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Heinrich Böll und Richard von Weizsäcker zum 8. Mai 1945
Ihr werdet die Deutschen immer wieder daran erkennen können, ob sie den 8. Mai als Tag der Niederlage oder der Befreiung bezeichnen.
Dieser scharfsinnige Satz von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll bringt eine Kontroverse auf den Punkt, die so alt ist wie unsere Erinnerungskultur der Nachkriegszeit. Böll verschriftlichte seine Gedanken zum Kriegsende vom 8. Mai 1945 im Jahre 1985. Dabei beschreibt er seine ambivalenten Gefühle eindringlich, die ihn mehr von einer Stunde Nichts als von einer Stunde Null sprechen lassen. Fast zeitgleich betonte Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner denkwürdigen Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges, dass der 8. Mai auch als Tag der Befreiung zu werten wäre.
Unsere Vorfahren mögen diesen geschichtsträchtigen Tag im Frühjahr 1945 auf unterschiedliche Weise erlebt haben. Für die noch lebenden Opfer des nationalsozialistischen Systems – allen voran die KZ‑Insassen, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen – könnte er sich wie ein Tag der Befreiung angefühlt haben, auch wenn die psychischen Folgen der Misshandlung ein ganzes Leben nachgewirkt haben dürften. Die ausgebombten Stadtbewohner mögen ihn als den Tag der Hoffnung auf eine Zukunft ohne tägliche Todesangst empfunden haben. Bei den Angehörigen des Heeres könnte sich angesichts des millionenfachen sinnlosen Sterbens das Gefühl einer Niederlage unter die Empfindungen gemischt haben. Für überzeugte Anhänger des Nazi-Regimes dürfte dies ohnehin gegolten haben. Wieder für andere, vorwiegend in den deutschen Ostgebieten, begann die Zeit der Vertreibung und des Heimatverlustes, wenn sie nicht schon zuvor geflohen waren. Der 8. Mai kann somit auch ganz individuell mit Leid in Verbindung stehen. Diesen Zwiespalt formulierte Bundespräsident Theodor Heuss bereits bei der Verabschiedung des Grundgesetzes 1949:
Ich weiß nicht, ob man das Symbol greifen soll, das in solchem Tag liegen kann. Im Grunde genommen bleibt dieser 8. Mai 1945 die tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte für jeden von uns. Warum denn? Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind.
Gewiss stellte der 8. Mai 1945 aber die größte zeithistorische Zäsur in Europa dar. Auf persönlicher Ebene benötigte so mancher Deutsche vielleicht Jahre oder Jahrzehnte, um die zwölf Jahre Naziherrschaft und sechs Jahre Weltkrieg zu verarbeiten und einzuordnen. 1985 – 40 Jahre nach Kriegsende – schien die Zeit in der BRD reif zu sein, den Aspekt der Befreiung zu betonen. Mit der zunehmenden Ablösung der Erlebnisgeneration konnte mithilfe der historischen Distanz eine positivere Umdeutung des Kriegsendes stattfinden, ohne dabei das persönliche Leid vergessen zu lassen, für das der 8. Mai für manchen symbolisch und real stehen konnte. Böll und von Weizsäcker haben diesen Wandel in der Erinnerungskultur in Worte gefasst. In der DDR war das Gedenken an den 8. Mai zwar früher und entschiedener verankert, aber dies war kein Ergebnis der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der NS‑Vergangenheit, sondern Teil der Staatsdoktrin, die das Erinnern zu einem Ritual verkommen ließ.

Kontroversen um einen Feiertag der Befreiung
Wahrscheinlich ist es der Ambivalenz dieses geschichtsträchtigen Tages geschuldet, dass der 8. Mai bis heute kein offizieller Feiertag in Deutschland ist. Im Nachwendedeutschland wich man in den Jahren 2020 und 2025 davon ab und erklärte ihn doch zu einem solchen – jedoch nur in Berlin. In der DDR war er gesetzlicher Feiertag von 1950 bis 1967 und dann noch einmal 1985. Der Historiker Martin Sabrow arbeitet diese Vielschichtigkeit der Geschichtsperspektiven präzise auch auf europäischer Ebene heraus. Dabei dürfte kaum jemand in der Nachschau bezweifeln, dass dieser Tag den Grundstein für Frieden und Demokratie in Europa legte, allerdings mit der Einschränkung, dass dies für Jahrzehnte nur für einen Teil der Deutschen und des Kontinents galt. Gerade in diesem fehlenden demokratischen Neuanfang, mit dem Beginn der sozialistischen Herrschaft in den ostdeutschen Ländern, sieht Sabine Mannitz eine Ursache für die Zurückhaltung bei der Aufwertung des 8. Mai zum Feiertag in Gesamtdeutschland.
Viele Kritiker eines bundesweiten Feiertages stoßen sich zudem an der Bezeichnung als Tag der Befreiung, weil diese die vielfältigen Facetten dieses Tages ausblendet und verdrängt. Nationalistische Kreise möchten lieber von einem Tag der Niederlage sprechen. Insofern scheint vielleicht ein Tag des Gedenkens die neutralste Bezeichnung für das Erinnern an dieses zwiespältige Ereignis darzustellen, das Zusammenbruch und Auferstehung zugleich bedeutete. In diesem Kontext zur Frage einer zutreffenden und angemessenen Formulierung setzt Jörg Hillmann, Militärhistoriker bei der Bundeswehr, einen entscheidenden Punkt:
Wer Untergang, Niederlage und Befreiung vor diesem Hintergrund absichtlich gegeneinander ausspielt, das Leid der Deutschen mit dem Leid anderer verrechnet, der übersieht ein wichtiges Ergebnis der Niederlage: Nur der Sieg der Alliierten hat die Deutschen von der Herrschaft eines Regimes befreit, das ganz allein für einen brutalen Raub-, Eroberungs- und Vernichtungskrieg, millionenfachen Mord und die Zerstörung Europas verantwortlich war.
Die Kontroverse um den 8. Mai 1945 ist aber auch keine bloße Wortklauberei, sondern eine Grundsatzdebatte über Tätergesellschaft, Opferperspektive, demokratischen Neubeginn und die politische Funktion von Erinnerung. Gedenktage wie jener zum Ende der NS-Diktatur sind deshalb auch Gegenmittel gegen Geschichtsverfälschung und Nationalideologien, wie Kurt Kister hervorhebt. In einem Tag der Befreiung liegt auf der anderen Seite immer die Gefahr, dass sich der befreite Deutsche dahinter versteckt – er, der verführt wurde von einer Herrschaftselite, mit der er als Unbeteiligter im Grunde nichts gemein hatte. Auf diese Weise werden alle zu Opfern, während die Täter marginalisiert werden, anstatt sie – wie Götz Aly in seinen Studien herausgearbeitet hat – in der Mitte der Gesellschaft zu suchen. In diesem Kontext weist man am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung darauf hin, dass das Ablegen des politischen Systems des Nationalsozialismus nicht gleichbedeutend sei mit der Befreiung von mentalen Strukturen, die bis heute nachwirken und eine Renaissance erleben.

Rechter Geschichtsrevisionismus und die Erinnerungskultur
Nicht nur alljährlich rund um den 8. Mai erhebt sich der Geist von 1933. Er wabert wieder durch die Köpfe der Menschen und lässt sie von einem Schuldkult fantasieren. Der Geist begegnet mir in den sozialen Medien, in Foren, auf der Straße. Man jongliert mit historischen Realitäten, als könne man sie beliebig austauschen. Die Kommentarspalten sind voller unversöhnlichen Hasses, geschichtsrevisionistischer Rachegelüste und Fantasien eines Vierten Reiches, als gäbe es kein Morgen mehr. Schuld an der Vergangenheit und Verantwortung für die Zukunft werden unkritisch zusammengeworfen. Im besten Fall verknüpft man die Frage der Schuld mit der Generation der Vorfahren; eine eigene Verpflichtung für ein Nie wieder sieht man dagegen nicht.
Diese Narrative sind nicht neu, wie ein wissenschaftlicher Blick auf den rechten Geschichtsrevisionismus seit 1945 aufzeigt. Sie finden neuerdings massenhaft Verbreitung und Zustimmung. Wie sehr die Schuldabwehr und Selbstviktimisierung in der Gesellschaft bereits verankert sind, zeigen jüngste Umfragen zum Umgang mit unserer Erinnerungskultur. Erstmals wünscht sich eine relative Mehrheit der Deutschen einen Schlussstrich unter das Gedenken an die NS‑Verbrechen. Immerhin sehen noch 45 % den 8. Mai als Tag der Befreiung, 27 % ambivalent, und 13 % werten das Kriegsende als Niederlage. Dabei wirkt der Nationalsozialismus heute auf uns alle auch auf ganz andere Weise nach – zum Beispiel in Form von Familiengeschichte, die in jüngster Zeit immer mehr ins Bewusstsein rückt.
Politische Grenzüberschreitungen
Ganz vorn dabei bei relativierenden und revisionistischen Narrativen sind die Vertreter der AfD. Alice Weidel hatte bereits vor einigen Jahren von einem Tag der Niederlage gesprochen und musste sich von unterschiedlicher Seite den Vorwurf des Geschichtsrevisionismus – auch seitens von Gedenkstätten und Historikern – gefallen lassen. Seitdem sind die Grenzen des Sagbaren noch weiter verschoben worden. Nur ein Beispiel unter vielen: Zum Gedenken an den 8. Mai verbreitet Dominik Kaufner von der AfD-Fraktion im Brandenburger Landtag ein Plakat mit dem Schriftzug Tag der Vernichtung auf Facebook. Hierzu kommentierte er:
Massaker der Roten Armee an deutschen Zivilisten, Terrorbombardements der Briten und der USA, Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen durch Soldaten aller Kriegsgegner in historisch einmaligem Ausmaß, die Versenkung der Gustloff und anderer Flüchtlingsschiffe, Raub, Mord, Plünderung, Vertreibung und Zwangsumsiedlung von 15 Millionen Ostdeutschen, das Grauen der Rheinwiesenlager und der russischen Gefangenschaft – wer um die Menschheitsverbrechen an den eigenen Vorfahren weiß und dennoch um den 8. Mai in Feierstimmung verfällt, der hat seine Würde, seinen Anstand und seine Ehre verloren. Egal, wo er politisch steht.
Ich habe letztes Jahr in meiner Rede im Brandenburger Landtag die groteske Vorstellung zurückgewiesen, den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ zu feiern – angesichts des unfassbaren Leids, das vor und noch lange nach dem 8. Mai über unser Volk gekommen ist.
Es muss endlich Schluss sein mit der Selbsterniedrigung und Demütigung durch Besatzernarrative. Wir feiern nicht!

Nichts von dem, was Kaufner dort aufzählt, entbehrt eines wahren Kerns, denn der Krieg wurde unerbittert nach Deutschland zurückgetragen. Dass die Soldaten der Roten Armee blutige Rache nahmen und Gräueltaten verübten sowie die alliierten Bombenangriffe in der Schlussphase des Krieges unnötige zivile Opfer und die Auslöschung ganzer Innenstädte zur Folge hatten, gehört daher auch zur Geschichte der Befreiung. Aber Kaufners Schlussfolgerung, sein Ausblenden der Ursache dieser Menschheitskatastrophe, führt zu einer Täter-Opfer-Umkehr. Und sie folgt Denkmustern, die deutsche Opfer über andere stellen. Der AfD-Abgeordnete bedient sich auf seiner Grafik mit dem Tag der Vernichtung zudem eines Vokabulars, das unmittelbar aus der Propaganda und der Vorstellungswelt der Nationalsozialisten stammt und an die Vernichtung der jüdischen Rasse oder den Vernichtungskrieg im Osten anknüpft. Kaufner, der zudem Historiker und Geschichtslehrer ist, verlässt damit das Fundament des wissenschaftlichen Ethos, um den Narrativen einer rechten Ideologie zu folgen und sich auf die Seite der Geschichtsrevisionisten zu schlagen. Er ist dabei nur ein Beispiel unter vielen.



