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Wie die Kultur in der Pandemie zum Kollateralschaden wird

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Mona Lisa mit Maske - Kultur und Corona

Lockdown 2.0

Nun also doch: Wir haben den zweiten Lockdown. Und doch fühlt es sich anders an als im Frühjahr. Die Einsicht in die Alternativlosigkeit der Corona-Maßnahmen, die noch im März und April verbreitet war, ist teilweise einer begründeten Skepsis gewichen. Es sind viele seriöse Stimmen aus Medizin und Wissenschaft zu vernehmen, die zurecht die unzureichende Differenzierung und das Fehlen einer langfristige Strategie der Maßnahmen bemängeln. Das RKI hat bereits im September und nun nochmals vor wenige Tagen darauf hingewiesen, dass zum Beispiel kaum Ansteckungen in der Gastronomie zu verzeichnen sind, wenngleich die Datenlage da alles andere als vollständig ist und das Infektionsgeschehen bisweilen diffus ist.

Unverständnis und Frust bei Kulturbetrieben

Ähnliche Erfolgsgeschichten lassen sich über Museen, Theater und andere Kulturbetriebe sagen, die mit ihren Hygienekonzepten ganz offensichtlich den richtigen Weg in diesen schwierigen Tagen gefunden haben. Genutzt hat es ihnen nichts. Sie werden zum Kollateralschaden bei dem krampfhaften Versuch der Politik, jegliche Mobilität in der Bevölkerung zu unterbinden. Das erzeugt Unverständnis und Wut. Dies ist umso nachvollziehbarer, wenn man bedenkt, dass zum Beispiel Friseure geöffnet bleiben und Gottesdienste weiter stattfinden dürfen.

Stimmen aus der Kultur

Um die verzweifelte Situation zu beschreiben, lassen wir am besten einige Stimmen sprechen (Quelle wie oben, wenn nicht anders verlinkt):

Olaf Zimmermann (Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates):

Es ist eine fundamentale Einschränkung. Viele aus dem Kulturbereich sind aus dem ersten Lockdown noch gar nicht richtig rausgekommen. Für die großen Kultureinrichtungen kommt der zweite Lockdown. Der hat erhebliche Auswirkungen auf die Künstlerinnen und Künstler, sie haben keine Auftrittsmöglichkeiten, keine Möglichkeiten, ihre Projekte umsetzen zu können. Es ist eine dramatische Situation.

Gerald Mertens (Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung):

Der erneute harte Lockdown für Theater, Orchester und Konzerthäuser schießt deshalb bei allem Verständnis für einen effizienten Infektionsschutz deutlich über das Ziel hinaus.

Stellungnahme der Kunstmuseen:

Wenn die Museen nun erneut geschlossen werden, so erscheint dies als eine symbolische Geste. Sie wird allerdings massive Folgen haben – nicht nur für die Museen selbst, die abermals geschwächt werden, sondern auch für das Publikum, dem die Erfahrungen, die sie dort machen, viel bedeuten. Es ist uns unverständlich, warum es möglich ist, Baumärkte, Autohäuser und andere Geschäfte offen zu halten, Museen aber, die über dieselben oder großzügigere Flächen für einen Corona-gerechten Publikumsverkehr verfügen, geschlossen werden.

Marc-Oliver Hendriks (Geschäftsführer der Stuttgarter Staatstheater):

Damit fallen Theater als Diskursorte mit einer wichtigen gesellschaftlichen Funktion aus. Theater sind sichere Orte. Es wirkt auf mich vielmehr ein bisschen so, als nehme man die attraktiven Dinge aus den Schaufenstern, nur damit die Leute zu Hause bleiben.

Nikolaus Bachler (Intendant der Bayerischen Staatsoper):

Wenn wir es mit Verordnungen zu tun bekommen, müssen die verhältnismäßig und verständlich sein. Das sind sie aber überhaupt nicht mehr. Mir kann kein Wissenschaftler und schon gar kein Politiker erklären, warum man Kirchen, Geschäfte oder öffentliche Verkehrsmittel offen hält und die Kulturinstitutionen praktisch schließt. Das ist reine Symbolpolitik. Und die führt nicht nur zur Gefährdung, sondern zur Zerstörung eines Systems.

Barbara Mundel (Intendantin der Münchner Kammerspiele):

Ich hielt und halte es trotz allem für wichtig, dass wir in einer Demokratie Regeln verhandeln und einen neuen Umgang mit der Pandemie erlernen. Auch angesichts eines Lockdowns. Lernen und verhandeln kann man aber nicht, wenn mit Verboten und Willkür durchregiert wird. Das höhlt auf Dauer Demokratie und die offene Gesellschaft aus, die wir doch sein wollen. Krise kann als Gefühl kein Dauerzustand sein.

Bundesverband Schauspiel (BFFS):

Aber statt von der Kreativität der Theater zu lernen, werden sie jetzt wieder geschlossen. Angesichts eines erneuten exponentiell ansteigenden Infektionsgeschehens erkennen wir selbstverständlich die Notwendigkeit neuer Maßnahmen an. Aber sie müssen sinn- und maßvoll sein. Theater zu schließen, obwohl sie derzeit kein Risiko darstellen, ist weder sinn- noch maßvoll. Gerade kleinere und nicht öffentlich geförderte Häuser werden diesen erneuten und vollkommen unnötigen Schlag vor den Bug nicht überleben.

Kulturlandschaft zwischen Hoffen und Sterben

Unsere Kulturlandschaft wird in großen Teilen irreparablen Schaden erleiden und mir entzieht es dadurch die Grundlage für meine Selbständigkeit – von Konsequenzen für unsere Gesellschaft ganz zu schweigen. Welchen Stellenwert die Kultur in dieser Krise offenbar besitzt, zeigt sich an einem kleinen aber vielsagenden Detail: In einem Infoblatt der Bundesregierung sind die Museen unter Freizeiteinrichtungen gelistet. Im „Kulturstaat“ Bayern sind sie hinter Kosmetikstudios und Bordellen aufgeführt.

In der Vergangenheit sind zahlreiche Verordnungen von Gerichten wieder gekippt worden, weil sie nicht verhältnismäßig gewesen sind. Jüngstes Beispiel waren die Beherbergungsverbote oder die Sperrstunde für die Gastronomie. Die Regierungen entfernen sich immer weiter von den Leitlinien des Grundgesetzes, auch weil man es versäumt, die Parlamente in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Bisher habe ich den Weg der Politik weitgehend als notwendig und richtig erachtet, doch mit den neuerlichen Verordnungen kommen mir erhebliche Zweifel an der Kompetenz bei der Abwägung der Maßnahmen. Mein Vertrauen hat man damit verspielt.

Ich hoffe inständig, dass die Gerichte diesem Treiben in Zukunft noch mehr Einhalt bieten werden. Das letzte Wort über die Schließung von Kultureinrichtungen ist hoffentlich noch nicht gesprochen. Kultur darf nicht zum Kollateralschaden werden, nur weil die Politik es versäumt hat, differenziert abzuwägen, was uns in dieser Pandemie in der Spur hält.

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