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Weserrenaissance auf Schloss Brake

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Schloss Brake - Elias und Heinrich van Lennep
Schloss Brake – Kupferstich von Elias und Heinrich van Lennep, um 1663/65

Schloss Brake in Lemgo

Das Schloss Brake in Lemgo stellt ein bedeutendes Beispiel der als Weserrenaissance bezeichneten Architektur der frühen Neuzeit in Nordwestdeutschland dar. Eine erste Wasserburg des späten 12. Jahrhunderts ist an diesem Ort im Besitz der Edelherren von Lippe bezeugt. Im späten 16. Jahrhundert erfolgte der Ausbau zu einer frühneuzeitlichen Residenz, bei dem vor allem Graf Simon VI. als Bauherr und Hermann Wulff als Architekt eine führende Rolle spielten.

Die ursprüngliche Vierflügelanlage ist aufgrund des Abrisses des Westflügels mit dem Torhaus im frühen 19. Jahrhundert nur verstümmelt überliefert. Die Bedeutung der Residenz ist aber anhand des Bauschmucks des Nordflügels, des Nordturms und der hofseitigen Gliederung noch immer ablesbar. Zudem haben sich westlich des Schlosses Vorburg und Wirtschaftshof erhalten. Am Lauf des Flüsschens Bega stehen zahlreiche Wassermühlen und der Marstall.

Schloss Brake - Hof
Schloss Brake – Hofansicht des Nordflügels

Das Phänomen Weserrenaissance

Musterbücher aus den Niederlanden

Die Weserrenaissance ist ein Phänomen, das sich primär an der Architektur im weiteren Umfeld des Weserraumes im 16. und frühen 17. Jahrhunderts ausmachen lässt. Der Fokus liegt dabei vor allem auf dem Bauornament, das die Schlossbauten zahlreicher Adelssitze, die Rathäuser und die Hausfassaden der vermögenden Bürgerschaft ziert. Verbreitung fand dieses vor allem durch Musterbücher aus dem niederländischen Raum – die Namen Hans Vredeman des Vries und Cornelis Floris sind mit der Architekturrezeption jener Zeit untrennbar verbunden.

Hans Vredeman de Vries - Giebel mit Schweifwerk
Hans Vredeman de Vries – Giebel mit Schweifwerk, 1565

Ursachen für die architektonische Konzentration

Dass der niedersächsische Raum sich mit der nordischen Ausprägung der Renaissance hervortrat und noch hervortut hat vielfältige Gründe. Die positive wirtschaftliche Konjunktur des Weserraumes schaffte eine Grundlage für das aufflammen des Bauschaffens in der profanen Architektur. Gerade die gestiegenen Wohnbedürfnisse des Adels führten zu zahlreichen Um- und Neubauten von Schlössern.

Zum anderen schuf die Weser als Wasserstraße die unentbehrliche Infrastruktur für den Transport des hochwertigen Baumaterials aus den Sandsteinbrüchen wie in Obernkirchen oder am Bückeberg. Aber auch die geographische Nähe zu den in dieser Zeit in einer künstlerischen Blüte stehenden Niederlanden mag begünstigend gewirkt haben.

Der wirtschaftliche Niedergang der Region im und nach dem Dreißigjährigen Krieg bewirkte, dass die Bauten hier in ungewöhnlicher Geschlossenheit überkommen sind. Der Begriff der Weserrenaissance etablierte sich dadurch weit über die wissenschaftlichen Grenzen hinaus als Markenzeichen einer touristischen Destination.

Museumsgeschichte

Das Weserrenaissance-Museum wurde 1986 als Museum für die Kunst- und Kulturgeschichte des 16. und frühen 17. Jahrhunderts in Nordwestdeutschland eingerichtet. Als Gründungsdirektor fungierte einer der profundesten Kenner der Renaissance in Norddeutschland: Ulrich Großmann. Mit der Eröffnungsausstellung „Renaissance im Weserraum“ und dem zeitgleich ausgerufenen „Jahr der Weserrenaissance“ präsentierte man sich 1989 erstmals der breiten Öffentlichkeit.

Dabei war die Ansiedlung der Einrichtung auf Schloss Brake ein wohl gewählter Akt. Die Örtlichkeit sollte als ein interdisziplinäres Zentrum der Renaissance-Forschung mit dem regionalen Schwerpunkt im Weserraum fungieren. Die in den Fokus genommene Kulturlandschaft erstreckt sich über mehrere Bundesländer: Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Bremen. Schloss Brake kann hierbei mit seiner geographischen Lage als Bindeglied fungieren.   

Zudem ist der bauliche Bestand des Schlosses selbst eines der bedeutendsten Zeugnisse der Weserrenaissance. Hier und in der in Steinwurfweite entfernten Altstadt von Lemgo lassen sich die Charakteristika dieser architektonischen Strömung ausgezeichnet studieren.

Die Dauerausstellung

Einführung in die Renaissance

Die Besucher des Weserrenaissance-Museums werden aus dem Foyer zunächst eine Treppe hinab geleitet, denn die Dauerausstellung nimmt das gesamte Kellergeschoss der jetzt dreiflügeligen Schlossanlage ein. Das Ambiente hätte nicht besser gewählt werden können. Zum einen kann hier ganz beiläufig die ältere Baugeschichte der Anlage vermittelt werden, zum anderen bieten die Räumlichkeiten einen guten Rahmen für die Erzählstruktur der Ausstellung.

Der erste Raum, den man betritt, verwirrt allerdings zunächst. Exponate aus unterschiedlichen Zusammenhängen werden hier solitär vorgestellt: Architektur, Kunst, Buchdruck, Mode etc. Diese bruchstückhafte und unvermittelte Heranführung an das Phänomen Renaissance fehlt ein Rahmen, ein Korsett, an dem sich das Publikum orientieren kann.

Dieser wird schließlich im nächsten Raum nachgeschoben. Ein kurzer Filmbeitrag führt in die wichtigsten Entwicklungen und Themen der Epoche der Renaissance ein. Wir erfahren Wissenswertes über den Humanismus, Kunst und Architektur, das Zeitgeschehen mit der Reformation, den Buchdruck, das damalige Weltbild sowie den Stand der Medizin und Alchemie. So informativ der Film auch ist, er wirkt doch etwas angestaubt.

Kulturgeschichte des Weserraums

Die weiteren Räume gewähren anhand diverser Exponate einen vertiefenden Einblick in die Kulturgeschichte und Lebenswelt des 16. und frühen 17. Jahrhunderts im Weserraum. Schwerpunkte stellen dabei der Handel, Architektur, Kunst, neue Medien wie der Buchdruck, die höfische Kultur, der religiöse Kult sowie das in Mode kommende Sammlungswesen an Fürstenhöfen dar. Mobiliar, Gefäße, Gemälde, Wandschmuck bieten dem Publikum einen authentischen Eindruck adeliger Wohnkultur.

Am reizvollsten bot sich für mich die Abteilung über die architektonische Entwicklung der Weserrenaissance und die im folgenden Raum präsentierten grafischen Musterentwürfe aus den Niederlanden – vor allem von Hans Vredeman de Vries – dar. Ohne letztere wäre die besondere Ausprägung der Architektur jener Zeit in ganz Nordeuropa nicht denkbar gewesen. Veranschaulicht werden diese Beziehungen anhand einer Vielzahl von Schlossmodellen und bauplastischen Fragmenten.

Weserrenaissance-Museum - Abteilung Architektur
Weserrenaissance-Museum – Schwerpunkt Architektur

Für Abwechslung sorgen einige Medienstationen und der abschließende Aufstieg über die breit angelegte Renaissancetreppe des hoch aufragenden Schlossturmes. Umso höher man gelangt, umso enger wird der Aufgang. Belohnt wird man aber dafür mit einem Ausblick über das Schlossgelände.

Auf dem Weg dorthin werden den Besuchern in kleinen Kabinetten Ausschnitte aus der Erfahrungswelt des frühneuzeitlichen Menschen präsentiert. Die für diese Zeit typischen Kunst- und Wunderkammern der Höfe zeigten einen Mikrokosmos aus Kunst, Natur, Wissenschaft und Exotik. Sie waren die Vorläufer moderner Museen. Weiterhin birgt der Turm eine Alchemistenkammer und einen Raum der Geographie. Sie sind Schaufenster in eine humanistisch geprägte Welt, deren Wissen sich so rasant anreicherte, wie in keiner Epoche zuvor.

Nach dem Besuch des Museums empfehle ich einen Rundgang durch Lemgos Altstadt. Dort lässt sich die Architektur der Weserrenaissance an zahlreichen Originalobjekten wie dem Rathaus oder dem Hexenbürgermeisterhaus studieren.

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