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Die geplante Umsetzung des Steuben-Denkmals in Potsdam
Potsdams neue parteilose Oberbürgermeisterin Noosha Aubel hat in Aussicht gestellt, dass das Steuben-Denkmal endlich auf seinen historisch angestammten Ort, den Steubenplatz, zurückkehren kann. Die Debatte über die geplante Umsetzung der Statue des Freiherrn Friedrich Wilhelm von Steuben reicht bereits Jahre zurück und wird scharf geführt. Ex-Außenminister Sigmar Gabriel und zahlreiche Historiker haben sich in der Vergangenheit bereits dafür ausgesprochen. Ein möglicher Kompromiss sieht die Kontextualisierung des Denkmals vor. Am Sockel soll demnach die Persönlichkeit Steubens und seine Rolle in der Geschichte historisch eingeordnet werden.
Just zu diesem Zeitpunkt legt der Bürgerrechtler und Publizist Carsten Linke einen Artikel vor, der das Steuben-Denkmal weltanschaulich werten möchte, aber mit seriösen wissenschaftlichen Sichtweisen wenig gemein hat. Seine Argumentationskette, die das Denkmal als Symbol für Kolonialismus sowie Frankophobie des Deutschen Reiches interpretiert und zudem in jüngste weltpolitische Entwicklungen einbindet, sollte daher an dieser Stelle anhand der historischen Faktenlage widerlegt werden.

Die historische Person Friedrich Wilhelm von Steuben
Dazu bedarf es zunächst der Einordnung der historischen Person Friedrich Wilhelm von Steuben. Steuben wurde 1730 in Magdeburg geboren und diente zunächst unter Friedrich dem Großen in der preußischen Armee. Er brachte es dort über den Rang des Leutnants und Hauptmanns bis zum Stabskapitän. Nach seinem Abschied aus dem Militärdienst im Jahre 1762 folgte die Stellung als Hofmarschall bei Josef Friedrich Wilhelm von Hohenzollern-Hechingen. Die nicht restlos geklärte Annahme des Titels Freiherr führte insbesondere in französischen Kreisen zur Bezeichnung als Baron von Steuben. Dies sollte dem Preußen bei seinem weiteren Werdegang nützlich sein.
Eine Dienstreise führte den Freiherren 1777 nach Paris, wo er den amerikanischen Botschafter kennenlernte. Dessen Empfehlung führte ihn schließlich nach Nordamerika, wo zeitgleich der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Kolonialmacht tobte. In der amerikanischen Kontinentalarmee bekleidete Steuben den Posten des Generalinspekteurs der Kontinentalarmee. Er sorgte für die Disziplinierung, die Organisation und die Einübung der Truppen und war zeitweilig Generalstabschef George Washingtons. Steuben starb 1794 auf seiner Farm in Oneida County. Seine Rolle im Kampf gegen koloniale Strukturen und für eine der ersten Demokratien soll in der weiteren Analyse eine wichtige Rolle spielen. Nur am Rande sei angemerkt, dass einige Historiker die Auswanderung des Freiherrn im Kontext einer drohenden Anklage wegen homosexueller Handlungen sehen.
Die Amerikaner widmeten ihrem preußischen Mitkämpfer für die Unabhängigkeit und demokratische Werte ein spätes Denkmal. 1910 wurde im Lafayette Park in Washington eine von Bildhauer Albert Jaegers geschaffene Statue des Freiherrn von Steuben aufgestellt. Der US-Kongress schenkte zudem Kaiser Wilhelm II. und dem deutschen Volk offiziell ein Duplikat als Zeichen der Freundschaft, welches 1911 in Potsdam aufgestellt wurde. Nach dem letzten Krieg eingeschmolzen, wurden 1987 und 1994 erneute Abgüsse des Washingtoner Steubendenkmals angefertigt. In Potsdam wartete das Denkmal darauf, mit dem Abschluss der Bauarbeiten im Umfeld des Alten Marktes an seinen angestammten Platz am Steubenplatz in unmittelbare Nachbarschaft des Stadtschlosses zurückzukehren.


Steuben als Symbol für Kolonialismus?
Und damit schlagen wir wieder den Bogen zur Kritik an dem Steuben-Denkmal und dessen geplanter Umsetzung, die dieses aufwerten würde. Linke verweist richtig auf die weltpolitische Lage Anfang des 20. Jahrhunderts, in der auch das Deutsche Reich als Kolonialmacht mitmischte. Als Beispiel führt er die zweite Marokkokrise 1911 und das gemeinsame Vorgehen deutscher, amerikanischer und weiterer internationaler Einheiten bei der Niederschlagung des Boxeraufstandes in China zur Jahrhundertwende an. Inwiefern auch die Stiftung des Steuben-Denkmals – im Gegenzug wurde eine Bronzestatue Friedrichs des Großen an die USA übergeben – ihre Motivlage und Symbolik in kolonialen Bestrebungen besitzt, bleibt äußerst spekulativ. Die Primärquelle aus dem US-Kongress lässt vielmehr an einen diplomatischen Akt der freundschaftlichen Beziehungen denken, was auch die ehemalige Inschrift auf dem Sockel bestätigt:
Dem Deutschen Kaiser und dem deutschen Volke gewidmet vom Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika als Wahrzeichen ununterbrochener Freundschaft – Nachbildung des Denkmals für General Friedrich Wilhelm August von Steuben – geboren in Magdeburg 1730 – gestorben im Staate New York 1794 – errichtet in Washington in dankbarer Anerkennung seiner Verdienste im Freiheitskampfe des amerikanischen Volkes – MCMXI
Insbesondere lässt Linke an dieser Stelle die Vita des Barons von Steuben vollkommen außer Acht, die seit seiner Übersiedlung nach Nordamerika vom Freiheitskampf der USA geprägt ist. Ihn in die Tradition des europäischen Kolonialismus des 20. Jahrhunderts zu stellen, widerspricht seinem eigentlichen historischen Wirken als wichtiger Protagonist in einem antikolonialen Befreiungskrieg. Durch diesen Umstand sollte aber gleichzeitig nicht verkannt werden, dass diese Freiheit nicht den indigenen Völkern und schon gar nicht in Hinblick auf die Sklaverei galt. Im 18. Jahrhundert existierte in Nordamerika ein komplexes Gefüge kolonialer Strukturen und Abhängigkeiten auf mehreren Ebenen.
Ein Denkmal als Ausdruck der deutschen Frankophobie?
Linke merkt weiterhin berechtigt an, dass der Tag der Aufstellung des Denkmals in Potsdam, der 2. September, als Sedantag (Schlacht bei Sedan) Gedenktag zur Feier des Sieges über Frankreich im Jahre 1870 war. Die Wahl des Standortes neben dem Potsdamer Stadtschloss wäre demnach als Erinnerung an die Traditionen und Erfolge des preußischen Militarismus zu werten. Redetexte, Programme, Presseberichte oder Korrespondenz, die den anti-französischen Sinn des Denkmals explizit machen, werden allerdings nicht angeführt. Ganz im Gegenteil sind für diese These Gegenargumente in der Lebensgeschichte Steubens zu finden. So verdankt dieser dem französischen Kriegsminister den Kontakt zum amerikanischen Botschafter. Im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg kämpfte er zudem gemeinsam mit den französischen Verbündeten gegen die Briten. Ein Denkmal für einen Mann, der eng mit Frankreich kooperierte und französischer Unterstützung seinen Aufstieg verdankte, als Symbol der Frankophobie zu deuten, kann daher nicht überzeugen.
Zwar darf man annehmen, dass fast jedes Denkmal der wilhelminischen Zeit mehr oder weniger Nationalbewusstsein ausstrahlen sollte, aber die Umstände im Fall des Steuben-Denkmals sind besondere. Zum einen ist die Statue ein Geschenk einer in jenen Tagen sicherlich als Demokratie zu bezeichnenden Nation, zum anderen handelt es sich bei dem Dargestellten um einen amerikanischen Nationalhelden und erst in zweiter Linie um einen Preußen. Es spricht daher meiner Ansicht nach nichts dagegen, das Denkmal an seinen angestammten Platz zu translozieren und dort die notwendige Kontextualisierung der ambivalenten Zusammenhänge vorzunehmen.
Die USA und der Gegenwartsbezug
Zuletzt stellt Linke einen Bezug zur politischen Situation der USA unter Donald Trump her. Den Beschluss der Oberbürgermeisterin zur Umsetzung des Steuben-Denkmals möchte er als Solidarität oder zumindest Konformität mit dessen Politik verstanden wissen. Das wird aber dem Kontext, in dem das Denkmal entstanden ist, nicht gerecht. Es ehrt einen Mann, der im Rahmen seiner Zeit und seiner Möglichkeiten den Freiheitswillen der (weißen) Amerikaner unterstützt hat. Damit erinnert es an eine Zeit, in der es um die deutsch-amerikanischen Beziehungen besser bestellt war. Es legitimiert aber in keiner Weise die derzeitigen autokratischen Bestrebungen eines Landes, von dessen demokratischem Kongress dieses Denkmal vor über 100 Jahren gestiftet wurde. Mit der Umsetzung des Steuben-Denkmals ist gewiss keine ahistorische Instrumentalisierung verbunden.
Schlussbemerkung
Linke konstruiert hier eine Art Kontaktschuld, die sich wie ein roter Faden durch seine gesamte Beweisführung zieht. Da das Denkmal zur Zeit des imperialistischen Kaiserreichs unter Wilhelm II. aufgestellt wurde, wird ihm automatisch die gesamte negative Bedeutung dieser Epoche wie Militarismus, Kolonialismus oder Frankophobie zugeschrieben. Dabei ignoriert die Argumentationskette jedoch bewusst die eigentliche völkerverbindende Intention des US-Kongresses und das historische Wirken Steubens als Verfechter amerikanischer Unabhängigkeit und Freiheit. Eine sachliche historische Betrachtung muss zwingend zwischen der Biografie Steubens, der Intention der amerikanischen Stifter und der bloßen kaiserlichen Aufstellungskulisse des Jahres 1911 differenzieren. Der Text ersetzt historische Einordnung durch Assoziationsketten, an deren Ende ein Denkmal steht, das gleichzeitig Kolonialmanifest, Ausdruck von Frankophobie und Vorbote aktueller US-Innenpolitik sein soll.
Übrigens: Carsten Linkes Text ist auf einem Portal (Potsdam – Stadt für alle als Projekt des Mediamaro e. V.) veröffentlicht, auf dem einst ein Pamphlet zu lesen war, das der rekonstruierten Fahnentreppe am Potsdamer Stadtschloss vorwarf, ein Treffpunkt für Pädophile zu sein. Die Begründung ist so banal wie einfältig: Am Geländer seien Putti zu sehen – nackte Knaben, die zu den häufigsten Motiven barocker Kunst überhaupt gehören. Der Autor war damals wie heute der Bürgerrechtler und Publizist Carsten Linke. Selbst ihm müsste bewusst sein, dass die Homoerotik auch abseits der beliebten Putti-Darstellungen die Kunstgeschichte wie ein roter Faden seit der Antike durchzieht. Zu denken ist an die Malerei eines Caravaggio oder die Plastiken eines Donatello. Auch bei Michelangelo ist der nackte männliche Körper im gesamten Werk anzutreffen.



