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Der Mohr – Rassismus in der christlichen Kunst?

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Die Rassismusdebatte

Dem Rassismus wird in der modernen Gesellschaft der Kampf angesagt. Gut so! Es wird höchste Zeit und nicht erst seit Black Lives Matter. Es gibt gerade in der europäischen Geschichte mit ihrem unsäglichen Kolonialismus viel aufzuarbeiten. Doch so mancher Debatte ist anzumerken, dass sie mit Übereifer geführt wird. Manchmal kommt es mir vor, als würden wir uns in einem Bildersturm befinden, wenn Anstrengungen unternommen werden, den Heiligen Mauritius aus dem Stadtwappen von Coburg zu entfernen. Sein Merkmal war und ist es, als Afrikaner dunkelhäutig dargestellt zu werden. Dabei sollte es doch zu denken geben, dass der in Coburg als Stadtpatron Verehrte ausgerechnet zur nationalsozialistischen Zeit zwischen 1934 bis 1945 aus dem Wappen verbannt wurde.

Coburger Stadtwappen mit dem Heiligen Mauritius
Das Coburger Stadtwappen mit dem Heiligen Mauritius

Dass die Rassismusdebatte auch nicht vor alten christlichen Traditionen haltmacht, wurde jüngst im Ulm deutlich, als der schwarze König bei einer Krippe im dortigen Münster entfernt wurde. Als Begründung führte der evangelische Dekan rassistisch geprägte Stereotype an. Doch kann es wirklich so einfach sein? Mir gehen solche Deutungsmuster zu sehr von einer aufgeklärten Gesellschaft aus, die sich über die Vielfältigkeit des Äußeren afrikanischer Menschen bewusst ist. So beklagt auch der Theologe Michael Karger den Übergriff säkularer Denkansätze in das christliche Brauchtum:

Bisher besaßen christliche Überzeugungen, christliche Praxis und Brauchtum noch eine gewisse traditionelle Geltung, weil die Gesellschaft zwar säkular geworden, sich aber noch als vom Christentum geprägt verstanden hat. Zunehmend bricht dieser gesellschaftliche Rahmen in der multikulturellen Moderne weg. Das säkulare Denken urteilt von außen über die religiöse Überlieferung. Es lehnt die gleichberechtigte Anerkennung der religiösen Argumente ab. Sie werden als irrational und vorwissenschaftlich abgetan.

Anbetung der Heiligen Drei Könige

Der weitaus häufigste Typus im Kontext der Heiligen Drei Könige ist die Anbetung, die die Reisenden kniend oder stehend vor der Krippe oder Maria, die das Jesuskind hält, zeigt. Dabei nennt keine biblische Quelle tatsächlich Könige, vielmehr werden sie im Matthäusevangelium als Magier bezeichnet. Er spätere Legendenbildungen machten eine Dreizahl sowie Könige aus ihnen. Ebenso sind die Namen Caspar, Melchior und Balthasar erst aus späteren Quellen überliefert, wobei meist Caspar oder Melchior als schwarzer König identifiziert werden.

Hans Memling - Anbetung der Könige
Hans Memling – Anbetung der Könige, 1470-1472 – Mitteltafel eines Triptychons (Museo Nacional del Prado)

Überhaupt gehört die Abbildung eines dunkelhäutigen Königs erst seit dem 15. Jahrhundert zum Kanon der Anbetungsszene. Er findet sich unter vielen anderen Beispielen auch im Werk von Hans Memling, Albrecht Dürer oder Albrecht Altdorfer. Verbindlich wird er aber nicht. Die Darstellung der Heiligen Drei Könige mit einer schwarzen Person symbolisiert die damals bekannten drei Kontinente Asien, Europa und Afrika. In diesen Kontext fügt sich auch die Beobachtung, dass der Mohr in der Regel als jüngster König dargestellt wird, der nicht selten etwas abseitssteht. Seine Gewänder fallen aber gegenüber den beiden älteren Königen nicht minderprächtig im Geschmack der höfischen Mode aus. Die Künstler und Auftraggeber bringen damit zum Ausdruck, dass die Heilsbringung des Christentums gleichermaßen für alle Menschen Geltung besitzt.

Albrecht Dürer - Anbetung der Könige
Albrecht Dürer – Anbetung der Könige, 1504 (Florenz, Gallerie degli Uffizi, Foto: Gabinetto Fotografico delle Gallerie degli Uffizi)

Theologische Kontroversen

Der Mittelalterhistoriker Michel Pastoureau hebt hervor, dass die Transformation in der Wertigkeit der Farbe Schwarz zwischen dem Hoch- und Spätmittelalter einsetzt und diese zunehmend positiv besetzt wird. Und der Theologe Jakob Johannes Koch verweist zurecht auf das Wesen jeder Ikonographie, die mit Chiffren, nicht mit Klischees arbeitet. Die Darstellung eines Afrikaners an der Krippe Jesu sei daher ein Zeichen universeller Menschenwürde.

Und genau an dieser Stelle muss heute die Debatte ansetzen, um zu differenzieren, inwiefern Stereotype rassistischen oder beschreibenden Charakter tragen. Auf dieser Grundlage darf man schließlich auch in Einzelfällen zu dem Schluss kommen, dass in abwertender Weise rassistische Klischees bedient werden. So wertet Christoph Paul Hartmann den Ulmer Fall:

Anders gelagert ist der Fall etwa bei einer Krippenfigur wie in Ulm, die dem Melchior geradezu archetypisch alle rassistischen Merkmale andichtet, die sich in Jahrhunderten der Vorurteile entwickelt haben. Eine Darstellung wie diese muss sich Kritik gefallen lassen wie Denkmäler für problematische Persönlichkeiten: Wer heute so etwas bewusst aufstellt oder stehen lässt, akzeptiert zumindest das dort vermittelte Weltbild.

Die Anwesenheit eines Afrikaners an der Krippe ist in der christlichen Tradition zunächst ein Zeichen von Wertschätzung, nicht von Diskriminierung. Entscheidend ist schließlich, ob die Gestaltung Stereotype bedient, um Komplexität zu reduzieren oder um rassistische Weltanschauungen zu transportieren. Um das eine vom anderen zu scheiden, ist der Blick auf die Überlieferung der Heiligen Drei Könige in der christlichen Kunst hilfreich. Umso deutlicher zeigt sich dabei der elementare Unterschied zwischen christlichen Bräuchen und abwertendem Blackfacing, wie es den Sternsingern neuerdings zu Last gelegt wird. Wir sollten uns daher fragen, ob nicht der Ausschluss des schwarzen Königs aus dem christlichen Reigen die eigentliche Diskriminierung darstellt.

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