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Die Kulturgeschichte der Gesellschaftsspiele

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Gesellschaftsspiele
Klassisches Brettspiel mit Würfel und Pöppel: Mensch ärgere dich nicht

Historische Entwicklung des Spielens

Gesellschaftsspiele als Freizeitbeschäftigung

Gesellschaftsspiele als Freizeitbeschäftigung sind in Europa bereits seit der Antike bekannt. Sie sind in vielen Kulturen präsent gewesen. Dabei handelt es sich vor allem um Brettspiele, aber auch um Würfelspiele oder Kombinationen daraus. Erst im Mittelalter folgten Kartenspiele. Gespielt wurde vielfach mit einfachen Materialien. Ein Spielfeld konnte in den Sand gezeichnet werden. Als Spielmaterial wurden Stöcke, Steine und Muscheln benutzt. Die Oberschichten leisteten sich auch aufwendige Materialien wie bearbeitetes Holz, Keramik, Elfenbein oder Knochen. Ein frühes Beispiel einer solch aufwendigen Spielgestaltung ist beim ägyptischen Senet nachvollziehbar, das heutigen Brettspielen wie Backgammon ähnelt. Wir wollen uns die Geschichte einiger bekannter Spiele und Spielekategorien anschauen.

Königin Nefertari beim Senetspiel
Königin Nefertari beim Senetspiel (Grabkammer der Nefertari, Ägypten, ca. 1295–1235 v. Chr.)

Übrigens: Der Orient scheint die Wiege vieler sehr früher Brettspiele zu sein. Das Königliche Spiel von Ur ist ein Würfelbrettspiel für zwei Spieler, dessen Ursprünge vermutlich in Mesopotamien liegen. Bei Ausgrabungen in der südirakischen Stadt Ur konnten mehrere Exemplare dieses Brettspiels geborgen und auf 2600 v. Chr. datiert werden.

Spiel von Ur
Spiel von Ur (Mesopotamien) – Quelle: British Museum, Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Das Brettspiel

Schach und Mühle

Die Königsdisziplin des Brettspiels darf heute das Schachspiel gelten. Es existieren zahlreiche namhafte Turniere und Weltmeisterschaften. Der Titel eines Großmeisters wird ebenfalls vergeben und ist mit weltweitem Renommee verbunden. Die Entstehungsgeschichte des Schachspiels ist nicht restlos geklärt. Eindeutig belegt ist es seit dem 6. Jahrhundert in Persien. Die ältesten gefundenen Schachfiguren stammen aus Zentralasien. Im Mittelalter ist das Spiel nach Europa gekommen, wobei es eine stetige Entwicklung der Regeln durchmachte. Schach gehörte seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts zu den sieben Tugenden des Ritterstandes. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts kam es zu entscheidenden Änderungen des Regelwerks, das erst im 19. Jahrhundert seine endgültige Form erhielt. Ein Kuriosum stellt der sogenannte Schachtürke dar, der 1769 von dem österreichisch-ungarischen Hofbeamten und Mechaniker Wolfgang von Kempelen konstruiert wurde. Er ließ bei den Zuschauern den Eindruck entstehen, das Gerät spiele selbstständig Schach. Tatsächlich war aber in der Konstruktion ein menschlicher Spieler versteckt.

Schachtürke - Joseph Racknitz
Kupferstich des Schachtürken aus der Publikation von Joseph Friedrich zu Racknitz von 1789

Das Spiel Mühle ist dagegen älter als das Schachspiel. Entsprechende Linienmuster sind bereits aus dem vorchristlichen Ägypten bekannt und finden sich auch im antiken Rom. Der Nachweis als Spielbrett ist insbesondere dort nicht gegeben, wo das Muster auf senkrechten Wandflächen auftaucht und daher wahrscheinlich symbolischen oder kultischen Zwecken diente. Eindeutig in römischer Zeit belegt ist gegenüber dem großen Mühlespiel das kleine Pendant, das aus zweimal drei Steinen gespielt wurde. Im Mittelalter werden sogar Varianten mit Würfeln beschrieben. Das Libro de los juegos, das von König Alfons X. von Kastilien und León in Auftrag gegeben wurde und 1283 erschien, erörtert und illustriert neben dem Mühlespiel auch das Schachspiel mit einer Schachproblemsammlung sowie andere Brettspiele.

Backgammon und Dame

Auch Backgammon ist – wenn man seine Vorläufer und Spielarten berücksichtigt – eines der ältesten Brettspiele der Welt. Die Wurzeln dieses Würfelbrettspiels liegen allerdings weitgehend im Dunkeln. Erst in der römischen Antike sind dem heutigen Spiel verwandte Varianten und Vorläufer bezeugt, die auf dem Backgammonbrett gespielt werden. Dazu gehört auch das im Mittelalter beliebte Wurfzabel. In der frühen Neuzeit entstanden in Frankreich und Deutschland Varianten wie die französischen und deutschen Varianten bzw. Namen Tric Trac und Puff. Backgammon im engeren Sinne stammt aus England und war eine Variante des Irish-Spiels.

Als Vorläufer des Damespiels gilt das im Mittelmeerraum verbreitete und vermutlich aus dem Nahen Osten stammende Alquerque. Das moderne Damespiel entstand wahrscheinlich im 12. Jahrhundert im heutigen Spanien oder in Südfrankreich und wurde auf dem Schachbrett gespielt. Über Frankreich verbreitete sich das Spiel in Europa. 1688 wurde das älteste bekannte gedruckte Regelwerk, Jeu des Dames, veröffentlicht. Die Regeln entwickelten sich stetig und führten zu verschiedenen Varianten in unterschiedlichen Ländern (deutsche Dame, französische Dame, polnische Dame).

Das Würfelspiel

Neben dem Brettspiel waren vorwiegend Würfelspiele in allen Zeiten sehr beliebt. Der Würfel ist aus zahlreichen Kulturen überliefert. Im Alten Ägypten, im Orient, in Indien und in Griechenland war er schon früh bekannt. Sehr verbreitet waren Würfelspiele in der römischen Antike. Auch Tacitus berichtet von der Würfelleidenschaft der Germanen. Selbst die Bibel erwähnt das Würfeln: Bei der Kreuzigung von Jesus spielen römische Soldaten um das Gewand des Gekreuzigten. Entsprechende Darstellungen der Kreuzigungsszene existieren in der spätmittelalterlichen Tafelmalerei. Beispiele finden sich in den Werken von Hans Memling (Passionsaltar, St. Annen Museum Lübeck) oder Andrea Mantegna (Hochaltar von San Zeno, Verona).

Wandmalerei Pompeji - Würfelspiel
Römisches Fresko aus Pompeji mit Würfelspielern

Am weitesten verbreitet sind sechsseitige Würfel, wobei auf jeder Seite der Zahlenwert in Form von Augen dargestellt ist. Das Würfelspiel bleibt dabei immer in hohem Grad ein Glücksspiel, je nach Spielziel mehr oder weniger kombiniert mit Fähigkeiten des Spielers. Der Zeitvertreib mit Suchtgefahr wurde auch bereits im Mittelalter oft verboten, wie es zum Beispiel im Jahre 1396 aus Mailand belegt ist. In englischen Spielsälen der Zeit um 1800 gab es menschliche Würfelschlucker, die bei Razzien die Aufgabe hatten, das verräterische Spielgerät rasch herunterzuschlucken.

Andrea Mantegna - Hochaltar St. Zeno Verona
Andrea Mantegna – Kreuzigungsszene auf der Predella des Hochaltars in St. Zeno, Verona, datiert 1457-1460 (mit würfelnden Soldaten)

Das Kartenspiel

Kartenspiele sind jünger als Brett- und Würfelspiele und stammen aus Ostasien. Die frühesten Spielkarten sind in Korea und China des 12. Jahrhunderts nachweisbar. Von China kommend wurden Spielkarten nach Indien und Persien sowie in die arabischen Länder gebracht. In Europa kennt man sie seit dem Ende des 14. Jahrhunderts – zunächst in Italien und Frankreich. Im 15. und 16. Jahrhundert bildeten sich die heute bekannten Spielkartenblätter heraus, wobei das französische, das deutsche und das spanische Blatt die größte Verbreitung erlangten. Ende des 18. Jahrhunderts kamen die modernen doppelköpfigen Spielkarten auf. Ab dem 19. Jahrhundert wurde es Usus, auch die Rückseiten zu bedrucken.

Das erste nachgewiesene Kartenspiel ist das französische Ronfle. Es wurde 1414 erwähnt und ist deshalb vermutlich das älteste bekannte Kartenspiel Europas. Kurze Zeit später, im Jahre 1426, tauchte in Nürnberg das Spiel Karnöffel auf, das im 15. und 16. Jahrhundert sehr beliebt war. Seit dem 17. Jahrhundert entwickelten sich Spiele wie Whist, Bridge, später Canasta und Rommé. In Deutschland besonders beliebt ist Skat, das zwischen 1810 und 1817 im thüringischen Altenburg – der Skatstadt schlechthin – erfunden wurde. Mich als Skatspieler freut es besonders, dass dieses Spiel seit 2016 als immaterielles Kulturerbe in Deutschland geführt wird.

Italienisches Kartenspiel
Italienisches Kartenspiel, 15. Jahrhundert

Das Spiel in der Freizeitkultur des 20. Jahrhunderts

Mit der zunehmenden Wandlung in der Arbeitswelt und der damit steigenden Bedeutung von Freizeit nach dem 2. Weltkrieg wird das Gesellschaftsspiel alltagstauglich. Klassiker wie Mensch ärgere dich nicht, Monopoly, Scrabble oder Kniffel wurden populär. Meine eigene Jugend war durch etwas komplexere Spiele wie Risiko, Cluedo und Scotland Yard geprägt. Gerade das 1983 erschienene Scotland Yard läutete einen Wandel in der Spielewelt ein. Bildeten zuvor eine Handvoll Klassiker über Jahrzehnte hinweg den bekannten Kanon von Spielen, so erhöhten sich Anzahl und Frequenz der Neuerscheinungen immens. Auch die Qualität der Spiele stieg stetig. Heute hat der Spieler die Qual der Wahl aus tausenden neuer Produkte pro Jahr.

Die Kommerzialisierung des Spiels im 21. Jahrhundert

Verlage und Autoren

Eine neue Qualität und Ausrichtung erreichte das Gesellschaftsspiel endgültig mit dem 1995 erschienenen Strategiespiel Die Siedler von Catan, das mittlerweile selbst schon zum Klassiker avancierte. Damit setzte ein Boom ein, der bis heute anhält. Komplexe Strategiespiele eroberten den Massenmarkt in zahlreichen Facetten, aber auch unzählige Arten von Familienspielen mit moderatem Regelwerk zogen in die Wohnzimmer ein. Die Spielwelt ist heute so vielfältig wie nie zuvor, sodass jeder Geschmack und Anspruch bedient werden kann.

Insbesondere deutsche Verlage und Autoren haben die Führerschaft in der Spieleindustrie übernommen. Es etablierten sich Genres und Typen von Spielen wie Eurogames bzw. German Games (im Gegensatz zu den im Spielablauf und Spielziel häufig andersartigen American Games), ohne dass ich hier auf die spezifischen Eigenschaften näher eingehen möchte. Weil nun die Autoren der Spiele immer mehr in den Vordergrund treten, spricht man auch von Autorenspielen. Ein erfahrener Spieler kann in vielen Fällen deren Handschrift allein an den Spielregeln erkennen.

Auszeichnungen und Messen

Damit der ambitionierte Gesellschaftsspieler bei tausenden neuen Titeln in jedem Jahr den Überblick über lohnenswerte Neuerscheinungen behält, werden Spiele mittlerweile prämiert. In Deutschland sind primär das Spiel des Jahres und der Deutsche Spielepreis bekannt. Die erstgenannte Auszeichnung wurde erstmals 1979 verliehen. Eine Jury adelt dabei eine Reihe von Spielen, wobei man in den vergangenen Jahren den Fokus zunehmend auf die Familientauglichkeit gelegt hat: Spielidee, Regelgestaltung, Spielmaterial, Grafik. In der Zielsetzung heißt es:

Die im Rahmen des Kritikerpreises Spiel des Jahres verliehenen Auszeichnungen sollen das Kulturgut Spiel fördern, den Gedanken des Spielens im Familien- und Freundeskreis beleben und eine Orientierungshilfe im großen Spieleangebot geben.

Der seit 1990 vergebene Deutsche Spielepreis wählt einen anderen Ansatz. Hier stimmt die Spielergemeinschaft selbst ab. Entsprechend anspruchsvoll hinsichtlich ihrer Komplexität sind die in den TOP 10 landenden Gesellschaftsspiele häufig. Die Liste liest sich meist wie die Bestenliste eines Vielspielers und wird nicht immer den Bedürfnissen eines Gelegenheitsspielers gerecht.

Der Deutsche Spielepreis wird übrigens auf der weltweit größten Publikumsmesse für Gesellschaftsspiele verliehen. Die Internationalen Spieltage SPIEL finden alljährlich im Oktober – wie sollte es anders sein – in Deutschland, genauer in Essen, statt. Und die Internationalität ist hier sowohl hinsichtlich der Aussteller als auch in Bezug auf das Publikum wörtlich zu nehmen und nicht nur als Marke zu verstehen. 2019 stürzten sich auf einer Fläche von 86.000 m² 209.000 Besucher auf rund 1.500 Spieleneuheiten.

SPIEL 19
Treiben auf der SPIEL 19 in Essen

Aussicht

Die Kommerzialisierung des Gesellschaftsspiels hat schon vor Jahren eingesetzt und ist längst nicht mehr aufzuhalten. Damit teilt es das Schicksal anderer Kulturgüter. Welche Auswüchse dies annehmen kann, ist jedes Jahr in Essen an den zahlreichen Ständen des Spieleverlages Queen Games zu beobachten. Auf überdimensionierten Flächen werden zahlreiche Neuerscheinungen des Verlages derart gehypt, dass alle Titel in großen Mengen über die Ladentheke gehen, um dann in Fachzeitschriften wie der Spielbox nicht selten verrissen zu werden. Alljährlich flutet der Verlag den Markt regelrecht mit mittelmäßigen Spielen. Dabei entstehen immerhin manchmal auch gute Produkte, die den Weg in unser (anspruchsvolles) Spieleregal finden. Verlage und Autoren haben das Genre aber auch neu belebt und es auf eine hohe qualitative Ebene gehoben. Die Kunst für den Spieler besteht lediglich darin, die wirklich guten Spiele aus der Masse zu filtern. Auf geht’s!

4 Kommentare zu “Die Kulturgeschichte der Gesellschaftsspiele

  1. Ein sehr informativer Artikel – vielen Dank!
    Was die guten Spiele betrifft, die es zu filtern gilt, möchte ich lediglich anmerken, dass das, was für den einen gut ist, sich gut spielt, für den anderen nicht das richtige Spiel sein kann. Insofern sind gute und nicht gute Spiele immer zielgruppenabhängig. Man hat Glück, wenn Partner und/oder Spielgruppe die gleichen Spiele für gut erachten. Sonst wird der Spieleabend für alle unbefriedigend.
    Es ist großartig, dass es so eine große Vielfalt an Spielen gibt.

    1. Auch mir hat dieser informative Beitrag sehr gut gefallen.
      Für einen Spieleabend ist es schon wichtig, dass allen Beteiligten das gewählte Spiel gefällt, trotzdem lege ich größeren Wert auf die gesellige Runde. Ein Spiel zu verlieren stört mich daher nicht, da ich es genieße mit Freunden die Zeit zu verbringen.

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