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Von zu Guttenberg bis von der Leyen – das Jahrzehnt der Plagiate

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Plagiate

Illustre Gesellschaft mit Makel

Fast schon könnte man glauben, es gehöre zum guten Ton in der Politik, seinen Doktorgrad wegen wissenschaftlicher Verfehlungen aberkannt zu bekommen. Seit 2011 schießt die Zahl der nachgewiesenen Plagiate derart in die Höhe, dass sich zwangsläufig die Frage stellt, ob die Wissenschaft ein generelles Problem besitzt, in der gesellschaftlichen Ordnung ihren Platz zu finden. Oder ist es vor allem die politische Riege, deren moralischen Vorstellungen sich nun so offenbaren, wie wir es alle schon lange ausgemacht haben wollen: unehrlich und egozentrisch, auf den eigenen Vorteile bedacht?

Zu den bekanntesten Enthüllungsseiten auf diesem Sektor zählen GuttenPlag Wiki und VroniPlag Wiki. Strukturiert man die mit Verlust des Doktorgrades endenden Plagiatsvorwürfe bei bekannten Personen der letzten fünf Jahre, so ergibt sich folgendes Bild:

NameBeruf/ParteiSanktionJahr
Andreas KasperJurist/Politiker (CDU)Aberkennung2009
Jorgo ChatzimarkakisPolitiker (FDP)Aberkennung2011
Karl-Theodor zu GuttenbergPolitiker (CSU)Aberkennung2011
Silvana Koch-MehrinPolitikerin (FDP)Aberkennung2011
Matthias PröfrockJurist/Politiker (CDU)Aberkennung2011
Anette SeelingerKünstlerin/PädagoginAberkennung2011
Bijan Djir-SaraiPolitiker (FDP)Aberkennung2012
Florian GrafPolitiker (CDU)Aberkennung2012
Margarita MathiopoulosUnternehmerin/Publizistin/Politikerin (FDP)Aberkennung2012
Jürgen GoldschmidtPolitiker (FDP)Verzicht2013
Jakob KreidlPolitiker (CSU)Aberkennung2013
Annette SchavanPolitikerin (CDU)Aberkennung2013
Klaus GoehrmannManagerAberkennung2014
Wolfgang DippelPolitiker (CDU)Aberkennung2015
Sarah Sophie KochFernsehdarstellerinAberkennung2015

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen könnte die nächste auf der Liste werden. Der ehemalige FDP-Bundestagsabgeordnete Daniel Volk dufte trotz nachgewiesenen Plagiatsstellen von über 30% seinen Titel behalten.

VroniPlag hat zum gegenwärtigen Zeitpunkt 157 wissenschaftliche Arbeiten in Hinblick auf mögliche Plagiate dokumentiert. Nur ein geringer Anteil führte schließlich wirklich zum Entzug des Doktorgrades. Höchst auffällig bleibt allerdings der enorm hohe Anteil an Politikern und da wiederum aus dem Lager FDP sowie CDU/CSU. VroniPlag musste sich dafür der Kritik aussetzen, politischen Interessen zu folgen. Dabei wird dann geflissentlich übersehen, dass auch unbekanntere Fälle wie derjenige des SPD-Politikers Uwe Brinkmann dokumentiert werden. Ein Grund für die politische Schieflage bei den Enthüllungen ist sicherlich auch, dass sich der Prozentsatz von Bundestagsabgeordneten mit Doktorgrad in den verschiedenen Fraktionen sehr unterschiedlich darstellt. Darüber, dass bei den konservativen und kapitalaffinen Parteien das Ellenbogenprinzip ausgeprägter ist als bei den volksnahen, darüber kann man an den Stammtischen spekulieren. Ganz von der Hand zu weisen, ist dieser Gedanke aber sicher nicht.

Die Causa Schavan

Ist der Guttenberg so etwas wie die Mutter aller Plagiatsaffären, so könnte der Fall Schavan als Abgrund derselben bezeichnet werden. Bei ihrem Rücktritt als Bildungs- und Forschungsministerin sagte Schavan:

Die Philosophische Fakultät hat am vergangenen Dienstag die Ungültigkeit meiner Promotion entschieden. Ich werde diese Entscheidung nicht akzeptieren und dagegen klagen. Ich habe in meiner Dissertation weder abgeschrieben noch getäuscht.

Die Gerichte haben ihr später das Gegenteil nachgewiesen. Ob dies eine reflexartige Reaktion war oder hinter dieser Aussage irgend eine Strategie steckte, wird wohl offen bleiben müssen. Wie andere vor und nach ihr scheiterte sie daran, sich die Hände in Unschuld zu waschen. In der Urteilsbegründung heißt es:

Der hier zu verzeichnende Täuschungsbefund und der dabei deutlich werdende Umgang der Klägerin mit den von ihr benutzten, aber nicht kenntlich gemachten Sekundärquellen, bei denen sie Formulierungen entweder wörtlich übernommen oder nur in Details verändert hat, indem sie Sätze umgestellt, Begriffe durch Synonyme ersetzt hat usw., spricht allerdings dagegen, dass die beanstandeten Textpassagen auf bloßen “Montagefehlern“ oder einer ungenauer Arbeitsweise beruhen.

An welchem Realitätsverlust die Frau Ministerin litt, offenbarte sich dann auch noch im Nachklang. Der an die Öffentlichkeit gelangte Abschlussbericht von Bruno Bleckmann, dem Dekan der Philosophischen Fakultät an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, enthüllte, welche Einflussnahme politische und auch wissenschaftliche Kreise auf das Verfahren zu nehmen versuchten. Entsprechend harsch fiel die Kritik am Vorgehen Schavans und einiger Wissenschaftsfunktionäre aus. Am intensivsten setzte sich das Blog Causa Schavan mit dem Abschlussbericht auseinander. Hierin heißt es:

Die Aktionen, durch die Annette Schavan vor dem Verlust ihres Doktorgrades bewahrt und so im Amt gehalten werden sollte: Sie waren ein abgekartetes Spiel. Dabei wurde nach Kräften getrickst, gelogen und Druck ausgeübt – für nichts waren sich die Granden der Wissenschaft zu fein. Die Ministerin selbst hat versucht, direkt in das Verfahren der Universität einzugreifen. Ihre Seilschaften wollten sogar auf das Verfahren des Verwaltungsgerichts einwirken. All das wird jetzt durch Unterlagen der Uni Düsseldorf konkret belegt.

Zwar konnten die politischen Seilschaften letztlich doch nicht den Verlust des Doktorgrades und des Ministerpostens verhindern, sie sorgten aber dafür, dass Frau Schavan weich fiel. Es ist schon mehr als befremdlich, dass eine Frau, die durch wissenschaftliche Fehlleistungen den Ruf des Ministeriums für Bildung und Forschung derart beschädigt hat, unmittelbar nach der Affäre zur Botschafterin im Vatikan ernannt wird und den Ehrendoktortitel der Universität Lübeck erhält. Da erscheint der Titel der mangelhaften Dissertation wie der blanke Hohn: Person und Gewissen: Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung. Vielleicht hätte Frau Schavan ein Thema wählen sollen, das ihrer Persönlichkeit eher entspricht.

Der Fall Koch-Mehrin

Nicht viel besser wusste Silvana Koch-Mehrin mit ihren Verfehlungen umzugehen. Auf den Entzug des Doktorgrades bezog sie im Juni 2011 wie folgt Stellung:

Meine Doktorarbeit ist nicht frei von Schwächen, nicht selten ungenau, oberflächlich und manchmal geradezu fehlerhaft. Es wäre auch zu wünschen gewesen, dass ich deutlich gemacht hätte, auf welche Literatur ich mich jeweils stütze. Es werden Aussagen gemacht, ohne dass auch nur ein einziger Beleg genannt würde. Dies alles ist aber auch der Universität Heidelberg seit elf Jahren bekannt.

Wie sagt man es, ohne dabei unseriös zu wirken? Manchmal ist die direkte Sprache die treffendste: Liebe Frau Koch-Mehrin, das ist Bullshit. Die Uni Heidelberg stellte in einer Pressemitteilung unmissverständlich klar:

Auf rund 80 Textseiten der Dissertation finden sich über 120 Stellen, die nach Bewertung des Promotionsausschusses als Plagiate zu klassifizieren sind. Diese Plagiate stammen aus über 30 verschiedenen Publikationen, von denen zwei Drittel nicht im Literaturverzeichnis aufgeführt worden sind.

Die Quantität und Qualität der nachweisbaren Plagiate lege zwingend die Schlussfolgerung nahe, dass diese Dissertation keine „selbstständige wissenschaftliche Arbeit“ im Sinne der Promotionsordnung der Fakultät und des Landeshochschulgesetzes Baden-Württemberg darstelle, so Dekan Berg. „Angesichts der Vielzahl und des systematischen Charakters der Plagiate kann kein Zweifel daran bestehen, dass sich Frau Koch-Mehrin in ihrer Dissertation fremdes geistiges Eigentum angeeignet und als das eigene ausgegeben hat.“

Nicht nur, dass Koch-Mehrin damit versuchte, den schwarzen Peter den Prüfern zuzuschieben, sie brachte den Fall aus Mangel an Einsicht auch noch vor ein Gericht, das ihr dann nochmals dezidiert erklärte, dass die Erschleichung des Doktorgrades nicht als Kavaliersdelikt anzusehen ist. Die Staatsanwaltschaft lehnte ein Strafverfahren wegen Urheberrechtsverletzungen nur deshalb ab, weil die Taten verjährt waren. Ähnlich wie bei Frau Schavan wurde der Entzug des Doktorgrades bei Frau Koch-Mehrin mit einem neuen Posten versüßt. Die Mitgliedschaft im Forschungsausschuss des Europäischen Parlaments legte sie aber nach heftigen Protesten aus der Wissenschaft wieder ab. Soll viel Dreistigkeit war dann wohl doch zu viel.

Fazit

Wenn ich meine eigene Promotionszeit reflektiere, dann bleiben mir die besonderen Momente in Erinnerung, in denen ich nach stundenlanger Archivarbeit oder Objektanalyse die entscheidende Entdeckung gemacht habe. Es sind die Augenblicke gewesen, in denen man sich mit Fachkollegen auf Exkursionen oder Tagungen in Details verbiss, um letztendlich mit Erkenntnisgewinn daraus hervor zu gehen. Es war dieser positive Ehrgeiz, der Forschungsgeschichte einen Mosaikstein hinzuzufügen, der das eigene Dissertationsvorhaben vorantrieb. Forscherdrang und Leidenschaft waren die Triebfedern! Wenn ich die obigen Damen und Herren so betrachte, dann kann ich von diesen Emotionen nichts ausmachen. Vielmehr erkenne ich den Drang, die Karriereleiter schnellstmöglich hoch zu steigen, egal mit welchen Mitteln. Frau Schavan und Konsorten vollführten hier einen Schlag ins Gesicht aller ehrlichen Promovierten. Sie sind im Geiste keine Wissenschaftler und nun auch nicht mehr auf dem Papier. Und das ist auch richtig so!

Nun stellt sich abschließend die Frage, ob eine derartige Einstellung gerade bei Politikern einen besonders geeigneten Nährboden findet. Oder verhält es sich eher entgegengesetzt, indem es eine günstige Voraussetzung ist, eine ausgeprägte Ellenbogenmentalität und eine hohe Toleranzschwelle gegenüber dem eigenen Gewissen zu besitzen, um in bestimmte Hierarchien aufsteigen zu können? Unabhängig davon, wie man diese Zusammenhänge einschätzt, ist es eine beängstigende Vorstellung, ein Land in der Regierungsgewalt eines Personenkreises zu wissen, der sich von dem Streben nach persönlichem Profit leiten lässt. Sicher gibt es sie noch, die Idealisten unter ihnen. Doch wie viel Handlungsspielraum lässt ihnen ein politisches und gesellschaftliches System, das von Lobbyisten gelenkt wird?

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