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Der Brand von Notre-Dame und die Verschwörungstheorien

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Unsere Medienlandschaft ist kompliziert. Die Nachrichten beim Brand von Notre-Dame in Paris überschlugen sich, ohne dass in jedem Einzelfall die Originalquelle ausfindig zu machen war. Da konnte man lesen, die Feuerwehr würde vom Einsturz der Westtürme ausgehen, obwohl das Feuer die Türme noch nicht einmal erreicht hatte und dort auch noch Feuerwehrleute im Einsatz waren. Andere Schreiber beklagten bereits den Verlust der wundervollen Glasmalereien in den drei Rosetten der Kirche, obwohl die Bilder vom Ort des Geschehens nahelegten, dass diese noch intakt waren (und es auch jetzt noch sind). Unsere Qualitätspresse von BILD verlegte das ganze Ereignis gleich nach Chartres, weil der Bildungshorizont des verantwortlichen Redakteurs nicht reichte, um zu erkennen, dass unzählige Kirchen mit dem Namen Notre-Dame existieren.

Noch ist die Brandursache nicht zweifelsfrei ermittelt und es wird sicher Wochen dauern, bis sie ist denn vielleicht sein wird, doch es gibt derzeit keine objektiv erkennbaren Fakten, die nicht von einem Unglück durch die an Notre-Dame stattfindenden Restaurierungsarbeiten ausgehen lassen. Das sieht auch die zuständige Staatsanwaltschaft so. Das hindert natürlich allerlei Verschwörungstheoretiker nicht daran, ihre irrationalen Phantasien – gerne gepaart mit rechter Islamophobie – in den sozialen Medien zu verbreiten. Die Kulturwissenschaftlerin Silke Horstkotte versucht, dieses Phänomen zu erklären:

… das sind Verlustängste, das ist kulturelle Unsicherheit. Die Unsicherheit bezüglich der eigenen Identität spielt ebenfalls eine Rolle.

Die Aufklärer von Mimikama nehmen derweil die verschiedenen Falschmeldungen rund um den Brand von Notre-Dame genauer unter die Lupe. Es finden sich gefakte Accounts von Fox News und CNN, die Nachrichten von einem Terroranschlag verbreiten sowie Bildaufnahmen, die mit einer nicht dazugehörigen Tonspur veröffentlicht werden. Insbesondere die AfD hat es sich nicht nehmen lassen, diese Katastrophe für ihre Ziele zu instrumentalisieren. Björn Höcke schwadroniert über apokalyptischen Zeiten und der AfD-Ortsverband Solingen glaubt an einen islamistischen Hintergrund des Brandes und bezweifelt, dass man die Öffentlichkeit darüber aufklären würde.

Bleiben wir doch lieber bei den Fakten: Notre-Dame wird in fünf oder zehn Jahren im alten Glanz erstrahlen. Die ganz große Katastrophe konnte dank des besonnenen Einsatzes der Feuerwehr verhindert werden, so dass lediglich der zum Teil mittelalterliche Dachstuhl als unersetzlicher Verlust beklagt werden muss. Der kulturelle und kunsthistorische Wert von Notre-Dame liegt in seiner entwicklungsgeschichtlichen Bedeutung für die frühe Gotik in Europa. Dieses Vermächtnis bleibt weiterhin für die Nachwelt bewahrt. Das kulturelle Erbe der Menschheit ist in Paris knapp vor einem ganz großen Verlust bewahrt worden.

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