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Besuch im Museumsdorf Cloppenburg

Posted on – zuletzt aktualisiert am 22. Juli 2026
Museumsdorf Cloppenburg - Hof Wehlburg
Typisches Bauernhaus des Artlandes: Giebel des Haupthauses am Hof Wehlburg

Landleben in Niedersachsen

Cloppenburg liegt zwischen Oldenburg und Osnabrück in einer von Touristen wenig beachteten Gegend im landwirtschaftlich geprägten Oldenburger Münsterland im westlichen Niedersachsen. Gleiches ließe sich über die Stadt selbst sagen, wenn da nicht eines der ältesten Freilichtmuseen Deutschlands wäre: das Museumsdorf Cloppenburg. Es zeigt einen Überblick über die ländliche Wohnkultur, die Landwirtschaft und die bäuerliche Gesellschaft Niedersachsens seit dem 16. Jahrhundert.

Der Eingangs- und Kassenbereich des Museums ist vor einigen Jahren verlegt worden. Um ihn herum entsteht ein Areal mit dem Schwerpunkt des dörflichen Lebens des späten 20. Jahrhunderts. Eine solche Ausdehnung des zeitlichen Rahmens ist in den vergangenen Jahren in zahlreichen Freilichtmuseen zu beobachten. Die Disco Sonnenstein – ein Zeugnis der Jugendkultur auf dem Land – mit dem typischen Charme der 70er und 80er Jahre entstand. Weitere Ideen wie Tankstelle, Tante-Emma-Laden oder Friseur zeichneten sich bereits ab, als im Juli 2021 ein Feuer im Depot große Teile von Inventar und Objekten dieser Zeitspanne vernichtete. Unter den Stichworten Konsum – Mobilität – Freizeit zeigt eine kleine Ausstellung unter dem Titel Konsum(t)räume einen Überblick über den ländlichen Alltag im nordwestlichen Deutschland nach 1945 – inklusive des obligatorischen Tante-Emma-Ladens. Das 20.-Jahrhundert-Konzept des Museums wird abgewandelt fortgesetzt.

Den Kernbereich des Museums erreicht man aber erst, nachdem man auf einer Brücke das Flüsschen Soeste und eine Straße überquert hat. Der erhöhte Standpunkt gestattet im norddeutschen Flachland ungewohnte Einblicke in die niedersächsische Gehöftlandschaft des Freilichtmuseums. Trutzig begrüßt uns gleich zu Beginn die gewaltige Münchhausenscheune aus dem Jahre 1561, die in Aerzen als Zehntscheune diente. Seit der Verlegung des Museumseinganges dient sie als Ausstellungsgebäude und Magazin. Dahinter startet der Rundgang durch das Museumsgelände mit insgesamt 31 Stationen.

Museumsdorf Cloppenburg - Münchhausenscheune
Münchhausenscheune – ehemaliger Eingang zum Museumsdorf

Die Hofanlagen und das niederdeutsche Hallenhaus

Die Hofanlage Wehlburg

Mehrere Hofanlagen mit Haupthaus und diversen Wirtschaftsgebäuden bilden wichtige Ankerpunkte des Rundganges auf dem Areal. Die größten und umfangreichsten unter ihnen sind die Höfe Wehlburg, Quatmann, Haake und Hoffmann. Insbesondere die stattliche Hofanlage Wehlburg aus Wehdel (Landkreis Osnabrück) lädt zu längerem Verweilen ein. Sie wurde Mitte des 18. Jahrhunderts im Artland errichtet, in dem es heute noch zahlreiche vergleichbare Höfe in situ zu bestaunen gibt. Man schreitet zunächst durch die Torscheune in den allseits bebauten Innenhof der Hofstelle. Scheunen, Remise und Haupthaus sind zu einer Vierflügelanlage geformt. Erst von hier wird der Blick freigegeben auf die prächtige, mehrfach vorkragende Giebelfassade des Haupthauses, die den sozialen Stand der Bauernfamilie Wehlburg widerspiegelt.

Im Innern des mächtigen Haupthauses bietet sich das übliche Bild einer bäuerlichen Behausung der frühen Neuzeit in einem niederdeutschen Hallenhaus, wie man es im Museumsdorf Cloppenburg auch an den anderen Höfen studieren kann. Durch das weite Einfahrtstor betritt man die langgestreckte Diele, die flankiert ist von Stallungen für das Vieh und über der in der Regel der Ernteboden im Dachraum liegt. Das hier sichtbare hölzerne Ständergerüst ist das tragende Element des Fachwerkhauses. Am Kopfende befindet sich das Flett mit der überlebenswichtigen Feuer- und Herdstelle, dahinter entsprechend rußgeschwärzte Wände. Türen führen seitlich in den Wohntrakt, der je nach sozialer und finanzieller Stellung des Bauern opulenter oder karger und beengter ausfallen kann.

Die Hofanlage Quatmann

Auch die Hofanlage Quatmann aus Elsten (Landkreis Cloppenburg), mit deren Aufbau im Jahre 1934 die Geschichte des Freilichtmuseums begann, besitzt als Haupthaus ein niederdeutsches Hallenhaus. Es misst in der Länge stattliche 45 Meter und zeigt die repräsentative Wohnsituation eines Großbauern im frühen 19. Jahrhundert. Die Dimensionen des Hauses ermöglichten die Einrichtung einer Vordiele mit Stallungen für die Pferde. Darüber lagen die Kammern der Knechte. Zudem sind in dem Bau Wohn- und Stallteil bereits voneinander durch eine Scherwand abgetrennt. Der Herdraum wurde durch einen Kamin rauchfrei gehalten. Die Einrichtung der Wohnräume dokumentiert den Versuch der wohlhabenden Landbevölkerung, den städtischen Wohnstil nachzuahmen.

Museumsdorf Cloppenburg - Hof Quatmann - Gute Stube
Gute Stube im Hof Quatmann

Die Nebengebäude bestehen aus Scheune, Viehstall und Remise. Am auffälligsten ist allerdings der in unmittelbarer Nachbarschaft des Haupthauses errichtete offene Dreschturm mit Pferdegöpel (aus Osterssen, um 1880). Mit ihm konnten verschiedene Maschinen auf der Diele des Haupthauses angetrieben werden. Dazu gehört auch eine Dreschmaschine, die die harte manuelle Arbeit des Dreschens mit dem Dreschflegel ab Ende des 18. Jahrhunderts erheblich vereinfachen und rationalisieren konnte.

Museumsdorf Cloppenburg - Hof Quatmann
Haupthaus des Hofes Quatmann – daneben Dreschturm mit Pferdegöpel

Die Hofanlagen Haake und Hoffmann

Auf der Hofanlage Haake, deren Haupthaus aus Cappeln (Landkreis Cloppenburg, erbaut 1793) wiederum ein niederdeutsches Hallenhaus – hier als Vierständerbauweise – mit Diele und Flett darstellt, steht das Brauen im Mittelpunkt. Die Baugruppe steht beispielhaft für eine großdimensionierte Hofstelle mit Gastwirtschaft um 1800. Nebengebäude wie die Speicherremise, die Zaunscheune oder der Viehstall sind ebenso wie das stattliche Brauhaus aus anderen Hofkontexten zusammengetragen. Im Letzteren werden die Bedeutung des Bieres als Alltagsgetränk und Grundnahrungsmittel und die Technik des Brauens erläutert und veranschaulicht.

Die Hofanlage Hoffmann ist ein weiterer Bauernhof mit Hallenhaus (aus Goldenstedt, Landkreis Vechta). Das Haupthaus stammt im Kern aus dem frühen 18. Jahrhundert, wurde allerdings im 19. Jahrhundert verlängert. Die Konstruktion mit Diele und Flett war stets ein Rauchhaus ohne Kamin und Schornstein, durch die der Rauch der Herdstelle hätte abziehen können. Der Qualm wurde zum Räuchern der im Flett aufgehängten Würste und Schinken genutzt. Die Wirtschaftsgebäude des Hofes Hoffmann, Zaunscheune und Speicher, stammten wiederum von anderen Hofstellen.

Museumsdorf Cloppenburg - Hof Hoffmann
Die Hofanlage Hoffmann

Beispiele für Gulfhäuser

Einen anderen Schwerpunkt des Cloppenburger Freilichtmuseums stellen die in Küstenregionen, insbesondere Friesland, verbreiteten Gulfhäuser dar, die sich im 16. und 17. Jahrhundert alternativ zum Hallenhaus entwickelten. Damit ist eine Bauform gemeint, die sich von dem älteren Typus dadurch unterscheidet, dass der Wohntrakt sich in einem Vorderhaus befindet und die Dächer auf den Abseiten der Stallungen weiter heruntergezogen sind. Der Stalltrakt ragt dadurch aus der Flucht des Wohntraktes. Das Einfahrtstor rückt aus der Mitte der Fassade, wodurch diese asymmetrisch angelegt ist. In der Mitte des Hauses liegt der namengebende Gulf mit den Erntelagerräumen, die bis unter das Dach reichen. In der Regel sind Gulfhäuser aus Backstein errichtet, was sie zusätzlich von den in der Mehrzahl aus Fachwerk errichteten Hallenhäusern absetzt.

Museumsdorf Cloppenburg - Hof Awick
Gulfhaus des Hofes Awick

Das beste Beispiel für ein Gulfhaus auf dem Museumsgelände stellt das Haupthaus des Hofes Awick aus Scharrel im Saterland dar. Es entstand 1822 nach einer Brandkatastrophe, die das ganze Dorf vernichtete. Beim Wiederaufbau entschied man sich bewusst für die neue Bauform des Gulfhauses. Das Mobiliar und die Existenz einer Guten Stube zeigen den Anspruch des Bauern, mit städtischer Kultur mitzuhalten. Ein weiteres Gulfhaus auf dem Museumsgelände stammt aus dem ostfriesischen Firrel. Das Haupthaus des Kolonats Meyer entstand Anfang des 20. Jahrhunderts.

Heuerhäuser, Mühlen und andere Kleinode

Das Gros der rund 60 Gebäude im Museumsdorf machen Werkstätten (Tischlerei, Stellmacherei, Schmiede, Drechselei), Ställe, Scheunen und Heuerhäuser aus. Heuerlinge waren vom 17. bis zum 20. Jahrhundert ein wichtiger Bestandteil der Agrarwirtschaft in Nordwestdeutschland und Westfalen. Im Gegensatz zum Hufner (auch: Vollbauer) besaßen sie keinen eigenen Boden, sondern mussten das Ackerland beim Bauern pachten. Entsprechend waren ihre gemieteten Häuser enger und erheblich bescheidener eingerichtet. Auf dem Museumsgelände vermitteln das Heuerhaus von Hof Suing aus Astrup (Landkreis Vechta, vor 1750) und das Heuerhaus von Hof Meyer zu Repke aus Bühren (Landkreis Cloppenburg, 1741) diesen Typus am anschaulichsten. Auch ein Doppelheuerhaus ist auf dem Gelände zu sehen.

Museumsdorf Cloppenburg - Heuerhaus und Kappenwindmühle
Heuerhaus Hof Meyer zu Repke und Kappenwindmühle

Echte Hingucker in Freilichtmuseen sind stets die Mühlen. Das ist auch in Cloppenburg nicht anders. Auf dem Gelände befinden sich gleich drei Windmühlen von verschiedenartigem Typus: eine Bockwindmühle, eine Kappenwindmühle und eine Kokerwindmühle. Die ältere Bauart der Bockwindmühle wurde dabei ab Mitte des 18. Jahrhunderts von den leichter zu handhabenden Kappenwindmühlen, die in den Niederlanden entwickelt wurden, abgelöst. Als Beispiel für Letztere steht im Museum eine Windmühle aus Bokel (Landkreis Cloppenburg), die zur Erbauungszeit 1764 hochmodern war. Besonders schmunzeln mussten wir über eine kleine Anekdote über die 1638 errichtete Bockwindmühle aus Essern (Landkreis Nienburg). Deren Flügel wurden im 18. Jahrhundert gestutzt, damit sie nicht die an der Mühle weidenden Schafe totschlagen. Offensichtlich ist das wirklich vorgekommen.

Zwei weitere Kleinode haben es mir besonders angetan: Natürlich ist die Dorfkirche darunter, die sich als kleiner Fachwerkbau aus Klein Escherde aus dem Jahre 1699 präsentiert. Und da ist noch ein unscheinbares Gebäude, das sich ganz am Rand des Museumsgeländes fast versteckt: ein Kornspeicher aus dem späten 15. Jahrhundert, der komplett von Lehm ummantelt ist. So einem Objekt begegnet man in freier Wildbahn äußerst selten. Das hiesige Exemplar stammt vom Hof Helmsmüller aus Donstorf (Landkreis Diepholz).

Der Adel auf dem Lande

Mit dem Landadel war Grundherrschaft verbunden, die für die Bauern als Hofhörige oder Leibeigene mit Diensten oder Abgaben verbunden war. Das Herrenhaus Arkenstede aus dem Landkreis Cloppenburg ist ein Beispiel für adelige Wohnkultur auf dem Lande. Es entstand als Fachwerkbau im Jahre 1684 unter den Bauherren Otto von Kobrinck und Agen Sophie von Kobrinck, geborene von Bar. Mit der Dauerausstellung Adel auf dem Lande werden zahlreiche Aspekte des adeligen Lebens im nordwestlichen Deutschland wie Mode, Repräsentation und Tradition thematisiert. Hierzu gehört auch die Gartenkultur, die insbesondere im 19. Jahrhundert aufblühte.

Die kleinen Extras

Was das Museumsdorf Cloppenburg zusätzlich auszeichnet, ist die gemütliche Atmosphäre mit einem Dorfteich und dem Dorfkrug in der Mitte des Areals. In Letzterem kann der Besucher selbstredend einkehren. Das Museum ist auch für Familien mit Kindern gut als Tagesausflug geeignet: Nie fühlt man sich getrieben, weil eine zu große Anzahl von Objekten zur Eile antreiben würde. Mehrmals im Jahr locken Spezialveranstaltungen wie die Historische Dorfkirmes, das Erntedankfest oder ein Nikolausmarkt. Mehrere kleine Ausstellungen lockern die Eindrücke auf und vertiefen das Verständnis rund um die bäuerliche Gesellschaft der vergangenen Jahrhunderte in Nordwestdeutschland. Natürlich fehlt es auch nicht an Möglichkeiten, frisches Brot in einem Backhaus und in der Töpferei Tonwaren aller Art zu erwerben oder beim Handwerk zuzuschauen. Dieses Gesamtpaket macht das Freilichtmuseum in Cloppenburg zu einem der besuchenswertesten seiner Art.

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