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Die Straße der Megalithkultur – Reise in die Steinzeit

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Straße der Megalithkultur

Was ist die Straße der Megalithkultur?

Bei der Straße mit dem etwas sperrigen Namen handelt es sich um eine touristische Route im Westen Niedersachsens zwischen den Städten Osnabrück und Oldenburg im Weser-Ems-Gebiet. Auf insgesamt 330 km Länge bereist der Besucher über 80 archäologische Denkmäler an 33 Stationen durch das Osnabrücker Land, das Emsland und das Oldenburger Münsterland. Überwiegend handelt es sich dabei um sogenannte Großsteingräber, woraus sich auch der aus dem Griechischen abgeleitete Terminus megalith (mega = groß, lithos = Stein) ableitet. Diese aus der Jungsteinzeit stammenden Grabanlagen sind im Nordwesten Deutschlands – insbesondere im Osnabrücker Land, dem Emsland und der Wildeshauser Geest – besonders zahlreich überkommen.

Hauptstreckenschild Straße der Megalithkultur
Straßenschild als Wegweiser zur Straße der Megalithkultur

Das Erfolgsrezept der Route ist darin begründet, dass interdisziplinär an ihrer Entstehung gearbeitet wurde. Beteiligt waren und sind nicht nur Touristiker, sondern auch Archäologen. Dadurch kann gewährleistet werden, dass das Informationsmaterial vor Ort, im Internet und in Form von Printmedien eine fundierte wissenschaftliche Basis erhält. Das ist leider bei weitem keine Selbstverständlichkeit bei derartigen touristischen Projekten. Die Projektpartner aus der Sparte Tourismus sorgen wiederum dafür, dass das Kulturmarketing nicht zu kurz kommt und zu einer nachhaltigen finanziellen Basis führt. So existiert für die Straße der Megalithkultur ein sogenannter touristischer Korridor, der Attraktionen aus allen thematischen Bereichen links und rechts der Route in das Konzept einbezieht. Ziel des Projektes ist zudem die Schaffung von regionaler Identität und historischem Bewusstsein.

Glaner Braut
Glaner Braut in der Wildeshauser Geest

Entwicklungsgeschichte der Ferienroute

Es war im Jahre 2006, als sich der Arbeitskreis Straße der Megalithkultur erstmals formierte. Es handelt sich dabei bis heute um eine Interessengemeinschaft, die sich aus Vertretern von Landeseinrichtungen und kommunalen Fachbehörden aus den Bereichen Tourismus und Archäologie zusammensetzt. Federführend sind folgende Mitglieder: Emsland Tourismus GmbH, Oldenburg Tourismus und Marketing GmbH, Tourismusverband Osnabrücker Land, Zweckverband Naturpark Wildeshauser Geest, das Planetarium Osnabrück und die Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück. Das Projektbüro ist beim Tourismusverband Osnabrücker Land ansässig.

Die offizielle Eröffnung der Ferienstraße konnte bereits am 14. Mai 2009 gefeiert werden. Als Werbemittel standen eine großformatige Faltkarte und der Reiseführer SteinZEITzeugen zur Verfügung. Später kam ein Handbuch zur Radroute der Megalithkultur hinzu, womit die Entwicklung von einer reinen Autoferienroute hin zum Angebot für Radurlauber vollzogen wurde. Mittlerweile existiert auch eine App für Smartphones. GPS-Daten für Routenplaner stehen auf der Website ebenfalls zum Download bereit. In der Folge wurden einheitliche und großformatige Informationstafeln geschaffen, die dem Besucher vor Ort über das spezielle Objekt und die Megalithkultur im Allgemeinen weitreichende Informationen zur Verfügung stellen. Möglich wurde dies durch Fördermittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), die in den Jahren 2011 bis 2014 bewilligt wurden.

Radroute der Megalithkultur
Radroute der Megalithkultur

Die europäische Bühne: Megalithic Routes e. V.

Bereits frühzeitig hatte man die europäische Dimension des Phänomens Großsteingrab und somit die Wurzeln unserer europäischen Kultur im Blick. 2013 erhielt die Straße der Megalithkultur die Auszeichnung als Kulturweg des Europarates. Institutionelles Zentrum ist der eigens hierfür gegründete Verein Megalithic Routes, dem als Mitglieder Museen, Geoparks, Wissenschaftler und Tourismusexperten aus Dänemark, England, Deutschland, den Niederlanden, Portugal, Spanien und Schweden angehören.

Ziel des Vereins ist es, einige der ältesten europäischen Baudenkmäler durch Kulturstraßen zu verbinden, die nicht nur zu den megalithischen Kultbauten führen, sondern auch den abwechslungsreichen Charakter der sie umgebenden Landschaft hervorheben. Das Projekt Megalithic Routes fühlt sich den Grundsätzen des sanften Tourismus verpflichtet und verzichtet bei der Schaffung touristischer Angebote auf irreversible Eingriffe in die natürliche Umwelt. Ferner sollen Museen und Bildungseinrichtungen wie Schulen, Universitäten, Wohlfahrtseinrichtungen und öffentliche Institutionen dazu angeregt werden, neue grenzüberschreitende Kooperationen im Bereich der Jugendbildung und in Form von europäischen Austauschprogrammen für Kinder und Jugendliche zum Thema Megalithkultur zu entwickeln. Ein Höhepunkt dieser Arbeit stellte das Steinzeitfest in Jeggen bei Osnabrück am 30. April 2017 dar. Unter dem Motto Moving Stones wurde der Öffentlichkeit ein Stück experimenteller Archäologie vorgeführt: ein durch Menschenkraft bewerkstelligter Findlingstransport über mehrere hundert Meter.

Die Großsteingräber

Mythos der Hünengräber

Kaum ein Kulturdenkmal unserer Region hat die Legendenbildung so befördert wie die Großsteingräber (auch Hünengräber genannt). Ihre Geschichten entstanden durch Fehldeutungen, romantisch verklärte Vorstellungen vom Leben unserer Vorfahren und durch die Unkenntnis der eigentlichen Funktion der Grabstätten. Davon zeugen noch heute so volkstümliche Namen wie Heidenopfertisch, Teufelssteine, Teufels Backofen, Steinerner Schlüssel, Kellersteine, Visbeker Braut und Visbeker Bräutigam, Glaner Braut oder Karlsteine. Zwei sehr anschauliche Beispiele möchte ich herausgreifen: In den Wäldern der Wildeshauser Geest liegen nur wenige Kilometer voneinander entfernt die Visbeker Braut und der Visbeker Bräutigam. Zu den Megalithgräbern ist folgende Legende überliefert (zitiert nach Etta Bengens Buch O Wunner, o Wunner, wat ligg hier woll unner?):

Inmitten der Ahlhorner Heide lag in alter Zeit ein großer Bauernhof. Der Besitzer war stolz und habgierig und hätte seine einzige Tochter gern mit einem reichen Bauernsohn aus der Umgebung verheiratet. Aber das Mädchen liebte einen armen Schäfer, der ihr Jugendgespiele gewesen war. Der hartherzige Vater kümmerte sich nicht um die Bitten seines Kindes, sondern setzte gegen den Willen des Mädchens den Hochzeitstag fest.

Am Hochzeitsmorgen bewegte sich ein Zug festlich gekleideter Menschen über die Heide auf Visbek zu. Voran schritt die geschmückte Braut mit ihren Eltern, dahinter das Gefolge der Verwandten und Nachbarn. Die Braut war totenblass, in ihren Augen standen Tränen. Immer näher kam sie dem Kirchdorf; schon hörte man die Glocken von Visbek läuten. Da richtete das Mädchen in seiner Verzweiflung die Blicke gen Himmel und rief flehend: „Hilf, o Gott! Lieber will ich auf der Stelle zu Stein werden, als einem Manne gehören, den ich nicht lieben kann.“ Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, da erstarrte der Brautzug. Wo eben noch Menschen von Fleisch und Blut ihres Weges gezogen waren, erhoben sich mächtige Steine in zwei Reihen nebeneinander. Der Myrtenkranz, die Blumen und Bänder verwandelten sich in graue Flechten und Moose. Auch der Zug des Bräutigams erlitt das gleiche Schicksal und erstarrte zu Stein. Die mächtigen Findlinge dort geben davon Kunde.

Die Karlsteine nördlich von Osnabrück gehören sicher zu den beeindruckendsten Zeugnissen der Megalithkultur im Westen Niedersachsens. Eine steile Hanglage, die monumentalen Decksteine und das ungewöhnliche Baumaterial, das eben nicht wie üblich Findlinge aus Gneis oder Granit, sondern aus Sandstein des nahen Piesberges besteht, zeichnen diesen Ort besonders aus. Der Name der Karlsteine leitet sich von einer Legende ab, wonach Karl der Große ein göttliches Wunder an den Steinen vollbrachte. Der karolingische König und spätere Kaiser spaltete einen der gewaltigen Decksteine mit einer Peitsche, nachdem der heidnische Sachsenfürst Widukind ein göttliches Zeichen verlangt hatte. Dies bekehrte den Sachsen schließlich zum Christentum.

Pieter Holsteyn - Riesen bauen Hünengräber
So stellt man sich im 17. Jahrhundert den Bau von Megalthgräbern vor (Radierung Pieter Holsteyn – Riesen bauen Hünengräber, 1660)

Zeitstellung der Grabanlagen

Zeitlich können wir die Megalithgräber in der Jungsteinzeit (Neolithikum) ansiedeln. Sie entstanden ungefähr im Rahmen von 3500 bis 2800 v. Chr. Die Großsteingräber sind somit die ältesten baulichen Zeugnisse unserer Kultur. Im norddeutschen Raum deckt sich dieser Zeitraum in großen Teilen mit der Trichterbecherkultur. Der Name leitet sich von der Form der damals entstandenen Keramikgefäße ab. Diese zeichnen sich durch ein bauchiges Unterteil mit trichterförmigem Hals aus und sind mit tief eingestochenen Mustern verziert.

Eine wesentliche Voraussetzung für die Errichtung der Großsteingräber war der Wandel in der Lebensweise des Steinzeitmenschen. Diese elementaren Veränderungen werden auch als neolithische Revolution bezeichnet. Der Jäger und Sammler wurde zunehmend sesshaft und nahm die bäuerliche Lebensweise mit Getreideanbau und Viehwirtschaft an. Häuser und Siedlungen wurden gebaut, der Umgang mit den Toten wandelte sich. Ihnen errichtete man nun in langwieriger und mühevoller Arbeit gewaltige Grabstätten – die Megalithgräber. Mit der Sesshaftwerdung der Menschen änderten sich somit auch die Bestattungsriten.

Funktion und Typologie der Großsteingräber

Die Großsteingräber waren keine Einzelgräber, sondern Kollektivgräber für eine große Anzahl an Individuen. Sie wurden über viele Generationen hinweg genutzt. Dabei sind die Toten nicht selten mit Grabbeigaben wie Schmuck und Waffen ausstaffiert worden. Auch Gefäße sind reichlich überliefert. Dagegen ist die konkrete Funktionsweise als Grabanlage noch nicht abschließend geklärt. Die meisten Fachleute gehen davon aus, dass die Megalithgräber auch als tatsächlicher Bestattungsort dienten. Wenige Archäologen präferieren dagegen die These, wir hätten es hier mehr mit einer Art Beinhaus zu tun. Dabei seien die Toten zunächst an einem anderen Ort bestattet und die Gebeine später transloziert worden.

Für den Blick des Laien mag es dagegen etwas überraschend anmuten, dass die Gräber zur Zeit ihrer Entstehung ein vollkommen anderes Gepräge aufwiesen. Die Steinkonstruktion, wie wir sie heute zu sehen bekommen, stellte ursprünglich die innere Grabkammer dar. Diese befand sich in einem aufgeschütteten Erdhügel, der durch Erosion im Lauf der Zeit verschwand, sodass der heutige Eindruck der Monumente ein gänzlich anderer ist. Rekonstruktionen der bauzeitlichen Gestalt eines Megalithgrabes finden sich bei den Kleinenknetener Steinen (Grab I) und beim sogenannten Königsgrab auf der Hünengräberstraße des Hümmlings im Emsland.

Kleinenknetener Steine I
Kleinenknetener Steine (Grab I)

In der Wissenschaft findet eine Klassifizierung der Anlagen anhand der Erschließung und Gestalt der Grabkammern statt. Grob unterscheidet man dabei zwischen Ganggräbern und Dolmen. Im nordwestdeutschen Raum kommen fast ausschließlich Ganggräber vor, bei denen die Grabkammer an der Langseite durch einen schmalen Gang erschlossen wird. In seltenen Fällen können auch mehrere Kammern in einem Grab vorkommen. Gerade im Emsland finden sich viele Großsteingräber, deren Kammern zusätzlich mit einem Steinkranz umgeben sind. Man spricht hierbei von der Emsländischen Kammer. Dolmen, deren Kammern axiale Zugänge aufweisen, sind dagegen in Nordwestdeutschland selten anzutreffen, aber in Europa sonst weit verbreitet.

Impressionen an der Straße der Megalithkultur

Die wunderbaren Ansichten der steinernen Monumente unserer Urgeschichte in der Landschaft zwischen Ems und Weser sind so vielfältig, dass eine Auswahl der Motive an Großsteingräbern schwerfällt. Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei dem Fotografen Axel Hartmann aus Köln. Dieser hat das Projekt nicht nur maßgeblich mit seinen sehr stimmungsvollen Aufnahmen bereichert, sondern mir auch die Veröffentlichung im Rahmen dieses Blogbeitrages gestattet. Von den insgesamt zehn Fotografien in diesem Beitrag stammen Nr. 1, 2, 3, 4, 5, 7 und 10 von ihm.

Nicht verheimlichen möchte ich an dieser Stelle, dass ich selbst eine besondere Beziehung zu dem Projekt habe. Im Rahmen der beruflichen Weiterbildung REGIALOG zum Fachreferenten für Kulturtourismus und Kulturmarketing war ich beim Tourismusverband Osnabrücker Land an der Umsetzung der Route beteiligt. Neben der Ausarbeitung eines Marketingkonzeptes war ich für die Betreuung des Webauftritts zuständig. Parallel unterstützte ich das Binnenmarketing mit einer Vortragsreihe über die Straße der Megalithkultur an Volkshochschulen und Kultureinrichtungen in der Region.

Viele Jahre konnte ich die weitere Entwicklung der touristischen Route als Beobachter verfolgen, denn der Tourismusverband Osnabrücker Land und die Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück waren Partnereinrichtungen meines langjährigen Arbeitgebers. Und nun bin ich seit 2017 als selbstständiger Webdesigner über den Kunden Megalithic Routes e. V. wieder ganz nah dran an den Großsteingräbern der Weser-Ems-Region. Dieser Blogbeitrag ist der Auftakt zu der Blogparade #KulTourRaum – Kultur und Kulturtourismus im ländlichen Raum. Eva Adamek hat auf ihrem Blog Die Burgdame über ihre Erlebnisse auf der Radroute der Megalithkultur berichtet.

3 Kommentare zu “Die Straße der Megalithkultur – Reise in die Steinzeit

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