
Weltkulturerbe, Museum und archäologisches Freigelände
Gemeinsam mit dem nahe gelegenen Danewerk ist der untergegangene Handelsplatz Haithabu (dänisch: Hedeby) an der Schlei seit 2018 Weltkulturerbe. Er liegt an den Grenzen der dänischen, slawischen, friesischen und sächsischen Kultur und ihrer Lebensräume. Das machte Haithabu zum perfekten Umschlagplatz im Norden Europas. Dabei sind der Name und der Ort zu einem Synonym für eine ganze Zivilisation geworden – die der Wikinger.
Dem interessierten Besucher wird im Wikinger Museum Haithabu ein intensiver Einblick in die nordische Geschichte und die Historie dieses bedeutenden frühmittelalterlichen Fernhandelszentrums gewährt. Seit einigen Jahren existiert ergänzend zu den Ausstellungsgebäuden auch ein archäologisches Freilichtmuseum mit Rekonstruktionen der Behausungen und einer ufernahen Landungsbrücke am originalen Schauplatz innerhalb der umgebenden Wallanlagen. Mehrfach im Jahr finden Vorführungen des traditionellen Handwerks aus der Wikingerzeit statt.

Haithabus Historie
Bedeutung als Fernhandelsort an der Ostsee
Möglicherweise waren es friesische Händler, die Haithabu im 8. Jahrhundert am Haddebyer Noor, einer Bucht der Schlei, gründeten. Die erste Erwähnung ist auf das Jahr 804 zu datieren. Die Fränkischen Reichsannalen wissen nur vier Jahre später zu berichten, dass der dänische König Gudfred (auch Göttrik) Kaufleute aus dem mecklenburgischen Handelsort Reric an die Schlei umsiedeln ließ. Haithabu wurde in der Folge zum zentralen Warenumschlagplatz im Handelsverkehr zwischen Nord- und Ostsee. Begünstigt wurde diese Entwicklung vorwiegend durch die geografische Lage des Ortes an einer Landenge der Cimbrischen Halbinsel. Der Warenverkehr von West nach Ost verlief von der Nordsee über die Flussläufe der Eider und Treene, dann über den Landweg der Schleswiger Landenge und schließlich über die Schlei in die Ostsee. Die Schlei stellt übrigens keinen Fluss dar, sondern ist eine schmale und tief ins Land schneidende Förde.
Der Warentransport erfolgte in umgekehrter Richtung in gleicher Weise, wobei die Waren stets in Haithabu umgeladen werden mussten. Hollingstedt an der Treene stellte den Gegenpart auf der westlichen Seite der Landenge dar. Der Landweg zwischen beiden Umschlagplätzen maß gerade einmal 18 Kilometer, war aber beschwerlich und stets dem Risiko von Überfällen ausgesetzt. Die gefährliche Schiffspassage rund um Jütland durch Skagerrak und Kattegat konnte aber auf diese Weise vermieden werden. Heute nimmt der Nord-Ostsee-Kanal diese Funktion ein.

Machtzentrum und Bischofssitz
Aufgrund der wirtschaftlichen und strategischen Bedeutung wurde Haithabu zur Bühne politischer und religiöser Machtentfaltung. Hier entstand die erste Münzprägestätte Skandinaviens und hier fanden diplomatische Verhandlungen des dänischen Königs mit den benachbarten Großmächten statt. Von der Anwesenheit der Mächtigen im Reich zeugen die zahlreichen prunkvoll ausgestatteten Grabanlagen, die rund um Haithabu entdeckt wurden. Allen voran steht das Bootskammergrab, das südwestlich der Umwallung des Ortes in der Mitte des 9. Jahrhunderts errichtet wurde. Die Grabbeigaben lassen die Bestattung eines adligen Herrn oder gar Königs annehmen. Möglicherweise handelt es sich um den dänischen König Harald Klakk, der 826 in der karolingischen Pfalz Ingelheim bei Mainz getauft wurde.
Kirche und Politik gingen im Frühmittelalter eine enge Verbindung ein. So ist es nicht verwunderlich, dass die karolingischen Missionsbemühungen Haithabu früh in den Fokus nahmen. Hier entstand Mitte des 9. Jahrhunderts schließlich die erste christliche Kirche Dänemarks unter der Mitwirkung des Erzbischofs Ansgar von Hamburg-Bremen. Die Existenz dieses Baus ist zwar in den Schriftquellen belegt, konnte aber archäologisch noch nicht lokalisiert werden. Im Jahre 948 wurde Haithabu zum Bischofssitz und somit zu einem der wichtigsten Zentren des christlichen Glaubens im Norden.
Blütezeit und Untergang
Neben dem Handel florierte das Handwerk. In seiner Blütezeit im 10. Jahrhundert stellte Haithabu mit 1500 bis 2000 Einwohnern den bedeutendsten Handelsplatz im westlichen Ostseeraum dar. Die Herrschaft über den Ort wechselte mehrfach zwischen dem dänischen und dem deutschen Reich. Die Eider als Grenzfluss und das Danewerk, das mehrfach ausgebaute dänische Bollwerk gegen feindliche Einfälle aus dem Süden, gerieten immer wieder in den Blickpunkt kriegerischer Auseinandersetzungen. Dabei nahm das Danewerk wahrscheinlich eine besondere Stellung beim Schutz des Handelsweges von Hollingstedt nach Haithabu ein.

Seit der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts umgab Haithabu ein hoher, halbkreisförmiger Wall mit Palisaden und mindestens zwei Toren. Trotzdem wurde die Siedlung in der Folge zerstört – wahrscheinlich 1050 in einer Schlacht zwischen Dänemark und Norwegen. Der Wiederaufbau währte nur wenige Jahre. 1066 zerstörten Westslawen Haithabu endgültig. Der Handelsort wurde aufgegeben und an das nördliche Schleiufer unweit des alten Siedlungsplatzes verlegt. Das stellt zugleich die Geburtsstunde Schleswigs dar.

Die Dauerausstellung im Wikinger Museum
Schwerpunktthemen
Das Museum mit seinen zahlreichen Exponaten und Funden ist untergebracht in einem Gebäudekomplex, der sich mit seiner wabenförmigen Struktur und der Holzkonstruktion sensibel in die Landschaft einfügt. Er wirkt sicher nicht zufällig wie eine moderne Adaption einer wikingerzeitlichen Siedlung. Im Innern präsentiert sich die Dauerausstellung, geschieden in fünf Segmente, die jeweils einen Raum einnehmen:
- Bedeutung und Aufstieg von Haithabu, Handelswege, Danewerk
- Alltag in Haithabu, das Handwerk
- Krieg, Mission, Mythologie, Bestattung
- Fernhandel
- die Schiffshalle: Hafen und Schifffahrt
Die unterschiedliche mediale Aufbereitung der Schwerpunktthemen lässt dabei den Besuch nie langweilig werden. Um die besondere Bedeutung des Handelsortes Haithabu für Nordeuropa vollständig zu erfassen, empfehlen wir ein intensives Studium der thematischen Einführung im ersten Raum. In Raum 2 und 3 werden anhand einer Fülle von Originalfunden die wikingerzeitlichen Lebensbedingungen anschaulich inszeniert. Die umgebende Landschaft aus Schilf, Wasser und grünen Grasflächen lässt die zentrale Rolle des Ortes, auf dem man sich gerade befindet, erst mit diesem Hintergrund begreifen.


In der Schiffshalle wird die für die wikingerzeitliche Welt so bedeutende Schifffahrt thematisiert. Der Fokus liegt auf dem Hafen und den Landebrücken Haithabus sowie den im Haddebyer Noor geborgenen Schiffswracks. Den Mittelpunkt bildet die Rekonstruktion eines unmittelbar vor den Landungsbrücken abgebrannten 31 Meter langen Kriegsschiffes, das um 985 gebaut wurde. Eine Glasfront erlaubt von hier den Blick über das Wasser zu dem originalen Schauplatz des Geschehens mit der rekonstruierten Landungsbrücke. So funktionieren gelungene museale Vermittlungskonzepte!

Die Runensteine rund um Haithabu
Faszinierend und zugleich in besonderer Weise gelungen ist die Präsentation der Runensteine im Museum, den zentralen kultischen Elementen der Wikingerwelt. Bei den Exemplaren im Wikinger Museum handelt es sich um vier in der Umgebung von Haithabu aufgefundene Objekte: den großen und den kleinen Sigtryggstein, den Skarthestein und den Erikstein. Runensteine bewahren das Gedächtnis an bedeutende Männer der nordischen Geschichte und ihre Taten. Aufgrund des Fehlens anderer lokaler zeitgenössischer Schriftzeugnisse sind sie von hohem Quellenwert. Die Inschrift des Skarthesteines wird dabei in der Ausstellung abschnittsweise hervorgehoben, gelesen und per Projektion auf den Boden vor dem Stein ins Deutsche, Englische und Dänische übersetzt. Der Text lautet:
König Sven setzte diesen Stein nach (zum Gedenken an) Skarthe, seinem Gefolgsmann, der nach Westen (England) gefahren war, aber nun fiel bei Haithabu.


Rekonstruierte Siedlung im Freigelände
Der mehrminütige Fußweg vom Museum zum archäologischen Freilichtgelände führt durch die hügelige Landschaft und stellenweise über den ehemaligen Wall der Ansiedelung, vorbei an einer Herde Skudden und weidenden Galloways. Erst an diesem Ort erfasst man vollständig die landschaftlichen Begebenheiten, in die Haithabu eingebettet war. Insbesondere die erhebliche Ausdehnung der frühmittelalterlichen Siedlung überrascht. Dagegen wirken der rekonstruierte Siedlungsausschnitt und die Landungsbrücke innerhalb des Halbkreiswalls fast winzig und verloren. Erst mithilfe einer digitalen Rekonstruktion wird das enorme Ausmaß des Handelsortes vollständig erfassbar.

Insgesamt sieben Häuser und eine Landebrücke am Haddebyer Noor wurden rekonstruiert. Fast alle stammen aus dem 9. Jahrhundert, also der Frühzeit der Siedlung. Im Einzelnen sind es:
- Haus des Kammmachers (Haus 1)
- Haus des Tuchhändlers (Haus 2)
- Haus der Händler (Haus 3)
- Haus des Holzhandwerkers (Haus 4)
- Versammlungshaus (Haus 5)
- Haus des Fischers (Haus 6)
- Herberge (Haus 7)

Die Ermittlung der Gestalt und der Konstruktion der Häuser ist das Ergebnis jahrzehntelanger archäologischer Forschung. Die Innenausstattungen zeigen dagegen exemplarisch das Leben einer frühen städtischen Siedlung. Auf Befund gehen dagegen die hölzernen Stege und die auffallend enge Bebauung zurück, die den Gegensatz zu ländlichen Siedlungsstrukturen besonders anschaulich machen. An den Wochenenden wird die Szenerie durch Vorführungen von traditionellen Handwerkskünsten belebt.


Zur Vertiefung oder Vorbereitung für einen Besuch im Wikinger Museum ist folgende Literatur zu empfehlen:
- Birgit Maixner, Haithabu: Fernhandelszentrum zwischen den Welten, Schleswig 2018
- Kurt Schietzel, Spurensuche Haithabu: Archäologische Spurensuche in der frühmittelalterlichen Ansiedlung Haithabu. Dokumentation und Chronik 1963-2013, Neumünster/Hamburg 2014





Ein Kommentar zu “Haithabu – Handelszentrum der Wikinger”