
Pfahlbauten – ein europäisches Phänomen
In Mitteleuropa sind über 1000 Fundstellen prähistorischer Pfahlbausiedlungen bekannt und erfasst. 111 von ihnen wurden im Jahre 2011 exemplarisch zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben. Sie befinden sich in den Ländern Schweiz, Italien, Deutschland, Frankreich, Österreich und Slowenien und bilden eine dezentrale Kulturerbestätte im Alpenraum. Weitere Funde dieser Art reichen von Spanien über Griechenland bis nach Russland und Schottland: Pfahlbausiedlungen sind ein gesamteuropäisches Phänomen. Die Zeitspanne dieser Bauten, die an Rändern von Seen, Flüssen oder Feuchtgebieten gebaut wurden, reicht von der Jungsteinzeit (Neolithikum) bis in die Bronzezeit, somit über fast 5000 Jahre.

Für die Archäologie besonders glücklich sind dabei die Konservierungsbedingungen, da sich organisches Material unter Sauerstoffabschluss gut bewahren kann. Dadurch ist nicht nur eine recht präzise Datierung der Bauten durch die Dendrochronologie möglich, der Umstand erlaubt zudem einen detaillierten Einblick in die Lebensbedingungen der frühen Agrargesellschaften in Europa. Erkenntnisse über Landwirtschaft, Tierhaltung, Entwicklung der Metallurgie, Handelsrouten und das Bauwesen werden auf diese Weise ermöglicht. Die archäologischen Zeitkapseln sind allerdings durch den Klimawandel und die Zerstörung natürlicher Uferbereiche bedroht. Zur Geschichte der wissenschaftlichen Erforschung von Feuchtbodensiedlungen und dem aktuellen Stand der archäologischen Forschung erschien jüngst von Christian Harb eine empfehlenswerte Publikation (Die Pfahlbaufrage – ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte und zur Rekonstruktion von Feuchtbodensiedlungen).
Das Pfahlbaumuseum Unteruhldingen
Ein archäologisches Freilichtmuseum
Eine der bedeutendsten Fundstätten von Pfahlbausiedlungen findet sich in Unteruhldingen in der Gemeinde Uhldingen-Mühlhofen am Bodensee. Sie ist eines von 200 derartigen archäologischen Arealen an den Ufern des Sees. In Unteruhldingen entstand auf Initiative von Bürgermeister Georg Sulger bereits 1922 ein Museum zur Thematik der Pfahlbauten, das als archäologisches Freilichtmuseum auf Rekonstruktionen in der Vermittlung setzte. Sukzessive erweitert erwarten die Besucher heute 23 rekonstruierte Häuser aus Stein- und Bronzezeit.

Das Museum ist nicht unmittelbar am Fundort der Pfahlbauten errichtet. Die archäologische Fundstätte selbst befindet sich von Touristen weitgehend unbeachtet südlich des Sportboothafens – gekennzeichnet durch einen minimalistischen Welterbepavillon. Damit ist auch die wichtigste Aufgabe des Museums und des Welterbes als Ganzes angesprochen: ein Bewusstsein für den Wert der Welterbestätte und die Notwendigkeit ihres Erhalts zu schaffen. Das ist angesichts der schwer zugänglichen und zudem kaum sichtbaren prähistorischen Zeugnisse unserer Geschichte eine Herausforderung, der in Unteruhldingen mit vielversprechenden Konzepten begegnet wird.
Die Dauerausstellung und das Archaeorama
Seit 2024 empfängt ein neues Museumgebäude, das Ausstellungsgebäude und Besucherzentrum in einem ist, die Besucher und untermauert den Anspruch als Weltkulturerbestätte. Das vorherrschende Baumaterial Holz nimmt Bezug auf die Themenstellung des Museums. Das Erdgeschoss ist der Ausstellung zahlreicher Originalfunde vorbehalten. Eine Medienstation führt in die Thematik der Pfahlbauten am Bodensee ein. Im Obergeschoss wird der thematische Rahmen erweitert. Viele Aspekte der Forschungsgeschichte und der Unterwasserarchäologie sowie der Blick in die Zukunft stehen nun im Mittelpunkt der Betrachtung.


Besonders hervorzuheben ist, dass die Besucher persönlich abgeholt werden, und das ist hier fast wörtlich zu verstehen. Ein Guide spricht uns an, als wir uns von der zentralen Medienstation abwenden, und führt uns in die nächsten Schritte ein. Uns erwartet die Multimediashow ARCHAEORAMA, bei der wir zwei Räume durchschreiten und dabei in die Arbeitsbedingungen der Unterwasserarchäologie realitätsnah eintauchen – auch das ist fast wörtlich zu verstehen. Lasst euch von dem 360-Grad-Panoramakino überraschen! Mit einer kurzen Einweisung und Einführung werden wir im Anschluss ins Freigelände des Museums entlassen.
Das Freigelände
Die rekonstruierten Pfahlhäuser – ein Überblick
Die 23 rekonstruierten Häuser sind unterteilt in mehrere Cluster, die durch Stege verbunden sind. Diese ermöglichen einen Rundweg durch die Geschichte der Pfahlbauten und ihrer Bewohner. Die Museumsbesucher wandeln dabei zeitlich von der Bronzezeit in die Steinzeit zurück. Dabei begegnen sie zwei grundsätzlichen Konstruktionsprinzipien der Bauten. Am Bodensee dominierte das mehrschiffige Firstsäulenhaus mit Schilfdachdeckung und Lehmwänden. Dort, wo ein größerer Bestand an Nadelwäldern existierte, kamen auch Blockhäuser vor. Dass die Häusergruppen auf durchgehenden Plattformen stehen, ist älteren Lehrmeinungen von Pfahlbausiedlungen geschuldet. In der Forschung umstritten war und ist zudem die Frage, ob die Siedlungen im oder am Wasser gebaut waren. Bei schwankendem Seespiegelniveau ist diese Frage nicht immer eindeutig zu beantworten.
In einigen Häusern stehen menschliche Guides bereit, um dem interessierten Betrachter Aspekte des prähistorischen Lebens anschaulich zu vermitteln. Hier wird experimentelle Archäologie gelebt! Zwischen den Häusern schwimmen fest vertäut, meist aus Eiche gefertigte Einbäume. Diese Wasserfahrzeuge, die aus einem einzelnen Baumstamm hergestellt wurden, dienten zum Fischen und zum Transport von Mensch und Vieh.

Die Riedschachenhäuser und das Dorf Bad Buchau
Wir starten unseren Rundgang bei zwei Pfahlbauten, den Riedschachenhäusern, die bereits zur Eröffnung des Museums 1922 errichtet wurden. In ihnen ist eine Ausstellung zum 100-jährigen Bestehen des Museums untergebracht. Die Häuser sind nach Befunden der jungsteinzeitlichen Siedlung Riedschachen bei Bad Schussenried rekonstruiert.
Gleich nebenan steht eine Häusergruppe im Wasser, die uns in die Bronzezeit, rund 1050 Jahre v. Chr., zurückführt. Es handelt sich um drei Blockhäuser und zwei Häuser mit Lehmflechtwand. In dem als Bad Buchau betitelten Dorf (in Anlehnung an eine Ausgrabung am Federsee bei Buchau) steht ein zum Brennen von Keramik dienender Ofen. In einem der Häuser wird entsprechend die Keramikherstellung in einer Töpferei der Bronzezeit thematisiert. Ebenso findet sich die Werkstatt eines Bronzegießers im Dorf. Ein Vorratshaus zeigt eine Übersicht über die Ernährung der Bronzezeitmenschen. Im Haus des Clanchefs zeugen das Inventar und aufwendig hergestellte Kleidung sowie Schmuck von den sozialen Unterschieden innerhalb der bronzezeitlichen Gesellschaft. Die Herkunft der Gegenstände belegt die weitreichenden Handelsbeziehungen der Bodenseeregion.


Das Dorf Unteruhldingen
Mit dem folgenden Häuserkomplex, dem Dorf Unteruhldingen, bleiben wir in der Bronzezeit und gehen sogar noch 100 bis 200 Jahre in der Zeitrechnung voran. Auffällig ist ein langer, mit Mustern überzogener Firstpfahl. Die Motive sind typisch für die zeitliche Stellung und die regionale Herkunft. Konkret existierte die Siedlung von 975 bis 847 v. Chr. und war eine der größten am Bodensee. Gezeigt werden fünf von 87 Häusern der spätbronzezeitlichen Gesamtanlage, die 500 Meter weiter südlich archäologisch untersucht wurde und die bei günstigen Verhältnissen noch heute an ihren Pfählen im Wasser mit bloßem Auge erkennbar ist.
Thematisch widmet man sich hier zunächst dem Kult des Bronzezeitmenschen. Fragen über Vorstellungswelten von Göttern und der Gestirne sowie über den Bestattungskult werden aufgeworfen. In einem weiteren Haus widmet man sich den Nutztieren, die anhand von Knochenfunden in Gestalt und Nutzung rekonstruiert werden können. Nachweisbar sind hierbei Schweine, Ziegen, Schafe und Rinder. In den Häusern sind auch Alltagszenen aus den Themenbereichen Wohnen und Handwerk nachgestellt. Informativ ist das Haus der Fragen, in dem zahlreiche zentrale Fragen rund um die Gesellschaft und Lebenswelt der Pfahlbauer detailreich beantwortet werden.

Das Dorf Sipplingen
Das folgende Dorf Sipplingen ist ein Ausschnitt mit sechs Häusern aus einem größeren jungsteinzeitlichen Ensemble, das in Sipplingen am Bodensee entdeckt wurde. Die Ufersiedlung mit Palisaden als Wehrkonstruktion unterscheidet sich bereits optisch von den anderen Ensembles. Als Zeitstellung des Dorfes darf 4000 bis 300 v. Chr. angenommen werden. Es konnte entsprechend seiner Lage auch von Land aus auf Bohlenwegen erreicht werden.
Die Häuser zeichnen sich durch eine Zweiräumigkeit und kleine Kochstellen aus. Gezeigt werden eine großdimensionierte Dorfhalle als Versammlungshaus und eine Reihe Handwerkerbauten: Steinhauer, Weber, Fischer, Töpfer. Diese zeugen von der Spezialisierung im Handwerk, die bereits in der Jungsteinzeit ausgeprägt war. Ferner erfahren die Museumsbesucher Wissenswertes über Ackerbau, Jagd sowie Textil- und Geflechttherstellung im Neolithikum. Auch ein Einblick in die teils noch nicht entschlüsselten Bilderwelten des Steinzeitmenschen wird gewährt.

Schlussbemerkung
Dem Pfahlbaumuseum Unteruhldingen gelingt als archäologischem Freilichtmuseum das Kunststück, aus verhältnismäßig wenig originalem Anschauungsmaterial ein umfassendes Vermittlungskonzept auf die Beine zu stellen. Unterwasserarchäologie und ihre Erkenntnisse, die weitestgehend nur die Wissenschaft und eingefleischte Hobby-Archäologen begeistern dürften, sind derart liebevoll und vielschichtig aufbereitet, dass sie geeignet sind, eine breitere Masse für prähistorische Lebenswelten zu interessieren. Wahrscheinlich dürften dabei die Einflechtung in ein gesamteuropäisches Phänomen und die Auszeichnung als dezentrales Weltkulturerbe als ein entscheidender Standortvorteil gewirkt haben. Gelungen ist der Mix aus klassischer Vitrinenausstellung, Multimediashow, anschaulichen Rekonstruktionen sowie experimenteller Archäologie in der reizvollen Bodenseelandschaft aber allemal.



