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Stadtgründung unter Fürst Malte von Putbus
Das Städtchen Putbus ist ein ungewöhnlicher Ort, den man hier auf der durch Bädertourismus und Fischerdörfer geprägten Insel Rügen in dieser Form nicht unbedingt erwarten würde. Glanzvoll, geradezu mondän präsentiert sich die Residenzstadt mit ihren weißen Fassaden, die eine bemerkenswerte Geschlossenheit aufweisen – ein klassizistisches Ensemble ersten Ranges und ein architektonisches Kleinod! Bewahrt wird das einzigartige Ortsbild unter anderem vom Förderverein Residenz- und Rosenstadt Putbus.
Zu verdanken ist diese architektonische und städtebauliche Oase dem Fürsten Wilhelm Malte I. von Putbus. Das Adelsgeschlecht ist seit dem Mittelalter mit einer ursprünglich slawischen Burganlage an diesem Ort bezeugt. Fürst Malte entstammte einer Nebenlinie und sollte Putbus ab 1808 zu einer kleinen, aber ansehnlichen Residenzstadt ausbauen. Hierzu gehörten der Umbau des Schlosses und die Schaffung ausgedehnter Parkanlagen mit Orangerie und Marstall. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Stadtanlage durch Villenviertel erweitert, die nicht minder sehenswert sind und zum pittoresken Gesamtbild von Putbus beitragen.
Nördlich des Schlossparks entstand entlang der Alleestraße, der alten Fahrstraße nach Stralsund, eine repräsentative Stadtanlage mit einem Marktplatz, Theater und dem sogenannten Circus. Bei letzterem handelt es sich um eine großdimensionierte, kreisrunde Platzanlage mit parkartigem Charakter in ihrer Mitte. Sie stellt den östlichen Abschluss der Alleestraße dar und öffnet sich gleichzeitig zum Schlosspark, der mit einer Kastanienallee eine direkte Achse auf diesen außergewöhnlichen städtebaulichen Ort ausbildet. Obwohl am Rand des bebauten Gebietes gelegen, stiehlt damit der Circus dem Marktplatz den zentralen Charakter. Am besten erschließt sich die gesamte Struktur aus der Luft oder auf historischen Stadtplänen.

Das verschwundene Putbuser Schloss
Wer heute den weiträumigen Schlosspark betritt, wird vergeblich nach dem Herzen der Anlage suchen. Das Schloss wurde 1962 auf Geheiß des SED-Regimes ohne Not abgerissen und hinterlässt seitdem eine schmerzliche Lücke im Gesamtdenkmal Putbus. Seine ehemalige Lage lässt sich anhand der erhaltenen Seeterrasse erahnen, die den Blick zum Schwanenteich eröffnet. Der letzte Schlossbau entstand nach einem Brand im Jahre 1865. Zuvor stand hier die mittelalterliche Burg, die schließlich im 18. Jahrhundert durch einen barocken Bau ersetzt wurde. 1827 bis 1832 ließ Fürst Malte im Zuge der Residenzbildung eine bemerkenswerte klassizistische Anlage errichten, die schließlich Opfer der Flammen wurde.
Gerade weil der Schlossbau eine so zentrale Rolle für die Geschichte und Stadtstruktur von Putbus besitzt, gibt es Bemühungen, die Anlage zumindest mit den neoklassizistischen Fassaden des letzten existenten Baus zu rekonstruieren. Vor kurzem konnte der Förderverein Fürstliches Schloss Putbus eine in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie präsentieren, die mit realisierbaren Szenarien des Wiederaufbaus aufwarten kann. Eine Wiedererrichtung des Schlosses – ein schlüssiges Nutzungskonzept vorausgesetzt – wäre in vielerlei Hinsicht eine unermessliche Bereicherung für die Stadt und ganz Rügen: für den Tourismus, als kultureller Standort und in Bezug auf die historische Identität des Ortes.

Klassizistischer Stadtrundgang
Bauten des Schlossparks
Widmen wir uns bis zu einer Realisierung der Pläne dem, was nicht zerstört wurde und die Besucher vor Ort zu fesseln weiß. Das 1810 bis 1830 zum Landschaftspark umgestaltete Areal rund um den Standort des Schlosses birgt eine Reihe für einen Residenzort kanonischer Bauwerke. An erster Stelle ist die aufwendige, zwischen 1816 und 1818 entstandene Orangerie am Nordrand des Parks zu nennen. Sie erhebt sich mit ihren südlichen Glaswänden exponiert oberhalb von Teich und Parkflächen und vermittelt zugleich städtebaulich zur Alleestraße und damit zur bürgerlichen Bebauung von Putbus.

Im westlichen Parkbereich steht die durch den Rundbogenstil geprägte Schlosskirche. Etwas kurios mutet es an, dass die sakrale Nutzung erst durch einen im späten 19. Jahrhundert erfolgten Umbau des 1844 bis 1846 entstandenen Kursalons verwirklicht wurde. Dabei entstand auch der mächtige Turmbau mit Portikus. Malerisch präsentiert sich der Bau vor allem aus Blickrichtung Nordwesten über das hügelige Gelände eines Wildgeheges mit Rot- und Damwild. Letzteres gehörte bereits zum ursprünglichen Konzept des Landschaftsparks von Fürst Malte.


Neben zahlreichen botanischen Kostbarkeiten sind bei einem Rundgang über das Parkgelände weitere Bauten des 19. Jahrhunderts zu entdecken. Am Teichufer steht der heute als Konzertsaal genutzte Marstall. Weiterhin finden sich ein ehemaliges Affenhaus, ein Gasthaus (Villa Löwenstein), das Mausoleum der Familie Putbus sowie ein 1859 von Friedrich Drake errichtetes Denkmal für Fürst Wilhelm Malte I. von Putbus. Fast fordernd blickt der Herrscher von seinem Postament auf die leere Rasenfläche, auf der einst sein Residenzschloss stand.
Rund um den Marktplatz mit dem Putbuser Theater
Mittig in der langgestreckten Alleestraße, die mit zahlreichen stattlichen Kaufmanns- und Beamtenhäusern besetzt ist, öffnet sich der ab 1825 bebaute rechteckige Marktplatz. An seiner nördlichen Schmalseite steht das heutige Rathaus der Stadt mit einer für den Klassizismus charakteristischen Streifenrustika im Erdgeschoss. Ursprünglich diente es als Wohn- und Geschäftshaus. Der prominenteste Bau der Platzanlage ist jedoch das 1819 bis 1821 erbaute Fürstliche Schauspielhaus. Es steht an der östlichen Ecke Marktplatz und Alleestraße und präsentiert sich mit Säulenportikus und Relieffries einer Residenzstadt angemessen. Das Theater mit seiner erhaltenen Inneneinrichtung des 19. Jahrhunderts ist noch heute in Gebrauch und zählt zu den schönsten und ältesten Einrichtungen dieser Art in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Förderverein kümmert sich um die angemessene Präsentation dieses Kleinods.

Durchaus lohnenswert ist auch der Blick in die vom Markt nach Nordosten abzweigende August-Bebel-Straße. Diese hieß zunächst Darsbander Straße (Fahrstraße nach Darsband) und wurde später nach der Fürstin Louise zu Putbus mit dem klangvollen Namen Louisenstraße bedacht. Der Straßenzug wurde zwischen 1825 und 1840 mit bescheidenen einstöckigen Traufenhäusern bebaut, die zumeist von Handwerkern bewohnt und genutzt wurden. Sie sind ebenfalls in bemerkenswerter Geschlossenheit erhalten und strahlen noch heute Charme aus.
Der Circus
Die ab 1828 errichtete Architektur des kreisrund angelegten Circus mit seinem Obelisken in der Mitte stellt den Marktplatz nochmals in den Schatten. Das Wegenetz führt sternförmig auf die Platzanlage mit einem mittigen Obelisken zu, wobei diese Gestaltung wie auch der Obelisk selbst erst der Mitte des 19. Jahrhunderts entstammen. Eine vergleichbare Anlage entstand unter anderem wenige Jahre zuvor in Karlsruhe. Inspirierend dürfte allerdings eine entsprechende Platzgestaltung im englischen Bath gewesen sein. Fürst Malte besuchte den Badeort auf seinen zahlreichen Reisen durch Europa.

Die im Kreis angeordnete Bebauung des Circus in Putbus besteht aus mehrstöckigen, repräsentativen Häusern. Am auffälligsten ist das nach Plänen des Berliner Architekten Johann Gottfried Steinmeyer verwirklichte Pädagogium, eine höhere Schule mit Internat für Söhne adeligen und bürgerlichen Standes. Zu dem Komplex gehörten auch mehrere Nebenbauten. Steinmeyer war zugleich der maßgebende Architekt bei der Ausgestaltung von Putbus. Die weitere Architektur des Rondells diente herrschaftlichen oder großbürgerlichen Zwecken, was sich an Größe und Fassadengestaltung ablesen lässt.


Der kulturtouristische Blick auf Putbus
Putbus liegt abseits der ganz großen Touristenströme nur wenige Kilometer von den viel frequentierten Küstenabschnitten Rügens mit ihren Seebädern entfernt. Doch dies macht sich eher wohltuend darin bemerkbar, dass sich eine ungezwungene Atmosphäre im Park und den Straßenzügen verbreitet. Wer eine Reihung von Geschäften für einen Einkaufsbummel erwartet, wird hier enttäuscht. Klassizismus, Theater, Marstall und Freiluftveranstaltungen im Park locken zahlreiche Kulturinteressierte und Architekturfreunde an. In den Cafés herrscht gemütliches Treiben.
Putbus profitiert zudem davon, dass es mit seinem schmucken Bahnhof eine wichtige Station auf der Route des Rasenden Rolands, der Rügenschen Bäderbahn, ist. Nur wenige Kilometer entfernt liegt das ehemalige Fischerdorf Lauterbach. Es war wiederum Fürst Malte, der im Kontext der Residenzbildung 1817 bis 1830 am äußersten Ortsrand ein Badehaus (Goor – benannt nach dem angrenzenden Waldgebiet) nach Plänen von Steinmeyer schaffen ließ und das Fischerdorf damit zum Badeort machte. Heute herrscht hier geschäftiges touristisches Treiben mit Jachthafen, Promenade und zahlreichen Ferienhäusern. Daraus kann auch Putbus mit seinem kulturtouristischen Angebot einen Nutzen ziehen.

Vor diesem Hintergrund wäre es umso wünschenswerter, wenn das unnötigerweise zerstörte Putbuser Residenzschloss wiederauferstehen könnte. Es hinterlässt eine schmerzliche Lücke, weil ohne dieses Herzstück die gesamte städtebauliche Struktur der Residenzstadt Putbus nicht begreiflich wird. Für die Wiedergewinnung der historischen Zusammenhänge und des historischen Stadtbildes sowie für die weitere Belebung des Kulturtourismus ist dieses Projekt von hoher Bedeutung.




