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Stolpersteine im Kontext der Erinnerungskultur

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Stolpersteine

Vom Kunstprojekt zur Stiftung

Gunter Demnig ist der Erfinder der Stolpersteine, einem dezentralen Kunstprojekt. Noch immer verlegt der 1947 geborene Künstler mit dem markanten Hut diese kleinen messingfarbenen Pflastersteine eigenhändig, die uns mittlerweile in fast jeder Stadt an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. 1995 setzte er den ersten Stein in Köln; 1996 folgte dann Berlin. Es sollte ein Lebenswerk werden. Mittlerweile sind es weit über 100.000. Sie liegen nicht nur in Deutschland, sondern auch in Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Liechtenstein, Luxemburg, der Republik Moldau, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Polen, Rumänien, Russland, Schweden, der Schweiz, Serbien, der Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, der Ukraine und Ungarn. 2014 wurde eine Stiftung zur Finanzierung und Organisation des Projektes gegründet. Neuerdings werden Stolpersteine sogar im Ausland hergestellt, wie das Beispiel Amsterdam aufzeigt.

Auch wenn es inzwischen ergänzend Stolperschwellen gibt, die kollektiv an Opfergruppen erinnern, bleibt der Kern der Idee unverändert: Jeder Mensch erhält, wo immer möglich, einen eigenen Namen im Stadtraum. Die Verlegung erfolgt am letzten frei gewählten Wohnort der Person. Gedacht wird nicht nur jüdischen NS-Opfern des Holocaust, sondern auch Sinti und Roma, politisch oder religiös Verfolgten, den Zeugen Jehovas, Homosexuellen, Zwangsarbeitern und Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung, letztlich allen, die unter dem NS-Regime leiden mussten. Auch Überlebende erhalten einen Stolperstein, um deren Schicksale nicht zu entwerten und Familien im Gedenken wieder zusammenzuführen.

Verlegung Stolperstein Historisches Rathaus Köln
Erneute Verlegung des ersten Stolpersteins am Historischen Rathaus in Köln zur Erinnerung an den Befehl Heinrich Himmlers vom 16. Dezember 1942, die sogenannten Zigeuner aus dem Deutschen Reich in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz zu deportieren – Quelle: Raimond Spekking/Wikimedia, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Bedeutung für unsere Erinnerungskultur

Als dezentrales Mahnmal im öffentlichen Raum fördern die Stolpersteine die Zugänglichkeit und Niedrigschwelligkeit von Erinnerungskultur. Sie begegnen uns im Alltag – ohne Eintritt, ohne Öffnungszeiten, ohne die bewusste Entscheidung, eine Gedenkstätte aufzusuchen. Die Erinnerung in das Alltagsgeschehen einzubinden, ist hier ein konzeptionelles Mittel. Dadurch können die Stolpersteine auch in das Bewusstsein von Mitmenschen gelangen, die für die aktive Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit kaum zugänglich sind. Und sie verändert Stadtwahrnehmung: Aus anonymen Straßen werden Orte mit Biografien. Die Opfer werden im öffentlichen Raum und im Bewusstsein der Passanten sichtbar.

Und dennoch gibt es Stimmen, die diese Art der Ehrerbietung ablehnen. Das häufigste Argument gegen eine Verlegung der Steine ist, dass auf den Namen der Opfer herumgetrampelt würde. Andere sind wiederum der Auffassung, ein inflationäres Gedenken würde den Opfern nicht gerecht werden. Besonders erbittert wurde die Debatte in München geführt, wo bis heute keine Stolpersteine im öffentlichen Raum verlegt werden dürfen. Die ablehnende Haltung wurde dabei ausgerechnet von der langjährigen Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), Charlotte Knobloch, getragen. Die Tatsache, dass sich zahlreiche jüdische Gemeinden im Stolperstein-Projekt engagierten und auch Patenschaften übernahmen, dokumentiert die Spaltung in dieser Frage auf jüdischer Seite.

Dabei halte ich die Position von Knobloch argumentativ für nicht überzeugend. Ihre Assoziation, die Namen der NS‑Opfer würden mit den Steinen in den Straßenschmutz gezogen werden, geht von einer Entwürdigung durch den Ort des Mahnmals aus. Doch genau hier setzt mit dem Vorbeugen der Passanten, die die Namen auf den Steinen lesen wollen, eine respektvolle und bewusste Geste an. Auch die Argumentation der befürchteten Schändung hat keine Zugkraft, denn mit der Pflege durch die zahlreichen Patenschaften sind die Stolpersteine in dieser Hinsicht besser gestellt als viele andere Stätten des Gedenkens. Letztlich sollten es die Opferfamilien selbst sein, die das letzte Wort für oder wider die Form des Gedenkens inne haben.

Zunahme von Schändungen

Nachdenklich stimmt, dass es in den vergangenen Jahren immer häufiger zu Schändungen – meist Beschädigungen oder Beschmierungen – der Stolperstein-Gedenkorte gekommen ist. Auffällig ist dabei, dass der Osten Deutschlands in dieser Statistik antisemitischer Vorfälle besonders stark vertreten ist. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sind folgende Orte zu nennen: Neubrandenburg, Aachen, Marktredwitz, Cottbus, Forst, Lünen, Regensburg, Krefeld, Weimar (mehrfach), Zeitz usw. Bezogen auf Fläche und Einwohnerzahl ist das Missverhältnis zwischen Ost und West noch ausgeprägter, was wiederum mit der politischen und gesellschaftlichen Situation im Osten korreliert. Besonders eklatant war ein Fall aus Zeitz aus dem Jahre 2024, bei dem gleich zehn Steine entwendet wurden und erst durch eine Spendenaktion erneuert werden konnten.

In diesen Kontext gehört auch folgende schwer erträgliche, persönliche Erfahrung: Mir sind Menschen im Umfeld eines gemeinnützigen Vereins begegnet, die sich von Stolpersteinen in ihrem Alltag gestört fühlen. Schlagworte wie der in rechten Kreisen gerne zitierte Schuldkult sind gefallen. Diese Respektlosigkeit gegenüber den Opfern ist im besten Fall als pietätlos und abstoßend zu bezeichnen. Im schlimmsten Fall ist sie einfach antisemitisch. Bedenklich ist dabei primär nicht der Vorfall an sich, sondern die Tatsache, dass derartiges Gedankengut zunehmend in die Mitte der Gesellschaft einsickert.

Digitale Stolperstein-Projekte

Umso mehr liegt mir ein Projekt für einen Kunden aus dem ostfriesischen Esens am Herzen. Die Website des dortigen jüdischen Museums, des August-Gottschalk-Hauses, haben wir seit 2022 um ein Stolperstein-Projekt erweitert. Mithilfe einer interaktiven Karte können die unterschiedlichen Stätten jüdischen Lebens aufgesucht werden. Die Lebensgeschichte jedes NS-Opfers wird dabei im Detail beschrieben. Durch die weitreichenden Familienverflechtungen wird gleichzeitig ein Stück Stadtgeschichte aufgerollt.

Es wäre wünschenswert, dass in jeder Gemeinde eine zentrale Stelle für diese öffentliche Form der Aufarbeitung bestehen würde. Immerhin existieren zahlreiche Apps für Smartphones und Tablets, die mehr oder weniger erfolgreich eine vollständige Datenbank über Stolpersteine abbilden möchten. Für Hamburg, Berlin und Nordrhein-Westfalen liegen entsprechende Anwendungen – letztere durch den WDR – auf Landesebene vor. Auch die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt Kiel verfügt über eine entsprechende App. Einige weitere legen den Fokus auf das gesamte Bundesgebiet, wobei aber die Pflege der Daten keinen Anspruch auf Vollständigkeit besitzt und teilweise enttäuschend ausfällt. Auch die Stolperstein-Stiftung arbeitet seit Jahren an einer entsprechenden Datenbank. Bis diese online ist, muss man sich mit einer Wikipedia-Liste zufriedengeben, die allerdings nicht sonderlich benutzerfreundlich ausfällt.

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