
Inhalt
Die karolingische Einhardsbasilika
Wir begeben uns auf Kulturpfade durch Michelstadt am Rande des Odenwaldes. Unser Startpunkt ist eine der bedeutendsten Stätten des Frühmittelalters in Deutschland. Die Einhardsbasilika von Steinbach befindet sich zwar nicht in der Altstadt, liegt aber am Stadtrand von Michelstadt. Sie ist eines der ganz wenigen erhaltenen Zeugnisse karolingischer Baukunst auf deutschem Boden. Wie kam es hier abseits der bedeutenden historischen Zentren des karolingischen Reiches dazu?
Dies alles ist verknüpft mit der Person des fränkischen Gelehrten und Laienabtes Einhard, der am Hof Kaiser Karls des Großen in Aachen wirkte und auch seinem Sohn und Nachfolger, Ludwig dem Frommen, als Berater diente. Er war damit eine der prägenden Gestalten der renovatio imperii, der kulturellen und politischen Erneuerung des römischen Reiches auf fränkischem Boden. Einhard wurde am Kloster Fulda ausgebildet, seine Heimat hatte er aber hier im Odenwald, wo er um 770 geboren und 840 gestorben ist. 806 weilte er als Gesandter des fränkischen Kaisers bei Papst Leo III. in Rom. Dadurch war er mit römischer Kultur, Kunst und Architektur vertraut. 815 schenkte ihm Ludwig der Fromme die Mark Michelstadt – die Stadt existierte zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht -, wo Einhard die heute noch stehende Eigenkirche als Grablege errichtete. In diesem Zusammenhang erhielt er aus Rom Reliquien der heiligen Märtyrer Marcellinus und Petrus, die aber noch zu Lebzeiten von Einhard nach Seligenstadt kamen.
Die Kirche ist das besterhaltene Beispiel vom Typus einer Zellenbasilika nördlich der Alpen. Dieser ist nur im 9. Jahrhundert anzutreffen und zeichnet sich dadurch aus, dass im Osten der Kirche zwei abgeschiedene Annexe mit Apsis den Hauptchor flankieren. Unter dem Kirchenbau ist eine Stollenkrypta angelegt, wie sie in der frühmittelalterlichen Architektur ebenfalls üblich war. Anbauten wie die Seitenschiffe des Langhauses sind im Laufe der Zeit verloren gegangen, allerdings aus statischen Gründen vor einigen Jahrzehnten rekonstruiert worden. In der Sakristei befindet sich eine kleine, aber feine Ausstellung zum Leben und Wirken Einhards.

Schloss Fürstenau
Nur wenige Schritte von der Basilika entfernt befindet sich das Schloss Fürstenau auf einem malerischen und weitläufigen Areal am Ufer der Mümling. Das Areal schmiegt sich an einen Landschaftspark. Kern ist die spätmittelalterliche dreiflügelige Burganlage, deren Hof mit einem überdimensionierten Schwibbogen abgeschlossen wird. An dieser Stelle befanden sich im Mittelalter Graben und Burgtor. Der in Teilen noch ältere Komplex verfügt über Vorburg, Wirtschaftsgebäude und einen Mühlenbau an der romantisch über den Fluss führenden Brückenkonstruktion. Unmittelbar anschließend steht ein stattlicher barocker Gartenpavillon, der zum Lustgarten überleitet.

Wir stehen hier vor einer ursprünglich im späten 13. Jahrhundert als Wasserburg errichteten Anlage des Mainzer Erzbischofs. Noch im Laufe des Mittelalters gelangte sie als Pfandbesitz und schließlich als Lehen an die Schenken zu Erbach, die 1532 in den Grafenstand erhoben wurden. Danach folgte der Ausbau der Burg zu einer Residenz der Renaissance, die noch heute ihr Aussehen weitgehend prägt.


Die Altstadt von Michelstadt
Von der Einhardsbasilika und dem Schloss Fürstenau ist es ein kurzer Weg in die Altstadt von Michelstadt. Der Ort entwickelte sich im Spätmittelalter zu einer städtischen Siedlung. Die Befestigung wurde erst 1390 bis 1400 errichtet. Sie steht in Teilen noch heute und verleiht dem kleinen Städtchen ein geschlossenes Gepräge. An die Stadtmauer angelehnt ist die nach Zerstörungen von 1307 errichtete Burganlage, die bis 1515 als Sitz der Linie Erbach-Michelstadt diente. Der sich anschließende Diebsturm ist ein Wahrzeichen der Stadt.


Auf unserem Rundgang durch Michelstadt sind uns die gut erhaltenen Straßenzüge mit zahlreichen Fachwerkhäusern aufgefallen. Im Gedächtnis blieb uns zudem die 1791 erbaute Synagoge, die noch heute aktiv genutzt wird. Man trifft nicht allzu häufig jüdische Gebetshäuser an, die die Pogromnacht 1938 überlebt haben. Der Höhepunkt der Altstadt ist zweifelsohne der Marktplatz mit dem pittoresken Fachwerkrathaus, das laut Inschrift 1484 errichtet wurde. Charakteristisch sitzen die Erkertürmchen über der zum Platz gerichteten offenen Halle.


Die Michelstädter Stadtpfarrkirche
Hinter dem Rathaus ragt der Turm der spätgotischen Stadtkirche auf und verleiht dem Ensemble seine malerische Wirkung, für die Michelstadt bekannt ist. Das Innere der einfachen Pseudobasilika, die über Jahrhunderte als Grablege des Hauses Erbach diente, birgt zahlreiche künstlerisch hochwertige Grabmäler, vorwiegend der Renaissance und des Mittelalters. Hervorzuheben sind drei Renaissance-Grabdenkmäler im sterngewölbten Chor für Graf Georg III. (gestorben 1605), für Graf Friedrich Magnus (gestorben 1618) und für Graf Johann Casimir (gestorben 1627). Für die beiden letzten Werke ist der Bildhauer Michael Kern verantwortlich, der auch für den Würzburger Fürstbischof von Würzburg tätig war. Ersteres wird dem Bildhauer Erhard Barg zugeschrieben.


Wer danach noch immer nicht kulturell gesättigt ist, sollte das südlich benachbarte Erbach besuchen, das heute durch Wohn- und Gewerbegebiete mit Michelstadt zusammengewachsen ist. Das barocke Schloss ist der Stammsitz der oben bereits mehrfach erwähnten Herren von Erbach, die Anfang des 16. Jahrhunderts in den Grafenstand erhoben wurden. Damit schließt sich ein historischer Kreis, der von den karolingischen Anfängen in Steinbach über das spätmittelalterliche Michelstadt bis zur barocken Residenz der Grafen von Erbach reicht.



