Home / Blog Kultur & Digitales / Kulturreise am östlichen Mälaren

Kulturreise am östlichen Mälaren

Posted on
Schloss Gripsholm am Mälaren
Ein kultureller Höhepunt am südlichen Mälaren: Schloss Gripsholm in Matriefred

Kultur und Natur im Herzen von Schweden

Laut Wikipedia wird (der) Mälaren ohne Artikel geschrieben. Daran kann ich mich nur schwer gewöhnen und auch viele andere Schreiber scheinen diesen Fehler bewusst oder unbewusst zu machen. Bei dieser Gepflogenheit möchte ich auch bleiben, wenn ich von unserer Kulturreise am östlichen Abschnitt des drittgrößten schwedischen Sees berichte. Dabei war der Mälaren noch bis zur Wikingerzeit direkt mit der Ostsee verbunden und entsprechend eine Meeresbucht. Erst durch die postglaziale Landhebung ändert sich dieser Zustand. Geografisch befinden wir uns hier westlich der schwedischen Hauptstadt Stockholm in einer der faszinierendsten Schärenlandschaften Skandinaviens.

Der Mälaren besticht durch seine zahlreichen Inseln und Halbinseln, die den See in unzählige große und kleine Buchten zerteilen. Das Dunkelgrün der Nadelwälder wird entlang der felsigen Uferlinien immer wieder von den für Schweden typischen roten Holzhäusern durchbrochen, die häufig als Sommerhäuser für die Stockholmer dienen. Beim Durchqueren der Region haben wir uns nicht nur einmal gefragt: Ist der hinter den bewaldeten Anhöhen blau schimmernde See ein Teil des Mälaren oder einer der unzähligen schwedischen Waldseen? Befinden wir uns noch auf Festland oder wieder auf einer Insel? Immerhin besitzt der Mälaren über 8000 Inseln und Schären. So genau weiß das wohl niemand.

Mariefred - Park Schloss Gripsholm
Park am Schloss Gripsholm mit Ausblick auf den Mälaren

Der Mälaren ist neben allen unzweifelhaften Naturschönheiten besonders reich mit historischen Zeugnissen gesegnet, stellt das Gebiet doch eine Kernregion schwedischer Geschichte dar. Besonders reizvoll ist es, sich durch die abwechslungsreiche Landschaft treiben zu lassen und unerwartet zwischen Wäldern und Wasser stattliche Herrenhäuser, Schlösser, Runensteine oder mittelalterliche Dorfkirchen aus dem allseits verfügbaren Feldstein aus Granit oder Gneis zu entdecken. Ferner trifft man immer wieder auf archäologische Stätten wie Birka auf der Insel Björkö, Hovgården auf Adelsö (beides UNESCO-Weltkulturerbe) oder Helgö. Diese Kleinode sind so zahlreich, dass es nicht opportun wäre, hier auf einzelne zu verweisen. Daneben gibt es sie aber auch: die Orte, die man hier gesehen haben sollte! Von ihnen möchte ich vier vorstellen: Sigtuna, Skokloster, Mariefred und Strängnäs.

Das mittelalterliche Sigtuna

Der kleinen malerischen Holzstadt an einem Fjord im Norden des Mälaren sieht man erst auf den zweiten Blick an, dass sie einst eine der bedeutendsten Städte Schwedens war, in der auch frühe schwedische Münzen geprägt wurden. Der seit der Mitte des 11. Jahrhunderts an diesem Ort existente Bischofssitz wurde bereits im 12. Jahrhundert von Sigtuna nach Uppsala verlegt. Die zahlreichen Kirchen der um 980 gegründeten Stadt, die von der bedeutenden Zeit Zeugnis ablegen, verfielen mit dem Einzug der Reformation. Einzig die Dominikaner-Klosterkirche (Marienkirche), ein Backsteinbau aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, blieb unversehrt und steht heute reizvoll am Rande der Altstadt in einer parkartigen Umgebung und den Friedhof eingebettet.

Äußerst stimmungsvoll präsentieren sich noch die Ruinen der drei romanischen Kirchen St. Olof, St. Lars und St. Per (von St. Nicolai existieren nur noch Fragmente), die sich gemeinsam mit zahlreichen Runensteinen wie zufällig über das Stadtgebiet verstreuen. Die Bauten sind aus Feldstein errichtet und sind zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert zu datieren. Beim Umherstreifen zwischen den geschichtsträchtigen Feldsteinmauern der Kirchen mit ihren stattlichen Vierungstürmen fühlt man sich eher in südliche Gefilde versetzt als in einer mittelschwedischen Kleinstadt.

Sigtuna - St. Olof
Kirchenruine St. Olof in Sigtuna

Typisch schwedisch präsentieren sich dagegen die bunten Holzhäuser und das pittoreske Rathaus, die die Fußgängerzone in der Stora gatan und die angrenzenden Straßen säumen. In lauschigen Höfen versteckt sich das eine oder andere gemütliche Café. Bei sonnigem Wetter lockt eine fünf Kilometer lange Promenade entlang des Sees zum beschaulichen Spazieren. Diese Stadt vereint wie kaum ein anderer schwedischer Ort all das, was wir an Schweden schätzen: Kultur und Natur im Einklang. In der nächsten Nachbarschaft steht eine Reihe barocker Schlösser, eingebettet in reizvolle Landschaft und die zugehörigen Parkanlagen: Wenngarns slott, Steninge slott und Rosersbergs slott.

Sigtuna - Altstadt
Gasse in der Altstadt von Sigtuna

Skokloster – Schloss und Klosterkirche

Skokloster, nur wenige Kilometer nördlich von Sigtuna, ist eingebettet in eine reizvolle Landschaft am Ende einer Halbinsel. An diesen Ort verirrt man sich nur, wenn man als Ziel die imposante frühbarocke Schlossanlage ins Auge fasst, die zwischen 1654 und 1676 hier errichtet wurde. Bauherr war niemand Geringeres als Carl Gustav Wrangel, schwedischer Feldmarschall im Dreißigjährigen Krieg und Generalgouverneur Schwedisch-Pommerns. Als Architekt war wahrscheinlich der thüringische Baumeister Casper Vogell verantwortlich. Weiterhin wirkten Jean de la Vallée und Nicodemus Tessin d. Ä. mit, die beide zu den wichtigsten Architekten Schwedens zu zählen sind. Der Schlossbau ist eines der bedeutendsten und am besten erhaltenen Barockschlösser Skandinaviens und Ausdruck der schwedischen Großmachtzeit des 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Die Räume beherbergen unter anderem ein Museum mit Kunstsammlungen, Waffen und anderen historischen Objekten. Zudem existiert eine wertvolle Bibliothek, die noch auf Wrangel zurückgeht.

Skokloster - Schloss
Schloss Skokloster

Beim Tode Rangels 1676 war das Schloss nicht vollendet, auch wenn dies heute auf den ersten Blick nicht auffällt. Die Innenräume sind aber nur teilweise fertiggestellt. Der Festsaal ist bis heute als Rohbau zu sehen, so als würden die Arbeiten am Interieur demnächst beginnen. Der Raum wird entsprechend als Baustelle inszeniert. Pläne aus der Erbauungszeit des Schlosses zeigen das gesamte Ausmaß des vorgesehenen Schlossumfeldes. Unter anderem war ein Gästehaus mit Bootsanleger unmittelbar am See vorgesehen, da das Reisen über Wasser zu dieser Zeit der einfachste Weg war, Skokloster zu erreichen. Über Wrangels Tochter, die mit Nils Brahe d. J. verheiratet war, ging das Anwesen an diesen über. Das Adelsgeschlecht der Brahes hatte das Schloss dann bis ins 20. Jahrhundert inne, bis es schließlich an den schwedischen Staat verkauft wurde.

Der Ort des Schlossbaus war aber nicht gänzlich willkürlich gewählt. Seit Mitte des 13. Jahrhunderts ist hier das Zisterzienserinnenkloster Sko angesiedelt, das im Jahre 1244 erstmals erwähnt wird. Von den Klosterbauten hat sich lediglich die dreischiffige Backsteinbasilika erhalten, die um 1250 begonnen wurde und enge stilistische Parallelen zur Marienkirche in Sigtuna aufweist. Im Zuge der Reformation wurde das Kloster säkularisiert und gelangte 1611 als Lehen der schwedischen Krone an Hermann von Wrangel, den Vater von Carl Gustav Wrangel. 1633 wurde an der Koosterkirche die Wrangelsche Grabkapelle errichtet. Die Klosterkirche liegt heute idyllisch zwischen Obstbäumen unweit des Schlosses. Ein eigener Bootsanleger steht für die mehrstündigen Bootsausflüge aus Stockholm oder Uppsala bereit.

Mariefred und das Schloss Gripsholm

Mariefred ist ein kleiner pittoresker Ort am Südufer des Mälaren, der durch seine Holzbebauung und die Museumseisenbahn, die als älteste Schwedens gilt, viele Besucher anlocken kann. Der Name des Ortes geht auf ein 1493 gegründetes Kartäuserkloster zurück, auf dessen Grundmauern im 17. Jahrhundert die heutige Dorfkirche errichtet wurde. Bekannt ist der Ort jedoch für das auf einer vorgelagerten Insel stehende Schloss Gripsholm. Es wurde ab 1537 vom schwedischen König Gustav I. Wasa anstelle einer älteren Burg aus dem späten 14. Jahrhundert errichtet, die wiederum auf dem Grund eines älteren Hofguts Näsby stand. Diese spätmittelalterliche Burg wurde durch den Reichsdrosten Bo Jonsson Grip errichtet, wodurch sich der Name der Anlage ableitet. Sie ging im 15. Jahrhundert durch mehrere Hände, war zeitweise im Besitz der Krone und wurde schließlich den Kartäusern geschenkt, wodurch sie bei der Säkularisation des Klosters 1525 an Gustav Wasa fiel, der seinen ständigen Sitz nach Mariefred verlegte.

Mariefred - Schloss Gripsholm
Schloss Gripsholm in Mariefred

Der Monarch ließ das Schloss zu einer Festung mit vier mächtigen Rundtürmen ausbauen, die heute das Bild der frühneuzeitlichen Anlagen prägen. Im gesamten 16. Jahrhundert wurde an dem Komplex gebaut, wobei die Burg als Verteidigungsanlage rasch ihre Bedeutung verlor und sporadisch als Gefängnis unter den Fehden der Nachfolger von Gustav Wasa diente. Zeitweise saßen bis zu 35 Staatsgefangene wie Erik XIV. oder Johann III. mit seiner Frau Katharina Jagiellonica auf Gripsholm fest – viele im Rahmen schwedischer Thronstreitigkeiten. Umgestaltungen des Schlosses fanden noch im 17. und 18. Jahrhundert statt. Heute befinden sich einige gut erhaltene historische Räume des 16. bis 18. Jahrhunderts in den Mauern des Schlosses – unter anderem ein Ende des 18. Jahrhunderts durch König Gustav III. eingebautes Theater, eines der am besten erhaltenen in Europa aus dieser Zeit. Die Schlafkammer von Herzog Karl gehört zu den am besten bewahrten Interieurs des 16. Jahrhunderts in Schweden.

In Deutschland ist Schloss Gripsholm im Zusammenhang mit dem Schriftsteller Kurt Tucholsky bekannt, der in Schweden von 1929 bis 1935 im schwedischen Exil lebte und in Mariefred begraben ist. Tucholskys Roman Schloß Gripsholm – Eine Sommergeschichte gehört zu seinen bekanntesten Werken. In seiner schwedischen Anfangszeit lebte er im Haus Fjälltorp in Läggest unweit des Schlosses und Mariefred.

Strängnäs

Strängnäs, nur wenige Kilometer von Mariefred entfernt, mag unter den vorgestellten Orten die geringste Bekanntheit besitzen – zumindest scheint dies außerhalb Schwedens so zu sein. Zu Unrecht, wie wir finden! Die Stadt, die bereits im frühen 12. Jahrhundert als Bischofssitz bezeugt ist, besitzt einen festen Platz in der schwedischen Geschichte, der bis in die Gegenwart hineinwirkt. Am 6. Juni 1523 wurde Gustav Wasa hier zum schwedischen König gewählt – eine neue Zeitrechnung in der Historie des Landes. Heute feiern die Schweden dieses Ereignis als Nationalfeiertag.

Strängnäs hat seinen Besuchern viel zu bieten. Die reich ausgestattete Domkirche, die als gotischer Backsteinbau mit ihrem markanten Turm über der Stadt thront, ist dabei die bedeutendste Sehenswürdigkeit. Die Weihe des Sakralbaus, der eine ältere Holzkirche ersetzte, erfolgte im Jahre 1291. Der Hallenumgangschor mit den Sterngewölben ist eine Zutat des 15. Jahrhunderts. Zahlreiche Straßenzüge mit historischer Holzbebauung und eine reizvolle Uferpromenade mit Jachthafen, über dem eine Windmühle aus dem Häusergewirr ragt, laden zum Entdecken der Altstadt ein. Nicht abschrecken lassen sollte man sich von der eher nüchternen Storgatan, die sich vom Hafen zum Dombezirk zieht. Sie spiegelt nicht die anziehende Atmosphäre der Stadt wider.

Eine abschließende Betrachtung

Unsere kleine kulturelle Rundreise zeigt eine der geschichtsträchtigsten Regionen Schwedens. Gemeinsam mit der sehr reizvollen Schärenlandschaft sind wir hier am Mälaren in einer der attraktivsten und abwechslungsreichsten touristischen Destinationen des skandinavischen Landes unterwegs. Dabei kann unser Überblick nur eine Auswahl treffen, die den vielen kleinen Attraktionen aus Herrenhäusern, kleinen Barockschlössern und mittelalterlichen Kirchen in diesem Landstrich nicht gerecht werden kann. Zudem haben wir uns in unserer Rundreise lediglich auf den östlichen Abschnitt des Mälaren beschränkt. Gänzlich unerwähnt bleiben musste das vor den Toren Stockholms liegende Drottningholm, dessen barocke Schlossanlage mit Park als das schwedische Versailles gilt und Weltkulturerbe ist. Lange Zeit königliche Sommerresidenz, ist es heute zugleich privater Wohnsitz des Königspaares. Das alles lässt viel Raum für eigene Erkundungen und weitere Reisen an einem der schönsten Seen im Herzen Schwedens.

4 Kommentare zu “Kulturreise am östlichen Mälaren

  1. Deine Fotos und dein Artikel machen Lust auf mehr. Ich war zwar schon auf allen Kontinenten, aber in Schweden leider nur auf der Durchreise. Das ist aber auch schon 25 Jahre her. Danke, Damian.

    1. Danke für deine Worte, Roswitha. Schweden macht so viel liebenswert, dass ein paar Zeilen gar nicht reichen, es zu beschreiben. Wenn man sich erst einmal in dieses Land verliebt hat, dann lässt es einen nicht mehr los. Uns hat der Virus vor 25 Jahren infiziert.

  2. Vielen Dank für den interessanten Artikel – und noch eine kleine Anmerkung:

    Das „en“ am Ende von Substantiven der ostskandinavischen Sprachen steht für die bestimmte Form (beim Utrum, beim Neutrum steht hier -et), die wir im Deutschen durch Voranstellen des Artikels markieren, also „ein Haus/et hus“, aber „das Haus/huset“ (norw.).

    Analog wäre eigentlich auch „die Lofoten“ falsch – das bedeutet an sich „die Luchs-Pfote“ (nämlich: „lo fot en“, wohl wegen der Form der Inselgruppe, wobei im heutigen Norwegisch Luchs allerdings „gaupe“ und nicht mehr „lo“ heißt).

    In der Praxis kann man das aber komplett ignorieren, es würde ja auch niemand bei „Eldorado“ den Artikel weglassen, obwohl der im spanischen Wort schon vorhanden ist (el dorado – der Goldene).

    1. Hallo Stephan, das ist ja mal eine freudige Überraschung. Deine Ausführungen waren mir eigentlich bekannt, ich habe das aber in diesem Fall einfach nicht mit (dem) Mälaren in Korrelation gebracht. Jetzt, wo du es schreibst, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Danke für die verständliche Erklärung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Top