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Kultur ist bunt – vom Kunsthistoriker zum Webdesigner

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Meiner Kollegin Katrin Krumpholz von kultourbunt habe ich es zu verdanken, dass ich auf die Blogparade #KultBlick vom Archäologischen Museum Hamburg aufmerksam wurde. Ihr Blogbeitrag hierzu war es auch, der mich dazu anregte, meine persönliche Beziehung zur Kultur Revue passieren zu lassen.

Der Architekturbegeisterte

Meine ersten bewussten Gehversuche mit Kultur machte ich bereits im Grundschulalter. Die Hansestadt Lübeck – heute UNSECSO-Weltkulturerbe und eine der an historischer Bausubstanz reichsten Städte Deutschlands – hatte mich in ihren Bann gezogen. Es waren nicht meine Eltern, die mich dorthin schleiften, sondern umgekehrt mussten diese mit mir alle mittelalterlichen Kirchen der Stadt an einem Tag besichtigen. Offensichtlich haben sie es überlebt! Ich habe aber bis heute nicht ergründen können, welches der auslösende Faktor für meine Begeisterung für historische Bauten gewesen ist. Weder mein Elternhaus noch die Schule haben dahingehend eingewirkt. Ich wage daher die mehr oder weniger steile These, dass Kinder auch aus sich heraus und unabhängig durch die Prägung durch das Elternhaus Leidenschaften entwickeln können.

Diese Passion verstärkte sich in den Folgejahren noch. Ich kaufte Bücher zur Architekturgeschichte und inhalierte diese geradezu, gerne auch mehrfach. Ich wollte alles über sakrale Architektur wissen, lernte Fachtermini und übte mich in Datierungen. Gleichzeitig begann ich fast schon obsessiv damit, besuchte Bauten fotografisch festzuhalten und ein eigenes Diaarchiv anzulegen. Nach dem Abitur unternahm ich eine dreiwöchige Fahrradtour quer durch Süddeutschland, die mich auf 2000 km durch zahlreiche Städte mit reicher architektonischer Tradition führte. Am Ende umfasste meine Sammlung über 7000 Diaaufnahmen, vorwiegend aus dem Bereich mittelalterliche Sakralarchitektur Mitteleuropas. Ich war im wahrsten Sinne verrückt nach Architektur. Leidtragende war vor allem meine damalige Freundin und jetzige Frau (die mich trotzdem heiratete!):

Ja, gleich, ich muss noch warten, bis die Besucher aus dem Bild gehen und dann noch zehn Detailaufnahmen von einigen Kapitellen.

Solche Sätze dürfte sie sehr häufig zu hören bekommen haben. Heute bin ich in dieser Hinsicht weitgehend geläutert. Die digitale Fotografie und vor allem das Internet machen es einem jetzt auch leicht: Kulturgut frei Haus, ohne die eigenen vier Wände verlassen zu müssen.

Holstentor - Lübeck

Der Kunsthistoriker

Paradox war dabei nur, dass meine vermeintlichen Talente bereits zu Schulzeiten im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich angesiedelt waren. Ich brauchte an der Uni immerhin vier Semester Mathematik- und Informatikstudium, um einzusehen, dass Talent ohne Leidenschaft wie Fahrradfahren vor einem Simulator ist (um den Vergleich mit Sex ohne Liebe nicht bemühen zu müssen). Es macht nicht glücklich. Kultur ist dagegen immer mit Leidenschaft verbunden. Kultur macht glücklich!

Der entscheidende Moment, der mich zum Umdenken bewog und mein Hobby zum Studium machte, kam nicht bei einem tief schürfenden Gespräch mit der Studienberatung oder mit meinen Eltern über mich, nein, er ereilte mich ausgerechnet auf einer Studentenparty. In einem „Fachgespräch“ mit einer angehenden Kunsthistorikerin mit immerhin schon einigen Semestern Erfahrung zeigte diese sich sehr verwundert, dass ich mit meinen Fachwissen über Architektur nicht Kunstgeschichte studieren würde. Das war dann der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass Richtung Studienfachwechsel zum überlaufen brachte. Ich war endlich angekommen! Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass meine Studienschwerpunkte in der mittelalterlichen Architekturgeschichte lagen und ich davon nicht genug bekommen konnte.

Der Kulturtouristiker

Was macht ein studierter Geisteswissenschaftler mit Promotion? Richtig, er stellt sich der Realität und erkennt, dass wissenschaftliche Expertise allein meist nicht das Überleben sichert. Aber Kultur und Tourismus, das ist eine fruchtbare Mischung, die nur noch der nötigen Fachkräfte bedarf. Die Qualifizierung zum Fachreferenten für Kulturtourismus und Kulturmarketing bei REGIALOG ermöglichte nicht nur diesen Weg, sondern eröffnete mir den Einblick in völlig neue Facetten der Kulturvermittlung, des Kulturbetriebes und des Kulturschaffens.

Die Weiterbildung verschaffte mir nicht nur neue Einsichten in Kultur, sie führte mich unmittelbar zu einer Anstellung bei REGIALOG. Als Seminarleiter für den EDV-Bereich lehrte und lernte ich (ja, das ist kein Gegensatz, sondern eine fruchtbare Symbiose) täglich, dass moderne Medien und erfolgreicher Kulturbetrieb in der Welt des beginnenden 21. Jahrhunderts zusammen gehören. Und schon wieder eine ganz unverhoffte Facette von Kultur! Und sie brachte meine bisherigen Leidenschaften zusammen: Kultur, Reisen und Computer.

Windmühle in Holland

Der Kulturblogger und Webdesigner

Nach acht Jahren war Schluss mit REGIALOG. Kulturtourismus war und ist zwar noch immer ein Modell mit Zukunft, doch setzten neue Entscheidungsträger neue Prioritäten und begruben kurzerhand das Erfolgsprojekt. Die Museen und Kulturträger in Weser-Ems waren die Leidtragenden. Aber wieder eröffnete mir dies die Möglichkeit, neue Seiten von Kultur zu erkunden. Und diese sind abwechslungsreicher als je zuvor. Als Kulturblogger zwinge ich mich dazu, häufiger hinter die Kulissen schauen, zu recherchieren, Positionen abzuwägen und Meinungen zu vertreten; als Webdesigner spezialisiere ich mich auf die Vermittlung von Kultur durch das Medium Internet; als Vorstandsmitglied des Kulturvereins Kultur hoch N verfolge ich die Vernetzung von Kulturbetrieben und Kulturschaffenden. Und nicht zuletzt engagiere ich mich bei Stadtbild Deutschland. e.V. und kehre damit zu meinen Wurzeln als Architekturbegeisterter zurück.

Das alles konnte geschehen, weil ich meinen vermeintlichen Talenten als Mathematiker nicht gefolgt bin. Ich hätte wahrlich schlechtere Entscheidungen treffen können. Kultur kann so vielfältig sein, sie ist im weiteren Sinne auch weit mehr als der einzelne für sich selbst definiert. Als die Rolling Stones jüngst in Hamburg auftraten, kommentierte man dies ein Familienmitglied mit den Worten:

Für meine Ohren ist das keine Kultur!

Wikipedia setzt dagegen:

Kultur bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur.

Das gibt jedem Menschen den Spielraum, Kultur für sich selbst zu entdecken, ohne der beschränkenten Sichtweise selbsternannter Kulturbewahrer folgen zu müssen. Man kann sie erleben, wenn man sich mit dem Fahrrad sportlich durch Kulturlandschaften vorwärts bewegt oder die größte Spielemesse der Welt in Essen besucht. Kultur ist das, was dich glücklich macht! Kultur sind auch die Rolling Stones! Kultur ist bunt!

7 thoughts on “Kultur ist bunt – vom Kunsthistoriker zum Webdesigner

  1. Lieber Damian,

    vielen herzlichen Dank für deinen #KultBlick – von den Wurzeln bis zum Jetzt! Ja, Passion zu haben, auch ohne sozialer Läuterung, quasi in die Wiege hineingelegt, kann ich mir sehr gut vorstellen. Leidenschaft zu haben, bedeutet auch gut darin zu sein und dann ergeben sich Möglichkeiten im Kultursektor, wenn promoviert und trotzdem offen für Seitenblicke.

    Danke dir vielmals – einiges von dem, was du beschreibst, kommt mir nur allzu gut bekannt vor – ausgenommen Mathebegeisterung. Die habe ich immer mehr oder weniger erfolgreich umschifft, das war auch der Grund, warum ich mir Kirchen zwar gerne ansah, sie aber nicht durchdringen wollte, sondern mich mehr die Kunst in ihr in Symbiose mit der Architektur faszinierte.

    Sonnige Grüße
    Tanja

    1. Danke dir, dass du die Blogparade mit organisiert hast, Tanja. Die Bildung und Nutzung von Netzwerken ist für den Kulturaustausch unerlässlich. Und man kann dabei so wunderbar über den eigenen Tellerrand schauen und neue Ideen entwickeln.

  2. Hallo Damian,

    als Anglistin und Germanistin, die auch im Tourismus „gelandet“ ist, musste ich über Deinen Satz „er stellt sich der Realität und erkennt, dass wissenschaftliche Expertise allein meist nicht das Überleben sichert“ schmunzeln. Aber ist es nicht wunderbar, dass wir unsere „brotlose“ Leidenschaft so gut mit neuen Arbeitsfeldern verbinden können?

    Viele Grüße
    Daniela

    1. Ja, man muss flexibel sein und deutlich über den Tellerrand schauen, um als Geisteswissenschaftler nicht auf der Strecke zu bleiben. Ich muss gestehen, dass mir das zwar zu Beginn meines Studiums bewusst war, ich aber natürlich nicht die geringste Vorstellung davon hatte, was da wirklich auf mich zukommt. Umso tragischer ist es, dass die von mir im Artikel erwähnte Qualifizierungsmaßnahme REGIALOG, die in 14 Jahren Hunderten von Geisteswissenschaftlern diese Perspektiven aufzeigte, so unnötig eingestellt wurde.

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