Werden wir unser altes Leben zurückerhalten? Welchen Schaden wird die Kultur davontragen? Vielleicht lesen wir uns in einem Jahr erneut an dieser Stelle, um diese Fragen zu erörtern.

3 Kommentare zu “Ein Jahr später: Selbständigkeit in der Pandemie

  1. Ihre Anmerkung „Behördenversagen“ verstehe ich nicht. Ich kenne zwar weder die Arbeitsweise des Finanzamtes Quakenbrück, noch die Ihres Steuerberaters, glaube aber, dass beide Stellen zur Beantragung einer USt-IdNr. nicht notwendig sind.

    Ich habe meine Nummer vor ca. 20 Jahren direkt in Saarlouis beantragt, inzwischen geht das Online noch direkter.
    Für die USt-IdNr. ist nur Saarlouis zuständig. Dort wandern dann ja auch die zusammenfassenden Meldungen hin, wenn Waren oder Leistungen innerhalb der erbracht oder bezogen wurden.

    1. Natürlich kenne ich das Online-Formular dazu, das man bequem bei ELSTER ausfüllen kann. Als ich dies nutzen wollte, gab es eine Fehlermeldung, dass ich zunächst den Wechsel der Besteuerungsart zu beantragen hätte, also eine Antrag, bevor ich den eigentlichen Antrag stellen kann. Für den durchschnittlich denkenden Menschen wäre es nachvollziehbar, dass man die Besteuerungsart auf Umsatzsteuer wechseln möchte, wenn man eine USt-IdNr. beantragt. Nicht so aber in Deutschland, hier herrscht die hohe Kunst der Bürokratie.

      Da ich noch dutzende andere Anträge zu stellen hatte, aber über beide Ohren mit Kundenprojekten zu tun hatte, habe ich das getan, was Selbständige in so einer Situation immer verantwortungsvoll tun sollten: outsourcen und alles vertrauensvoll in die Hände des Steuerberaters legen, mit dem ich sowieso in engem Kontakt stand. Es wurden auch alle Anträge rasch bearbeitet, nur die USt-IdNr. ist seit fast 6 Monaten trotz ständigem Nachfragen nicht zugeteilt worden. Die Frage ist nur, wo es hakt? Beim Finanzamt oder doch beim Bundeszentralamt für Steuern? Um das herauszufinden, dafür habe ich dann den Steuerberater, der wirklich keine kleine und unerfahrene Kanzlei betreibt. An Unerfahrenheit kann es nicht liegen. Ich verbuche diese Versäumnisse mal unter Behördenchaos unter Corona-Bedingungen zu Lasten der Selbständigen, weshalb diese ärgerliche Anekdote auch Erwähnung fand in meinem Blogbeitrag.

      1. Ja, schon klar. Ich wollte nur den Hinweis aus meiner 30jährigen Erfahrung geben, dass direkte Wege manchmal effektiver sind. Die Steuerbüros sind durch die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des Bundes (u.a. Überbrückungshilfen + div. andere Finanzierungshilfen und deren permanenten Änderungen in der Vergangenheit) sowieso hoffnungslos überlastet. Zumindest erkenne ich das bei meinem Berater.
        Die Beantwortung der Frage, wer denn haftet, wenn EU-Umsätze und deren Meldungen nicht fristgemäßig beim Bundeszentralamt in Saarloius ankommen, wäre schon interessant. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es da z.B. eine Fristverlängerung (ähnlich der Dauerfristverlängerung bei der Umsatzsteuer-Voranmeldung) gibt.

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