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Götz Aly: Wie konnte das geschehen?

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Jüdische Familie Berlin 1941
Jüdische Familie in Berlin 1941

Der Historiker Götz Aly

Götz Aly ist einer der renommiertesten Historiker mit Forschungsschwerpunkt zum nationalsozialistischen Deutschland. In seinen Publikationen bewertete er die Entstehung des NS-Regimes, das die deutsche Geschichte so nachhaltig geprägt hat, mit immer neuen Ansätzen. Seine neueste Publikation zu dem Thema ist eine Art Lebenswerk, eine Bilanz seiner bisherigen Forschungen. Darin stellt er die deutscheste aller Fragen an den Anfang: „Wie konnte das geschehen?“ Zugleich ist es eine Aufarbeitung seiner eigenen Familiengeschichte, denn Alys Vater Ernst war ein Hitlerjugend‑Funktionär.

Alys Ausführungen sind detailliert, faktenreich, quellenbasiert und werden ohne Anklage und Moral vorgetragen. In insgesamt zwölf Kapiteln, die allesamt unterschiedliche Aspekte fokussieren, resümiert der Historiker seine jahrzehntelange Forschung zu den Ursachen und Voraussetzungen für den Aufstieg und den Machterhalt eines mörderischen Systems in Deutschland, das weder zuvor noch in der weiteren Geschichte an Menschenverachtung und Zerstörungspotenzial übertroffen wurde. Nicht zuletzt zielt die Beantwortung der eingangs gestellten Frage, die zugleich den Buchtitel darstellt, darauf ab, die Möglichkeit einer Wiederholung der NS-Menschheitsverbrechen einzuordnen. Damit besitzt Alys Publikation „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“ über den wissenschaftlichen Wert hinaus eine hochaktuelle zeitgeschichtliche Dimension. Wir wollen daher seine Erkenntnisse, die mit rund 700 Seiten viel Ausdauer beim Lesen erfordern, genauer betrachten und auf die entscheidenden Kernaussagen herunterbrechen.

Antisemitismus und soziale Mobilität

Aly verweist auf die Vorbildfunktion des türkischen Völkermordes an den Armeniern für die nationalsozialistische Ideologie. Im Kern ging es um eine rassenpolitische NS-Programmatik. Gewalt an Juden, Sinti und Roma sowie anderen Minderheiten und gesellschaftlichen Randgruppen sollte stets dem Nutzen einer arischen Mehrheit dienen. Dadurch wollte man nicht nur die Bildung einer starken und homogenen Volksgemeinschaft vorantreiben, sondern seine Mitglieder zugleich an das Regime und seine politischen Ziele binden. Hierfür nutze man auch populistische Sprache in Losungen, im Liedgut und in anderen Texten.

Die NSDAP verstand es zudem, die Rekrutierung von Emporstrebenden mit einem hohen Grad an Eifer zum Instrument zu machen. Der große Wunsch nach Aufstiegsoptionen seit der Zeit der Weimarer Republik machte viele Wähler zu NS-Anhängern, weil das Gefüge des NS-Staates mit seinen schnell wachsenden Institutionen und Organisationen genau diese Möglichkeiten bot. Die starke soziale Mobilität betraf – anders als häufig geglaubt – unterschiedliche gesellschaftliche Schichten. Nicht die Zugehörigkeit zu bestimmten Klassen machte den durchschnittlichen NS-Anhänger aus, sondern der Wunsch nach sozialem Aufstieg und damit verbundener Absicherung. Das Aufstiegsversprechen der NSDAP dockte dabei an dem in der Bevölkerung weitverbreiteten wirtschaftlichen und bildungstechnischen Neid gegenüber den gesellschaftlich erfolgreichen Juden an.

Der nationale Sozialismus der NSDAP

Parallel inszenierte sich Adolf Hitler als Kanzler der inneren Einheit. Der Föderalismus wich einem straff durchorganisierten Zentralstaat. Am 30. Januar 1934 wurde das Gesetz über den Neuaufbau des Reiches erlassen. Preußen und Bayern wurden zu Deutschen, die Landesregierungen entmachtet. Auch die Überwindung der konfessionellen Spaltung, die sich im Bildungssystem mit zahlreichen Schulen in kirchlicher Trägerschaft widerspiegelte, gelang. Ziel war das Idealbild einer solidarischen Volksgemeinschaft, die nicht zuletzt der in Wahlen umkämpften Arbeiterklasse zugutekam. Die NSDAP verfolgte damit die Politik eines nationalen Sozialismus. So mancher verwechselt dies noch heute mit linker Politik. Das geeinte, von schädlichen Fremdeinflüssen wohlbehütete Volk scharte sich als Kollektiv um den Führer, insbesondere die aufstrebende und gegen die Republik mobilisierte Jugend.

Mit zahlreichen Gesetzen in der Zeit nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 schuf man spürbare Erleichterungen für Mieter, Arbeiter und Bauern, die durch die Weltwirtschaftskrise der Weimarer Zeit in Notlagen geraten waren. Mit dem sozialgesetzlichen Rettungssystem machte sich die NSDAP endgültig zur Partei des kleinen Mannes, vor allem aber zur Arbeiterpartei, womit sie die SPD in diesem Feld ablöste. Vielen Arbeitern erschien in dieser Zeit die wirtschaftliche Sicherheit verheißungsvoller als der Erhalt persönlicher Freiheit.

Teil dieses Konzeptes war auch die Überführung – weniger die Zerschlagung, wie man es so häufig lesen kann – der Gewerkschaften in die Deutsche Arbeitsfront (DAF). Diese diente dazu, alle Berufsverbände zu ersetzen und die Arbeitswelt im Sinne der NSDAP gleichzuschalten. Zur komplexen historischen Erkenntnis gehört aber auch, dass sozialistisch, sozialdemokratisch oder kommunistisch gesinnte Gewerkschafter diesen Transformationsprozess vielfach opportunistisch mitmachten. Die Konsolidierungsphase der NS-Führung war spätestens 1935 mit einer komfortablen gesellschaftlichen Mehrheit abgeschlossen. Das zeigt sich nicht zuletzt an der am 13. Januar 1935 erfolgten Abstimmung zur Wiederangliederung des Saarlandes an das Deutsche Reich, bei der über 90 Prozent für Hitlerdeutschland stimmten.

Die christlichen Kirchen im Dritten Reich

Unterschiedlich gingen die christlichen Kirchen mit den neuen Machthabern um. Bereits vor den Wahlerfolgen der NSDAP ist in der evangelischen Publizistik an zahlreichen Beispielen ein völkisches Denken zu beobachten. Entsprechend offen zeigte man sich gegenüber der Machtergreifung durch Hitler und der judenfeindlichen Einstellung des Nationalsozialismus. Nach dem 30. Januar 1933 war es vor allem Otto Dibelius, der Generalsuperintendent der Kurmark, der aus seiner Begeisterung für die neue Regierung keinen Hehl machte. Er war es auch, der den Gottesdienst in der Garnisonkirche am symbolträchtigen Tag von Potsdam am 21. März zelebrierte, mit dem die neuen Machthaber die jüngsten politischen Verhältnisse festigen wollten. Zusammenfassend ist zu konstatieren, dass es führende evangelische Geistliche waren, die dank ihrer Autorität den Weg für die Akzeptanz antisemitischer Maßnahmen bei den Kirchenmitgliedern geebnet haben.

Um die katholische Kirche auf Linie zu bringen, musste die NSDAP dagegen aktiver tätig werden. Insbesondere Propagandaminister Joseph Goebbels war der Widerstand gegen die Gleichschaltung der sich als übernational verstehenden Katholiken ein Dorn im Auge. Hitler selbst stellte 1941 fest, das katholische Zentrum habe ihm vor und nach der Machtergreifung größere Probleme bereitet als Sozialdemokraten, Kommunisten oder Liberale. So war es auch der münsteraner Kardinal Clemens August Graf von Galen, der in seinen Predigten im Sommer 1941 als einziger hoher katholischer Kleriker das NS-Regime und sein Euthanasieprogramm kritisierte.

Entscheidende Angriffspunkte gegen katholische Geistliche waren der sexuelle Missbrauch und die damals noch strafbaren homosexuellen Handlungen, die nun mittels einer Sonderstaatsanwaltschaft in Koblenz gezielt verfolgt wurden. Die in großer Zahl erfolgten Sittlichkeitsprozesse – auch als Pfaffenprozesse bekannt – gegen Ordensangehörige und katholische Priester wurden von der NS-Presse exzessiv propagandistisch begleitet, um die Empörung in der Öffentlichkeit hochzuhalten. Die großangelegte Kampagne zur Diskreditierung der katholischen Kirche und der damit aufgebaute Druck auf die katholischen Bischöfe zielten darauf ab, diese davon abzuhalten, am NS-Regime Kritik zu üben und bei der Jugenderziehung mitzuwirken.

Kriegsvorbereitungen

Spätestens seit September 1936, seit der öffentlichen Bekanntgabe eines Vierjahresplans beim Parteitag der NSDAP in Nürnberg – das friedfertige Deutschland hatte sich gerade noch bei den Olympischen Spielen in Berlin präsentiert -, wurde die deutsche Öffentlichkeit systematisch auf einen kommenden Krieg eingeschworen. Die Heereskapazität konnte deutlich gesteigert werden, indem schnelle Aufstiegsmöglichkeiten geschaffen wurden. Für Offiziere war das Abitur keine Voraussetzung mehr. Überall im Land wurden neue Kasernen errichtet. Um die enorme Aufrüstung und den Ausbau der Rohstoffindustrie zu ermöglichen, die nun massiv vorangetrieben wurden, animierte man die Bevölkerung zu Konsumeinschränkungen. Hermann Göring rief die Volksgenossen am 28. Oktober 1936 im Berliner Sportpalast zum Zusammenhalt auf: „Eine große Zeit verlangt ein großes Volk! Beweist, dass ihr ein großes Volk seid!“

Gleichzeitig startete die Anlage großer Getreidevorräte, die die Lebensmittelversorgung auch in einem Krieg gewährleisten sollte. Mit allerlei Feierlichkeiten wie Jahrmärkten, Stadtjubiläen und Volksfesten sowie Steuererleichterungen, insbesondere für kinderreiche Familien, sollte das Volk mit Brot und Spielen bei Laune und angesichts der unbequemen Aussichten loyal gehalten werden. Trotz der einfachen Mittel führte diese Strategie zum Erfolg. Die Deutschen erfreuten sich an den im Vergleich mit den Krisen der Weimarer Republik deutlich verbesserten Lebensbedingungen. Vom Volk weitgehend unbemerkt führten all diese Maßnahmen aber auch zu einer enormen Staatsverschuldung, die nur durch die Erschließung neuer Rohstoffvorkommen und Lebensräume im Osten getilgt werden konnte. Die Vorbereitungen für den Krieg schufen so zugleich die Gründe für den Krieg.

Krieg als Mittel gegen den Staatsbankrott

Der Staatsbankrott, der durch die immense Anhäufung von Schuldenbergen drohte, konnte zunächst durch den Anschluss Österreichs im März 1938 und die Besetzung des Sudetenlandes im Oktober 1938 abgewendet werden. Beide Schritte, die auch in der NS-Führung als außenpolitisch riskant bewertet wurden, erschlossen neue wirtschaftliche und finanzielle Spielräume. Um weitere Mittel für die Kriegswirtschaft zu erschließen, wurde nun die jüdische Bevölkerung in der Zeit zwischen 1938 und 1941 enteignet. Wir haben es hier mit einem direkten Zusammenhang zwischen Judenverfolgung, beschleunigter Aufrüstung und Finanzpolitik zu tun. In der Geschichtswissenschaft ist dieser Umstand trotz eindeutiger Quellenlage lange heruntergespielt worden, weil damit für die Entrechtung und Ermordung der Juden ein geradezu profaner ökonomischer Beweggrund sichtbar wurde, der die rassistischste Motivierung des Menschheitsverbrechens Holocaust relativierte.

Aly verweist darauf, dass Hitler bereits vor Kriegsbeginn im Laufe des Jahres 1939 gegenüber den Befehlshabern der Wehrmacht mehrfach deutlich gemacht hatte, dass der Eroberungskrieg aufgrund der Finanzlage unausweichlich wäre. Es war ein Krieg um der inneren Stabilität willen. Doch selbst die Siege gegen Polen, Dänemark, Norwegen, die Beneluxstaaten und Frankreich bis zum Sommer 1940 waren nicht ausreichend, um den Schuldenstand vollständig abzubauen. Entsprechend belegen die Quellen, dass Friedensverhandlungen für die NS-Führung keine Option darstellten, vielmehr der Krieg gegen England und die Sowjetunion herbeigesehnt wurde. Die NS-Propaganda ließ das deutsche Volk, in dem vielfach Kriegsangst und angesichts des noch in den Köpfen präsenten Ersten Weltkrieges Kriegsmüdigkeit herrschte, derweil glauben, der neuerliche Krieg sei aufgezwungen.

Der versüßte Krieg

Die Masse der Mitte, wie Hitler den lenkbaren Teil des Volkes in Mein Kampf definierte, musste unterdessen vom Krieg abgelenkt werden. Die NS-Führung schuf mit der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädel Massenorganisationen für junge Volksgenossen, die mit Wanderungen, Ferienlagern oder Gruppenbanden genau das leisten und zugleich die soziale Gemeinschaft stärken konnten. Ein großzügiger, staatlich finanzierter Familienunterhalt sorgte dafür, dass sowohl Soldaten als auch Daheimgebliebene den Krieg zumindest materiell nicht als zu große Belastung empfanden. Das funktionierte so lange, wie die Wehrmacht von Sieg zu Sieg eilte und die Soldaten vom Fronturlaub allerlei Geschenke mitbringen konnten.

Hitler und die Hitlerjugend
Hitler und die Hitlerjugend (wahrscheinlich am Obersalzberg Ende der 1930er Jahre)

Rundfunk und Kino wurden für die gleichen Ziele eingespannt und zugleich gezielt für die Propaganda eingesetzt. Für Sondermeldungen von der Kriegsfront wurde das laufende Radioprogramm effektvoll unterbrochen. 1940 erschien im Kino die Antisemitismus-Trilogie Die Rothschilds, Jud Süß und Der ewige Jude. Heinz Rühmann oder Zarah Leander versüßten dem deutschen Volk das Leben, während es auf den totalen Krieg eingeschworen wurde.

Parallel betrieb man die Optimierung des Volk­skörpers durch Euthanasie und durch eine Heim-ins-Reich-Umsiedlungspolitik. Letztere scheiterte allerdings in weiten Teilen in ihrer Umsetzung. Ethnische Säuberungen fanden vor allem in Polen statt: Vertreibung, Abschiebung, Ghettoisierung, Ermordung. Bemerkenswert ist, dass die Euthanasiemorde und die Judenverfolgung von einem großen Teil der deutschen Bevölkerung gebilligt wurden. Dies war sicherlich dem Umstand geschuldet, dass man bis in die ersten Kriegsjahre hinein ein vergleichsweise komfortables Leben mit den bereits genannten Vorzügen führen konnte. Im so eingerichteten Alltag spielte der Schutz von Minderheiten kaum eine Rolle.

Der entfesselte Krieg

Mit dem Unternehmen Barbarossa, dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, änderte der Krieg sein Gesicht. Aus dem bisherigen Besatzungskrieg wurde nun ein Vernichtungskrieg. Die NS-Führung gab aufgrund der eigenen schlechten Versorgungs­lage die Ausbeutung der Getreidevorkommen der Ukraine und Südrusslands als Kriegsziel und Kriegsbegründung aus. Das millionenfache Verhungernlassen der russischen Bevölkerung war dabei nicht nur eingepriesen, sondern Teil der Kriegsstrategie, sollte doch Lebensraum für deutsche Siedler im Osten geschaffen werden. Allein in Leningrad starben eine Million Menschen durch Aushungerung.

Aly zieht zahlreiche Kriegsberichte als Primärquellen heran. Sie zeugen von der weitverbreiteten Gewissenlosigkeit und gesteigerten Brutalität vieler Wehrmachtssoldaten. Die Kennzeichnung von feindlichen Soldaten, Juden, russischen Kommissaren und Zigeunern als Tiere oder Untermenschen zeugt von dem Gift, das die nationalsozialistische Ideologie seit Jahren verbal gelegt hatte. Die selbst ernannten Herrenmenschen entmenschlichten systematisch die jüdische und slawische Bevölkerung, sodass es zu zahlreichen Ermordungen sowjetischer Soldaten und der Zivilbevölkerung kam. Kriegsgefangene wurden vielfach nicht gemacht, sondern die Rotarmisten an Ort und Stelle erschossen.

Babi Jar
Sowjetische Kriegsgefangene verschütten das Massengrab in Babi Jar

Mit dem Scheitern des Blitzkrieges gegen die Sowjetunion stieg die Nervosität im NS-Staat, sowohl im Regime als auch in der Bevölkerung. Allein in den ersten sechs Wochen des Krieges im Osten starben mehr deutsche Soldaten als im gesamten Krieg zuvor. Spätestens als die Pastoren damit begannen, die gefallenen Gemeindemitglieder in den Gottesdiensten zu verlesen, war dies nicht mehr zu verheimlichen. Der stark abnehmende Zuspruch für das NS-Regime und den Krieg war zunehmend aus den Todesanzeigen abzulesen, in denen Formulierungen wie „starb für den Führer“ rapide zurückgingen. Die NS-Regierung steuerte mit Renten- und Sozialgeschenken großen Ausmaßes gegen die Unzufriedenheit gerade in den älteren Bevölkerungsschichten. Finanziert wurde dies über den Einsatz von Zwangsarbeitern in der deutschen Industrie. Die Sozialabgaben für diese wurden von den Unternehmen in voller Höhe entrichtet und konnten entsprechend auch in die Kranken- oder Rentenkassen fließen. Unter anderem wurde erstmals die Krankenversicherung für Rentner eingeführt.

Der Weg in die Verbrechensgemeinschaft

Die von Aly zusammengetragenen Quellen belegen, wie in Folge des sich wendenden Krieges die NS-Führung, namentlich insbesondere Goebbels, ihre Politik auf die drohende Erlahmung der Unterstützung in der Bevölkerung ausrichtete. Führung und Geführte sollten zur verschworenen Gemeinschaft werden. Goebbels erfand hierfür die Kollektivschuld. Schon nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 war in allen Zeitungen zu lesen, dass es des Volkes Wille und legitimer Zorn war, der die Menschen gegen die Juden aufstehen ließ.

Nun, im Herbst 1941, wurde mit dem Judenstern der letzte Akt bei der Ausgrenzung und Ausrottung jüdischen Lebens eingeleitet. Begleitend dazu wurde mithilfe zahlreicher Medien die Verschwörungstheorie rund um die bereits vor Jahren von Hitler heraufbeschworene Kriegsschuld des Weltjudentums sowie um die angeblichen jüdischen Vernichtungspläne gegenüber dem deutschen Volk an die Küchentische und an die Front getragen. Die Deutschen sollten erkennen, dass der Weg in einen Kompromissfrieden mit den Alliierten längst versperrt sei und sie nur die Vergeltung der Kriegsgegner erwarten würde, wenn dieser Krieg verloren ginge. Man spielte mit der Angst der deutschen Bevölkerung, als Teil einer Verbrechensgemeinschaft zur Verantwortung gezogen zu werden. Es galt nur noch Sieg oder Vernichtung. Aly zeigt damit auf, dass es konkrete realpolitische, erst sekundär rassistische Motive waren, die in den Holocaust führten.

Judenmord und Staatsterror

Um die deutschen Bürger noch versorgen zu können, wurden die Essensrationen für Juden komplett gestrichen. Spätestens mit der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 war die Vernichtung allen jüdischen Lebens in Deutschland und den besetzten Gebieten beschlossene Sache. Die Nachrichten der Frontsoldaten, die bestens dokumentiert sind, schilderten die Massentötungen im Osten und hatten zu diesem Zeitpunkt die deutsche Bevölkerung längst zu Mitwissern gemacht. Die Deportationen wurden zudem zunehmend und bewusst öffentlich zelebriert. Mit der Aktion Reinhardt begann das industrielle Morden in den Konzentrationslagern in Polen. Im November 1942 machten Hitler und Goebbels in ihren Reden auch kein Hehl mehr daraus, dass es ihnen um die Vernichtung des Judentums in Europa ging. Zum antisemitischen Rassenhass trat nun der Massenmord zum politischen Zweck hinzu. Auch den Alliierten war die Strategie der Kraft durch Furcht vor Vergeltung aufgrund von Vernehmungen und Abhörungen deutscher Gefangener bekannt.

Auf diese Weise erreichte das NS-Regime eine Radikalisierung des Krieges. Ein Manifest dieser Zuspitzung war Goebbels’ berühmte Rede im Sportpalast am 18. Februar 1943, die sich der Niederlage von Stalingrad anschloss. Die Propaganda in diesem „totalen Krieg“ arbeitete nun auf Hochtouren. Die britischen Bombardierungen deutscher Städte, die jetzt an der Tagesordnung waren, wurden als jüdisches Werk deklariert. Der Krieg wurde als Kampf gegen die jüdische Weltpest stilisiert, die lediglich die Auslöschung des deutschen Volkes zum Ziel hätte. Widerstand in der deutschen Bevölkerung wurde mit Staatsterror begegnet. Die Todesurteile gegen Deutsche, auch gegen Wehrmachts- und SS‑Angehörige, wegen vermeintlicher Zersetzung der Wehrkraft – ein dehnbarer Straftatbestand, der kurz vor Kriegsbeginn im August 1939 in Kraft trat – stiegen sprunghaft an. Die Mitglieder der Weißen Rose rund um Sophie Scholl sind nur die prominentesten Opfer.

Um den Gedanken an eine italienische Lösung, wo Benito Mussolini im Juli 1943 abgesetzt wurde, im Keim zu ersticken, hielt Heinrich Himmler am 6. Oktober in Posen im Vorfeld eines Treffens im Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen eine Rede vor den Reichs- und Gauleitern und hohen Militärs, um sie auf Linie zu bringen. Unverhüllt schilderte er die weit vorangeschrittene Vernichtung des Judentums, einschließlich der Frauen und Kinder. In aller Deutlichkeit führte er aus, dass alle Brücken zurück abgebrochen seien und es für jeden Einzelnen auch persönlich nur noch um einen glorreichen Sieg oder totale Vernichtung gehe. Die Botschaft über das organisierte Massenmorden wiederholte Himmler in der Folge vor unterschiedlichen Gruppierungen von militärischen und SS‑Führern.

Zusammenfassung und Mahnung

Die Deutschen nahmen das Kriegsende mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Erleichterung hin. Ein langer Prozess der Selbstläuterung setzte ein, bei dem spürbar war, wie sehr die Propagandamaschinerie eines Goebbels nachwirkte. Überhaupt stellt sich nach der Lektüre von Alys Buch der Eindruck von den Deutschen als verführtem Volk ein. Wohl dosierte Geschenke und Lügen, später die Angst vor der Vergeltung im Falle eines verlorenen Krieges, machten die Menschen gefügig. Mithilfe von Massenorganisationen trieb die NS-Führung die Verschmelzung von Staat und Gesellschaft voran. Abweichler wurden zum Kollektivfeind erklärt: die Juden, die Kommunisten – überhaupt jeder, der die Überlegenheit der arischen Rasse und den Endsieg infrage stellte. An ihrer physischen Vernichtung machte sich das deutsche Volk durch Zuschauen mitschuldig und konnte so in der Endphase des Krieges auf die Formel Sieg oder Vernichtung eingeschworen werden. Am Tag der Goebbels-Rede vom totalen Krieg am 18. Februar 1943 kommentierte Erich Kästner zutreffend:

Die Stimmung in der Bevölkerung ist sehr ernst geworden. Das Ausschlaggebende ist die Furcht vor einer russischen Invasion. Mit diesem Mittel, das Kraft durch Furcht genannt worden ist, kann man noch allerlei erreichen.

Aly gewährt uns intensive Einblicke in die Manipulation des deutschen Volkes durch das NS-Regime. Insbesondere das Tagebuch von Propagandaminister Goebbels erlaubt in diesem Kontext ein tieferes Verständnis der Geschehnisse. Überraschend deutlich schält sich dabei heraus, dass es mehr politisches Kalkül war als ideologisches Getriebensein, das das Handeln der Mannen rund um Hitler bestimmte. Die NS-Zeit kann daher nicht als autoritäre Herrschaft einiger weniger fehlgeleiteter Menschenverachter und Massenmörder charakterisiert werden. Sie ist ohne präzise Kenntnisse der politischen Gemengelage und der Mechanismen eines massengestützten Volksstaates nicht hinreichend deutbar. Der Holocaust besitzt eine Komponente, die Aly zutreffend als Massenraubmord einer Verbrechensgemeinschaft einordnet.

Zieht man Parallelen in unsere Zeit, um aus der Geschichte zu lernen, ist auf das Scheitern der politischen Mitte bei der Abwehr des extremistischen Gedankengutes und die Verschiebung moralischer Normen hinzuweisen. Es war die Mitte der Gesellschaft, die bei den Wahlen 1932 dem Rechtsextremismus das Tor zur Macht weit öffnete, und es war die politische Mitte, die beim Ermächtigungsgesetz den letzten demokratischen Widerstand aufgab. Die zentrale Botschaft von Alys Buch ist, dass es keine verbrecherische Elite war, die Deutschland und Europa in die Menschheitskatastrophe führte, sondern der korrumpierbare Bürger, der Opportunist, die schweigende Mehrheit, die millionenfach als passive und aktive Unterstützer fungierte. Wer sich bei der Analyse von Völkermorden und Menschheitsverbrechen auf das Böse beschränke, werde die Gefahr einer Wiederholung, die in jeder Gesellschaft stattfinden könne, nicht erkennen, urteilt Aly abschließend und mahnend. Diese Mahnung geht über Deutschland hinaus.

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