
Eine Stadtgeschichte in der Saale-Unstrut-Region
Im Grenzgebiet von Sachsen-Anhalt und Thüringen befindet sich die Saale-Unstrut-Region, eine malerische Kultur- und Weinlandschaft. Wenige Kilometer vor dem Zusammenfluss von Unstrut und Saale liegt die Stadt Freyburg an der Unstrut, die wie kaum eine andere typische Merkmale der Region im Burgenlandkreis vereint: Weinberge und eine imposante Burganlage, die die Straßenzüge am Flusslauf überthront. Der Wein ist seit dem Mittelalter ein prägendes Element von Stadt und Region. In den Gassen rund um den Marktplatz und an den Flussufern finden sich zahlreiche Weinlokale und Straußenwirtschaften, die zum Einkehren einladen.


Älteste Keimzelle der mittelalterlichen Besiedlung an diesem Ort ist die Ende des 11. Jahrhunderts angelegte Neuenburg hoch über dem Umstruttal. Als Protagonist dieses Geschehens ist Graf Ludwig der Springer überliefert, der dem Adelsgeschlecht der Ludolfinger entstammte und dessen Nachfahren die Landgrafen von Thüringen stellten. Im Schatten dieser Burg entwickelte sich ein dörfliches Suburbium, von dem heute nichts mehr erhalten ist. Die engere Geschichte von Freyburg begann um 1200 durch die Gründung der Stadt an einem Unstrutübergang durch die Thüringer Landgrafen. Hier verlief die Straße von Erfurt nach Merseburg. Trotz der Geländesituation am steil abfallenden nordöstlichen Uferberge weist die Gründung ein weitgehend regelmäßiges Straßennetz mit dem rechteckigen Marktplatz auf.

1203 wird erstmals ein Pfarrer an der Stadtkirche genannt. 1229 wird Freyburg als oppidum, 1293 als civitas bezeichnet. Ein Rat ist allerdings erst verhältnismäßig spät, Anfang des 15. Jahrhunderts, bezeugt. Häufige Besitzwechsel prägten die Stadtgeschichte: 1247 gelangten der Ort und entsprechend die Neuenburg an die Wettiner, die Markgrafen von Meißen, wobei sie bei der Teilung des Hauses 1485 an die albertinische Linie gingen. Von 1656 bis 1745 war Freyburg im Besitz der albertinischen Nebenlinie Sachsen-Weißenfels.
Die Neuenburg der Landgrafen von Thüringen
Bauchronologie: Kernburg und Vorburg
Die Neuenburg stellt eine der bedeutendsten Burgen der Landgrafen von Thüringen dar. Sie besteht aus einer groß dimensionierten Kernburg und einem als imposant zu bezeichnenden Areal mit einer Vorburg. Letztere ist in Teilen ruinös, auch weil das Gelände in den vergangenen Jahrhunderten zu unterschiedlichsten Zwecken genutzt wurde. Trotz sehr intensiver Bauforschung sind viele Fragen der Baugeschichte noch nicht restlos geklärt, sodass ich hier niemanden mit den komplexen Details langweilen, sondern lediglich die groben Züge der Entwicklung der Burganlage skizzieren möchte.

Die Errichtung der Kernburg erfolgte ab dem Ende des 11. Jahrhunderts, die der Vorburg ab der Mitte des 12. Jahrhunderts. Mit letzterer kamen zu dem bereits existierenden Bergfried zwei weitere hinzu. Von diesen drei Türmen steht noch der seit dem 20. Jahrhundert als Dicker Wilhelm titulierte Rundturm ganz im Nordosten der Anlage, der durch seine exponierte Lage nahe des Tores zur Vorburg eine herausragende Funktion im Verteidigungskonzept der Neuneburg innehatte. Der zweite Bergfried der Vorburg ist nur noch in seinen unteren Steinlagen vorhanden. Der Bergfried der Kernburg ist noch in hochmittelalterlicher Zeit beim Ausbau der Kernburg beseitigt worden. Wohnturm und Palas entstanden ausweislich der Bauforschung in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Im 12. und 13. Jahrhundert kam es zudem zu Aus- und Umbauten der Burgkapelle, die ich an späterer Stelle gesondert betrachten möchte. Für diese prägende Gestaltung der Neuenburg waren die Landgrafen Ludwig III., Hermann I. und Ludwig IV. verantwortlich.


Weitere Um- und Ausbauten der Burg erfolgten im späten 14. und im 15. Jahrhundert. Der Umbau zu einem Wohnschloss durch die albertinischen Wettiner ist dem 16. Jahrhundert zuzurechnen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg schloss sich eine Modernisierung zu höfischen Repräsentationszwecken an. In der Folge diente die Anlage zeitweise als Jagdschloss. Teil des Umbaus war die Neugestaltung des Fürstensaals, in den ein repräsentatives Renaissanceportal versetzt wurde. Ab dem späten 18. Jahrhundert versank das Schloss in der Bedeutungslosigkeit, was in der Folgezeit vorwiegend in der Vorburg zu Umnutzungen und Verfall führte. Das weiträumige Gelände macht in diesem Bereich bis heute einen nüchternen, teils verwahrlosten Eindruck.


Architektonisches Kleinod: die Doppelkapelle
Die spätromanische Doppelkapelle auf der Neuenburg ist bereits aufgrund ihres seltenen Typus, der in der Regel im herrschaftlichen Kontext einer Burganlage auftaucht, hervorzuheben. Die Formensprache ihres Obergeschosses weist zudem Bezüge in die Architektur der rheinischen Spätromanik auf. Der Ruhm der Freyburger Burganlage ist insbesondere auf dieses Kleinod zurückzuführen, dessen Baugeschichte komplexer ist, als es zunächst den Anschein hat. Bau I bestand aus einem eingeschossigen Saalbau mit Apsis. Baueinheitlich mit dem Palas wurde dieser Baukörper Ende des 12. Jahrhunderts in die Errichtung einer Doppelkapelle einbezogen, wobei das Obergeschoss dreischiffig und kleiner als die Unterkapelle ausgebildet war. Um 1220/30 erfolgte schließlich der Einbau des vierteiligen Kreuzgratgewölbes mit Mittelstütze, so wie wir den Raum noch heute erleben dürfen.
Stilistische Bezüge existieren ganz konkret zum Niederrhein. Die charakteristischen Lilienfenster und Vierpassöffnungen lassen sich zum Beispiel an die Doppelkappe in Schwarzrheindorf bei Bonn und jüngere Bauten zurückverfolgen. Die hängenden Schlussteine im Obergeschoss der Neuenburger Kapelle sind Allgemeingut rheinischer Spätromanik. Und die Gewölbegurte aus Vielpassbögen und die Bauplastik zeigen engste Verwandtschaft mit der Gestaltung der Westvorhalle von St. Andreas in Köln. Weiterhin ist es bemerkenswert, dass ein Großteil der schwarzen Säulenschäfte aus Kohlenkalk aus den belgischen Ardennen geschaffen ist. Auch diese Farbgebung an Säulen ist ein Kennzeichen rheinischer Bauten der Spätromanik. Neben dem Naumburger Dom und der Marienkirche in Freyburg selbst, die zumindest in Teilen stilistische Verwandtschaften zur rheinischen Spätromanik aufweisen, stellt die Doppelkapelle auf Schloss Neuenburg ein mitteldeutsches Unikat dar.


Die Stadt am Fluss
Die Marienkirche
Das bedeutendste Baudenkmal der bürgerlichen Stadt im Unstruttal stellt unzweifelhaft die Marienkirche dar. Der Ursprungsbau war eine spätromanische, um 210 begonnene Pfeilerbasilika. Trotz eingreifender Umbauten des 15. Jahrhunderts – Umbau des Langhauses zur Hallenkirche und Verlängerung des Chores mit reicher Bauzier – präsentiert sich die Kirche innen wie außen als homogener Baukörper. Prägend für das Stadtbild von Freyburg sind vor allem die drei Türme: Vierungsturm und zwei Westtürme.

Die Westfassade mit Paradies, der Vierungsturm und die achteckigen Obergeschosse der Westtürme atmen die Formensprache der Übergangszeit von Spätromanik zu Frühgotik im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts, wobei in vielen Details der nur wenige Kilometer entfernte Naumburger Dom als Vorbild diente. Das bemerkenswerte, archaisch-byzantinisch wirkende Tympanon im romanisch rekonstruierten Westportal zeigt die thronende Madonna zwischen zwei Engelsfiguren. Der Kirchenraum selbst ist durch die spätgotischen Umbauten geprägt: käpferlose achteckige Pfeiler, Stern- und Netzgewölbe. Im Mittelschiff des Langhauses erwächst fast unmerklich eine Kreuzigungsgruppe aus den Rippen des Gewölbes.


Von der Ausstattung verdient primär das spätgotische Retabel mit aufwendigem Gesprenge Erwähnung. Der Altar leidet in seiner Erscheinung durch eine blasse, möglicherweise barocke Fassung. Weiterhin zeigt eine Sandsteintaufe in Kelchform aus der Zeit um 1600 hohe Qualität. Von einer Reihe Epitaphien der Renaissance sticht ein opulent gestaltetes für Christoph von Taubenheim (gestorben 1536) hervor, der als Ritter mit Fahne und Schwert in einer Nische steht.


Rundgang durch die Gassen von Freyburg
Die pittoreske Altstadt von Freyburg, die zusätzlich durch ihre Lage an der Unstrut und unterhalb der steilen Weinberge an Reiz gewinnt, kann nicht mit hervorhebenswerten Einzelbauten, sondern vielmehr als Gesamtensemble mit angenehmer Atmosphäre punkten. Der Bestand älterer Bebauung ist durch zahlreiche Stadtbrände stark dezimiert. Am Marktplatz steht das schlichte Rathaus mit Stufengiebeln. Im Kern stammt es aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, wurde aber später um- und ausgebaut. Charakteristisch für Mitteldeutschland ist das repräsentative Sitznischenportal am Haus Markt 14, das inschriftlich ins Jahr 1554 datiert. Malerisch wirken Reste der Stadtbefestigung mit dem Eckstädter Torturm im Südwesten der Altstadt.


Freyburg an der Unstrut ist übrigens die Heimstatt der Sektkellerei Rotkäppchen, deren Firmengelände ab 1856 in vorzüglicher architektonischer Qualität ausgebaut wurde und heute Industriedenkmal ist. Bekannter als diese ist vielleicht nur noch Friedrich Ludwig Jahn, der lange in der Unstrut-Stadt lebte und dort 1852 starb. Turnvater Jahn ist der Begründer der Turn- und Nationalbewegung im frühen 19. Jahrhundert. In Freyburg erinnern nicht nur ein Museum in seinem ehemaligen Wohnhaus, sondern auch eine Ehrenhalle von 1903 und eine Erinnerungsturnhalle aus dem Jahre 1894 an das Wirken des Pädagogen.



