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„Der Baader-Meinhof-Komplex“ von Stefan Aust

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Standardwerk zur Geschichte der RAF

Buchbesprechungen gehören nicht zu meinem Spezialgebiet. Und doch wage ich nun meine erste, ohne dabei einen Deut auf Formalitäten zu geben. Existieren diese überhaupt? In den letzten Wochen hat mich ein Buch derart gefesselt, dass ich bis tief in die Nacht Kapitel um Kapitel verschlang. So etwas kann man sich auch nur als Selbständiger (oder Rentner) leisten.

Bereits die Überschrift hat es verraten: Ich spreche von einem Standartwerk zur Geschichte der RAF, die Stefan Aust erstmals 1985 veröffentlicht hatte. Eine überarbeitete und ergänzte Neuausgabe erschien 2017. Ich hatte mir diese schon vor Jahren angeschafft, mich aber doch erst vor kurzem an das fast tausendseitige Werk gewagt. Zu stark wog lange die Befürchtung, ich würde mich in einem trockenen, überlangen Wälzer verfangen und schließlich die Lust am Thema verlieren. Nichts von alledem geschah – ganz im Gegenteil!

Stefan Aust als Zeit- und Augenzeuge

Der Autor Stefan Aust dürfte jedem halbwegs am Zeitgeschehen interessierten Menschen ein Begriff sein. In seiner journalistischen Tätigkeit war er Chefredakteur beim „Spiegel“ und der „Welt“. Viel gewichtiger in diesem Kontext ist aber, dass Aust Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre in der linken Szene beheimatet war und somit auch in engen Kontakt mit der ersten Generation der RAF kam, ohne dabei selbst in den Untergrund abzugleiten. In den folgenden Jahren wurde er zu einem der führenden RAF-Experten.

Aust gelingt in seinem Buch das Kunststück, trotz des hochemotionalen Themas weitgehend auf Wertungen zu verzichten. Seine Beschreibungen der Geschehnisse wirken maximal distanziert, vielfach protokollarisch. Sie büßen dadurch aber nicht an Dramatik ein, denn Aust ist durch seine jahrelangen akribischen Recherchen stets extrem nah am Geschehen, beschreibt akkurat jedes Detail, welches im weiteren Geschehen eine Bedeutung zukommen könnte. Terrorismus und Tod, die die Geschichte der RAF wie ein roter Faden durchziehen, werden auf diese Weise auf ihre Faktenbasis reduziert. Sie sind für den Leser aber real, denn er weiß: Das Szenario hat sich genauso abgespielt. Aust beschreibt sein Vorgehen im Vorwort wie folgt:

Dieses Buch ist keine Anklageschrift und nicht das Plädoyer eines Verteidigers. Es ist auch kein Urteil, weder in juristischer noch in moralischer Hinsicht. Es soll ein Protokoll sein, eine Chronik der Ereignisse vom Juni 1967 bis zum „Deutschen Herbst“ 1977, …

Erst in den letzten Zeilen seines Buches erlaubt sich Aust ein persönliches Fazit. Er räumt darin mit der Heroisierung der RAF gründlich auf und erinnert an die lange Reihe der Opfer, die zu gern ausgeblendet werden.

Die Wurzeln und Köpfe der RAF

Der Autor lässt in seinem Buch die Protagonisten für sich selbst sprechen. Dadurch tritt ihre Motivation, in den Untergrund zu gehen und sich zu radikalisieren, besonders unverfälscht hervor. Die führenden Gründungsmitglieder der RAF – allen voran Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Horst Mahler – werden dabei mit ihrer Vita vorgestellt. Erkenntnis: Terrorismus, das ist keine abstrakte Naturkatastrophe, die über uns unvermittelt hereinbricht, nein, er wird verübt von Menschen, die ab einem bestimmten Punkt in ihrem Leben bereit sind, für ihre Überzeugungen über Leichen zu gehen, in letzter Konsequenz sogar über die eigene. Einige wenige aber zeigen Zweifel, steigen wie Peter Homann aus der Spirale der Gewalt aus. Als Terrorist wird man nicht geboren, hinter Terrorismus stehen immer menschliche Lebenswege, Schicksale, Tragödien, ohne dass ich Opfer und Täter in irgendeiner Form gleichstellen möchte.

Dabei wird deutlich, dass die Wurzeln der RAF in den Protestbewegungen Ende der 1960er Jahre liegen. Als Wendepunkte dürfen die durch einen Polizisten verübte Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg bei den Protesten gegen den Besuch des Schahs von Persien sowie der Anschlag auf Rudi Dutschke, den Kopf der Studentenbewegung, angesehen werden.

Militante Splittergruppen radikalisierten sich in der Folge. Neben der RAF war dies vor allem die „Bewegung 2. Juni“, die sich in ihrer Namensgebung auf den Todestag Ohnesorgs bezog. Aus Protest wurde Widerstand. Aus Widerstand wurde der bewaffnete Kampf. Ihre Anschläge richteten sich vor allem gegen die in ihren Augen imperialistischen Machtstrukturen und den Vietnamkrieg der USA. So lehnte die erste Genration der RAF stets Aktionen gegen die Zivilbevölkerung ab. Horst Herold, BKA-Präsident und die Symbolgestalt für die Jagd auf die RAF, erkannte als einer der wenigen, dass der Terrorismus gesellschaftliche Situationen und Probleme reflektiert. Auf diese Weise analysierte er die Motivlage und Denkweise des Gegners.

Fahndungsplakat RAF
Fahndungsplakat 1970 bis 1972

Stammheim und die Grenzen des Rechtsstaats

Doch Austs Buch macht auch sichtbar: Die zum Teil nachvollziehbaren Ziele der Gruppierungen rund um die erste Generation der RAF verschaffte ihnen zunächst eine große Zahl an Sympathisanten. Man ist geneigt festzuhalten, dass es Unterstützung in nicht unerheblichen Teilen der Bevölkerung gab. Umso abstoßender wirkte später die Radikalität ihrer Methoden, insbesondere bei der zweiten Generation rund um Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar und Peter-Jürgen Boock.

Aufschlussreich und intensiv ist vor allem das Kapitel über den Prozess in Stuttgart-Stammheim, in dem sich Baader, Meinhof, Ensslin und Jan-Carl Raspe für ihre Taten verantworten mussten. Ihre Respektlosigkeit gegenüber den Institutionen der BRD macht genauso sprachlos wie die Haftbedingungen und die Abhörmethoden der deutschen Behörden, die nicht nur einmal die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit überschritten. Zwischen diesen Polen agierte ein Schar an Rechtsanwälten, darunter bekannte Namen wie Otto Schilly und Hans-Christian Ströbele. Auch unter ihnen fanden sich Exemplare, die ihren Eid bei der Zulassung als Rechtsanwalt offensichtlich ein ums andere Mal ausblendeten. Selbst der Vorsitzende Richter musste schließlich wegen Befangenheit ausgetauscht werden.

Hungerstreiks

Die Vorgänge rund um den Prozess erscheinen wie ein Lehrstück dafür, wie man den Rechtsstaat an die Grenzen seiner eigenen Ansprüche bringt. Die Zustände im siebten Stock des Stammheimer Gefängnisses erinnern weniger an einen Strafvollzug oder eine Untersuchungshaft, als vielmehr an ein Kräftemessen zwischen totaler Anarchie und Staatsgewalt. Dadurch waren auch die Vollzugsbeamten enormen psychischen Belastungen ausgesetzt.

Dem RAF-Mitglied Holger Meins kosteten die immerwährenden Hungerstreiks, durch die die Gefangenen bessere Haftbedingungen erreichen wollten, schließlich das Leben. Ulrike Meinhof erhängte sich während des Gerichtsprozesses in ihrer Zelle. Die Antwort des Staates auf den Widerstand der Insassen in Stammheim hieß Zwangsernährung und Isolationshaft.

Der „Deutsche Herbst“

Der finale Akt des „Deutschen Herbstes“ spitzt die Geschehnisse zu einem irrationalen Krieg gegen den Staat zu. Am Ende stehen die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback, die Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ durch palästinensische Genossen. Das Land stand am Rande des Notstandes. Das Ende ist bekannt: Nach der gescheiterten Freipressung der gefangenen RAF-Mitglieder in Stammheim nahmen sich Baader, Ensslin und Raspe das Leben. Irmgard Möller überlebte ihren Suizidversuch. So jedenfalls lautet die offizielle Version.

Nach fast 1000 Seiten faktenreicher Schilderungen, die auf bemerkenswert detaillierter Recherche basieren, verdeutlicht Aust dem Leser dann im Schlussspurt aber auf fast brutale Weise, wie viele Fragen noch offen geblieben sind. Das ist vor allem den staatlichen Institutionen zu verdanken, die überall dort schweigen und mauern, wo Fragen ihre Rolle beim Tod der Stammheimer Gefangenen ans Licht bringen könnten. Zu viele Ungereimtheiten blieben übrig, um nicht hinterfragt zu werden. Wusste man von den Suizidplänen und hat diese billigend in Kauf genommen? Hätte Schleyer noch leben können, wenn das frühzeitig ins Visier der Ermittler geratene Versteck der Entführer auch an die richtigen Stellen weiter gereicht worden wäre? Welche Rolle spielte die Stasi bei der Eskalation des linksradikalen Widerstandes in der BRD?

Der Mythos RAF lebt. Er wird genährt von Geheimhaltungen, offenen Fragen, Staatsversagen, vielleicht sogar von einer gewissen Faszination für das kompromisslose Vorgehen einer Generation, die sich nicht mit bestimmten Missständen abfinden wollte und für deren Beseitigung alles andere unterordnete. Das ändert aber nichts daran, dass der Kampf der RAF einem religiösen Kreuzzug ähnelte, der letztendlich nur Tote und Verlierer auf verbrannter Erde hinterließ. Die Revolution frisst ihre Kinder schließlich doch.

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