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Streit um das Pfalzquartier in Goslar

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Großbaustelle an der Kaiserpfalz

Goslar soll in unmittelbarer Nachbarschaft der salischen Kaiserpfalz und am Rande der mittelalterlichen Altstadt einen Neubaukomplex erhalten. Geplant sind Hotel, Tiefgarage und Veranstaltungshalle auf dem ehemaligen Gelände des Bundesgrenzschutzes. Auf dem Areal befinden sich zudem zwei kaiserliche Kasernengebäude, die erhalten bleiben sollen. Mit ihrer historisierenden Architektur lehnen sie sich eng an die Formensprache der Pfalz an. Ein drittes, klassizistisches Gebäude – die Jägerkaserne – musste 1964 dem Bundesgrenzschutz weichen.

Goslar - Kaiserpfalz
Salische Kaiserpfalz in Goslar

Doch das ambitionierte Projekt im Herzen eines UNESCO-Weltkulturerbes stößt in der geplanten Form auf Kritik und führte zu einem Eklat rund um Oberbürgermeister Dr. Oliver Junk (CDU). Mit von der Party ist der Investor Hans-Joachim Tessner, Ehrenbürger Goslars und Mäzen der Vorhabens. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum das Projekt ohne Rücksicht auf den historischen Ort und ohne kritische Zwischenstimmen realisiert werden soll.

Die Entwürfe

Die Siegerentwürfe

Eine Jury kürte im Mai aus insgesamt sechs Architekten-Entwürfen zwei Siegerentwürfe. Am 27. August soll einer davon das Rennen machen. Beide Entwürfe brechen durch ihre modernistischen Kuben mit der architektonischen Tradition der Goslarer Altstadt. Es dominieren ungegliederte Außenwände, Fentserschlitze und Glasfronten. Insbesondere der Vorschlag von Nieto Sobejano Arquitectos präsentiert sich mit seinem Flachdach als Fremdkörper in der durch Satteldächer geprägten Altstadt.

Goslar - Pfalzquartier - Entwurf Nieto Sobejano
Entwurf Nieto Sobejano mit Topotek 1 – Quelle: Nieto Sobejano

Grundsätzlich positiv zu bewerten ist dagegen die Verwendung von Schiefer als ortstypisches Baumaterial. Es bliebe allerdings je nach Ausführung abzuwarten, ob das alternierende Spiel zwischen großflächigen verblendeten Schieferwänden und den Fensterschlitzen in natura überzeugt. Architektur des 21. Jahrhunderts ein traditionelles Gewandt anziehen zu wollen, ohne deren Struktur zu verändern, ist ein schmaler Grat.

Goslar - Pfalzquartier - Entwurf Auer Weber
Entwurf Auer Weber mit Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten – Quelle: Auer Weber

Ein wenig mehr Potential bringt der Entwurf von Auer Weber Architekten mit. Die Trennung der drei Gebäude weist einen offeneren, einladenderen Charakter auf als bei Nieto Sobejano. Auch passen sich die gefalteten Dächer besser in die Dachlandschaft Goslars ein. Insgesamt bilden aber die ungegliederten Wände mit ihren gläsernen Fenstereinbrüchen einen scharfen Kontrast zu der umliegenden historischen Bebauung der kaiserlichen Kasernen und der Pfalz. Warum glauben viele Architekten eigentlich, dass dieser Umstand die Qualität der Architektur steigert? Häufig ist das Gegenteil richtig: Harmonie ist die hohe Kunst der Stadtplanung.

Ein Gegenentwurf

Goslar - Pfalzquartier - Pakertharan Jeyabalan
Entwurf Pakertharan Jeyabalan – Quelle: Stadtbild Deutschland

Dass es Alternativen zu dieser Ideenlosigkeit gibt, demonstriert ein spontaner Skizzenentwurf des Architekten Pakertharan Jeyabalan. Jeyabalan bekleidet seine Bauten mit klassischer Formensprache, die sich in großen Teilen an der ortstypischen Architektur orientiert. Der Hotelkomplex links im Bild besitzt deutliche Bezüge zu der an dieser Stelle bis 1964 stehenden Jägerkaserne: Dreigeschossigkeit, horizontale Gesimsgliederung, hochrechteckige Kreuzstockfenstser und vor allem der dominante Mittelrisalit. Die flachen Walmdächer entsprechen dagegen der Lösung des vorderen der beiden noch stehen Kasernenbauten (rechts im Bild – heute Amtsgericht).

Goslar - Jägerkaserne
Jägerkaserne in Goslar – Aufnahme von 1916

Weniger durchdacht erscheint mir die Gestaltung der Veranstaltungshalle in der Mitte der Skizze. Die Anklänge an griechischen Tempelformen bzw. klassizistische Fassadengestaltungen wirken zu aufgesetzt. Die Anlage lässt an Kurhäuser des frühen 19. Jahrhunderts wie in Baden-Baden oder Heilgendamm denken. Hier sehe ich noch weiteres Potential hinsichtlich einer ortstypischen Bebauung.

Status Weltkulturerbe in Gefahr?

Fragen wirft auch der Umgang der Stadt mit den eignen Richtlinien hinsichtlich der Erhaltung und Gestaltung der Altstadt als UNESCO-Weltkulturerbe auf. Die Vorschriften sind minutiös in einem Handbuch festgehalten. Daraus ergibt sich, dass das zu bebauende Gelände im räumlichen Geltungsbereich der Richtlinien liegt. In Hinblick auf die Siegerentwürfe ist auf folgende Passagen hinzuweisen:

An- und Neubauten müssen sich in ihrer Maßstäblichkeit sowie in ihrer horizontalen und vertikalen Gliederung der Nachbarbebauung anpassen. (Richtlinie 2.4)

Neue Dächer sind als symmetrische Satteldächer mit einer Dachneigung von mindestens 45° auszuführen. (Richtlinie 3.2)

Fassaden sind grundsätzlich mit den ortsüblichen, natürlichen Materialien zu gestalten. (Richtlinie 5.1)

Neue Fenster erhalten ein hochrechteckiges, stehendes Format und werden außenbündig eingesetzt. (Richtlinie 7.1)

Angesichts der Missachtung mehrerer dieser Vorgaben bei den favorisierten Entwürfen, muss die Frage gestellt werden, ob man sich in Goslar bewusst ist, dass man damit auch den Welterbe-Status in Gefahr bringen könnte. In Dresden hat man vor einigen Jahren genau dies wegen des Baues einer Brücke leidvoll erfahren müssen.

Entsprechend deutlich fiel die Kritik der Ratsfraktion der Bürgerliste im Stadtrat von Goslar aus. Man sprach von einem „Zweiklassen-Baurecht“. Die Bauverwaltung setze bei eigenem Bauprojekten die Bauregeln außer Kraft, während sich der normale Bauherr akribisch an die Vorschriften des Gastaltungshandbuchs halten müsse.

Umgang mit kritischen Stimmen

Oberbürgermeister schießt scharf gegen Verein Stadtbild Deutschland

Nicht zimperlich ging man in Goslar mit Einwänden von außen um. Der deutschlandweit agierende Verein Stadtbild Deutschland kritisierte die Entwürfe als Stilbruch zu der umgebenden Bebauung und verwies ebenfalls auf die Nichtbeachtung des Gestaltungshandbuchs für Bauvorhaben in der Goslarer Altstadt. Das wiederum veranlasste Oberbürgermeister Junk zu einer scharfen Erwiderung auf seiner privaten Website. Dort heißt es:

Ohne dass dem Verein selbst entsprechende Ziele nachzuweisen sind, wird er damit zum Sammelbecken nationalkonservativer Wutbürger, die auf der Kommentarseite des Vereins auch schon mal dazu aufrufen, die Adressen derjenigen Stadträte zu veröffentlichen, die für von den Vorstellungen des Vereins abweichende Architekturlösungen gestimmt haben.

Wie er zu dieser Einschätzung gelangt, erfährt der Leser nicht. Gegenüber Jeyabalan äußerte sich Junk zudem bemerkenswert abschätzig:

Auf der Internet-Seite des vom Verein empfohlenen Architekten Jeyabalan haben meine Kolleginnen und ich jedenfalls kein realisiertes Projekt gefunden, er scheint sich auf skizzenhafte Ansichten (mit Verkauf von Postkarten der Motive) spezialisiert zu haben, die der vom Verein angestrebten Ästhetik entsprechen (u.a. eine für einen privaten Investor empfohlene verkleinerte Ausgabe der „Zauberschule“ Hogwarts aus Harry Potter).

Was OB Junk hier mit „Kommentarseite“ meint, ist offensichtlich das vom Verein betriebene Forum „Architectura Pro Homine“, in dem auch das Projekt im Pfalzquartier von Goslar diskutiert wird. Nun muss offensichtlich erläutert werden, dass Internet-Foren in der Regel allen Bürgern zur Diskussion offenstehen. Angesichts der Nutzerzahlen des Forums und der offiziellen Mitgliederzahl von Stadtbild Deutschland kann nur ein geringer Teil der Forendiskutanten Vereinsmitglied sein. Hier gilt es zu differenzieren: Die Meinungen der Forenschreiber spiegeln nicht zwangsläufig die Einschätzung der Vereinsvorstandes oder der Mitglieder wider. Einer Zeitung würde man ja auch nicht unterstellen, sie würde die Meinungen ihrer online kommentierenden Leser vertreten.

Juristisches Nachspiel?

Unabhängig von dieser wichtigen grundsätzlichen Feststellung habe ich den Versuch unternommen, Junks Einschätzung des Vereins als Sammelbecken nationalkonservativer Wutbürger auf den Grund zu gehen. Insbesondere die angebliche Aufforderung zur Veröffentlichung von Adressen der Stadträte trägt erhebliche Brisanz, denn Junk legte wenige Tage später mit einer äußerst fragwürdigen Anspielung nochmal nach:

Und ich denke, spätestens nach dem Fall Lübcke ist es noch vergleichsweise moderat, wenn man diejenigen, die zur Veröffentlichung der Adressen von Stadträten aufrufen, die für inkriminierte Projekte gestimmt haben, als „Wutbürger“ bezeichnet.

Dies ist doch zumindest der unverschleierte Aufruf dazu, in welcher Form auch immer in die Privatsphäre von Ratskollegen einzudringen.

Mir ist es trotz intensiver Recherche nicht gelungen, die entsprechende Passage im Forum von Stadtbild Deutschland ausfindig zu machen. Meine Anfrage zu diesem Sachverhalt und die Bitte um einen Beleg blieben seitens des Oberbürgermeisters bisher leider unbeantwortet. Stadtbild Deutschland erwägt mittlerweile rechtliche Schritte gegen Junk.

Ausgang ungewiss

Seit einigen Tagen ist auch eine Petition online, die sich gegen die modernistischen Bebauungspläne des Pfalzquartiers richtet. Gefordert wird ein behutsamer Eingriff mit historisierenden Gebäuden, die sich in das Gesamtbild der Goslarer Altstadt einfügen.

Der Ausgang dieser Geschichte – ich wäre fast geneigt, von einer Provinzposse zu sprechen – ist ungewiss. Und vielleicht würde sie nicht so viel Aufsehen erregen, wenn es sich dabei nicht um eines der schönsten und besterhaltenen Altstadtensembles in Deutschland handeln würde. Die salischen Kaiser würden sich im Grabe umdrehen.

Update (28.08.19): Unpassender hätte es kaum kommen können. Das Rennen machte nun ausgerechnet der Entwurf von Nieto Sobejano, der bei einer Abstimmung unter Goslarer Bürgern mit gerade mal 5,6% Zustimmung durchgefallen war. Hier findet ein empfindlicher Eingriff in das Altstadtensemble von Goslar statt und dies offensichtlich vorbei am Willen der Öffentlichkeit.

5 thoughts on “Streit um das Pfalzquartier in Goslar

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag, der den Streit aus meiner Sicht gut und objektiv zusammen fasst.

    Der Entwurf von Nieto Sobejano erinnert mich an das Schulzentrum Goldene Aue in Goslar – einen „brutalistischen“ Bau aus den 70er Jahren, der in die Jahre gekommen ist und abgerissen werden soll. Vielleicht könnten sich die Architekten ja bei diesem Projekt „austoben“.

    Im Vergleich zum Ist-Zustand stellt der Entwurf von Auer Weber definitiv eine Verbesserung dar, auch wenn man der Entwurf für meinen Geschmack eine Beliebigkeit aufweist. Das Gebäude könnte in dieser Form auch ein Altenheim in einem anonymen Vorort beherbergen.

    Die Bezugnahme auf die örtlichen Gegebenheiten halte ich deshalb als das Hauptargument für den skizzierten Entwurf von Pakertharan Jeyabalan, auch wenn ich eine historisierende Architektur nicht uneingeschränkt befürworte. Die gestalterische Bezugnahme auf die Jägerkaserne ist nicht zwingend, da die Bauten – wie viele andere Bauten in Goslar auch – erst in Zeiten des Historismus in das Stadtbild eingefügt wurden, teilweise bei Zerstörung der vorherigen mittelalterlichen Bebauung.

    Die Missachtung der denkmalerischen Vorgaben durch die Architekten halte ich für den Hauptkritikpunkt. Sollten die Entwürfe in dieser Hinsicht nicht nachgebessert werden, wäre dies ein Skandal.

    1. Danke für das sachliche Feedback. Auch für mich ist die Missachtung des Denkmalschutzes nicht tragbar. Doch auch der Umgang von OB Junk mit der Kritik an den Entwürfen wirft weiterhin Fragen auf. Ich hätte von seiner Seite gerne eine Stellungnahme veröffentlicht, aber meine Anfrage blieb bis heute unbeantwortet. Gutes Krisenmanagement sieht anders aus.

  2. Den Verein Stadtbild Deutschland pauschal als „Sammelbecken nationalkonservativer Wutbürger“ zu bezeichnen, halte ich jedoch für unangemessen und einem öffentlich geführten Meinungsaustausch für unwürdig. Ansonsten möchte ich die Äußerungen von Herrn Junk an dieser Stelle nicht weiter kommentieren.

    Die Goslarsche Zeitung hat übrigens inzwischen gemeldet, dass der Entwurf von Nieto Sobejano den Architektenwettbewerb gewonnen hat. Es ist aus meiner Sicht bedauerlich, dass die Chance für eine wegweisendere und zeitlosere Gestaltung der Hochbauten des Pfalzquartiers unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes nicht genutzt wurde. Positiv ist allerdings zu sehen, dass zukünftig das Areal der abgerissenen Stiftkirche nicht mehr als Parkplatz genutzt wird.

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