
Der Jugendstil als Reformbewegung
Der Jugendstil ist in Europa unter vielen Bezeichnungen bekannt: Art Nouveau, Modern Style, Secessionsstil und andere regionale Bezeichnungen. Kaum eine andere Kunstepoche ist mit so vielen Missverständnissen und Fehldeutungen behaftet wie dieser kurze Zeitraum von rund 20 Jahren um den Beginn des 20. Jahrhunderts. Zunächst ist festzuhalten, dass es sich beim Jugendstil weniger um einen Architekturstil als vielmehr um einen ganzheitlichen Ansatz in der Kunst handelt. Einige Wurzeln lagen in der Arts-and-Crafts-Bewegung in Großbritannien. Wichtige europäische Zentren des Jugendstils bzw. des Art Nouveau waren neben Darmstadt primär Wien (Wiener Secession), München, Brüssel, Paris, Nancy, Barcelona und Prag, wobei Strömungen und Ausprägungen teilweise heterogen waren. Bereits an dieser illustren Auswahl lässt sich erkennen, in welcher kunst- und architekturgeschichtlichen Liga das kleine Darmstadt mitspielen durfte.
Trotz seines gelegentlichen Ornamentreichtums verstand sich der Jugendstil als Reformstil, der als Gegenbewegung junger Künstler und Kunsthandwerker zum rückwärtsgewandten Historismus und Eklektizismus zu verstehen ist. Er richtete sich aber auch gegen die Massenproduktion der Industrialisierung und strebte eine grundlegende Reform von Kunst, Architektur, Handwerk und Alltagskultur an. Damit einher gingen soziale und kulturelle Wandlungen bei neuen Wohnformen, neuen Rollenbildern, der Reformpädagogik oder der Körperkultur.

Ästhetische Prinzipien sollten bis zum Essgeschirr und dem Besteck in den Alltag integriert werden. Ein typisches Jugendstilhaus war mit Fassade, Möbeln, Beleuchtung, Textilien und Dekor aus einer Hand als Gesamtkunstwerk zu konzipieren. Die Einheit von Kunst und Leben und handwerkliche Qualität statt Massenware waren die Leitlinien. Ornamental kamen geometrische Formen, organische Linien, Pflanzen und Naturformen sowie symbolistische Motive zum Einsatz. Klare Linien, konstruktives Denken und Funktionalität waren dabei Wegbereiter für die Moderne.
Geschichte und Entwicklung der Mathildenhöhe
Der Großherzog und die Künstlerkolonie
Die Siedlung Mathildenhöhe ist als Künstlerkolonie am Rande der Residenzstadt Darmstadt um die vorletzte Jahrhundertwende entstanden. Sie gilt als das schönste Jugendstilensemble in Deutschland und war ein Impulsgeber für die Kunst, insbesondere für die Architektur des frühen 20. Jahrhunderts. Initiator und Mäzen der in eine Parklandschaft eingebetteten Mathildenhöhe war der kunstsinnige Großherzog Ernst Ludwig. Die Vision des Landesherren war es, internationale Künstler an einen Ort zu berufen, an dem sie frei von materiellen Zwängen die Kunst mit einer Rückbesinnung auf das Handwerk reformierten. Diese sollte eine tragende Rolle spielen bei der nachhaltigen Förderung des Wohlstands in Hessen. Heute ist die Mathildenhöhe als bauliches Zeugnis für den Aufbruch in die Moderne ein UNESCO-Weltkulturerbe.


Die Kolonie wurde 1899 gegründet. Wenige Jahre zuvor entstand auf dem Gelände eine russisch-orthodoxe Kapelle durch den Petersburger Hofarchitekten Leonti Nikolajewitsch Benois. Auftraggeber war Zar Nikolaus II. von Russland persönlich. Er besaß über seine Ehefrau Alexandra enge Bezüge zum Hause Hessen-Darmstadt. Obwohl die zwiebeltürmige Konstruktion das Bauensemble der Mathildenhöhe entscheidend mitprägt, gehört sie nicht zum ursprünglichen Konzept der Künstlerkolonie, die bis 1914 bestand und aufgrund des beginnenden Ersten Weltkrieges aufgelöst wurde. In diesen 15 Jahren fanden auf dem Gelände insgesamt vier Ausstellungen statt, die die künstlerische Entwicklung Deutschlands im frühen 20. Jahrhundert entscheidend mitformten. Die ausschlaggebenden Künstlerpersönlichkeiten, die das Aussehen der Kolonie in dieser Zeit prägten, waren die Architekten und Kunsthandwerker Joseph Maria Olbrich, Peter Behrens und Albin Müller. Ebenso hatte Hans Christiansen einen erheblichen Einfluss auf die Raumkunst, die auf der Mathildenhöhe geschaffen wurde.


Künstlerhäuser und erste Ausstellungen
Bis zur ersten Ausstellung Ein Dokument Deutscher Kunst im Jahre 1901 entstanden die individuellen Wohnhäuser der Künstler, die mit Ausnahme des Hauses Behrens – dieser wollte sein Haus selbst planen – allesamt von Olbrich konzipiert wurden. Es waren das Haus Christiansen, das Haus Olbrich, Großes und Kleines Haus Glückert, das Haus Habich, das Haus Keller sowie das Haus Deiters. Entsprechend des gesamtheitlichen Ansatzes des Jugendstils beinhaltete dies auch die Innenausstattung. Olbrich kam aus Wien und war dort eines der Gründungsmitglieder der Wiener Secession, einer der bedeutendsten europäischen Vereinigungen bildender Künstler des Jugendstils.


Als zentraler Bau der Mathildenhöhe bildete das hoch gelegene Ernst-Ludwig-Haus als Ateliergebäude den funktionalen Mittelpunkt der Kolonie. Der breit gelagerte, monumentale Baukörper verfügt über ein einnehmendes, goldgeschmücktes Portal mit den empfangenden Kolossalfiguren Kraft und Schönheit (geschaffen von Ludwig Habich). An keinem Gebäude der Mathildenhöhe sind die Bezüge zum Wiener Jugendstil offensichtlicher.

Bei der zweiten Ausstellung 1904 wollte man der Kritik einer elitären und teuren Bauweise entgegenwirken. Zu diesem Zweck schuf Olbrich ein aus drei Häusern bestehendes Ensemble, deren Innenräume getrennt waren und die auch für nicht gut betuchte Bürger erschwinglich sein sollten. Die Architektursprache dieser Dreihäusergruppe, die durch Kriegseinwirkungen stark reduziert erhalten ist, war mit ihrer originellen Giebelgestaltung dennoch eigenständig.

Hochzeitsturm und Ausstellungsgebäude
Mit der dritten Ausstellung 1908 unter dem Namen Hessische Landesausstellung für freie und angewandte Kunst erhielt die Mathildenhöhe die charakteristische Silhouette, wie wir sie noch heute als Wahrzeichen Darmstadts kennen. Die künstlerische Leitung hatten nun Olbrich und Müller gemeinsam inne. Es entstanden der fünffingerige Hochzeitsturm und das angrenzende Ausstellungsgebäude. Olbrich schuf den charakteristischen Aussichtsturm anlässlich der Vermählung des Großherzogs mit Eleonore Solms. Bemerkenswert ist die Innenausstattung mit Werken unterschiedlicher Künstler, insbesondere die Mosaikkunst von Friedrich Wilhelm Kleukens. Das Ausstellungsgebäude diente hessischen Malern als Präsentationsfläche. Der ursprünglich zentrale Hof wurde nach Kriegszerstörungen zu einem weiteren Ausstellungssaal umgebaut.


Außenanlagen und Landschaftsgestaltung
Die letzte Ausstellung auf der Mathildenhöhe im Jahre 1914 stand unter der Leitung von Müller und im Zeichen der Landschaftsgestaltung. Um die russisch-orthodoxe Kapelle als stilistisches Einzelphänomen besser in die stilistisch andersartige Architektur der Künstlerkolonie einzubinden, wurde ihr ein großes Wasserbecken vorgelagert. Die Idee selbst geht wohl auf Skizzen von Olbrich zurück, der zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben war. Die Ausrichtung und die Fliesen des Beckens nehmen Bezug auf den Kapellenbau. Unweit entstand zudem ein Gartenpavillon (Schwanentempel), der typologisch an einen griechischen Monopteros angelehnt ist, aber stilistisch den Hauch des Jugendstils trägt.


Ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung war die künstlerische Ausgestaltung des schon um 1830 entstandenen Platanenhains, der dem Hochzeitsturm westlich vorgelagert ist. Der Bildhauer Bernhard Hoetger schuf hier ein in den Park eingebettetes Gesamtkunstwerk mit Skulpturen, Reliefwänden (Frühling, Sommer, Schlaf, Auferstehung) und Inschriftentafeln. Inhaltlicher Schwerpunkt der Werke ist das Thema Werden und Vergehen, der Kreislauf des Lebens. Hervorzuheben ist die Skulptur einer sterbenden Mutter mit Kind mit einem Sockel aus Löwenfiguren. Das Werk steht in der Tradition römisch-antiker Sarkophage. Das Motiv der Löwen flankiert auch die Brunnengruppe mit drei Wasserträgerinnen.


Gemeinsam mit Müller schuf Hoetger zudem das Löwentor als Eingangsbereich der Ausstellung. Die Toranlage bestand aus sechs Doppelsäulen, auf denen Löwen aus Gussstein thronten. Wie so viele Bauten der Mathidenhöhe ist das Löwentor nur temporär für die Zeit der Ausstellung errichtet worden. Löwen und Säulen existieren allerdings noch heute getrennt voneinander auf dem Darmstädter Stadtgebiet.

Das Museum
Von der Raumkunst zum modernen Industriedesign
Das Museum der Mathildenhöhe wurde im ehemaligen Atelier, dem Ernst-Ludwig-Haus, eingerichtet. Die Sammlungspräsentation Raumkunst – Made in Darmstadt erhielt dadurch einen würdigen Rahmen. Sie ist aufgeteilt in drei große Raumeinheiten: das Foyer und die beiden davon abgehenden Flügel. Inhaltlich stehen die vier großen Darmstädter Großausstellungen mit ihren Raumkunstwerken im Fokus. Ein tieferes Verständnis für die Objektschau erhält der Besucher über die digitalen Medientische und den Audioguide, der bequem über das Smartphone aufgerufen werden kann. Im Foyer empfangen die Besucher Teile des Interieurs aus der Halle des Großen Hauses Glückert. Der Möbelfabrikant Julius Glückert hatte sich von Olbrich einen Empfangs- und Festsaal mit Empore und einer Vertäfelung aus weiß lackiertem Pappelholz entwerfen lassen. Die Halle präsentierte sich in allen Häusern der Mathildenhöhe als zentraler Ort des Lebens und Arbeitens.

Im östlichen Flügel erwartet uns nach einer kurzen Einführung ins Design des Jugendstils ein Konvolut an unterschiedlichsten Raumensembles, die teilweise durch historische Fotos komplettiert werden. Dabei wird offenbar, dass die Mathildenhöhe kein isoliertes Phänomen war, das sich lediglich zu den eigenen Kunstausstellungen der Öffentlichkeit öffnete. Die Mitglieder der Künstlerkolonie tourten mit ihren Reformideen und Designs von Weltausstellung zu Weltausstellung: Paris, Turin, St. Louis. Doch die Darmstädter Raumkunstwerke erfüllten auch Alltagszwecke. Diese waren daher für den späteren Verkauf vorgesehen und konnten in den in dieser Zeit neu entstehenden Warenhäusern präsentiert werden.
Der Leitgedanke war es, Kunst und Handwerk wieder zusammenzuführen und den künstlerischen Entwurf in die Serienproduktion zu bringen. Dafür waren in der aufstrebenden Industriestadt Darmstadt günstige Bedingungen vorhanden. Insbesondere Behrens legte hier den Grundstein für das moderne Industriedesign. Er war zugleich der Erfinder des Corporate Designs, das der Künstler erstmals bei der Firma AEG umsetzen konnte, indem er vom Briefbogen bis hin zur Produktpalette alles einer einheitlichen Gestaltungsidee unterwarf. Der Jugendstil bewirkte auf diese Weise eine Ästhetisierung des Alltags.


Das bürgerliche Wohnen
Der westliche Flügel des Museums ist der jüngeren Entwicklung der Künstlerkolonie ab 1904 gewidmet. Der Fokus der folgenden Darmstädter Ausstellungen lag auf Interieurs, die für das bürgerliche Wohnen und sogar für das Domizil von Arbeiterfamilien geeignet waren. Zu sehen sind hier allerdings nur wenige originale Gesamtinterieurs. Die Integration einzelner Gegenstände in historische Aufnahmen gelingt indessen überzeugend, sodass die Raumeindrücke gut vermittelt werden. Thematisiert und veranschaulicht werden aber auch temporäre Ausstellungsarchitektur und die Gebäude, die den Krieg und die Zerstörung auf der Mathildenhöhe nicht überstanden haben.
Eine Tendenz der späteren Ausstellung der Künstlerkolonie war, Gebrauchsgegenstände nicht ausschließlich in Mustereinrichtungen zu präsentieren, sondern sie davon loszulösen und somit zum Verkauf für eine breitere Bevölkerungsschicht attraktiv zu machen. Hersteller wie der Textilfabrikant Stade oder die Keksfabrik Hermann Bahlsen konnten ihre Produktpalette in Darmstadt präsentieren. Andere Firmen bewarben Glas-, Kristall- und Porzellanwaren. Die Kooperationen zwischen Kunst und Handwerk wurden dadurch nochmals enger.


Erst im Zusammenspiel von Kunst, Architektur und Alltagsleben lässt sich nachvollziehen, welche bahnbrechenden Ideen und Umwälzungen der Jugendstil mit sich brachte. Die Mathildenhöhe in Darmstadt veranschaulicht diese gesellschaftliche und künstlerische Entwicklung gleich auf mehreren Ebenen, indem sie die architektonische Geschlossenheit der Künstlerkolonie, aber zugleich die internationale Heterogenität der Kunstströmungen jener Zeit vor dem Ersten Weltkrieg thematisiert. Doch weder kann die Architektur der Mathildenhöhe für sich allein sprechen, noch ist das Museum isoliert in der Lage, den Kontext erlebbar zu machen, in dem in Darmstadt Kunstgeschichte geschrieben wurde. Insofern kann man sich hier glücklich schätzen, eine solche Kombination als Weltkulturerbe präsentieren zu können, auch wenn Krieg und andere Ereignisse Lücken in das Ensemble geschlagen haben.



