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Industriekultur am Schiffshebewerk Henrichenburg

Posted on – zuletzt aktualisiert am 16. Mai 2026
Schiffshebewerk Henrichenburg und Dampftankschiff Phenol
Schiffshebewerk Henrichenburg und Dampftankschiff Phenol am Dortmund-Ems-Kanal

Industriedenkmal am Dortmund-Ems-Kanal

Es war eine dieser zufälligen Entdeckungen, die man vielerorts im Ruhrgebiet mit seiner Industriekultur machen kann. Am Zusammentreffen des Dortmund-Ems-Kanals mit dem Rhein-Herne-Kanal, mitten im Grün des nördlichen Kohlenreviers, trifft man auf ein Industriedenkmal aus der vorletzten Jahrhundertwende erster Güte: das Schiffshebewerk Henrichenburg zwischen den Städten Waltrop und Castrop-Rauxel. Im Grunde dürfte es seinen Namen gar nicht tragen, denn ursprünglich war die Errichtung der Kanalkreuzung und des Schiffshebewerkes weiter südlich bei der Ortschaft Henrichehnburg geplant. Da die Emscher, die den Dortmund-Ems-Kanal mit Frischwasser speisen sollte, aber bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine Kloake war, verlegte man die Baustelle kurzerhand weiter nach Norden in die Nähe der Bauerschaft Oberwiese, wo man auf die Lippe zurückgreifen konnte. Der Name des Bauwerks blieb hierbei bestehen.

Schiffshebewerk Henrichenburg im Bau
Schiffshebewerk Henrichenburg im Bau

Beeindruckend ist bereits der Zuweg zum Schiffshebewerk von Norden, denn mit dem Auto oder Fahrrad passiert man dabei eine tunnelartige Unterführung, die von Beginn an angelegt war und die mitten durch das Bauwerk führt. Wer lediglich ein Industriedenkmal mit einigen Informationstafeln erwartet, wird positiv überrascht. Vor Ort erwartet uns ein vollwertiges Museum mit umfangreichem Freigelände und Ausstellungen. Das Schiffshebewerk ist auf zahlreichen Ebenen begeh- und erkundbar. Es ist der Höhepunkt eines weitläufigen Areals voller Industriekultur, das zum dezentralen LWL-Museum für Industriekultur gehört.

Schiffshebewerk Henrichenburg
Konstruktion des Schiffshebewerks Henrichenburg mit dem Schiffstrog

Das Museumsareal

Das Schiffshebewerk

Das 1899 von Kaiser Wilhelm II. eingeweihte Schiffshebewerk Henrichenburg ermöglichte erstmals den durchgehenden Schiffsverkehr von der Nordsee bis zum Dortmunder Hafen, was den Kohle- und Erztransport vom und ins östliche Ruhrgebiet erheblich effizienter gestaltete. Die Konstruktion überwindet mehr als 14 Meter Höhenunterschied und war das erste ausgeführte Mehrschwimmer-Hebewerk weltweit. Ursprünglich war eine Schleusenanlage mit vier Schleusenstufen vorgesehen. Am Schiffshebewerk Henrichenburg kommen Ingenieurskunst und Schauarchitektur in Vollkommenheit zusammen. Die neobarocke Formgebung der steinernen Türme geht auf Entwürfe von Karl Hinckeldeyn zurück.

Schiffshebewerk Henrichenburg - Prinzip des Schwimmer-Hebewerks
Prinzip des Schwimmer-Hebewerks

Das Bauwerk wird an der Schauseite zum Oberwasser vom preußischen Adler mit den Reichsinsignien Krone, Zepter und Reichsapfel geschmückt. Die Türme tragen die Wappen der preußischen Provinzen Westfalen und Hannover, die der Kanal durchzieht. Das Unterhaupt ziert das Antlitz der Fortuna auf einer Kogge. Die Konstruktion des Hebwerks ist auf mehreren Ebenen für den Besucher begehbar. Von oben bietet sich ein großartiger Blick rund um die Anlage, den Hafen und entlang des Dortmund-Ems-Kanals. Des Weiteren ist der Schiffstrog zu betreten, in den die Schiffe einfuhren. Und zuletzt kann man unter den Trog herabsteigen, um die Technik der Schwimmer zu inspizieren.

Ausstellungen

Gleich neben dem Schiffshebewerk steht die Maschinenhalle. In ihr befindet sich die Dauerausstellung, die über die Geschichte und die Technik des Hebewerks bzw. des Kanals aufklärt. In der Tat braucht es ein wenig Hilfestellung, bis man das Prinzip eines Schwimmer-Hebewerks verinnerlicht hat. Zu diesem Zweck sind mehrere Modelle vorhanden, die das Prinzip veranschaulichen. Zusätzlich unterstützen kleine Animationsfilme das Verständnis der Funktionsweise der Anlage. Ausführlich werden die Arbeitsbedingungen beim Bau des Hebewerks und die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen thematisiert, die zur Errichtung dieser außergewöhnlichen Industrieanlage geführt haben. Ferner befindet sich hier eine Schiffsdampfmaschine, die gelegentlich vorgeführt wird.

Am Unterwasser – also an der niedriger liegenden Kanalseite – steht das Museumsschiff MS Franz-Christian, das eine sehr anschauliche Ausstellung zum Leben einer Binnenschifferfamilie vor rund 50 Jahren beherbergt. Bedauerlicherweise ist das Klima unter Deck bei sommerlichen Temperaturen derart stickig, dass ein längerer Aufenthalt zur Qual wird. Aber auch dies dürfte die Lebenswirklichkeit der Binnenschifffahrt darstellen. Am Unterwasser startet auch das Fahrgastschiff Henrichenburg zu seinen Rundfahrten am Dortmund-Ems-Kanal und am Rhein-Herne-Kanal. Zuletzt existiert noch im Hafen am Oberwasser eine Halle, die für Sonderausstellungen genutzt wird. Bei unserem Besuch fand dort eine Fotoausstellung zu Industrielandschaften in Europa statt.

Freigelände mit Hafen und Werft

Überhaupt kommt um das Oberwasser ein klein wenig maritimes Flair auf, das trotz der von Rost dominierten Umgebung zum Flanieren einlädt. Ein Rundweg führt an zahlreichen historischen Schiffen wie dem Dampftankschiff Phenol aus dem Jahr 1903 und dem Schleppkahn Ostara vorbei zum Hafen und zur Werft. Über eine Hubbrücke gelangt man auf die andere Kanalseite. Ein großer Abenteuer-Wasserspielplatz und ein Kletterschiff machen deutlich, dass das Museum auch Familien als Zielgruppe ansprechen möchte. Gastronomie ist in Form eines Cafés und eines originellen Gastrobusses mit Biergarten vorhanden. Am Tag unseres Besuches fand ein Open-Air-Konzert mit Irish-Folk-Musik auf dem Gelände statt. Ich muss gestehen, dass ich hier an der Peripherie des Ruhrgebiets nicht mit einem vielfältigen kulturellen Konzept gerechnet habe.

Der Schleusenpark Waltrop

Wer von Industriekultur nicht genug bekommen kann, dem empfehlen wir einen Spaziergang rund um das Museumsgelände. Hier im Schleusenpark Waltrop nördlich des Kanals ist die Alte Schlachtschleuse, durch die man heute zu Fuß schreiten kann, mit ihren Doppeltürmen nicht minder sehenswert. Sie wurde schon bald nach der Inbetriebnahme des Schiffshebewerkes zur Reserve und Entlastung gebaut. Als neue Schiffspassage war sie noch bis 1969 in Betrieb, um ihrerseits später wieder durch ein modernes Schiffshebewerk und schließlich eine neue Schleusenanlage ihres Zweckes beraubt zu werden.

Hervorzuheben ist auch die gelungene Museums-App des LWL-Museums, die sich intuitiv bedienen lässt. Das zentrale Element ist der Audioguide zu 41 Stationen des Museumsgeländes, der als deutsche und englische Version zur Verfügung steht. Die App ist sehr ausführlich und medienintensiv gestaltet und kann je nach zeitlichen Ressourcen auf bestimmte Rundgänge eingegrenzt werden.



4 Kommentare zu “Industriekultur am Schiffshebewerk Henrichenburg

  1. Erst einmal Dankeschön für die ausführliche Information. Es wäre schön noch eine Information hinzuzufügen zum Beispiel der Hinweis auf eine entsprechende Homepage wo man näheres erfahren kann. Wie Öffnungszeiten und Eintrittspreise und ob das Museum mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist

  2. Ich war gestern noch vor Ort und kann deine sehr gut zusammenfassende Darstellung nur bestätigen. Wer sich auch nur ein wenig für alte Technik oder Schifffahrt interessiert, kommt hier voll auf seine Kosten. Die aktuelle Ausstellung befasst sich noch bis April 2026 mit dem Thema „Container“ . Wer sich hierzu alle Schautafeln und Ausstellungen anschaut, zudem die Maschinenhalle und das Hebewerk selbst, braucht sicher mehrere Stunden. Aber es lohnt sich, v.a. die Fotoausstellung im Laderaum der „Ostrava“ zur Frachtschifffahrt und Schicksalen der Besatzung war sehr eindrücklich. Also: wer sein Wissen erweitern will oder auch „nur“ tolle Fotomotive sucht, wird auf dem Gelände fündig! Dein Beitrag sollte jeden Leser neugierig machen! Nur eine kleine Korrektur: m.W. löste die alte Schachtschleuse von 1914 das Schiffshebewerk nicht ab, sondern ergänzte es. Das Hebewerk war noch Jahrzehnte in Betrieb.

    1. Vielen Dank für das ausführliche Feedback. Das Museum steht auf meiner Liste, um erneut einen Besuch abzustatten. Beim letzten Mal wurde die Dauerausstellung neu konzipiert. Insofern kann mein Text sicher ein Update vertragen. Ich habe schon mal die Passage mit der Alten Schachtschleuse umformuliert.

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