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Das Charles-Dickens-Festival in Deventer

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Der Weg zum Festival in Deventer

Alljährlich findet im niederländischen Deventer am letzten Wochenende vor Weihnachten ein bemerkenswertes Event, das Charles-Dickens-Festival, statt. Unzählige Schausteller wuseln dabei durch die historische Altstadt an der IJssel. Sie verkörpern zahlreiche Figuren aus den Werken des englischen Schriftstellers Charles Dickens. Eine Weihnachtsgeschichte, Oliver Twist oder David Copperfield gehören zu den bekanntesten Werken des Autors und spielen überwiegend im viktorianischen England des 19. Jahrhunderts. Dabei war Dickens selbst niemals in Deventer. Es war die Ladenbesitzerin Emmy Strik, die erstmals 1991 Bürger aus Deventer davon überzeugen konnte, aus einem verkaufsoffenen Sonntag etwas Besonderes zu machen.

Heute sind es rund 1000 Charaktere, die jedes Jahr über 100.000 Besucher zu diesem sehenswerten Spektakel nach Deventer locken. Der Eintritt war bis 2024, ist nun aber kostenpflichtig, um die besondere Qualität des Festivals weiter zu gewährleisten. Eine nicht unerhebliche Wartezeit beim Einlass sollte eingeplant werden, bevor zwei Wachposten mit Hellebarden den Weg in die viktorianische Welt freigeben. Wer zur Weihnachtszeit dem Einerlei deutscher Weihnachtsmärkte mit ihren Meilen an Glühweinständen etwas entfliehen möchte, dem sei ein Besuch des Festivals in Deventer wärmstens empfohlen. Ferner hat Deventer eine der reizvollsten Altstädte der Niederlande zu bieten.

Der englische Schriftsteller Charles Dickens

Dickens, der 1812 bei Portsmouth im Süden Englands geboren wurde, ist ein Kind der viktorianischen Zeit, sodass seine Geschichten als Zeitgenosse eine hohe Authentizität aufweisen. Da er selbst aus armen Familienverhältnissen stammte, verwundert es nicht, dass er mit seinen Protagonisten aus einfachsten sozialen Verhältnissen seine eigene Lebensgeschichte verarbeitete. Missstände, Armut und Kinderleben in der englischen Stände- und Industriegesellschaft seiner Zeit waren die Themen seiner Romane. Dickens’ sozialkritische Romane zielten darauf, das Gewissen seiner Zeit wachzurütteln und den Weg für soziale Reformen zu ebnen. Mit der Intensität der Anschauung, gepaart mit Humor, schuf Dickens die für ihn typische Atmosphäre.

Deventers Bergkwartier als historische Kulisse

Das Bergkwartier im Osten der Altstadt von Deventer mit seinen engen kopfsteingepflasterten Gassen, die gesäumt werden von Wohnhäusern des 16. bis 18. Jahrhunderts, eignet sich dabei in besonderem Maße als Kulisse. Gerade die Backsteinfassaden, die zwar einer anderen Epoche entstammen, kommen – so will man es sich vorstellen – der Atmosphäre der viktorianischen Zeit in England nahe. Auf dem höchsten Punkt des Viertels steht die spätmittelalterliche Bergkirche, die in die Szenerie und das Geschehen des Festivals einbezogen wird.

Queen Victoria, die dem Zeitalter namengebende Person, wird in einer Sänfte durch die Gassen getragen. Am Tagesende wird sie in der Bergkirche zu einem Konzert erwartet. Überall werden Weihnachtslieder gesungen, zeittypisches Essen präsentiert. Eine Gruppe mit Lauf- und Hochrädern bahnt sich den mühevollen Weg über das Kopfsteinpflaster. Bettler, Wäschefrauen, Marktmädchen, Straßenkehrerinnen, Taschendiebe und ein Schäfer mit Schafsherde streifen rund um die Häuser und vermitteln ein authentisches Bild der englischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Das andere Extrem bilden allerlei edles Volk mit Frack und Zylinder. Tragische Gestalten wie Toby (Trotty) Veck, Lady Dedlock (Figur aus Bleak House) auf dem Friedhof der Bergkirche oder Miss Havisham (aus Große Erwartungen) in ihrem Brautkleid sind liebevoll in Szene gesetzt. Für die musikalische Untermalung sorgen schottische Dudelsackspieler.

Charles-Dickens-Festival Bettler

Dem alten mürrischen Ebenezer Scrooge aus Dickens’ Weihnachtsgeschichte geht man dagegen lieber aus dem Weg. Man erkennt ihn schon von weitem am schwarzen Zylinder. Wenn man die Glocke läuten hört, kann man den Geist von Jacob Marley, Scrooges verstorbenen Partner, an einem Dachfenster sehen. Ein Leichenzug lässt den Besucher zur Seite weichen und einen mulmigen Blick auf einen hölzernen Sarg werfen. Sogar der Tod selbst ließ es sich nicht nehmen, mit dunklen Gewändern durch die Menschenmenge zu schreiten. Auch Oliver Twist, David Copperfield oder Nicholas Nickleby, die alle die namengebenden Personen für Dickens’ Romane darstellten, schreiten durch die Straßen. Um alle Charaktere, denen man in den engen Gassen des Bergviertels begegnet, zu erkennen und zuzuordnen, bedarf es aber sehr guter literarischer Kenntnisse. Insofern kann meine bescheidene Aufzählung nur einen kleinen Eindruck von dem vermitteln, was die rund 1000 Schausteller dem begeisterten Passanten präsentieren.

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