
20 Jahre Stadtbild Deutschland
Der Verein Stadtbild Deutschland, der sich deutschlandweit für historische Baukultur und Rekonstruktion einsetzt, hat im Rahmen einer Tagung in Frankfurt am Main sein 20-jähriges Bestehen gefeiert. Ich selbst begleite die Geschicke der gemeinnützigen Organisation seit nunmehr exakt zehn Jahren – mit Wohlgefallen, aber ebenso mit kritischem Hinterfragen. Im Herbst 2016 sprach mich der mir bis dahin unbekannte Verein an, ob ich unter bestimmten Konditionen bereit sei, eine neue Vereinswebsite zu erstellen. Diese Website blieb neun Jahre lang bestehen. Mit dem in diesem Kontext von mir kreierten Corporate Design präsentiert man sich noch heute. Ich kann also mit gutem Grund behaupten, dass ich die Öffentlichkeitsarbeit von Stadtbild Deutschland entscheidend mitgeprägt habe. Mein Enthusiasmus für historische Architektur ist meiner akademischen Ausbildung als Kunst- und speziell Architekturhistoriker geschuldet.
Stadtbild Deutschland kann mittlerweile auf zahlreiche Erfolge beim Erhalt historischer Bausubstanz und der Wiedergewinnung verlorener Stadtbilder zurückblicken, zu denen der Verein unterstützend beigetragen hat. Insbesondere die weitgehend autark agierenden Orts- und Regionalverbände können erfolgreiche Arbeit vorweisen. Nur einige Beispiele unter vielen: Dem Ortsverband Darmstadt gelang die denkmalgerechte Rekonstruktion und Aufstellung des Ludwigs-Tempels am historischen Ort. Für dieses Engagement erhielt der Ortsverband den Ehrenamtspreis des Hessischen Denkmalschutzpreises. Ferner wird jährlich der Preis Gebäude des Jahres durch den Gesamtverein verliehen. Der Ortsverband Berlin vergibt seit Kurzem den Berliner Fassadenpreis für die qualitativ herausragende Wiederherstellung historischer Fassaden an private Eigentümer und Fachhandwerker. Weitaus kritischer sind Versuche des Ortsverbandes Köln einzuordnen, einem zeitgenössischen Kunstwerk im musealen Kontext die Existenzberechtigung abzusprechen und seine Vernichtung anzuregen. Zeit, im Rahmen einer Tagung Bilanz zu ziehen!
Tagung: Bilanz und Ausblick auf unsere Baukultur
Vorträge zu Architektur und Städtebau
Drei hochkarätige Redner eröffneten die Tagung, die vom Vereinsvorsitzenden Tilo Bergmann moderiert wurde. Der Architekturkritiker Dankwart Guratzsch sprach über Kunst und Architektur im Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch und Technikrevolution. Markus Rothhaar bilanzierte als Gründungsvorsitzender des Vereins die Arbeit von Stadtbild Deutschland. Georg Ebbing, Professor für Gebäudelehre und Entwerfen an der Hochschule RheinMain, widmete sich der Bedeutung der Alltagsarchitektur für das Bild der Stadt. Die Vorträge vor rund 50 Zuhörern konnten kaum vielfältiger ausfallen und beleuchteten die Herausforderungen des Städtebaus im 21. Jahrhundert aus unterschiedlichen Perspektiven.
Die Frage des Kunstbegriffs im Zeitalter der Industrialisierung
Guratzsch konfrontierte das Publikum zum Einstieg mit einer intellektuellen Herausforderung, die phasenweise von der Architektur stark abschweifte. Der Architekturkritiker, dessen Texte nicht selten scharf formuliert sind, beschrieb in seinem Vortrag eine Spaltung im Verständnis von Kunst, wie sie seit 200 Jahren mit dem Einsetzen der Industrialisierung und ihren neuen Möglichkeiten der Produktion zu beobachten ist. Sein kenntnisreicher Vortrag glänzte dabei durch zahlreiche zeitgenössische Zitate, die die Grundthese veranschaulichen sollten. Guratzsch verwies darauf, dass bereits der Architekt Heinrich Hübsch Mitte des 19. Jahrhunderts die Spaltung der Architektur in eine traditionelle und eine moderne Strömung beklagte. Sakralbau und Industriehalle in Gusseisenkonstruktion traten in dieser Zeit in Konkurrenz bei der Prägung von Stadt- und Leitbildern.
50 Jahre zuvor beschrieb Goethe in einem unveröffentlichten Text von 1797 die industrielle Fertigung von Kunst als albtraumhafte Vision. Die Aufklärung und die industrielle Revolution veränderten auch die Maßstäbe im Kunstschaffen: Das Ideal lag nun in stetiger Neuerung, nicht mehr in Vollkommenheit. Rund 100 Jahre nach Goethes Vision wurden Mechanisierung und Serienproduktion in der Kunst für den Jugendstilkünstler Henry van de Velde, einen wichtigen Vordenker des modernen Produktdesigns und des Deutschen Werkbundes, zu einem erstrebenswerten Ziel. Er stellte den Grundsatz auf, jede Form und jedes Ornament zu verwerfen, die ein moderner Maschinenbetrieb nicht leicht herstellen und wiederholen kann, um Kunst und Architektur vollständig zu erneuern.
Mit dem architektonischen Werk von Karl Friedrich Schinkel präsentierte Guratzsch zum Abschluss seines Vortrages einen Weg, traditionelle Formensprache und Materialität einerseits mit moderner Zweckkonstruktion andererseits wie an der Berliner Bauakademie in Einklang zu bringen. Schinkel verarbeitete dabei seine zugleich erschütternden und faszinierenden Eindrücke einer Englandreise im Jahre 1826, auf der er frühe Industriebauten – insbesondere in Manchester – kennenlernen konnte, wie sie auf dem Kontinent noch unbekannt waren. Dieses Nebeneinander von Altem und Neuem sind es auch, die Guratzsch als möglichen Ausweg aus dieser Spaltung in der Kunstfrage anführt. Gleichwohl sieht er mit dem Aufkommen von Künstlicher Intelligenz eine neue Revolution mit ähnlicher Sprengkraft für Kunst und Architektur aufziehen.
Stadtbild Deutschland als Netzwerk für Stadtbildpflege
Rothhaar ließ anschließend die Gründungsgeschichte des Vereins, der aus dem später vereinseigenen Internetforum Architectura pro homine hervorging, Revue passieren. Als Motivation für diesen Schritt führte er die Defizite der architektonischen Moderne an, die vor dem Hintergrund der kriegszerstörten deutschen Städte geschichtsvergessene und ästhetisch arme Stadtbilder produzierte. Durch Netzwerk- und Lobbyarbeit sollte in Öffentlichkeit und Politik ein Bewusstsein für die Wiedergewinnung von Stadtgeschichte geschaffen und die zahlreichen Bürgerinitiativen vor Ort unterstützt werden.
Damit wurde die Rekonstruktion für den neu gegründeten Verein schnell zu einem der Kernthemen. Rothhaar verwies in diesem Kontext auf den häufigen institutionellen Gegenwind, der dem Verein in seinem Anliegen bis heute – gerade vonseiten der Denkmalpflege – entgegenweht. Hierbei beklagte er insbesondere die zunehmende politische Aufladung und Polarisierung der Diskussionsräume. Besonders überzeugend war seine differenzierte Sicht auf die Frage nach der Authentizität einer Rekonstruktion. Dabei sei darauf abzustellen, ob sich ein Bauwerk durch seine künstlerische Idee oder durch seine historisch gewachsene Bausubstanz definiert. Der Kürze der Darstellung dieses Tagungsberichtes ist es geschuldet, dass ich auf diese Gesichtspunkte nicht in der notwendigen Tiefe eingehen kann. Kurz gesagt: Beides kann von Relevanz sein, je nachdem, was das neu errichtete Gebäude zu erreichen imstande sein soll.
Ebbing wählte einen unorthodoxen Zugang zum Stadtbild, indem er sich nicht der einzigartigen, sondern der Alltagsarchitektur der Stadt widmete: Sie sei es, die die Textur des Ortes ausmache. Dabei gab Ebbing zu bedenken, dass die Gestalt unserer Häuser und Fassaden in der Regel keine Privatsache sei, sondern eine soziale Angelegenheit, denn sie forme den öffentlichen Raum, der uns alle beträfe. Das Haus gewinne Bedeutung – so unscheinbar es auch sei – im Zusammenhang des Straßen- oder Platzraums. Stadtbaukunst sei deshalb auch keine Stilfrage, sondern eine Frage des Einfügens in den baulichen Bestand. Derselbe Bau könne an einem Ort aufwertend wirken, während er an einem anderen deplatziert erscheine. Das schließt sowohl Rekonstruktionen als auch unscheinbare Nachkriegsarchitektur als legitime Varianten der Stadtbaukunst ein.
Letztlich plädierte Ebbing für den Stadtbau der Normalität und Homogenität, der eine andere Definition von stadtbildprägender Architektur hervorbringt. Er stellt nicht die Prestigebauten, sondern die alltägliche, die bescheidene Architektur in den Mittelpunkt. Wir sprechen hierbei auch von Grauer Architektur, ohne damit zwangsläufig eine Anspielung auf die Farbe der Fassaden zu verfolgen. Als Muster für gelungene Architektur, die diesen Prinzipien folgt, stellte Ebbing Beispiele aus dem Werk des dänischen Architekten Kay Fisker vor. Ob dieser akademische Ansatz allerdings jeden Zuhörer im Raum für diese bewusst unspektakuläre Form der Stadtbaukunst gewinnen konnte, darf bezweifelt werden.
Podiumsdiskussion
Bei der folgenden Podiumsdiskussion stießen Johannes Volkmann, Mitglied des Deutschen Bundestages, und Wilhelm von Boddien zur Runde. Letzteren kann man mit gutem Grund als Ehrengast der Tagung bezeichnen. Als Gründer des Fördervereins Berliner Schloss e. V. und Initiator der Schlossrekonstruktion nahm er zunächst an der Podiumsdiskussion teil. Anschließend nahm er – mit mehreren Jahren Verzögerung – sichtlich gerührt den Preis Gebäude des Jahres 2020 für den Förderverein bzw. das prämierte Berliner Schloss entgegen. Im Vorfeld der Verleihung waren auch Zweifel an der Wahl des Preisträgers zu vernehmen. Schließlich ist das Bauwerk seit vielen Jahren Gegenstand scharfer und erbitterter Kontroversen. Auch wenn zahlreiche würdige Projekte mit weniger Brisanz zur Wahl standen, so muss doch anerkannt werden, dass die Abstimmung unter den Vereinsmitgliedern und den Forennutzern einem demokratischen Prozess folgt und damit zu akzeptieren ist.
Wer bei der Podiumsdiskussion scharfe Kontroversen erwartet hätte, wurde enttäuscht. Dafür lagen die Vorstellungen der Diskutanten von lebens- und erstrebenswerten Stadtbildern zu nahe beieinander. Immer wieder klang Kritik an der institutionellen Denkmalpflege durch, der man sogar eine Verhinderungstaktik in Hinblick auf Rekonstruktionen vorwarf. Selbst Ebbing, der aufgrund seiner Ausbildung einen stärker akademisch geprägten Blick auf Stadtarchitektur mitbrachte, gestand ein, sich unter Architekturromantikern wohlzufühlen. Dennoch kam ihm die Rolle eines Brückenbauers zwischen den Positionen von Stadtbild Deutschland und den Standpunkten der Rekonstruktionskritiker zu. Er gab zu bedenken, dass man aufgrund der Erfahrungen aus der langjährigen Denkmalpflege davon ausgehen dürfe, dass auch Nachkriegsbauten, die heute noch nicht im Blickfeld des Denkmalschutzes stehen, eines Tages als erhaltenswert angesehen werden würden.
Einigkeit herrschte insbesondere darin, dass das bürgerliche Engagement für Stadtbildpflege und Denkmalschutz vor Ort von hoher Bedeutung sei und die Nachhaltigkeit fördere. Dabei ging man aber davon aus, dass die Zeit der großflächigen Rekonstruktionen wie in Dresden, Potsdam und Frankfurt aufgrund des einfachen Umstandes zu Ende sei, dass derzeit keine entsprechenden Brachflächen in Altstädten zur Disposition stünden. Entsprechend gelte es, neue Strategien zu entwickeln, wie das Thema Rekonstruktion und klassisches Bauen weiterhin am Leben erhalten werden kann. Volkmann gebührt der Dank für den Hinweis, dass sich mit jüngeren technischen Entwicklungen wie sozialen Medien und künstlicher Intelligenz niedrigschwellige Möglichkeiten ergeben, die Öffentlichkeit auf visueller Ebene zu mobilisieren und auf Entscheidungsprozesse einzuwirken. Kritisiert wurde in der Diskussionsrunde zudem die Architektenausbildung, in der Architekturgeschichte nur selten oder stark verkürzt vermittelt werde.
Themenforen
Am Nachmittag teilte sich das Publikum in drei interaktive Foren mit sehr unterschiedlichen Schwerpunkten und Abläufen auf. Teilweise mussten Programmpunkte krankheitsbedingt sowie mangels Interessenten abgesagt werden, sodass sich letztlich folgende Struktur ergab:
- Forum 1: Impulsvorträge
- Chancen und Möglichkeiten künstlicher Intelligenz in Architektur und Stadtplanung
- Klassisches Entwerfen – welchen Qualitätsanspruch braucht die klassische Baukunst der Gegenwart?
- Forum 2: Workshopformate
- Die neue Gartenstadt – ästhetischer Siedlungsbau als bezahlbares Wohnen von morgen
- Die Rekonstruktion verlorener Meisterwerke der Baukultur – von der Vision zur Realisierung
- Forum 3: Fachexkursion
- Neue Altstadt, Langer Franz & städtebauliche Herausforderungen der westlichen Frankfurter Altstadt erleben
Kritik
Stadtbild Deutschland hat eine rundum gelungene Veranstaltung auf die Beine gestellt, die leider außerhalb des eigenen Kosmos nur wenige Interessierte anzog. Einen Höhepunkt stellte der Auftritt des sympathischen und eloquenten Wilhelm von Boddien dar, dessen Überzeugungskraft und Beharrlichkeit maßgeblich dazu beigetragen haben, dass Schlüters Fassaden des Berliner Schlosses wieder in natura bewundert werden können. Und dennoch gab es jene Momente, die den Kunsthistoriker in mir zusammenzucken ließen. Wenn etwa Guratzsch in der Podiumsdiskussion die Unterschutzstellung von Bauten der 1920er Jahre kritisiert, kann der Eindruck entstehen, dass er architektonischen Strömungen wie Bauhaus, Art Déco, Expressionismus oder Heimatschutzstil pauschal ihren Denkmalwert abspricht. In diesem Kontext könnte man sicherlich einwenden, dass der Tagung mehr Kontroversen, mehr Gegenrede gutgetan hätte. Doch ist eine Jubiläumsveranstaltung möglicherweise nicht der richtige Rahmen, um diese Gegensätze auszutragen.



