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Friedrichswerdersche Kirche – wie Investoren Kulturgut zerstören

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Friedrichswerdersche Kirche - Chorgewölbe

Schäden an der Friedrichswerderschen Kirche

Die Friedrichswerdersche Kirche in Berlin, eines der Hauptwerke der deutschen Neugotik, erbaut 1824 bis 1830 nach Plänen des genialen Karl Friedrich Schinkel, ist angezählt. Was Krieg und SED-Regime dem Bauwerk nicht anhaben konnten, haben nun Politik, Verwaltung und grenzenlose Profitgier eines Investors vollbracht. Die Kirche diente bis zu ihrer Schließung 2012 als Museum und war Teil der Berliner Nationalgalerie, bis plötzlich auftretende schwere Schäden an Mauerwerk und Gewölben eine sofortige Schließung unabdingbar machten. Heute wissen wir: Das Gebäude wird nicht einstürzen, doch die Schäden sind irreversibel.

In einer Antwort des Senats auf eine schriftliche Anfrage eines Abgeordneten vom 7. August 2018 heißt es wörtlich:

Da es durch die Bauarbeiten westlich des Kirchengebäudes zu erheblichen Bewegungen der Kirchenfundamente kam, hat es auch eine Verformung insbesondere des Deckengewölbes gegeben, die nicht korrigiert werden kann. Die Sanierung erfolgte zur statischen Sicherung des Gebäudes und zur Schließung von Rissen sowie der Wiederherstellung des historischen optischen Gesamteindrucks des Gebäudes. Die bleibende Gebäudeverformung dürfte hingegen dessen statische Reserven dauerhaft reduziert haben.

Friedrichswerdersche Kirche - um 1850
Friedrichswerdersche Kirche um 1850

Der Skandal

Wie kam es zu den Schäden? Nach langem Tauziehen und diversen Planänderungen wurde ab 2012 unmittelbar westlich an der Kirche ein Wohnkomplex der Luxusklasse, die Kronprinzengärten, errichtet. Als Verantwortliche zeichnete sich die Bauwert AG um den Investor Jürgen Leibfried. Das höchst umstrittene Projekt wurde gleich in mehrfacher Hinsicht zur Hypothek für den Kirchenbau. Dabei ist die Tatsache, dass der Wohnkomplex überdimensioniert und einer Entfernung von nur wenigen Metern zum Baukörper der Kirche errichtet wurde, zunächst nur ein ästhetisches Ärgernis. Eingezwängt und versteckt hinter Glas- und Betonkuben wird der Schinkelbau dadurch seiner ortsbildprägenden Wirkung beraubt.

Den eigentlichen Skandal stellt die Genehmigung einer doppelstöckigen Tiefgarage unter dem Neubau dar. Bereits beim Aushub der Baugrube zu Beginn der Bauarbeiten entstanden die Schäden an der Kirche, in deren Folge die Kirche bis heute geschlossen werden musste. Dabei war man sich in Berlin der Risiken einer solchen Anlage in unmittelbarer Nachbarschaft des kostbaren Gebäudes durchaus bewusst. In obiger Stellungnahme des Senats werden folgende Auflagen für die Genehmigung des Bauvorhabens zitiert:

Bei der beantragten Maßnahme ist nicht auszuschließen, dass es zu Schädigungen bzw. Setzungserscheinungen an den in der unmittelbaren Umgebung der Baumaßnahme angrenzenden Denkmalen kommt. Um dieses schwer zu kalkulierende Ereignis ggf. frühzeitig erkennen bzw. ausschließen zu können, sind vor Baubeginn geeignete Maßnahmen durch den Bauherren zu ergreifen, die rechtzeitig und in geeigneter Form den Denkmalbestand vor Gefährdungen schützen. Beim Eintreten von Schadensbildern am Denkmalbestand ist unverzüglich die Denkmalschutzbehörde zu informieren. Die Denkmalschutzbehörde entscheidet in diesem Fall über weitere notwendige Maßnahmen.

Friedrichswerdersche Kirche - Fassade
Friedrichswerdersche Kirche während der Bauarbeiten an den Kronprinzengärten

Die Verantwortung

Offensichtlich waren diese Auflagen nicht das Papier wert, auf dem sie standen. Und offensichtlich hatte man Schäden an Schinkels Kirche billigend in Kauf genommen. Der Skandal im Skandal an diesem einzigartigen Vorgang fahrlässiger Beschädigung von Kulturgut besteht darin, dass niemand dafür zur Verantwortung gezogen worden ist. Siegfried Schweizer bringt es in seinem Blogbeitrag auf den Punkt, wenn er schreibt:

Dieses Haus nun überstand alle Zeitläufe, zwei Weltkriege und zwei Diktaturen, doch die entfesselte Plutokratie der Jetztzeit machte diesem Juwel der Baugeschichte, diesem berückend schönen Kleinod, unlängst den Garaus. Die Frankfurter Allgemeine war nach meiner Kenntnis das einzige Medium, das ernsthaft versuchte, diese schmachvolle Angelegenheit zu einem Skandal zu machen; allein, dies mißlang.

Es ist es nur ein schwacher Trost, dass der Investor für die notdürftige Ausbesserung der Schäden aufkommt. Die Friedrichswerdersche Kirche ist bis heute geschlossen und eine Baustelle.

Die Lehren

Wer glaubt, man hätte aus diesem Vorgang seine Lehren gezogen, der irrt. Auch östlich der Kirche entstand jüngst ein moderner Baukomplex mit Luxusimmobilien am Schinkelplatz. Die FRANKONIA Eurobau AG als Bauherrin versäumt es nicht, explizit und ausführlich zu betonen, dass sie alles besser macht:

In der Vergangenheit kam es durch ein Bauprojekt westlich der Kirche zu neuen umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen für den Schinkelbau. Auf der westlichen Seite trennt keine Straße das Baugrundstück von der Kirche. Somit entstand der Neubau – anders als bei dem Gebäude der Frankonia – unmittelbar an der Kirche. Die Frankonia hat vor dem Baubeginn an der Kirche hochsensible Messsysteme zur Überwachung des Denkmals installiert und eine Melde- und Alarmkette eingerichtet, die bei Überschreiten der Schwellen- und Alarmwerte zum unverzüglichen Stop der Bauarbeiten führt. Die Messinstrumente der Frankonia ergänzen die vorhanden staatlichen Instrumente. Somit werden mögliche Auswirkungen der Baumaßnahmen doppelt erfasst, bewertet und ausgewertet. Darüber hinaus besichtigen geprüfte Sachverständige täglich die Kirche, um sicherzustellen, dass kleine Risse sofort erfasst und analysiert werden. Der erbetene Zutritt wurde von der Kirchengemeinde und Stiftung genehmigt. Kein anderes historisches Bauwerk in Berlin unterliegt solchen Sicherheitsmaßnahmen. Die Früherkennung, bevor ein möglicher Schaden entstehen kann, steht im Zentrum aller Maßnahmen und im Interesse aller.

Kronprinzengärten Berlin
Screenshot der Image-Website der Kronprinzengärten in Berlin

Derweil wirbt die Bauwert AG ungeniert auf einer eigens für die Kronprinzengärten erstellten Image-Website mit einer Dachterrasse vis-à-vis mit den Fialen und der Dachbrüstung der Friedrichswerdersche Kirche, jenem Bauwerk, dessen Untergang man fast verursacht hätte, weil die Gier nach hohen Renditen größer war als der Respekt vor unserem Kulturgut. Da wirkt es fast schon zynisch, wenn man Interessenten an einer Immobilie in den Kronprinzengärten das kulturelle Angebot des Umfeldes anpreist. Das alles geschieht nicht in einem von Korruption durchsetzten Drittweltstaat, sondern direkt vor unseren Augen in Deutschland.

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