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Die Kulturgeschichte des Gesellschaftsspiels

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Historische Entwicklung

Gesellschaftsspiele sind in Europa bereits seit der Antike bekannt. Sie sind aber auch in anderen Kulturen präsent gewesen. Dabei handelt es sich vor allem um Brettspiele, aber auch Würfelspiele oder Kombinationen daraus. Erst im Mittelalter folgten Kartenspiele.

Das Brettspiel

Die Entstehungsgeschichte des Schachspiels ist nicht restlos geklärt. Eindeutig belegt ist es seit dem 6. Jahrhundert in Persien. Im Mittelalter ist es nach Europa gekommen, wo sich dann schließlich die heute geltenden Regeln herausbildeten. Mühle ist dagegen deutlich älter. Das älteste bekannte Mühlespiel stammt aus Ägypten und wird um 1400 v. Chr. datiert. Auch Backgammon ist eines der ältesten Brettspiele der Welt. Die Wurzeln dieses Würfel-Brettspiels liegen allerdings weitgehend im Dunkeln. Erst in der römischen Antike sind dem heutigen Spiel verwandte Varianten bezeugt.

Codex Manesse
Schachspiel in Adelskreisen: Codex Manesse – Zürich, frühes 14. Jahrhundert, Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg

Überhaupt scheint der Orient die Wiege vieler Brettspiele zu sein. Das Königliche Spiel von Ur ist ein Brettspiel, dessen Ursprünge vermutlich in Mesopotamien liegen. Bei Ausgrabungen in der südirakischen Stadt Ur konnten mehrere Exemplare dieses Brettspiels geborgen und auf 2600 v. Chr. datiert werden.

Das Würfelspiel

Neben dem Brettspiel waren vor allem Würfelspiele sehr beliebt. Der Würfel ist aus zahlreichen Kulturen überliefert. Im Alten Ägypten, im Orient, in Indien und in Griechenland war er schon früh bekannt. Sehr verbreitet waren Würfelspiele in der römischen Antike. Selbst die Bibel erwähnt das Würfeln: Bei der Kreuzigung von Jesus spielen römischen Soldaten um das Gewand des Gekreuzigten. Entsprechende Darstellungen der Kreuzigungsszene existieren in der spätmittelalterlichen Tafelmalerei. Beispiele finden sich in den Werken von Hans Memling (Passionsaltar, St. Annen Museum Lübeck) oder Andrea Mantegna (Hochaltar von San Zeno, Verona).

Andrea Mantegna - Hochaltar St. Zeno Verona
Andrea Mantegna – Kreuzigungsszene auf der Predella des Hochaltars in St. Zeno, Verona, datiert 1457-1460

Das Kartenspiel

Kartenspiele sind jünger als Brett- und Würfelspiele und stammen aus Ostasien. Die frühesten Spielkarten sind im Korea und China des 12. Jahrhunderts nachweisbar. In Europa kennt man sie seit dem Ende des 14. Jahrhunderts – zunächst in Italien und Frankreich.

Seit dem 17. Jahrhundert entwickelten sich Spiele wie Whist, Bridge, später Canasta und Rommé. In Deutschland besonders beliebt ist Skat, das zwischen 1810 und 1817 im thüringischen Altenburg – der Skatstadt schlechthin – erfunden wurde. Mich als Skatspieler freut es besonders, dass dieses Spiel seit 2016 als immaterielles Kulturerbe in Deutschland geführt wird.

Das Spiel in der Freizeitkultur des 20. Jahrhunderts

Mit der zunehmenden Wandlung in der Arbeitswelt und der damit steigenden Bedeutung von Freizeit vor allem nach dem 2. Weltkrieg wird das Gesellschaftsspiel alltagstauglich. Klassiker wie „Mensch ärgere dich nicht“, „Monopoly“, „Scrabble“ oder „Kniffel“ wurden populär. Meine eigene Jugend war durch etwas komplexere Spiele wie „Risisko“, „Cluedo“ und „Scotland Yard“ geprägt.

Gesellschaftsspiel
Mensch ärgere dich nicht

Gerade das 1983 erschienene „Scotland Yard“ läutete einen Wandel in der Spielewelt ein. Bildeten zuvor eine Handvoll Spieleklassiker über Jahrzehnte hinweg den bekannten Kanon von Spielen, so erhöhten sich Anzahl und Frequenz der Neuerscheinungen immens. Auch die Qualität der Spiele stieg stetig. Heute hat der Spieler die Qual der Wahl aus tausenden neuer Produkte pro Jahr.

Die Kommerzialisierung des 21. Jahrhunderts

Verlage und Autoren

Eine neue Qualität und Ausrichtung erreichte das Gesellschaftsspiel endgültig mit dem 1995 erschienen Strategiespiel „Die Siedler“, das mittlerweile selbst schon zum Klassiker avancierte. Damit setzte ein Boom ein, der bis heute anhält. Komplexe Strategiespiele eroberten den Massenmarkt in zahlreichen Facetten, aber auch unzählige Arten von Familienspielen mit moderatem Regelwerk zogen in die Wohnzimmer ein.

Insbesondere deutsche Verlage und Autoren haben die Führerschaft in der Spieleindustrie übernommen. Es etablierten sich Genres und Typen von Spielen wie Eurogames bzw. German Games (im Gegensatz zu den andersartigen American Games), ohne dass ich hier auf die spezifischen Eigenschaften näher eingehen möchte. Weil nun die Autoren immer mehr in den Vordergrund treten, spricht man auch von Autorenspielen. Ein erfahrener Spieler kann in vielen Fällen deren Handschrift allein an den Spielregeln erkennen.

Auszeichnungen und Messen

Damit der ambitionierte Gesellschaftsspieler bei tausenden neuen Titeln in jedem Jahr den Überblick über lohnenswerte Neuerscheinungen behält, werden Spiele mittlerweile prämiert. In Deutschland sind vor allem das „Spiel des Jahres“ und der „Deutsche Spielepreis“ bekannt. Erstgenannte Auszeichnung wurde erstmals 1979 verliehen. Eine Jury adelt dabei eine Reihe von Spielen, wobei man in den letzten Jahren den Fokus zunehmend auf die Familientauglichkeit gelegt hat: Spielidee, Regelgestaltung, Spielmaterial, Grafik. In der Zielsetzung heißt es:

Die im Rahmen des Kritikerpreises „Spiel des Jahres“ verliehenen Auszeichnungen sollen das Kulturgut Spiel fördern, den Gedanken des Spielens im Familien- und Freundeskreis beleben und eine Orientierungshilfe im großen Spieleangebot geben.

Der seit 1990 vergebene „Deutsche Spielepreis“ wählt einen anderen Ansatz. Hier stimmen die Spieler selbst ab. Entsprechend anspruchsvoll hinsichtlich ihrer Komplexität sind die in den TOP10 landenden Gesellschaftsspiele häufig. Die Liste liest sich meist wie die Bestenliste eines Vielspielers.

Der „Deutsche Spielepreis“ wird übrigens auf der weltweit größte Publikumsmesse für Gesellschaftsspiele verliehen. Die Internationalen Spieltage SPIEL finden alljährlich im Oktober – wie sollte es anders sein – in Deutschland, genauer in Essen statt. Und die Internationalität ist hier sowohl hinsichtlich der Aussteller als auch in Bezug auf das Publikum wörtlich zu nehmen und nicht nur als Marke zu verstehen. 2019 stürzten sich auf 86.000 m² Fläche 209.000 Besucher auf rund 1.500 Spieleneuheiten.

SPIEL 19
Treiben auf der SPIEL 19 in Essen

Aussicht

Die Kommerzialisierung des Gesellschaftsspiels hat schon vor Jahren eingesetzt und ist längst nicht mehr aufzuhalten. Damit teilt es das Schicksal anderer Kulturgüter. Welche Auswüchse dies annehmen kann, ist jedes Jahr in Essen an den zahlreichen Ständen des Spieleverlages Queen Games zu beobachten. Auf überdimensionierten Flächen werden zahlreiche Neuerscheinungen des Verlages derart gehypt, dass alle Titel in großen Mengen über die Ladentheke gehen, um dann in Fachzeitschriften wie der Spielbox nicht selten verrissen zu werden. Alljährlich flutet der Verlag den Markt regelrecht mit mittelmäßigen Spielen. Dabei entstehen immerhin manchmal auch gute Produkte, die den Weg in unser (anspruchsvolles) Spieleregal finden.

Verlage und Autoren haben das Genre aber auch neu belebt und es auf eine hohe qualitative Ebene gehoben. Die Kunst für den Spieler besteht lediglich darin, die wirklich guten Spiele aus der Masse zu filtern. Auf geht´s!

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