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Kulturlandschaft Salzachtal im Kraichgau
UNESCO-Weltkulturerbe und zweifellos eines der am vollständigsten erhaltenen mittelalterlichen Zisterzienserklöster in Europa – das Kloster Maulbronn am Rande des Kraichgaus zwischen Odenwald und Schwarzwald ist ein Muss für kulturhistorisch Interessierte. Die Klosteranlage ist so weitläufig und vollständig erhalten, dass es zunächst sinnvoll ist, sich einen Überblick über die Gesamtstruktur zu verschaffen, bevor wir uns der Geschichte, der Architektur und einzelner Elemente widmen. Wie bei den Zisterziensern üblich, ist die Nähe zu einem Wasserlauf für die Gründung unabdingbar, um die wirtschaftliche Grundlage der Niederlassung zu gewährleisten. In Maulbronn ist die Situation derart, dass das Kloster am Fuße des Strombergs im Quellgebiet der Salzach, einem der beiden Quellarme der Saalbach, gelegen ist. Die Salzach bildet zahlreiche Stauseen aus, die die Zisterzienser für ihre Fischzucht anlegten, und verläuft schließlich in einem Kanal unter dem Klostergelände hindurch.

Die Klosteranlage der Zisterzienser
Das weitläufige Klosterareal wird von einer Ringmauer mit Türmen umgeben und ist im Südwesten durch eine Toranlage zu betreten. Durch diese Abgrenzung und die zahlreichen Kloster- und Wirtschaftsgebäude wirkt das Kloster wie eine eigenständige mittelalterliche Stadt. Nirgends kann man die geistige und wirtschaftliche Lebenswelt des Ordens zuverlässiger studieren als hier in Maulbronn. Auffällig ist das an vielen Stellen existente spätromanische Buckelquadermauerwerk der Stauferzeit, wie es sich am Hexenturm (Haspelturm) und am Haupttor zeigt. Der geschlossene Eindruck, den diese Szenerie von den umliegenden Weinbergen aus hinterlässt, mutet bemerkenswert authentisch an. Kein Wunder, dass Maulbronn häufig als Drehort für historische Filme diente. Auch für die Dreharbeiten von Der Name der Rose war es im Gespräch, die dann aber kurzfristig ins Kloster Eberbach im Rheingau verlegt wurden.

Innerhalb des Mauerrings stehen die Klosterkirche mit Kreuzgang und umfangreichen Klausurbauten als Kernbestand. Dieser Bereich des Klosters ist zeitlich weitgehend der Übergangszeit zwischen Romanik und Gotik zuzurechnen. Westlich vorgelagert, rund um den Klosterhof, stehen zahlreiche Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude aus verschiedenen Epochen, die hier nur unvollständig aufgeführt werden können. Der größte Gebäudekomplex findet sich im Nordwesten des Areals. Hier stehen Marstall, Speicher, Wagnerei, Schmiede oder die Klostermühle. Im Süden beherrscht der imposante, mehrstöckige Fruchtkasten mit seinem gewaltigen Satteldach die Szenerie. Er diente als Speicherraum, Kelter und Weinkeller und zeugt von der wirtschaftlichen Potenz des Maulbronner Klosters.


Östlich von Kirche und Klausur schließen sich noch einige repräsentative und stattliche Bauten an, die der Zeit um und nach der Auflösung des Klosters im frühen 16. Jahrhundert angehören. Das im Kern noch romanische Ephorat (Ephorus: Leiter der Klosterschule) ist mehrfach umgebaut und aufgestockt worden und diente zunächst als Krankenbau, später als Abts- und Herrenhaus. Diesem Bau gegenüber steht ein Jagdschloss, das der Landesherr Herzog Ludwig 1588 errichten ließ. Mit letzterem Gebäude befinden wir uns bereits in einer Zeit, als die Anlage ihre Funktion als Zisterzienserkloster verloren hat.


Geschichte des Klosters
Und damit leiten wir auch schon zur Geschichte des Klosters Maulbronn über. Ausgangspunkt war die Gründung eines Zisterzienserklosters im nur wenige Kilometer entfernten Eckenweiher unter der Leitung von Abt Dieter aus der französischen Primarabtei Morimond. Der Standort war allerdings so ungünstig gewählt, dass 1147 mit Unterstützung des Speyerer Bischofs Günther von Henneberg eine Verlegung ins Salzachtal stattfand. Der urkundlich festgehaltene Name war Mulenbrunnen. Er weist auf eine Mühle bei einer Quelle hin.
Zahlreiche Privilegien gestatteten noch im 12. Jahrhundert eine rege Bautätigkeit an Kirche und Klausur. Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts ist auch ein umfangreicher Wirtschaftshof errichtet worden. Sogar eine eigene Gerichtsbarkeit wurde vom Papst gewährt. Das gesamte Spätmittelalter über kam es zu Umbauten an Kirche und Klausur. Unter den Äbten Albert von Ötisherum und Johannes von Gelnhausen rückte im 15. Jahrhundert die Klosterdisziplin mit Arbeit, Gebet, Gesang und Studien wieder in den Mittelpunkt des Klosterlebens. Politisch war das Kloster in jener Zeit in die Streitigkeiten zwischen der Pfalzgrafschaft und dem Herzogtum Württemberg eingebunden.


1525 besetzten Bauern das Kloster im Bauernkrieg. 1534 löste der evangelische Herzog Ulrich die württembergischen Klöster auf, woraufhin der Konvent das Maulbronner Kloster aufgab. Einige Jahre später wurde wie an dreizehn württembergischen Klöstern die noch heute existierende Klosterschule gegründet, was das Überleben der baulichen Situation begünstigte und schließlich den Status des ehemaligen Zisterzienserklosters als Weltkulturerbe möglich machte. Viele Persönlichkeiten der deutschen Kultur- und Wissenschaftsgeschichte, darunter Johannes Kepler und Hermann Hesse, erhielten ihre Ausbildung in Maulbronn.
Die Klosterkirche und das Paradies
Das für jedes Kloster zentrale Bauwerk – die Klosterkirche – dürfte in Maulbronn kurz nach Verlegung des Klosters ins Salzachtal begonnen worden sein. Ein überliefertes Weihedatum von 1178 ist möglicherweise nur auf die Ostteile der Kirche zu beziehen. Deren Einwölbung erfolgte erst im Zuge der Errichtung des Langhauses um 1200. Der Raumeindruck des Langhauses wird heute allerdings durch das im 15. Jahrhundert eingezogene Netzgewölbe entscheidend geprägt. Weitere Eingriffe in die hochmittelalterliche Bausubstanz erfolgten Mitte des 14. Jahrhunderts durch den Einbruch mehrbahniger Maßwerkfenster in die Chorwände.

Der fast asketisch wirkende romanische Kirchenbau bildet in typisch zisterziensischer Manier keine Türme aus. Ebenso folgen die nach Osten gerichteten Querhauskapellen den Baugewohnheiten des Ordens. Auffällig ist der Verzicht auf die Ausbildung einer Vierung im Schnittpunkt von Lang- und Querhaus. Das schmale Langhaus der Pfeilerbasilika wird auffällig durch eine romanische Schranke optisch und funktional in zwei Teile geschieden. Dadurch kommt die Trennung von Konversen (Laienbrüdern) und den Mönchen auch architektonisch zum Ausdruck.


Zuletzt entstand im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts die westliche Vorhalle, das sogenannte Paradies, in bestechend klaren, frühgotischen Formen wie Schaftringen und Knospenkapitellen. Der dreijochige Raum ist einer der vielen architektonischen Höhepunkte der Maulbronner Klosteranlage. In ihr sitzen die drei romanischen Westportale der Klosterkirche. Das mehrfach gestufte, wuchtige Hauptportal zeichnet sich durch eingestellte Säulen mit kräftigen Kapitellen aus, bleibt aber in seinen Detailformen in für zisterziensische Architektur typischer Weise zurückhaltend.


Klausurbauten
Kreuzgang und Kapitelsaal
Durch die Klosterpforte im Westen gelangt der Besucher in den Kreuzgang. Die Klausur ist in Maulbronn in seltener Weise nördlich der Kirche angesiedelt. Im Übrigen folgt der Komplex in romanischer und gotischer Formensprache dem zisterziensischen Klosterbauschema. Der zu Anfang des 13. Jahrhunderts im Süden begonnene und in großen Teilen hochgotische Kreuzgang ist mit dem erhaltenen Brunnenhaus und dem offen anschließenden Kapitelsaal zu den andächtigsten Bauleistungen um 1300 in Deutschland zu zählen. Das zeigt sich vorwiegend an den Konsolen, Kapitellen und den Öffnungen mit filigranen Maßwerkformen und Lanzetten. Es ist ein Genuss, die Würde dieses Ortes aufzunehmen.

Der durch große Öffnungen mit dem Kreuzgang kommunizierende Kapitelsaal ist als wichtiger Ort des klösterlichen Zeremoniells entsprechend hochwertig gestaltet. Das Gewölbe des zweischiffigen Raumes wird von drei schlanken Rundstützen getragen. Die Gewölbekappen werden mit bemerkenswerten Rippendreistrahlformationen ausgebildet. Die Schlusssteine zeigen Blattwerk und figürliche Motive. Das achteckige Brunnenhaus ist im Untergeschoss in der Mitte des 14. Jahrhunderts entstanden und somit der jüngste Bauteil. Der romantisch wirkende Fachwerkaufsatz ist gar ein Werk des 17. Jahrhunderts.


Herren- und Laienrefektorium
Nordwestlich an den Kreuzgang schließt sich ein auffällig langgestreckter, zweischiffiger Raum an. Es ist das Laienrefektorium, also der Speisesaal der Laienbrüder, die auch hier strikt von den Priestermönchen getrennt waren. Die sieben Säulenpaare tragen ein Gratgewölbe des 19. Jahrhunderts. Nicht nur der Innenraum zeigt sich beeindruckend, sondern auch die geschlossene romanische Westfassade dieses Gebäudetrakts. Die kompakte Wandgliederung bildet durch das herumgeführte Sockelprofil Rechteckfelder aus. In ihnen liegen jeweils zwei tiefe Rundbogenfenster und ein Okulus. Das Obergeschoss stammte dagegen aus dem 19. Jahrhundert.

Einen weiteren Höhepunkt der klösterlichen Architektur in Maulbronn stellt das Herrenrefektorium, der Speisesaal der Priestermönche, dar. In seinen Außenmauern mit schlanken Rundbogenfenstern noch spätromanisch angelegt, zeigt sich im steilen Inneren eine Formensprache, die die beginnende Frühgotik um 1220/30 verkörpert. Haupt- und Nebenstützen mit Schaftringen teilen den Raum in vier Doppeljoche, die mit einem schweren, sechs- bzw. siebenteiligen Rippengewölbe versehen sind. Die hohen Fenster, die das Refektorium zu einem lichtdurchfluteten Raum machen, geben ihm die Würde einer prachtvollen Königshalle.


Würdigung der Klosteranlage
Zum unzerstörten Gesamtbild einer mittelalterlichen Klosteranlage gesellt sich eine Architektur, die zu Beginn des 13. Jahrhunderts auf höchstem europäischem Niveau stand. Wunderbar kann man anhand des Paradieses oder des Herrenrefektoriums den Übergang von romanischer zu gotischer Formensprache beobachten. Die vier Kreuzgangsflügel zeigen sogar eine architektonische Entwicklung auf, die sich über gut 100 Jahre erstreckt und dabei nichts an Exklusivität einbüßt. In der Klosterkirche selbst ist durch die Schranke die liturgische Scheidung zwischen Konversen und Mönchen so authentisch nachzuvollziehen wie nur noch an wenigen Orten.


Der Status als UNESCO-Weltkulturerbe drückt bereits die Bedeutung der Maulbronner Klosteranlage aus. An kaum einem anderen Ort kann man in das Klosterleben der Zisterzienser eindrucksvoller eintauchen als hier. Herausragend ist vor allem die Vollständigkeit der Klostergebäude, von denen fast alle die Zeit überdauert haben. Lediglich ein Teil der Wirtschaftsgebäude musste aufgrund veränderter Nutzungsbedingungen weichen. Das Areal ist so weitläufig, dass der Besucher wie durch die Gassen einer Kleinstadt auf Erkundungstour gehen kann. Selbst für mich als Kunsthistoriker waren die Stunden im Kloster ein außergewöhnliches Erlebnis.




Schöne Darstellung. Generell aber, eine aktuelle Landkarte um informiert zu sein wo das beschriebene Objekt liegt, wäre sehr hilfreich.
Erspart die Google Map
Danke für die Anregung, aber das wäre für Blogartikel dieser Art absolut unüblich. Es ist kein Reiseführer im engeren Sinne. Ich versuche lieber, die Lokalitäten gerne in ihren historischen und nuturräumlichen Gegebenheiten zu beschreiben. Hier in unserem Fall: Kraichgau zwischen Odenwald und Schwarzwald. Ich behalte den Hinweis dennoch im Hinterkopf.