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Luther und der Antisemitismus

Posted on – zuletzt aktualisiert am 19. Januar 2022
Martin Luther

Berlins Straßen und Plätze

Konrad Adenauer, Otto von Bismarck, Martin Luther, Theodor Fontane, Johann Wolfgang von Goethe, Immanuel Kant, Richard Strauss, Richard Wagner, Karl Friedrich Schinkel, die Brüder Grimm, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Alfred Nobel, Wilhelm Busch, Thomas Mann, Maximilian Kolbe, Paul von Hindenburg – eine lange Liste großer deutscher und europäischer Namen!

Was haben diese Persönlichkeiten und viele weitere gemeinsam? Ja, es sind alles Männer, aber die patriarchalischen Zustände unserer Geschichte und Gegenwart sollen nicht mein Thema sein. All diese Personen stehen im Verdacht, antisemitisch gewesen zu sein. Dies schätzt man jedenfalls in Berlin so ein, wo der Antisemitismusbeauftragte Samuel Salzborn für den Berliner Senat eine Studie bei dem Politologen Felix Sassmannshausen in Auftrag gab. Dessen Dossier listet über 300 Straßen und Plätze auf, die seiner Ansicht nach umbenannt oder zumindest kontextualisiert werden sollten.

Luther als Persona non grata

Immerhin bekommen einige Namen eine Schonfrist, indem die Empfehlung Sassmannshausens zunächst weitere Forschung vorsieht. Damit ich nicht falsch verstanden werde, möchte ich betonen, dass ich die Intensivierung der Antisemitismusforschung für wichtig und richtig erachte und dort ein Befürworter von Kontextualisierungen bin, wo diese zu einem ausgewogenen Bild führen oder essenzielle Wesenszüge ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken.

In die Kategorie mit der unmissverständlichen Handlungsempfehlung „Umbenennung“ fallen bei Sassmannshausen die Namen von Hindenburg, Luther, Wagner sowie alle Straßen- und Platzbezeichnungen, die zu Werken des letzteren Bezug haben. Unzählige Straßen und Plätze, die nach Martin Luther benannt sind, sollen also aus dem Stadtplan Berlins beseitigt werden. Jener Reformator, dem wir mit dem Reformationstag seit kurzem einen Feiertag widmen, soll nun in Berlin zur Persona non grata erklärt werden. Das schreit nach einer näheren Betrachtung!

Der historische Antijudaismus

Die Rolle der katholischen Kirche

Um Luthers Einstellung zum Judentum besser verstehen zu können, müssen wir weit in der Kirchengeschichte zurückschauen. Für die Frühzeit des Antisemitismus bis in die frühe Neuzeit hinein hat sich der Begriff des Antijudaismus etabliert. Dieser besagt, dass Judenfeindlichkeit vor allem aus religiösen Motiven erfolgte. Der Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts ist dagegen vor allem rassistisch begründet. Letzterer kann aber aus ersterem resultieren.

Diese Entwicklung versucht Reinhold Schlotz in seinem Buch „Von Golgatha nach Auschwitz – Die Mitverantwortung des Christentums für den Holocaust“ nachzuzeichnen. Dem Autor gelingt es, zahlreiche Belege für den christlich geprägten Antijudaismus zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Die Judenfeindlichkeit zeichnet sich dabei als historische Konstante von den Lehren der spätantiken Kirchenväter über die Judenpogromen im Zuge der Kreuzzüge bis zu den überlieferten Schriften und Aussagen Martin Luthers ab. Doch die finale Kausalität vom mittelalterlichen Antijudaismus zur Katastrophe des Holocaust wirkt zu erzwungen und sprunghaft, als dass sie überzeugen kann.

Die Judensau in der christlichen Kunst

In der bildlichen Kunst hat sich der christliche Antijudaismus vor allem im Motiv der Judensau niedergeschlagen. Die Darstellung von Juden in intimen Kontakt mit einem Schwein sollte diese verhöhnen und ausgrenzen, da das Schwein im Judentum als unrein gilt. Diese Art von Spottdarstellungen ist seit dem frühen 13. Jahrhundert an vielen Kirchen, später auch in der Druckkunst belegt. Bezeichnenderweise existiert in der Lutherstadt Wittenberg an der dortigen Stadtkirche ein entsprechendes Relief, das in jüngster Zeit heftige Kontroversen über eine bis ins Heute reichende antisemitische Botschaft auslöste.

Die Pest und die Judenpogrome

Auffälligerweise unterschlägt Schlotz aber die Judenverfolgungen während der Pestepedemien des 14. Jahrhunderts, weil sie sich nicht nahtlos in seine These der Urschuld des Christentums am Holocaust einfügen lassen. In den Pogromen entlud sich der Judenhass in bisher nie gekannter Intensität, indem man den Juden aufgrund von Massenpanik und aus Ermangelung besserer Erklärungen die Vergiftung der Brunnen unterstellte. In dieser Zeit wurde ein Großteil der jüdischen Gemeinden in Mitteleuropa ausgelöscht.

Die zum Teil profanen Interessen der Bevölkerung an der kollektiven Ermordung jüdischer Gemeinschaften und die Tatsache, dass ausgerechnet durch Papst Clemens VI. die katholische Kirche den Juden – wenngleich ohne Erfolg – zur Hilfe eilte, widersprechen einer monokausalen Theorie über den christlichen Antisemitismus. Das Narrativ der Brunnenvergiftungen hat sich seit jener Zeit fest ins Repertoire der judenfeindlichen Verschwörungstheorien eingeschrieben und findet sich noch in Luthers antisemitischen Schriften.

Kritik an der Studie

Der Kunstwissenschaftler Nikolaus Bernau kritisiert die Studie von Sassmannshausen als methodisch nicht sauber und undifferenziert:

Methodisch wird praktisch nicht getrennt zwischen Antijudaismus und Antisemitismus. Aber der christliche Antijudaismus, der in der Spätantike entstanden ist und im Mittelalter und in der frühen Neuzeit eine ganz zentrale Rolle spielte, ist etwas anderes als der rassistische Antisemitismus. Hier wird wieder – dadurch, dass man eine Liste einfach herstellt – so getan, als wenn es eine direkte Linie gäbe. Die gibt es aber schlichtweg nicht und das ist methodisch wirklich unsauber.

Und auch mir erscheint die Liste von Sassmannshausen als kein adäquater Beitrag zu der sicher notwendigen Debatte über Antisemitismus in Deutschland. Insbesondere argumentiert Sassmannshausen zu freizügig mit dem Konstrukt der Kontaktschuld, wenn er zum Beispiel Bismarck zu enge Kontakte zu dem antisemitischen Theologen Adolf Stroecker anlastet. Befremdlich empfinde ich auch die Listung von Namen wie Adenauser, Kolbe oder Stauffenberg, denen antisemitische Ressentiments unterstellt werden. Der Name Karl Marx, der sich erwiesenermaßen antisemitisch geäußert hat, fehlt dagegen bemerkenswerterweise auf der langen Liste der Verdachtsfälle.

Update (19.01.22): Der jüdische Intendant der Komischen Oper Berlin, Barrie Kosky, kritisiert das Vorgehen Salzborns ebenfalls scharf:

Wenn man Salzborns fragwürdigen Ansatz zu Ende denkt, müsste man eigentlich alle Kirchen schließen. Die Kirchen haben mehr jüdisches Blut an den Händen als all die 300 Menschen auf der Liste zusammen.

Sollten wir Lutherdenkmäler vom Sockel stürzen?

Wenn nun Sassmannshausen die Umbenennung aller Straßen und Plätze, die Luther würdigen, empfiehlt, dann hat man allein in Berlin viel Verwaltungsaufwand zu betreiben. Müssten wir nicht dann erst recht die zahlreichen Lutherdenkmäler – allen voran diejenigen in Wittenberg, Worms oder Dresden – von ihren Sockeln stoßen? Und was tun Städte wie die Lutherstadt Wittenberg oder die Lutherstadt Eisleben, die den Reformator in ihrem Städtenamen tragen? Ist ein Reformationstag als gesetzlicher Feiertag überhaupt noch tragbar? Und wie steht es um die zahlreichen Lutherkirchen? Und sollten die Wagner-Festspiele in Bayreuth für immer abgesagt werden?

Allein diese Fragen zeigen auf, dass wir uns hier auf ein Terrain begeben, das vermint ist mit Bildersturmfantasien, Kulturvandalismus und religiösen Glaubensgrundsätzen. Dabei wird in Berlin geradezu ignorant missachtet, dass Luthers Judenfeindlichkeit religiöser Natur und nicht rassistisch begründet war. Der in der christlichen Lehre angelegte Antijudaismus ist in der katholischen und später in der protestantischen Kirche Konsens gewesen. Insofern war Luther ein Kind seiner Zeit und kein Vorkämpfer der Judenverfolgungen.

Wie dargelegt, ist der mittelalterliche und frühneuzeitliche Antijudaismus vom rassistischen Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts durch seine Motivation und Qualität zu trennen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass einige NS-Verbrecher später versucht haben, ihre Taten mit Luthers Haltung gegenüber dem Judentum zu rechtfertigen. Die unrühmliche Rezeptionsgeschichte von Luthers Schriften sollte nicht als Argument dienen, das Gedenken an den Reformator und seine weitreichenden Errungenschaften aus dem Stadtbild und aus unserem kulturellen Erbe zu tilgen. Vielmehr erscheint es mir angemessen, seine Leistungen – Luthers Bibelübersetzung jährt sich 2022 zum 500. Mal – bei einer kritischen Einschätzung entsprechend zu würdigen.

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