
Inhalt
Der Weg zur Kalmarer Union
Das schwedische Kalmar dürfte wohl nur wenigen Mitteleuropäern ein Begriff sein. Dabei ist die in der Provinz Småland gelegene Küstenstadt im Südosten des Landes eine der herausragenden Stätten schwedischer und nordischer Geschichte. Warum das so ist und was man von ihrer bedeutenden Vergangenheit vor Ort noch entdecken kann, erfahrt ihr in meinem Artikel über die Geschichte und Architektur der Stadt an der Ostsee.
Kalmar wurde bereits im 11. Jahrhundert auf einem Runenstein erwähnt. Im 13. Jahrhundert war die Stadt ein blühendes Handelszentrum mit Hafen an der Ostsee. Internationale Bedeutung erlangte es aber erst mit der Kalmarer Union, einem Bündnis zwischen den nordischen Staaten Dänemark, Schweden und Norwegen unter Führung Dänemarks. Die Allianz existierte von 1397 bis 1523 und wurde ebendort unterzeichnet. Federführend bei der Ausgestaltung des Staatenbundes war die dänische Königin Margarethe I., die ihren Adoptivsohn Erik (Erich) von Pommern zum König machte. Die Krönung und Salbung des jungen Regenten erfolgten am 17. Juni 1397 in Kalmar. Bis zu ihrem Tod 1412 führte Margarethe allerdings faktisch die Herrschaft, ohne jemals offiziell zur Königin der Union erhoben worden zu sein.

Kalmar und das Königshaus Wasa
Kalmar war auch der Ort, an dem Gustav Wasa 1520 nach seiner Flucht aus der Gefangenschaft des dänischen Königs Christian II. wieder schwedischen Boden betrat. Mit Unterstützung der Hansestadt Lübeck führte er bis 1523 die schwedischen Befreiungskriege, die schließlich zur Auflösung der Kalmarer Union und zur Krönung Gustav Wasas zum schwedischen König in Strängnäs am 6. Juni desselben Jahres führten. Das Ereignis gilt als Geburtsstunde des modernen Schwedens.
Auch in der Folge hatte Kalmar eine herausragende Rolle in der schwedischen Geschichte inne. Die Stadt am Kalmarsund gegenüber der Insel Öland lag unweit der damaligen dänisch-schwedischen Grenze. Gustav Wasa und seine Söhne ließen das Kalmarer Schloss weiter ausbauen. Das umfasste sowohl die Wehranlage als auch die künstlerische Ausstattung des Baukomplexes. Kalmar war aufgrund seiner strategischen Bedeutung nicht nur eine bedeutende Residenz der schwedischen Könige, sondern bis zum Ende des 17. Jahrhunderts immer wieder in die kriegerischen Auseinandersetzungen mit Dänemark involviert.

Die untergegangene Altstadt und der Neuanfang auf Kvarnholmen
Für den nicht informierten Reisenden ist es erst auf den dritten Blick erkennbar: Die ursprüngliche Altstadt Kalmars, die sich im Mittelalter im Vorfeld der Burg entwickelte, lag unmittelbar vor den Burggräben. Sie wurde im Kalmarkrieg zwischen Schweden und Dänemark in den Jahren 1611 bis 1613 verwüstet. Wenige Jahrzehnte später wurde sie bei einem Brand erneut in Mitleidenschaft gezogen. Man entschied sich auch aus wehrtechnischen Erwägungen heraus für eine vollständige Verlegung auf die Insel Kvarnholmen. Die Neugründung, deren Errichtung 1647 begann, ist durch ein regelmäßiges, rechtwinkliges Straßennetz als frühneuzeitliche Gründung gut auszumachen.

In der ehemaligen Gamla Stan (Altstadt) siedelten sich im 18. und 19. Jahrhundert vornehme Bürger mit ihren Sommerhäusern an. Nur das Kopfsteinpflaster der verwinkelten Gassen und der alte Kirchhof erinnern noch daran, dass hier einst eine mittelalterliche Stadt stand. Teile der alten Stadt wurden zu einem Stadtpark umgewandelt. Unser Geheimtipp: der Hof Krusenstierna, wo nicht nur ein kleines Museum den Alltag des späten 19. Jahrhunderts lebendig werden lässt, sondern auch ein typisches schwedisches Gartencafé zum Verweilen einlädt.


Kvarnholmen betritt man am besten über einen hölzernen Steg und das Westtor (Västerport). Hier bekommt man noch einen guten Eindruck der ehemaligen Festungsanlagen des 17. Jahrhunderts mit Wällen, Wassergräben und Bastionen. Die historische Bebauung von Kvarnholmen besteht überwiegend aus Stein, aber auch die für Schweden typischen Holzbauten sind noch in größerer Zahl anzutreffen. Insgesamt besitzt Kalmar einen der am besten erhaltenen historischen Stadtkerne in Schweden.

Rundgang durch Kvarnholmen
Der barocke Dom
Die neue Kirche auf Kvarnholmen musste den mittelalterlichen Bau in der Gamla Stan ersetzen. Sie wurde in der Mitte der Stadt auf dem großzügigen, rechteckigen Marktplatz (Stortorget) als Kathedrale in der Diözese Kalmar errichtet und dominiert diesen bis heute mit ihren Schaufassaden glanzvoll. Der barocke Zentralbau mit vier Ecktürmen wurde 1660 begonnen, 1682 geweiht, allerdings erst 1703 vollendet. Die Pläne lieferte der wohl bedeutendste schwedische Architekt jener Zeit, Nicodemus Tessin d. Ä., der auch zahlreiche repräsentative Bauten in Stockholm entwarf. Die Fassaden des Domes mit ihrer Pilastergliederung verraten italienischen Einfluss, den der Architekt auf einer Romreise studieren konnte.

Das kreuzförmige Innere wirkt durch sein Weiß hell und weit. Die Wandstruktur wird durch Pilaster mit ionischen Kapitellen und kräftigem Gebälk dominiert. Davon setzt sich die Ausstattung mit ihrer schwarzen und goldenen Farbgebung ab. Vor allem der Altar und die Kanzel sind hervorzuheben. Der Altar wurde nach Plänen von Nicodemus Tessin d. J. ausgeführt, der damit das Werk seines Vaters vollendete. Die Kanzel aus der Mitte des 17. Jahrhunderts wurde aus der alten Kirche in Gamla Stan überführt.

Die neue Altstadt rund um den Stortorget
Der Dom auf dem Stortorget (dem großen Markt) ist umgeben von Bauten des Barock und Klassizismus. Sie geben der zentralen Platzanlage eine würdige Rahmung. Insbesondere die südliche und die östliche Häuserreihe zeigen eine geschlossene historische Bebauung. Das historische Rathaus, von 1684 bis 1690 erbaut, orientiert sich mit seiner Bandrustika, dem Dreiecksgiebel und seiner monumentalen Strenge am klassizistisch geprägten Barock der Niederlande. Das jüngere Stadthaus ist ein stattlicher klassizistischer Baukörper, der als Schule erbaut wurde. Im Stadthotel hat sich kunstvoll der Jugendstil verewigt.

Hübsch anzuschauen ist auch der gemütliche, direkt an der Stadtmauer gelegene Lilla torget mit einigen der ältesten Häuser auf Kvarnholmen – darunter die Dompropstei und das Dahmska huset. Beide Steinbauten stammen aus den 1660er-Jahren. Zu den frühesten architektonischen Zeugnissen auf Kvarnholmen zählen zudem Rosenlundska gården und Sahlsteenska gården sowie einige weitere Höfe. Der dritte große Platz, der Larmtorget am westlichen Abschluss der Altstadtinsel, versprüht dagegen mit seinem geschäftigen Treiben, dem gastronomischen Angebot und den umliegenden öffentlichen Bauten des Historismus wie dem Theater geradezu mondänen Charme. Er bildet einen auffälligen Kontrapunkt zu den beschaulichen Gassen rund um den Dom.


Schloss Kalmar
Baugeschichte und Bedeutung
Geradezu übermächtig liegt das Kalmarer Schloss im Blau des Wassers und dominiert die Szenerie der Küstenlinie unmittelbar vor der Ostseestadt. Es ist das beherrschende Monument Kalmars und lässt von allen Ansichten seine historische Bedeutung unzweifelhaft erkennen. Dabei fristete es seit dem Ende des 17. Jahrhunderts, als es seine Funktion als Grenzsicherung zu Dänemark verlor, ein eher trostloses Dasein und verfiel lange Zeit. Mitte des 19. Jahrhunderts setzten umfangreiche Renovierungen und Rekonstruktionen ein, die weit in das folgende Jahrhundert andauern sollten. Heute präsentiert sich das Schloss wieder als einer der prächtigsten und bedeutendsten Renaissancebauten Nordeuropas.

Ausgangspunkt der Anlage war ein Verteidigungsturm, der bereits um 1200 existiert haben dürfte. Ende des 13. Jahrhunderts entstand eine Burg mit Ringmauer und vier Türmen rund um den älteren Verteidigungsturm. Das Baumaterial Kalkstein ist von der nahen Insel Öland herangeschafft worden. Unter Gustav Wasa wurde die Burg zu einer frühneuzeitlichen Festung mit runden Bastionen ausgebaut, die der Waffentechnik jener Zeit standhalten konnten. Seine Söhne Erik XIV. und Johann III. ließen schließlich das Bauwerk zu einem Renaissanceschloss von internationalem Rang umgestalten. Zu diesem Zweck wurden Künstler aus ganz Europa beauftragt.

Umgestaltung zum Renaissanceschloss
Der Schlosshof mit den zahlreichen Portalen und dem Brunnen mit mustergültig gestalteten Säulenordnungen und vorzüglichen Renaissanceformen lässt bereits erahnen, welchen Anspruch die Wasas mit der Umgestaltung der Anlage verbanden. Zwar hat sich vom ursprünglichen Inventar des Schlosses wenig erhalten, doch die liebevoll restaurierten und rekonstruierten Räume und Säle mit ihrem Wand- und Deckenschmuck lassen noch gut erkennen, wie hochwertig die gesamte Ausstattung des 16. Jahrhunderts gewesen sein muss.


Besonders hervorzuheben sind der Goldene Saal mit seiner ornamentbefrachteten Kassettendecke und das Königsgemach in einem der Rundtürme. Letzteres ist mit einer Holzvertäfelung mit aufwendigen Intarsien, farbig gefassten Reliefbändern mit Jagdszenen sowie Fensternischen mit reicher Roll- und Beschlagwerkornamentik überschwänglich prachtvoll geschmückt. Der Raum entstand im Auftrag von König Erik XIV. im Stil des späten 16. Jahrhunderts. Die ebenfalls im Stil der Renaissance entstandene Schlosskirche ist 1592 unter König Johann III. vollendet worden.


Das Schloss lässt sich im Rahmen eines Museumsbesuchs auf eigene Faust erkunden. Anhand zahlreicher Modelle wird dabei anschaulich die Baugeschichte und Gestalt der Schlossanlage in den verschiedenen Epochen vermittelt. Zudem empfehlen wir die Spurensuche in den Kasematten und Gräben und auf den Wällen der Festungsanlage mit zahlreichen Kanonengeschützen. Von hier kann man die reizvollsten Ausblicke auf Schloss, Stadt und Ostsee genießen, während einem der kühle Seewind um die Nase weht. Kalmar zeigte sich uns hier von der schönsten Seite.

Schwedens historische Seele
Für mich stellt Kalmar so etwas wie die historische Seele Schwedens dar. Hier wurde schwedische und nordische Geschichte geschrieben. Hier manifestiert sich mit dem gewaltigen Schloss und der Zerstörung und Verlegung der Altstadt wie in keiner anderen Stadt der jahrhundertelange Konflikt zwischen Schweden und Dänemark, der schließlich im Frieden von Roskilde zur Abtretung großer dänischer Gebiete an Schweden führte. Hier sind die Kalmarer Union und Gustav Wasa präsent.

Kalmar bietet alles, was viele schwedische Städte so attraktiv macht: Holzgebäude, Gassen mit Kopfsteinpflaster, großzügige Grünanlagen, einen Hauch schwedischer Großmachtzeit des 17. Jahrhunderts und immer wieder das Wasser der Ostsee. Diese Traditionen versteht die Stadt am Kalmarsund zu vereinen und ins Hier und Heute zu transportieren, ohne dabei ihre Lebendigkeit zu verlieren. Kalmar ist – das darf man unzweifelhaft festhalten – eine der attraktivsten und geschichtsträchtigsten Stätten Schwedens.



