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Die Zisterzienser als mittelalterlicher Reformorden
Die Zisterzienser sind der erste Reformorden des Mittelalters. Ihr Name leitet sich vom Stammkloster Cîteaux in Burgund ab. Die Ursprünge des Ordens lagen in einem neuen religiösen Armutsideal. Nicht zuletzt deshalb siedelten sich Zisterzienser in der Regel in der Abgeschiedenheit an, wo sie entsprechend ihren Ordensregeln eine Eigenwirtschaft und eine asketische Lebensweise führten. Insbesondere das Wirken des Abtes Bernhard von Clairvaux verschaffte den Zisterziensern europaweite Bedeutung. Erste Tochtergründungen von Cîteaux wurden in den Jahren nach 1112 errichtet: La Ferté, Pontigny, Clairvaux, Morimond. Im Jahre 1123 folgte das Kloster Kamp am Niederrhein als erste Gründung auf deutschsprachigem Boden. Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts verbreiteten sich die Filialen der Zisterzienser geradezu explosionsartig in ganz Europa. Allein auf Bernhard gingen 70 Gründungen zurück. Ihre Stoßkraft verlor der Orden ab 1250, auch weil mit den Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner eine neue Konkurrenz erwuchs.
Im Heiligen Römischen Reich waren es vorwiegend drei Zisterzen, die als Mutterklöster eine wesentliche Rolle bei der Verbreitung des Ordens innehatten. Zum einen war dies das bereits erwähnte Kamp, zum anderen Ebrach in Franken und schließlich Heiligenkreuz in Niederösterreich. Die Bedeutung der Zisterzienser als Kulturpioniere führte insbesondere in Deutschland im 12. und 13. Jahrhundert dazu, dass sie mit Schenkungen der Landesherren dazu animiert wurden, sich in den entlegenen Grenzmarken anzusiedeln. Damit wurden sie im Osten des Reiches vielerorts zu Wegbereitern des Landesausbaus.
Historische Entwicklung des Klosters Eberbach
Das Zisterzienserkloster Eberbach liegt im Rheingau am Südhang des Taunus einsam im Tal des Kisselbachs, wie es für mittelalterliche Zisterziensergründungen Usus war. Den Filmfreunden unter uns dürfte der Name aber aus einem anderen Grund ein Begriff sein. Für die Verfilmung des mittelalterlichen Kriminalromans Der Name der Rose von Umberto Eco wurden die Innenaufnahmen mit Sean Connery in der Hauptrolle in eben jener Abtei gedreht. Und das hatte einen triftigen Grund: Das gesamte Klosterareal und insbesondere die Innenräume sind zu den am besten erhaltenen europäischen Anlagen ihrer Art zu zählen. Eine authentischere mittelalterliche Filmkulisse wird man kaum finden können. Aber schauen wir zunächst von der künstlerischen Fiktion zu den historischen Fakten.
Eberbach ist eine Tochtergründung der Abtei Clairvaux, einer der vier burgundischen Primarabteien – als Keimzellen – der Zisterzienser. Zudem war es im Jahre 1136 eine der ersten rechtsrheinischen Niederlassungen des Ordens. Als Gründer und erster Abt ist Abt Ruthard überliefert. Zuvor scheiterten bereits die Ansiedlungen eines Stifts der Augustiner-Chorherren und eines Benediktinerkonvents an dieser angelegenen Stelle.
Der rasche Aufstieg Eberbachs lässt sich an der rasant steigenden Zahl an Mönchen und Konversen sowie an den zahlreichen Tochtergründungen ablesen. Entscheidender wirtschaftlicher Faktor für die Blüte des Klosters war der Weinbau und eine daraus resultierende weitreichende Handelsaktivität mit zahlreichen Wirtschaftshöfen in den bedeutenden Städten – vornehmlich entlang des Rheins. Die Grafen von Katzenelnbogen nutzten die Abteikirche als Familiengrablege. Die Auswirkungen der Reformation auf das Kloster waren gering. 1803 erfolgte nach einer erneuten Blüte im 18. Jahrhundert die Säkularisation, wie sie fast alle Klostereinrichtungen im Deutschen Reich traf. Die Wein- und Kellereitradition ist allerdings bis heute ununterbrochen.

Die zisterziensische Klosteranlage
Die Klosteranlage präsentiert sich in seltener Vollständigkeit und weitgehend unveränderter mittelalterlicher Bausubstanz, die in großen Teilen noch aus romanischer Zeit stammt. Sie entspricht den zisterziensischen Grundsätzen, die neben dem Gottesdienst das Gemeinschafts- und das Wirtschaftsleben in den Fokus rücken. Zudem ist im baulichen Bestand die typische Trennung zwischen Mönchen und Konversen, den Laienbrüdern, abzulesen. Um den Kernbereich des Klosters stehen zahlreiche Garten- und Wirtschaftsbauten, die überwiegend ins 18. Jahrhundert zu datieren sind, aber teilweise ältere romanische Vorgänger einbeziehen. Hierzu gehören die Orangerie, das Pfortenhaus, sowie Scheunen- und Mühlegebäude.


Innerhalb der Klostermauern steht beherrschend im Süden des Baukomplexes die Klosterkirche als mächtige Pfeilerbasilika. Nördlich schließt sich die Klausur mit Kreuzgang an, die den Mönchen vorbehalten war. Der örtliche Klausurflügel tritt dabei mit der Fraternei, dem Brüdersaal, weit nach Norden hervor. Der Konversenbau schließt sich westlich an den inneren Klausurbereich an. Ungewöhnlich ist dabei, dass sich zwischen beiden Bauteilen eine schmale Hofanlage (als Klostergasse bezeichnet) ausbildet. Auffällig ist zudem die lange Streckung des Konversenflügels, der weit nach Norden reicht. Hier im Westen der Baugruppe saß auch der einzige ursprüngliche Eingang ins Kloster. Von diesen Kernbauten abgerückt, befindet sich im Nordosten ein weiterer mittelalterlicher Baukomplex. Er barg zunächst das Hospital des Klosters und wurde ab dem 17. Jahrhundert weinwirtschaftlich genutzt.

Rundgang durch die Abtei
Die Abteikirche
Der Baubeginn der Klosterkirche ist um 1145 unter Abt Ruthard anzunehmen. Nach mehreren Unterbrechungen wurde der Bau bis 1186 vollendet. Die überlieferte Weihe dieses Jahres dürfte auf den Gesamtbau zu beziehen sein. Bereits 1178 wurden zwei Altäre in den Ostkappelen eingeweiht. Der Erstplan mit wahrscheinlich burgundisch geprägtem Tonnengewölbe wurde im Laufe der Bauarbeiten zugunsten einer einheitlichen Wölbung im gebundenen System rheinischer Prägung aufgegeben. Letzteres bedeutet, dass stets je zwei Arkaden mit Nebenstützen zu einem Gewölbejoch zusammengefasst werden, dem in den Seitenschiffen jeweils zwei kleinere Joche zugeordnet werden. Im 14. Jahrhundert fanden Veränderungen in Form der Anlage einer südlichen Kapellenreihe und gotischer Maßwerkfenster im Chor statt.

Die Kirche ist ein beispielhafter basilikaler Bau der Zisterzienser mit Querhaus, geradem Chorschluss und einer Reihung östlicher Kapellen am Querhaus. Turmbauten im Westen oder an den Chorflanken fehlen. Damit und mit seiner schlichten Formensprache folgt der Sakralbau den idealen Baukonventionen der Zisterzienser. Der karge romanische Innenraum wirkt aufgrund der Monumentalität und der Reduzierung der Detailformen geradezu imponierend archaisch. Der atmosphärische Eindruck des Raumes dürfte weitgehend der asketischen Lebenswirklichkeit eines Zisterzienserklosters im Hochmittelalter entsprechen und ist zweifellos einer der Höhepunkte des Rundganges durch das Klostergelände.

Grabdenkmäler
Fast aller liturgischer Ausstattungsgegenstände beraubt, verfügt der Kirchenraum über eine sehr große Anzahl von Grabdenkmälern des Mittelalters und der frühen Neuzeit – entstanden seit dem frühen 14. Jahrhundert. Aufgrund ihrer Fülle und Qualität ist es nur möglich, einige der wichtigsten Exemplare aufzuzählen. Im Chor steht das aus zwei Grabdenkmälern zusammengesetzte Hochgrab des Mainzer Erzbischofs Gerlach von Nassau und des Erzbischofs Adolf II. von Nassau in einer virtuos mit Maßwerk besetzten Baldachinarchitektur. Nördliches und südliches Querschiff schmücken mehrere würdevolle Grabmäler der Grafen von Katzenelnbogen aus dem 14. und 15. Jahrhundert: Eberhard I., Berthold, Johann III., Johann II., Gerhard und Philipp d. J. Hinzu kommt das Grabmal für Graf Philipp II. von Nassau-Weilburg.


Besonders ausdrucksstark präsentieren sich die Darstellungen auf den Epitaphien in den südlichen Seitenschiffskapellen: Herausragend sind das Epitaph des Mainzer Domkantors Eberhard von Oberstein aus dem frühen 14. Jahrhundert sowie die spätgotischen Grabplatten für den Frankfurter Patrizier Wigand von Hynsburg und der Doppelgrabstein für Adam von Allendorf und seine Gemahlin Maria Specht von Bubenheim. Im nördlichen Seitenschiff reihen sich die Grabdenkmäler unzähliger Eberbacher Äbte – künstlerisch sicher weniger anspruchsvoll.


Klausur und Kreuzgang
Von dem um 1186 begonnenen romanischen Kreuzgang hat sich nichts erhalten. Vom gotischen Kreuzgang, der seit Mitte des 13. Jahrhunderts im Bau war, stehen noch West- und Nordflügel. Von den verlorenen Flügeln haben sich teilweise figürliche Gewölbekonsolen erhalten. In der Querschiffswand der Kirche ist ein bemerkenswertes Nischengrab mit Blendarkatur aus der Zeit um 1200 eingelassen. Das ansehnliche Obergeschoss des Westflügels aus Fachwerk ist eine spätmittelalterliche Zutat für die Unterbringung der Klosterbibliothek. Erschlossen wird diese über einen achteckigen Treppenturm.
Wie üblich liegt der Kapitelsaal im Ostflügel des Klosters. Er öffnet sich mittels Rundbogeneingang und zweiteiligen Arkaden in Bogenblenden und mit zierlichen Säulen mit Würfekkapiteln zum ehemaligen Kreuzgang. Der ursprünglich mit vier Stützen versehene Raum aus dem späten 12. Jahrhundert wurde um 1345 grundlegend umgebaut. Ein achteckiger Pfeiler trägt schirmartig ein weitgespanntes Sterngewölbe. Nach Norden schließt die Fraternei, ein Aufenthaltsraum der Klosterbrüder, an. Der stimmungsvolle, zweischiffige Raum mit Kreuzgratgewölben ist noch im 13. Jahrhundert mehrfach umgebaut bzw. deutlich nach Norden erweitert worden. Seit dem 15. Jahrhundert wird er als Weinkeller genutzt.


Höhepunkt der Architektur der Klosterbauten ist das um 1270 begonnene Mönchsdormitorium, das sich ebenfalls im Ostflügel befindet. Wie die mönchischen Konventionen es reglementieren, findet sich der Schlafsaal im Obergeschoss. Die Formensprache des zweischiffigen Raumes, der sich über den gesamten Klausurostflügel erstreckt, wird von der Frühgotik mit Knospen- und Blattkapitelen auf kurzen Säulenschäften sowie hohen Kreuzrippengewölben geprägt. Allein die Dimensionen und die architektonische Einheitlichkeit des Saales mit insgesamt elf Jochen machen diese Architektur zu einem der besten Zeugnisse mittelalterlichen Klosterlebens in Mitteleruropa.

Konversenbau
Nach Westen treten wir aus dem Kreuzgang hinaus und befinden uns nun außerhalb des Klausurbereichs in einem als Klostergasse bezeichneten schmalen Hofbereich. Vor uns steht der langgestreckte Konversenbau aus der Zeit um 1200, dessen Untergeschoss aufgrund der dahinter aufsteigenden Hanglage wie ein Kellergeschoss wirkt. Durch ein romanisches Stufenportal ist das ehemalige Laienrefektorium zu betreten. In dem zweischiffigen, siebenjochigen Raum werden historische Weinkeltern aus der Klosterzeit präsentiert – die älteste aus dem Jahre 1668. Im ersten Obergeschoss befindet sich das eben zweischiffige Lairedormitorium. Die Dimensionen des Saales mit 13 Jochen übersteigen gar die des Mönchsdormitoriums, doch wirken die schweren romanischen Formen auffallend altertümlich.

Östlich der Klausur, jenseits des Kisselbachs, stehen die ehemaligen Hospitalbauten. Sie wurden um 1220 als letzter Bauteil der romanischen Klosteranlage unter Verwendung älterer Mauerreste begonnen. Mittelpunkt der Anlage ist eine dreischiffige Halle von acht Jochen. Die architektonischen und ornamentalen Formen am Übergang zwischen Romanik und Gotik sind licht und elegant. Die Kreuzgratgewölbe sind dabei ausgesprochen spitzbogig ausgeführt. Alle Kapitelle der auffallend schlanken Säulen präsentieren sich mit frühgothischem Dekor. Durch den Wechsel aus absoluter Dunkelheit und scharfen Lichteinfällen sowie durch die zahlreichen gewaltigen Weinfässer besitzt der Raum eine schaurig-mystische Wirkung.

Würdigung
Die Zisterzienserabtei Eberbach besticht nicht nur durch ihre landschaftlich reizvolle Lage in einem einsamen Tal in der Kulturlandschaft des Rheingaus, sondern auch durch das außergewöhnlich vollständige Ensemble einer Ordensniederlassung. Es ist damit eine der am besten erhaltenen Klosteranlagen im deutschsprachigen Raum. Die noch immer praktizierte Weinkultur mit Weingut und Vinothek bewahrt trotz des Fehlens einer aktiven Ordensgemeinschaft die Atmosphäre eines lebendigen Klosters. Wie ein gut gesetzter Kontrapunkt wirkt da das Vermittlungsprojekt, das per 3D-Projektion an den Grabplatten der Herren von Katzenelnbogen die Geschichte der Region in Farbe lebendig werden lässt.
Überhaupt ist das weitläufige Klosterareal ein exklusiver Ort für Tagungen, Events oder Hochzeiten, getragen von einer gemeinnützigen Stiftung. Auserlesene Führungen und Weinproben sind selbstverständlich buchbar. Aber auch Alpaka- und Lama-Spaziergänge stehen auf dem Veranstaltungskalender. In diesen Kontext passt auch, dass in der Klosterkirche selbst zahlreiche Veranstaltungen von Chorkonzerten, über A‑Cappella‑Popkultur bis zu Filmvorführungen stattfinden. Letztere zeigen – wie sollte es anders sein – Umberto Ecos Der Name der Rose.



