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Lemgo – Hansestadt und Zentrum der Weserrenaissance

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Lemgo 1663, Kupferstich von Elias van Lennep
Lemgo 1663, Kupferstich von Elias van Lennep

Historischer Überblick

Im Jahre 1005 wird das Gebiet, in dem Lemgo liegt, erstmals als „Limgauwe“ erwähnt. Im 11. und 12. Jahrhundert sind hier mehrere Siedlungen bezeugt, die planmäßige Stadtgründung Lemgos erfolgte aber erst um 1190 durch Bernhard II. zu Lippe. Zu diesem Zeitpunkt dürfte die nahegelegene Burg Brake der Edelherren zu Lippe bereits bestanden haben. Wahrscheinlich war das Gelände an einer Flussaue der Bega für die Gründung einer Stadt nicht geeignet, so dass diese nordwestlich in geringfügiger Entfernung zur Burg entstand.

Die Verleihung der Stadtrechte und die Lage am Kreuzungspunkt von Handelswegen führte zu einem raschen Aufstieg des Ortes und zu wirtschaftlicher Bedeutung. 1215 wurde die Nicolaikirche geweiht, 1231 der Archidiakonatssitz des Bistums Paderborn in Lemgo angesiedelt. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts erfolgte die Anlage einer Neustadt, die 1365 mit der Altstadt unter einem gemeinsamen Rat vereinigt wurde. In die Zeit um 1300 fällt auch die Aufnahme Lemgos in den Hansebund. Um den Handel mit Tuchen und anderen Textilien zu fördern, verband sich die Stadt mit Herford und Bielefeld zum „Kölner Quartier“.

Lemgo - Rathaus
Rathaus am Marktplatz und die dahinter aufragende Nicolaikirche

Die Reformation hielt bereits in den 1530er Jahren in Lemgo Einzug. Die Stadt erlebte im 16. Jahrhundert noch einmal eine Blüte, die sich durch ihre zahlreichen Bauten im Stile der niederländischen Renaissance manifestierte. Die rege Bautätigkeit ist nicht zuletzt mit dem Ausbau des Schlosses Brake als frühneuzeitliche Residenz durch Graf Simon VI. in Verbindung zu bringen. Der rasche wirtschaftliche Niedergang setzte mit dem Dreißigjährigen Krieg und der Rückverlegung der Lippischen Residenz nach Detmold ein.

Baumeister und Bildhauer: Georg Crossmann und Hermann Wulff

Zu den bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten der Renaissance im Weserraum gehörten Lemgos Bürger Georg Crossmann und Hermann Wulff. Sie waren auch außerhalb der Stadt tätig und werden uns im nun folgenden Rundgang durch Lemgo als Architekten und Bildhauer immer wieder begegnen.

Crossmann lernte auf der Wanderschaft die Kunst der niederländischen Renaissance in der Werkstatt des aus den Niederlanden stammenden Bildhauers Rudolf Stockmann in Rostock kennen. Wulff stand dagegen mehrfach in den Diensten des Landesherren Graf Simon VI. zur Lippe und wirkte auf diese Weise auf die Architekturentwicklung in Nordwestdeutschland ein.

Mittelalterliche Sakralbauten

St. Nicolai

Die Nicolaikirche ist die Pfarrkirche der Altstadt und befindet sich östlich des Marktplatzes, von dem sie durch das Rathaus geschieden ist. Ihre Doppelturmfassade bildet mit dem vorgelagerten Rathauskomplex ein Bauensemble mit äußerst malerischer Wirkung.

Die dreischiffige Halle mit kurzem polygonalen Chorschluss ist ein Ergebnis mehrerer Bauphasen. Der Erstbau ist wohl bald nach Stadtgründung im Lauf der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts als Basilika errichtet worden. Von diesem Bau zeugen vor allem die noch in spätromanischer Tradition errichteten Stufenportale mit Kleeblattbogen an Nord- und Südseite. Im Innern sind vor allem die im Westfälischen im 13. Jahrhundert verbreiteten Domikalgewölbe dieser ersten Kirche zuzurechnen.

Lemgo - St. Nicolai
St. Nicolai von Südosten

Gegen Ende des 13. Jahrhunderts wurde St. Nikolai durch Abbruch der Zwischenstützen und der Verbreiterung und Erhöhung der Seitenschiffe zu einer Hallenkirche umgebaut. Die Ostteile sind im Laufe des 14. Jahrhunderts erweitert worden. Herausstechend sind dabei das Chorpolygon und das reiche Maßwerk der Fenster, die unter dem Eindruck der Marienkirche in Lemgo entstanden sein dürften.

Von der reichen Ausstattung des 16. und 17. Jahrhunderts ist vor allem die oktogonale Taufanlage von Georg Crossmann aus dem Jahre 1597 hervorzuheben. Durch ihre spätere Verlegung ist ein steinernes Epitaph, das Hermann Wulff 1578 für den Ritter Franz von Kerssenbrock geschaffen hat, mit der Taufe zu einem einzigartigen Ensemble vereint. An kaum einem Ort manifestiert sich die Kunstfertigkeit der Renaissance des Weserraumes opulenter als hier.

St. Marien

Die frühgotische Marienkirche entstand als Pfarrkirche der Neustadt und diente seit 1306 zudem als Gotteshaus eines Dominikanerinnenklosters. Der Baubeginn der Hallenkirche dürfte mit den Ostteilen um 1260 anzusiedeln sein. Eine Weihe ist für 1320 überliefert, wobei dabei auch das Langhaus fertiggestellt gewesen sein durfte. Ein westlicher Turmbau ist wegen des schlechten Baugrundes zunächst aufgegeben und erst nach der Mitte des 14. Jahrhunderts nördlich des Chorjoches als Chorflankenturm verwirklicht worden.

Lemgo - St. Marien
St. Marien von Südosten

Die Kirche besticht vor allem durch die vielgestaltigen und opulenten Maßwerkformen der Fenster und die reiche Bauplastik im Innenraum. Die Ausstattung wartet wiederum mit vorzüglichen Werken der Renaissance auf. Besonders erwähnenswert ist der Taufstein – von Georg Crossmann 1592 geschaffen – und eine Renaissance-Orgel von Georg Slegel. Letztere ist als Schwalbennestorgel im nördlichen Seitenschiff an der Wand befestigt und geht mit ihren ältesten Teilen noch ins späte 16. Jahrhundert zurück.

Architektur der Weserrenaissance

Die Weserrenaissance ist ein Phänomen, das sich primär an der Architektur im weiteren Umfeld des Weserraumes im 16. und frühen 17. Jahrhundert ausmachen lässt. Der Fokus liegt dabei vor allem auf dem Bauornament, das die Schlossbauten zahlreicher Adelssitze, die Rathäuser und die Hausfassaden der vermögenden Bürgerschaft ziert. Verbreitung fand dieses vor allem durch Musterbücher aus dem niederländischen Raum – die Namen Hans Vredeman des Vries und Cornelis Floris sind mit der Architekturrezeption jener Zeit untrennbar verbunden. Lemgo bildet ein Zentrum dieser Architekturströmung.

Rathaus

Das Rathaus sticht aus einer ganzen Reihe bedeutender Bauwerke der Weserrenaissance in Lemgo heraus. Der Komplex entwickelte sich aus einem langgestreckten gotischen Kernbau – ein um 1350/60 datierter Saalbau – und mehrfachen Erweiterungen, die sich zum Markt hin nach Westen anschlossen. Der älteste Anbau ist der um 1480 zu datierende Ratskammerbau mit seinem dominanten Staffelgiebel. Es folgte der Apothekenbau von 1522, später die Ratslaube und schließlich die darüber liegende Kornherrenstube. Der Apothekenerker und der Ratsstubenbau mit der Neuen Ratsstube wurden schließlich bis ins frühe 17. Jahrhundert errichtet.

Ratslaube, Kornherrenstube und vor allem der Apothekenerker stellen Inkunabeln der Weserrenaissancearchitektur und Symbolbauten der städtischen Souveränität dar. Sie sind wiederum mit den Namen Crossmann und Wulff verbunden. Hermann Wulff schuf 1565 die Ratslaube an der zur Mittelstraße weisenden Nordseite des Rathauses, wodurch der kurz zuvor dorthin verlegte Zugang für die Ratsmitglieder einen würdigen Rahmen erhielt. Georg Crossmann erhöhte den Bau 1589 mit der Kornherrenstube. Die zum Markt weisende Auslucht am Apothekenbau begann Crossmann ebenfalls, vollendet wurde sie aber nach dessen Tod 1612 vom Stadtbaumeister Hermann Roleff und seinem Sohn Johann.

Die Bauten tragen das volle Vokabular niederländischer Bauornamentik: Beschlagwerk, Rollwerk, Schweifwerk, korinthische und ionische Säulen und Pilaster, Diamantornamentik, Obelisken und Löwenköpfe. Hinzu treten Reliefs, die an der Kornherrenstube die sieben freien Künste und am Apothekenerker zehn Gelehrte aus Mythologie, Antike und der Renaissance zeigen.

Lemgo - Rathaus - Reliefs am Apothekenerker
Rathaus – Reliefs am Apothekenerker

Schloss Brake

Das Schloss Brake – am Stadtrand von Lemgo an der Bega gelegen – stellt ebenfalls ein bedeutendes Beispiel der Weserrenaissancearchitektur dar. Eine erste Wasserburg des späten 12. Jahrhunderts ist an diesem Ort im Besitz der Edelherren von Lippe bezeugt. Im späten 16. Jahrhundert erfolgte der Ausbau zu einer frühneuzeitlichen Residenz, bei dem vor allem Graf Simon VI. als Bauherr und erneut Hermann Wulff als Architekt die führende Rolle spielten.

Die ursprüngliche Vierflügelanlage ist aufgrund des Abrisses des Westflügels mit dem Torhaus im frühen 19. Jahrhundert nur verstümmelt überliefert. Die Bedeutung der Residenz ist aber anhand des Bauschmucks des Nordflügels, des Nordturms und der hofseitigen Gliederung noch immer ablesbar. Prägend ist die mehrgeschossige plastische Pilastergliederung. Über einem hofseitigen Portal findet sich ein Relief mit dem Sündenfall, einem in der Renaissance beliebten alttestamentarischen Motiv.

Schloss Brake - Hof
Schloss Brake – Hofansicht des Nordflügels

Schloss Brake beherbergt seit 1986 das Weserrenaissance-Museum, das sich der Kunst- und Kulturgeschichte des 16. und frühen 17. Jahrhunderts in Nordwestdeutschland widmet. Es bildet seitdem das wissenschaftliche und kulturelle Zentrum der Weserrenaissance-Forschung.

Hexenbürgermeisterhaus

Auch das sogenannte Hexenbürgermeisterhaus in der Lemgoer Neustadt ist zu den prächtigsten Bauten des Weserraumes zu zählen. Der Name des Hauses leitet sich von dem in ihm lebenden Bürgermeister Hermann Cothmann (1629-1683) ab, der berüchtigt war für seine Hexenverfolgungen. Bekannt ist vor allem sein Prozess gegen Maria Rampendahl, der als letzter Hexenprozess der Stadt in die Geschichte einging. Heute beherbergt das Bürgerhaus ein sehenswertes stadthistorisches Museum.

Erbaut wurde das Hexenbürgermeisterhaus aber bereits 1569 bis 1571 im Auftrag des Kaufmanns Hermann Cruwell. Die reiche Fassade mit Auslucht und Erker wird wiederum dem schon mehrfach genannten Architekten Hermann Wulff zugeschrieben, während der Baukörper selbst noch unter der Regie von Ludolf Crossman, dem Vater von Georg Crossman entstand.

Der gewaltige Giebel ist mit Halbsäulen gegliedert und mit Obelisken und Fächerscheiben besetzt. Erker und Auslucht tragen wie an den entsprechenden Bauteilen am Rathaus Reliefs im Brüstungsbereich. Sie zeigen Tugenden und Engel mit Wappenschilden. Über dem Portal befindet sich die Darstellung des Sündenfalls.

Lemgo - Hexenbürgermeisterhaus - Reliefs an Auslucht
Hexenbürgermeisterhaus – Reliefs an Auslucht

Bürgerhäuser

Lemgo verfügt über eine Fülle weiterer erhaltener giebelständiger Bürgerhäuser aus der frühen Neuzeit, wobei sowohl Stein- als aus Fachwerkbauten vorkommen. Die bedeutendsten konzentrieren sich auf die parallel verlaufenden Straßenzüge der Altstadt: Mittelstraße, Papentraße und Echternstraße. Einige davon möchte ich herausgreifen und vorstellen.

Lemgo - Mittelstraße 64
Giebel des Hauses Mittelstraße 64

Den Anfang soll das Wippermannsche Haus in der Kramerstraße 5 machen, das in unmittelbarer Nachbarschaft zum Marktplatz liegt. Es ist für den Kaufmann Karsten Wippermann im Jahre 1576 errichtet worden. Mit seinen Fialen und der Maßwerkornamentik am Giebel wäre es stilistisch gut ins 14. Jahrhundert zu datieren. Wir haben es hier offensichtlich mit einer bewusst ahistorischen Gestaltung und der Orientierung an münsterländischen Giebelformen zu tun.

Ältere spätmittelalterliche Giebelhäuser aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts finden sich mehr oder weniger gut erhalten in der Mittelstraße 26 (1546), Mittelstraße 52 (1521) und der Mittelstraße 54 (1556). Qualitätvolle Beispiele für steinerne Giebelfassaden der Renaissance finden sich in der Mittelstraße 40 (1574/75), der Mittelstraße 64 (um 1578) und der Papenstraße 24 (um 1567). Mit den Ausluchten und Erkern sowie dem Dekor bewegen sie sich im Wesentlichen im Spektrum der Gestaltung des Hexenbürgermeisterhauses, des Schlosses Brake und der jüngeren Bauteile des Rathauses.

Besonders verbreitet sind in Lemgo Bauten mit Fassaden aus steinernem Untergeschoss und Fachwerkgiebel. Dabei kommen typische Renaissanceornamente wie Fächerrosetten oder Beschlagwerk zum Einsatz. Reiche Giebelgestaltungen aus Fachwerk besitzen unter anderem: Echterstraße 92 (1591), Mittelstraße 13 (1591), Mittelstraße 17 (1587), Mittelstraße 27 (1569), Papenstraße 32 (um 1590) und Papenstraße 48 (um 1580).

Einordnung und Würdigung

Lemgo bildet neben Hameln und Bremen – letzteres in großen Teilen kriegszerstört – den bedeutendsten Schwerpunkt der Weserrenaissancearchitektur mit einem außergewöhnlichen Bestand an historischer Bausubstanz. Mit Georg Crossmann und Hermann Wulff stammten gleich zwei der einflussreichsten Baumeister und Bildhauer der frühen Neuzeit in Norddeutschland aus Lemgo. Neben dem Rat der Stadt traten das finanzstarke Bürgertum und vor allem der Landesherr in Person von Graf Simon VI. zur Lippe als Auftraggeber und somit Förderer der architektonischen Entwicklung auf.

Die ehemalige Hansestadt liegt im Lipper Bergland und damit im Kernland der Kulturlandschaft, die wir mit dem Begriff der Weserrenaissance verbinden. Über die Bega und die Werre ist Lemgo mit der Weser verbunden. Die Wasserstraßen und die begleitenden Flusstäler waren als Infrastruktur unentbehrlich für den Transport des Sandsteins, aus dem vor allem der bauplastische Schmuck der Renaissancebauten erschaffen wurde. Da Lemgo im letzten Krieg vor Zerstörungen verschont blieb, kann die Altstadt bis heute seine reiche Architekturgeschichte präsentieren.

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