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Wasserwege als Transferachse für Kultur, Architektur und Handel im Mittelalter

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Das Deutsche Historische Museum und die Kunsthistorikerin Tanja Praske rufen zur Blogparade auf: „Europa und das Meer – Was bedeutet mir das Meer?“ – #DHMMeer. Und natürlich möchte ich gerne wieder mit einem Beitrag dabei sein. Die bisherigen Beiträge waren so breit gefächert, dass ich aus dem Vollen schöpfen kann. Ich möchte gerne in die (populär)wissenschaftliche Welt des mittelalterlichen Bauwesens entführen und das Ganze mit einer winzigen persönlichen Note garnieren.

Tuffstein aus der Eifel für Dänemark

Wer schon mal entlang der Nordseeküste von Westfriesland bis hinauf zur dänischen Halbinsel Jütland auf dem Landweg unterwegs gewesen ist, der wird sich mancherorts verwundert gefragt haben, woher das Material für die zahlreichen mittelalterlichen Dorfkirchen stammt. Denn diese sind eben nicht durchgehend aus Backstein errichtet, dessen wichtigster Rohstoff Lehm vor Ort gewonnen wurde. Vereinzelt stößt man – insbesondere umso mehr man sich ins Landesinnere bewegt – auf Findlings- oder Granitquaderkirchen. Das Material hierfür kam mit der letzten Eiszeit aus Skandinavien und wurde für den Kirchenbau von den sandigen Geestböden gesammelt.

Nicht selten aber begegnen uns Kirchen, die ganz oder teilweise aus gräulichen Werksteinen errichtet sind. Insbesondere um die dänische Bischofsstadt Ribe finden sich zahlreiche Bauten aus Tuff in fantastischer Qualität. Wer sich mal auf die Suche machen möchte, hier sind alle umliegenden Dorfkirchen dieser Art aufgezählt: Alslev, Ballum, Billum, Brøns, Farup, Hviding, Jernved, Roager, Sneum, Spandet und Vilslev. Aber auch in der niederländischen Provinz Friesland sind vollständig aus diesem Material oder als Mischbau in Kombination mit Backstein errichtete romanische Dorfkirchen vorzufinden. Bei Tuffstein handelt es sich um ein beständiges aber leicht zu bearbeitendes Vulkangestein.

Tuffstein - Dorfkirche Hviding
Tuffstein aus der Eifel an der Apsis der Dorfkirche in Hviding bei Ribe

Vulkangestein hier an der Nordsee? Gibt es hier wirklich natürliche Steinvorkommen? Nein, man nutzte bereits in der Mitte des 12. Jahrhundert die natürlichen Transportwege über Wasser über eine bemerkenswerte Distanz. Der Tuff stammt aus der Eifel in der Nähe von Andernach. Er wurde über den Rhein und die Nordsee bis ins dänische Ribe verfrachtet, um dort beim Bau des monumentalen Dombaus eingesetzt zu werden. Nicht nur die Dorfkirchen der Umgebung der Bischofsstadt profitierten von dieser Handelsbeziehung, sondern fast die gesamte friesische Küste vom niederländischen Westfriesland über die ostfriesische Halbinsel bis nach Nordfriesland. Dabei ist ein nicht geringer Teil der Kirchenbauten durch spätere Sturmfluten verloren gegangen oder durch jüngere Umbauten in ihrer Substanz verändert. Der Wasserweg diente im Übrigen nicht nur als Transportroute, er bereitete den Transfer von Technologie und Kultur vor. Auf diese Weise sind Bautechnik und Baustil über weite Distanzen übermittelt worden.

Das hier beschriebene Szenario des Transports über eine so große Entfernung mag spektakulär klingen, ist aber im Mittelalter kein Einzelfall, sondern durch Schriftquellen vielfach belegt. So fand auch auf der Weser der Transport von Portasandstein und auf der Elbe von Grauwacke statt, um bei norddeutschen Beispielen zu bleiben. Umso mehr freute es mich, dass ich im Rahmen meiner Dissertation ebenfalls einen solche Transportroute nachweisen konnte, freilich in kleineren Dimensionen. Die Wische, der nordöstliche Teil der Altmark, ist eine Elbniederung, die vom Baumaterial Backstein und einigen wenigen Mischbauten geprägt ist. Nach Westen grenzt sich das Gebiet scharfkantig von einer durch Feldsteinbauten dominierten, sandigen Hochfläche ab. Lediglich dort, wo Wasserläufe die Wische durchzogen und bis zu den findlingsbedeckten Geestgebieten reichten, hat man die Kirchen zunächst in Feldstein begonnen. Dabei muss man sich des Treidelns gegen die Strömung bedient haben, um die Findlinge an den Bauplatz zu verfrachten. Bezeichnend ist, dass der Wechsel des Baumaterials zu Backstein umso früher am Bau erfolgte, umso weiter der Transportweg war.

Karte Nordsee
Quelle für Kartengrundlage: d-maps.com

Das Meer als verbindendes Element

Die Beispiele demonstrieren die veränderte Wahrnehmung unserer Umwelt im Gegensatz zur mittelalterlichen Welt. Empfinden wir heute die Landmasse als fördernden Faktor für Mobilität und Vereinigung, so war dies im Mittelalter vor allem für die Meere in Verbindung mit Flussläufen gegeben. Wege über Land waren weit, beschwerlich und gefährlich. Das bescheidene Wegenetz war für den Transport schwerer Güter in großen Mengen nicht ausgelegt, schon gar nicht in den Wintermonaten. Der Wasserweg über Fluss und Meer barg zwar auch viele Gefahren, er war aber bei weitem effizienter. So ist es nicht verwunderlich, dass sich Handel und Kultur im Mittelalter vor allem entlang der Küstenlinien ausbreiteten. Ein Ausdruck dieser Verhältnisse ist der Aufstieg der Hanse und der Reichtum der Städte am Mittelmeer.

Das aus einer unüberschaubaren Inselwelt bestehende Dänemark hat sich im Mittelader nicht zufällig zu einer der Großmächte Nordeuropas entwickelt. Sein Einflussbereich reichte bedeutend weiter als heute. Dänemark erstreckte sich von der Eider, die Holstein und Schleswig scheidet, bis weit in die skandinavische Halbinsel hinein. Der heutige Südzipfel Schwedens, die Provinzen Schonen (Skåne), Halland und Blekinge, wechselten erst im Laufe des 17. Jahrhunderts den Besitzer. Bis dahin waren die Bindungen zu Dänemark über den Öresund stärker als der Einfluss der schwedischen Monarchie hinter den undurchdringlichen Wäldern Smålands.

Erst im 20. und 21. Jahrhundert trachten wir danach, die natürlichen Barrieren des Meeres durch spektakuläre Brückenbauten zu überwinden. Die Brücken über den Storebælt und den Öresund lassen das zusammen wachsen, was man im Mittelalter gar nicht als getrennt empfand. Die heutige Sichtweise auf das Meer war dem mittelalterlichen Menschen wohl meist fremd. Er wusste dessen verbindenden Charakter zu seinem Vorteil zu nutzen. Das Meer förderte in dieser Zeit den europäischen Gedanken zumindest mehr als es die heutige Nationalstaaterei tut. Und das galt auch über das Mittelalter hinaus: Jürgen Elvert beschreibt, wie sich der Prozess des Transfers von Technologie und Kultur auch in der frühen Neuzeit über die Weltmeere fortsetzte. Dabei spielten die Hafenstädte als Bindeglieder zwischen Hinterland und der Welt in Übersee eine zentrale Rolle.

4 thoughts on “Wasserwege als Transferachse für Kultur, Architektur und Handel im Mittelalter

  1. Lieber Damian,

    vielen herzlichen Dank für deinen Beitrag zu #DHMMeer! Bei bislang 97 Artikeln zur Blogparade verliere ich langsam den Überblick. Gleichwohl glaube ich, dass noch keiner über die Wassertransportwege, sprich Flüsse, als Bindeglied zu den Meeren schrieb! Diese Frage war mir wichtig und es freut mich sehr, dass du darauf eingehst. Damit dürften jetzt alle Fragen, die wir stellten, von Bloggern näher beleuchtet sein, was ich grandios finde!

    Klasse ist aber auch, wie du einen Themenbereich deiner Dissertation hier leicht verständlich und spannend für uns aufbereitet hast. In München und Umgebung wurde noch vor der Barockzeit, aber besonders dann ein umfängliches Wasser-Wegenetz geschaffen, das am Ende Schloss Nymphenburg, die Residenz München sowie die Schlossanlage Schleißheim verbinden sollte. Darüber wurde vor allem Baumaterial nach Schleißheim verschafft, denn Max Emanuel wollte hier Versailles übertrumpfen, wenn ihm nicht der Spanische Erbfolgekrieg und sein mehrjähriges Exil in die Quere gekommen wäre.

    Klasse auch, dass du die Hanse ansprichst, auf die just das Hansemuseum Lübeck in seinem Gastbeitrag zur Blogparade detailliert einging (Nr. 84).

    Also, merci nochmals!

    Herzlich,
    Tanja von KULTUR – MUSEUM – TALK

    1. Liebe Tanja, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Waren bei der Errichtung des Wasserwegenetzes in München Niederländer beteiligt oder geben die Schriftquellen darüber keinen Aufschluss? In der altmärkischen Wische, die ich in meinem Beitrag erwähnte, sind nämlich bereits im 12. Jahrhundert niederländische Siedler bezeugt. Entsprechend ist dieser zuvor menschenleere Landstrich entwässert, eingedeicht und der landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt worden. Dann sind Dörfer und ihre Kirchen entstanden.

  2. Lieber Damian,

    so tief bin ich für die Schlosspark Nymphenburg-App und die Neugestaltung des Dokumentationsraums im Neuen Schloss Schleißheim nicht eingestiegen. Über Niederländer bin ich aber, so glaube ich, nicht gestoßen, wohl aber über Sklaven aus den Türkenkriegen, die das Kanalsystem zu schaufeln hatten.

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