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Die Sage rund um den Rattenfänger von Hameln
Der Rattenfänger von Hameln ist mit seiner Flöte wohl allen Interessierten an der Stadt an der Weser bekannt. Entsprechend wird die Geschichte, die ins Reich der Sagen und Legenden gehört, kulturtouristisch eingesetzt, um Besucher in die Stadt zu locken. Täglich sieht man Stadtführer im Kostüm des Rattenfängers durch die Straßen und Gassen der Hamelner Innenstadt ziehen – im Schlepptau keine Kinderschar, sondern den Worten lauschende Touristen. Quer durch die Altstadt zieht sich eine Spur von Steinen mit Rattendarstellungen. Sie weisen uns einen Rundwanderweg durch Hameln, der an den wichtigsten Bauten und Sehenswürdigkeiten vorbeiführt. Das stadtgeschichtliche Museum Hameln setzt entsprechend seine inhaltlichen Schwerpunkte. Seit Jahrzehnten finden jährlich am Markt Rattenfänger-Festspiele statt. Ein Rattenfänger-Musical namens RATS hat sich ebenso etabliert. Und alle zwei Jahre wird der Rattenfänger-Literaturpreis in Hameln verliehen.
Seit Dezember 2014 gehört die Sage rund um den Rattenfänger zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Die Legende geht dabei auf einen in Teilen historischen Kern zurück, wobei wahrscheinlich zwei ursprünglich selbstständige Sagen verwoben wurden. Spätmittelalterliche Quellen bezeugen ein rätselhaftes, massenhaftes Verschwinden von Kindern in Hameln im Jahre 1284, das mit einer flötenspielenden Teufelsgestalt in Verbindung gebracht wird. Im späten 16. Jahrhundert wird diese von der Figur des bunt gekleideten Rattenfängers abgelöst. Die Geschichtsforschung hat dabei Indizien gefunden, dass die Erzählung mit der im 13. Jahrhundert in ihrer Hochphase stehenden Ostkolonisation im Zusammenhang stehen könnte. Andere Theorien werfen den Kinderkreuzzug von 1212 oder Pestepidemien in die Runde, wobei die Datierung des Ereignisses nicht so recht ins Bild der Überlieferung passen will. Eine Rattenplage wird in den Quellen für Hameln nicht explizit genannt, aber Rattenplagen waren im europäischen Mittelalter ein häufiges Phänomen, was schließlich auch zur Ausbreitung der Pest führte.
1816 entstand die am meisten rezipierte Version der Sage durch die Brüder Grimm, bei der beide Erzählungen – der Kinderauszug und die Rattenplage – verschmolzen. Demnach verhalf ein Fremder im besagten Jahre 1284 den Hamelnern, die Stadt von Ratten und Mäusen zu befreien. Die Nagetiere folgten dem Klang seiner Flöte und ertranken alle in der Weser. Die von dieser Plage Befreiten verweigerten aber dem Rattenfänger den vereinbarten Lohn. Dieser rächte sich darin, dass er wiederkehrte und nun mit seiner Flöte alle Kinder ab dem Alter von vier Jahren – 130 an der Zahl – aus der Stadt lockte und in einem Berg verschwand.

Fakten zur Stadtgeschichte
Wenden wir uns jetzt den wirklich bezeugten Fakten der Stadtgeschichte zu. Hameln wurde erstmals im frühen 9. Jahrhundert bezeugt. Einer gräflichen Eigenkirche folgte weniger Jahrzehnte später unter Aufsicht der Reichsabtei Fulda ein Benediktinerkloster. Es stand am Ort der heutigen Münsterkirche und wurde im Laufe der Zeit in ein Kollegiatstift umgewandelt. Um 1200 ist Hameln erstmals als Stadt wahrnehmbar. Stiftsbezirk und Marktsiedlung wachsen in dieser Zeit zusammen. Im Verlauf der territorialpolitischen Auseinandersetzungen um Stadt und Stift gelingt Herzog Albrecht von Braunschweig der Erwerb der Vogtei über die Stadt Hameln. 1277 bestätigt dieser die städtischen Privilegien.


Im 15. und 16. Jahrhundert war Hameln Mitglied der Hanse. 1540 wurde die Reformation eingeführt. Es setzte der wirtschaftliche Aufstieg der Stadt ein, der bis zum Dreißigjährigen Krieg anhielt. Diese Phase der Stadtgeschichte war architektonisch so prägend, dass Hameln heute als eine der wichtigsten Stätten der Weserrenaisance zu gelten hat. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Stadt zur welfischen Festung ausgebaut. Die Stadtbefestigung wurde 1808 auf Anweisung von Napoleon geschleift, sodass im heutigen Stadtbild nur noch zwei mittelalterliche Türme stehen (Haspelmathturm und Pulverturm). Die Umrisse der Altstadt, deren Dimensionen vergleichsweise bescheiden ausfallen, sind aber im Stadtgrundriss noch ausgesprochen markant ablesbar.

Die Weserrenaissance: historische Architektur in Hameln
Der Steinbau der Frührenaissance
Es gibt nur wenige Städte in Deutschland, in denen der Stein- und Fachwerkbau auf so hohem künstlerischen Niveau miteinander wetteifern. Insbesondere der Steinbau hat in Halmeln einen entscheidenden Anteil an der Entwicklung der Weserrenaissance im 16. und frühen 17. Jahrhundert, während sich vom mittelalterlichen Hausbestand nur wenige und unauffällige Bausubstanz erhalten hat. Die repräsentativsten Bürgerbauten finden sich in den beiden zentralen Straßenzügen, der Osterstraße und der Bäckerstraße. Sie laufen rechtwinklig aufeinander zu und vereinen sich am mittigen Markt mit weiterer herausragender Architektur.
Den Startschuss für die Renaissance in Hameln gibt ein Wohnhaus für den Patrizier Johan Rike in der Bäckerstraße 16. Dem gotischen Steinhaus (heute als Rattenkrug bekannt) wurde 1568 durch den Baumeister Cord Tönnis, der unter anderem für die Grafen zu Lippe am Detmolder Schloss tätig war, eine Giebelfassade mit zweigeschossiger Auslucht vorgesetzt. Der Schweifgiebel trägt bereits die Züge der veränderten Formensprache, während das spitzbogige Portal mit seinem Stabwerk den Nachklang spätgotischer Elemente markiert. Für den Ratsherren Jost Rike entstand nur wenig später im Jahre 1576 in der Osterstraße 12 ein Wohnbau, an dessen noch zurückhaltend gestalteter Fassade wesentliche Elemente der Weserrenaissance voll ausgebildet sind: zwei Utluchten und eine plastische Ausbildung des Schweifgiebels mit Roll- und Beschlagwerkornamentik.


Das Leisthaus und das Dempterhaus
Das Leisthaus (auch Leist’sches Haus) in der Osterstraße 9 beherbergt heute das Stadtmuseum. Es entstand unter Einbeziehung älterer Bausubstanz 1585 bis 1589 für den Patrizier Gerd Leist und wird ebenfalls Cord Tönnis zugeschrieben. Die Werksteingliederung aus Säulen, Gesimsen, Obelisken, Roll- und Beschlagwerk wird hier zur höchsten Plastizität getrieben. An der giebelbekrönten Utlucht – hier steht die vollplastische Figur der Lucretia in einer Nische mit Muschelabschluss – finden sich am Brüstungsfries Figurenreliefs mit den Kardinaltugenden. Derartige Reliefbänder an Utluchten sind ein typisches Motiv an Weserrenaissancebauten und finden sich unter anderem in Lemgo und Minden.


Von ähnlicher Struktur – zumindest in den Untergeschossen – zeigt sich das Dempterhaus (auch Demptersches Haus), das 1608 am Markt für den Bürgermeister Tobias von Dempter errichtet wurde. Das mittige Portal wird wieder von einer doppelgeschossigen und giebelbekönten Utlucht begleitet. Diese ist mit den bekannten Motiven aus Roll- und Beschlagwerk, Obelisken und Halbsäulen besetzt. Neu an der Fassade ist der großzügige Einsatz von Kerbschnittquadern, die im frühen 17. Jahrhundert zu einem zentralen Motiv der Weserrenaissance mutierten. Das zweite Obergeschoss und der Giebel des Hauses sind in Fachwerk aufgeführt. Großflächig kommt an diesen Bauteilen geschnitzte Beschlagwerkornamentik zum Einsatz.


Das Rattenfängerhaus und das Hochzeitshaus
Das dekorative Prinzip mit Kerbschnitt wird an der 1603 für den Ratsherren Hermann Arendes errichteten Fassade des Rattenfängerhauses in der Osterstraße erstmals als dominantes Motiv eingeführt. Als Baumeister kommen Johann Hundertossen oder Eberhard Wilkening in Betracht. In sich verkröpfenden Bändern wechseln hier vielfältige Kerbschnittvarianten und erzeugen eine plastische Gesamtwirkung der Werksteinfassade. Lediglich die Utlucht mit ihren filigranen Säulenstellungen bricht aus diesem dekorativen Konzept aus. Der Giebel des Hauses ist mit Rollwerk, Kugeln und Obelisken besetzt. Weiterhin kommen Beschlagwerk und Diamantquader zum Einsatz.


Das Hochzeitshaus am Markt von Hameln ist ein repräsentativer, langgestreckter Baukörper, in dem der Festsaal der Stadt Platz fand. Zusätzlich waren dort eine Stadtwaage, ein Gerichtssaal, eine Wein- oder Ratsschenke, eine Rüstkammer sowie eine Apotheke beheimatet. Die Planung und Ausführung des 1610 bis 1617 errichteten Gebäudes werden dem bereits oben erwähnten Eberhard Wilkening zugeschrieben. Der Baumeister war an zahlreichen Schlössern des Weserraums tätig und auch in Hameln ansässig.

Insbesondere das Schloss Hämelschenburg südlich von Hameln darf als Blaupause für die Gestaltung der Fassaden des Hochzeithauses vorbildhaft gewirkt haben. Die Schmalseiten werden von Schweifgiebeln bekrönt, während die zur Osterstraße weisende Fassade drei Zwerchgiebel trägt. Beherrschendes dekoratives Element des Hochzeitshauses ist der Kerbschnitt, der bereits am Dempterhaus zum Einsatz kam. Das für die Weserrenaissance so typische Motiv ist in parallel umlaufenden Bändern mit wechselnden Kerbschnittformen organisiert. Außerdem bildet das Beschlagwerk ein weiteres dominantes Ornament der Fassaden. Insgesamt ist das Dekor am Hochzeitshaus aber weniger plastisch ausgebildet als am Rattenfängerhaus.


Das Stiftsherrenhaus
Der Fachwerkbau steht in Hameln dem Steinbau kaum nach. Allen voran ist das sogenannte Stiftherrenhaus in der Osterstraße, unmittelbar neben dem Leisthaus, zu nennen, das 1558 für Friedrich Poppendiek erbaut wurde. Anders als der Name vermuten lässt, war der Bauherr kein Geistlicher, sondern ein Kaufmann und Hamelner Bürgermeister. Der dreistöckige Bau, dessen Geschosse über Knaggen kräftig vorkragen, ist trotz seines repräsentativen Charakters traufständig ausgeführt. Vor dem Hauseingang ist ein Beischlag errichtet, dessen Wangen mit den figürlichen Darstellungen von Fides und Justitia – gerahmt durch Hermenpilaster – besetzt sind.

Außergewöhnlich ist insbesondere der Reichtum der Schnitzereien. Neben den in der Weserrenaissance häufig auftauchenden Fächerrosetten und dem Taubandornament ziehen die Knaggen und Balkenköpfe die Aufmerksamkeit auf sich. Letztere sind mit Maskenköpfen besetzt, während die Knaggen aufwendige figürliche Darstellungen aus der christlichen und antiken Mythologie zeigen. Im Untergeschoss sind Christus und die Apostel zu sehen. Die Reihe darüber trägt alttestamentarische Figuren und Szenen. Unter der Traufe sind die Knaggen mit Planetengottheiten und Sternbildern besetzt.


Weitere Fachwerkbauten
Die vielen geschlossen erhaltenen Fachwerkstraßenzüge Hamelns lassen sich zeitlich meist zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert einordnen. Ein intensiverer Blick lohnt sich unter anderem in die Alte Marktstraße, die Neue Marktstraße, die Wendenstraße sowie die Kupferschmiedestraße. Zwischen die unzähligen Bürgerhäuser mischen sich vereinzelt Objekte wie Stiftskurien oder Adelshöfe wie der ins Mittelalter zurückreichende Redenhof zwischen dem Osterwall und der beschaulichen Großehofstraße. Für die Stiftskurien kann die stattliche, aus Fachwerk errichtete Kurie Jerusalem in der Alten Marktstraße beispielhaft stehen.


In den Gassen Hamelns stechen weitere Bürgerhäuser als Einzelbauten heraus. Prächtig mit Fächerrosetten besetzt ist die Giebelfassade des Hauses Kupferschmiedestraße 13 von 1560. Geschnitzte Beschlagwerkornamentik bereichert beispielhaft die Fassaden der Häuser Wendenstraße 8 (Lückingsches Haus) und Kupferschmiedestraße 10. In der Bäckersstraße sind das Haus Nr. 44 (Solimanhaus) aus der Mitte des 16. Jahrhunderts sowie das stattliche Fachwerkhaus mit Utlucht in der Nr. 21 hervorzuheben. Die Fülle beachtlicher Fachwerkarchitektur ist in Hameln trotz der zahlreichen aufgeführten Beispiele lediglich schlaglichtartig zu würdigen.


Würdigung
Neben Bremen und Lemgo ist Hameln die Stadt mit dem reichsten Bestand an Weserrenaissancebauten und ein Gesamtkunstwerk. Gegenüber der Hansestadt Bremen hat die Hamelner Altstadt zudem den Vorteil, dass sie weitgehend von Kriegseinwirkungen verschont blieb und mit ihrer Kombination aus Steinbauten und dem Fachwerkbestand eine einzigartige Architekturkulisse an der Weser bildet. An zahlreichen Beispielen kann man die Eigenarten der Weserrenaissance studieren und sie in einen größeren Kontext stellen. Im näheren Umfeld von Hameln finden sich zudem mit den Schlössern Hämelschenburg und Schwöbber gleich zwei Inkunabeln des charakteristischen Architekturstils. Dabei gehen beachtenswerte Bauten wie die bis in die Romanik zurückgehende Münsterkirche fast schon unter, auch weil sie am Rande der Altstadt etwas abseits der touristischen Routen steht. Mit der Legende um den Rattenfänger von Hameln verfügt die Stadt darüber hinaus über ein kulturtouristisches Leitmotiv, das man zu nutzen weiß.



