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Fritzlars Stadtgeschichte von Bonifatius bis Kurmainz
Malerisch und weithin sichtbar thront die mittelalterliche Stadt Fritzlar mit ihren zahlreichen Türmen über dem nördlichen Steilufer der Eder. Die Geschichte der nordhessischen Stadt reicht dabei bis in die karolingische Zeit zurück. Bereits 723/24 ist Fritzlar als Missionsstützpunkt des heiligten Bonifatius bezeugt. Im unweit gelegenen Dorf Geismar ließ der angelsächsische Missionar laut Überlieferung die Donareiche, eines der wichtigsten germanischen Heiligtümer, fällen, um die Überlegenheit des christlichen Glaubens zu demonstrieren. Kurz darauf, um 732, erfolgte in Fritzlar die Gründung eines Klosters mit einer Petrus geweihten Kirche. Im Laufe des 8. Jahrhunderts entwickelt sich der Ort zum bedeutendsten geistigen und religiösen Zentrum in Nordhessen. Karl der Große erhob das Kloster zur Reichsabtei. Ebenso existierte in Fritzlar eine heute verschwundene Kaiserpfalz. Mehrere Reichs- und Fürstentage fanden hier statt. Um 1005 erfolgte die Umwandlung des Klosters in ein Kollegiatstift.

Fritzlar besaß im Mittelalter aufgrund seiner Lage im Grenzgebiet zwischen fränkischer und sächsischer Herrschaft und später als erzbischöflich-mainzische Enklave in der Landgrafschaft Thüringen und anschließend in der Landgrafschaft Hessen stets eine Sonderstellung, die es in kriegerische Auseinandersetzungen zog. 1079 erlitt es im Streit des Kaisers Heinrich IV. und des Gegenkönigs Rudolf von Rheinfelden erhebliche Verwüstungen. Der Wiederaufbau mit großangelegtem Marktplatz nördlich des Stiftsbezirks und einer neuen Ummauerung erfolgte erst im Laufe des frühen 12. Jahrhunderts. Die Mainzer Bischöfe als Stadtherren förderten den Handel in der Stadt. Bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts entwickelte sich Fitzlar zur Kaufmannsstadt mit Stadtrecht, Ratverfassung, Marktzoll und Münzprägung. Eine bischöfliche Burg lag im Westen der Stadt. Im Osten siedelten sich 1237 die Franziskaner direkt an der Stadtmauer an und auch der Deutsche Orden besaß seit 1304 eine Kommende in der Stadt. Ab 1280 entstand südlich des Stiftsbezirks am Hang zur Eder die Neustadt mit eigener Stadtbefestigung.
Da die Bedeutung Fritzlars in der Neuzeit zurückging, blieb die mittelalterliche Stadtstruktur mit Befestigungsanlagen trotz weiterer kriegerischer Auseinandersetzungen im Dreißigjährigen und Siebenjährigen Krieg weitgehend intakt. 1711 gründeten die Ursulinen in der Neustadt ein Kloster, das 1719 bezogen wurde. Die katholische Enklave Fritzlar gelangte 1803 im Zuge der Säkularisation im Reich an Kurhessen.

Rundgang durch die historische Altstadt
Die Stiftskirche und die Stiftsbauten
Baugeschichte
Die gerne als Dom titulierte Stiftskirche St. Peter ist ein eindrucksvoller Gebäudekomplex, der im Wesentlichen vom 11. bis zum 14. Jahrhundert am Ort möglicherweise mehrerer Vorgängerbauten entstand und im 19. Jahrhundert historisierend restauriert wurde. Er beherrscht weit sichtbar die Stadtsilhouette. Der Baubeginn des heutigen Sakralbaus ist nach der Zerstörung Fritzlars im Jahre 1079 anzunehmen. Dieser dürfte bis 1118 vollendet gewesen sein und ist als dreischiffige Basilika mit Querhaus und geradem Chorschluss sowie Krypta zu rekonstruieren. Dieser Bau ist dann spätromanisch von 1171 und 1232 erheblich aus- und neugebaut worden. Für den Dachstuhl über dem Chor ist ein Fälldatum von 1193 dendrochronologisch ermittelt. Um 1260 entstand die als Paradies bezeichnete Westvorhalle. Es folgten einige gotische Umbauten und im frühen 14. Jahrhundert der Stiftkomplex mit Kreuzgang.

Baugestalt der Stiftskirche
Die spätromanische Gewölbebasilika verfügt über eine auffällige polygonale Chorapsis. Sie weist eine für diese Zeit charakteristische kräftige Gliederung mit Sockelprofil, Lisenen, Friesen und Zwerggalerie auf, die auf rheinische Vorbilder wie den Wormser Dom schließen lässt. Der markante Westbau mit Doppeltürmen, der bereits zuvor bestand, ist ebenfalls spätromanisch umgebaut worden. Die Turmgiebel und -helme sind eine freie Zutat des späten 19. Jahrhunderts.
Die Hinzufügung der als Paradies bezeichneten Westvorhalle im spätromanisch-frühgotischen Übergangsstil prägt die Erscheinung der Stiftskirche entscheidend. Ihre plastische Formensprache wird von für diese Zeit typischen Knospenkapitellen und Schaftwirteln gekennzeichnet. Überhaupt zeigen die Kapitelle der zweischiffigen Halle eine besondere Fülle von Formen und Motiven, die zwischen Spätromanik und Frühgotik angesiedelt sind. Der Außenbau ist mit Lisenen und Friesen ebenfalls reich gegliedert.


Das im gebundenen System gewölbte Langhaus wirkt durch die kuppelförmigen Mittelschiffsgewölbe überraschend steil. Die mehrfach gestuften Wandvorlagen tragen Schild- und Gurtbögen sowie die sehr breiten Bandrippen. Jeweils ein Arkadenpaar wird durch einen Überfangbogen zusammengefasst. Die Innenwand der Chorapsis ist zweizonig mit Rundbogenarkaden in der unteren Zone gegliedert. Nach Westen öffnet sich das Mittelschiff mit jeweils dreifacher Arkadenreihe in zwei Geschossen. Die Säulen der dreischiffigen, weiträumigen Krypta tragen überwiegend Würfelkapitelle. Die Anlage ist weitgehend dem Bau um 1100 zuzurechnen.


Hochgotische Stiftsgebäude mit Kreuzgang
Der einheitliche, zweigeschossige Stiftskomplex mit Kreuzgang im Erdgeschoss ist ein homogenes Werk der Hochgotik. Er liegt malerisch südlich der Stiftskirche über dem Talhang zur Eder. Der Kreuzgang öffnet sich mit zweibahnigen Maßwerkfenstern des frühen 14. Jahrhunderts zum Hof. Alle Flügel sind kreuzrippengewölbt mit feingliedrigen Profilen. Die Allerheiligekapelle am Westflügel entstand noch vor 1330. Am Ostflügel ragt die Philippus- und Jakobuskapelle aus der Flucht der Klausur.

Ausstattung und Domschatz
Auffällig reich präsentiert sich die Ausstattung der Stiftskirche. Die barocken Hoch- und Nebenaltäre stammen ebenso wie die Kanzel aus dem späten 17. Jahrhundert. Mittelalterlich ist dagegen das reich mit Maßwerk verzierte, mittelschiffshohe Sakramentshaus aus dem frühen 16. Jahrhundert. Weitere bemerkenswerte mittelalterliche Bildwerke sind eine Pietà in der nördlichen Turmkapelle aus dem 14. Jahrhundert und das Triumphkreuz aus dem 13. Jahrhundert. In der Krypta zieht eine um 1340 errichtete Tumba für den heiligen Wigbert den Blick auf sich. Weiterhin finden sich hier eine vorzügliche Steingruppe der Heiligen Dreifaltigkeit aus der Zeit um 1300 und ein romanisches Hochrelief des heiligen Petrus.
Fritzlar verfügt zudem über einen Domschatz, der sich in den Klausurgebäuden befindet. Das bedeutendste Objekt stellt das Heinrichskreuz dar, ein romanisches Altarkreuz aus der Schule des Roger von Helmarshausen. Neuere Forschungen legen nahe, dass es in die Zeit des frühen 12. Jahrhunderts zu datieren ist. Die Überlieferung hat es dagegen bisher mit der Stiftung einer Kreureliquie durch Kaiser Heinrich II. und damit 100 Jahre früher in Verbindung gebracht. Unter den vielfältigen liturgischen Gegenständen ragen weiterhin ein Schiebereliquiar und ein Tragaltärchen, ebenfalls 12. Jahrhundert, heraus. Überhaupt ist die Reliquienaufbewahrung im Dommuseum ein zentrales Thema, das sich an weiteren entsprechenden Exponaten manifestiert.


Die Fachwerkstadt Fritzlar
Der Marktplatz
Fritzlar ist aber auch eine Stadt der bürgerlichen Fachwerkarchitektur. Die Kurien der Chorherren sind dagegen im Laufe der Zeit aus dem Stadtbild fast vollständig verschwunden. Meist mittelalterliche Patrizierhäuser aus Stein – manchmal nur im Untergeschoss – lockern die Ensembles aus stattlichen, giebelständigen Fachwerkbauten vielfach auf. Die Bebauung besitzt ihren gestalterischen Höhepunkt am pittoresken Marktplatz und in den Straßenzügen, die nach Süden zum Dom und Stiftbezirk führen. Mittig der langgestreckten Platzanlage steht ein 1564 datierter Brunnen mit einer Rolandsfigur, die vom Selbstbewusstsein des Fritzlarer Bürgertums zeugt.

Am malerischsten präsentiert sich die schmale Ostseite des Marktes mit einem turmartigen Erker des alten Kaufammsgildehauses St. Michaelis (sogenanntes Kaufhäuschen) aus dem späten 15. Jahrhundert (1472 dendrodatiert). Das Haus repräsentiert eine ganze Reihe ähnlich konstruierter Hallenhäuser aus dem späten Mittelalter in Fritzlar, wie sich unter anderem an den Häusern Nr. 20 und 22 an der Nordseite des Marktes finden. Die Nr. 24, unmittelbar daneben, ist mit ihren beiden steinernen Untergeschossen ins Jahr 1276 dendrodatiniert (das Obergeschoss ist deutlich jünger). Ferner säumen den Marktplatz einige stattliche Bürgerhäuser der frühen Neuzeit. Historisch, weniger architektonisch herausragend, ist das Haus Nr. 3, die Löwenapotheke, die 1579 im Stil der Renaissance errichtet wurde und über 400 Jahre als solche diente.

Das Rathaus und die Gassen der Altstadt
Wir wenden uns vom Marktplatz Richtung Süden und gelangen zum Domplatz. Bezeichnenderweise steht das Rathaus Fritzlars nicht am bürgerlichen Stadtzentrum, dem Markt, sondern genau hier. Es handelt sich um einen bis ins 12. Jahrhundert zurückgehenden, 1274 und 1441 aus- und umgebauten Baukörper mit steinernem Untergeschoss. Das Fachwerkobergeschoss mit Schieferverblendung ist eine Rekonstruktion des 1839 niedergelegten, durch Zeichnung überlieferten Zustandes. In der malerischen Gasse Zwischen den Krämen steht dem Rathaus gegenüber eines der ältesten Fachwerkhäuser der Stadt, das um 1470 in Ständerbauweise errichtete Brüggemeiersche Haus mit Verkaufsfenster. In der nahen Fischgasse findet sich der stattliche, um 1410 aus Stein errichtete Wohnbau einer Chorherrenkurie.


Vom bürgerlichen Treiben zeugt auch das unweit westlich des Marktes stehende Hochzeitshaus. Der stattliche Baukörper aus der Zeit um 1580/90 besteht aus einem steinernen Untergeschoss und Fachwerk in den Obergeschossen. Der Bau zeichnet sich durch einen zweigeschossigen Erker an der südlichen Giebelwand und einen Treppenhausvorbau mit ornamentiertem Renaissanceportal im Westen aus. Westlich des Hochzeithauses steht ein repräsentatives Fachwerkhaus in Ständerbauweise. Das Baudatum von 1526 weist das Haus Orth bezeichnete Gebäude als spätmittelalterlich aus.

Zuletzt werfen wir einen Blick in die Kasseler Straße, die vom östlichen Abschluss des Marplatzes nach Norden verläuft. Hier stehen zwei benachbarte auffällige gotische Steinhäuser mit ursprünglichen Staffelgiebeln, die die besondere Stellung ihrer Bauherren im Rat der Stadt bezeugen. Die Patrizierhäuser wurden um 1310 errichtet, wobei die Staffelgiebel um 1700 einen Umbau erfahren haben. Von einigen ansehnlichen Fachwerkhäusern verdient das Haus Nr. 9 mit doppelten Erkerbauten und reicher Renaissanceornamentik Beachtung.


Die Stadtbefestigung
Wahrlich malerisch präsentiert sich die Stadtsilhouette Fritzlars von der Ederniederung mit der in weiten Teilen intakten mittelalterlichen Stadtbefestigung. Die Mächtigkeit der Verteidigungsanlagen ist ohne Zweifel eine Folge der Funktion des Ortes als erzbischöflich-mainzische Enklave. Entsprechend der vielen Stationen existiert ein kulturtouristischer Rundweg (Rondengang), der an allen Mauertürmen vorbeiführt. Leider wurden die acht Tore der Stadt wie in so vielen anderen Städten im 19. Jahrhundert abgebrochen. In Fritzlar geschah dies 1842, während von den 15 Türmen ein Großteil erhalten blieb. Herauszuheben ist, dass wir es hier mit zwei Mauerringen zu tun haben: Derjenige der Altstadt wurde nach Zerstörung älterer Anlagen nach 1232 erneuert. Die Neustadt wurde Ende des 13. Jahrhunderts ummauert. Im 14. Jahrhundert erfolgten mehrfach Erneuerungen. Außerhalb der Stadt existieren zudem zahlreiche Warttürme, wie sie im mitteldeutschen Raum noch häufig überliefert sind.

Wir starten unseren Rundweg entlang der Stadtmauer und der Türme in der nördlichen Altstadt. Hier stehen mit dem runden Grebenturm und dem ebenso gestalteten Rosenturm zwei Befestigungsbauten, die zu der ältesten Anlage nach 1232 gehören. Der westlich folgende, über hufeisenförmigem Grundriss errichtete Graue Turm ist einer der höchsten noch erhaltenen städtischen Wehrtürme in Deutschland. Er wurde im 16. Jahrhundert erhöht und diente als Kommunikationszentrum mit den Landwarten. Das nächste Bauwerk, der Frauenturm, ist ein um 1360 errichtetes rechteckiges Gebäude. Der Regilturm im Südosten der Altstadt ist der letzte gut erhaltene Turmbau des ältesten Mauerrings.
Um die am Berghang liegende Neustadt gruppieren sich insgesamt vier Rundtürme: Winterturm, Kanzel, Bleichenturm und der Turm am Bad. Malerisch ist der Abstieg am Winterturm hinunter zum Mühlengraben, wo die Spitalbrücke den Mühlgraben überquert, an dessen südlichem Ufer das Heiligeist-Hospital wie nicht selten außerhalb der Stadtmauern stand. Erhalten ist der gotische Chor der Hospitalkirche. Der Ort ist auch als Malerwinkel bekannt, der zahlreiche Maler inspirierte, die landschaftliche und städtebauliche Schönheit Fritzlars auf Leinwand zu verweigen. Der Mühlgraben ist übrigens ein Nebenarm der Eder und wird weiter im Osten von einer zweiten historischen Brücke, der Alten Ederbrücke, überspannt.


Würdigung
Fritzlars architektonischer Reichtum ist so vielfältig und durch zahlreiche Beispiele des Mittelalters und der Renaissance bezeugt, dass unser historischer Rundgang lediglich die Glanzlichter herausgreifen konnte. Wie immer bei solch vollständigen Altstadtensembles empfiehlt sich bei ausreichendem Zeitpolster das eigenständige Erkunden in den Gassen, die überraschende Einsichten ermöglichen. Dabei könnte man auch weitere Sakralbauten der Stadt wie die zweischiffige gotische Minoritenkirche der Franziskaner an der östlichen Stadtmauer oder das Ursulinenkloster in der Neustadt näher betrachten.
Was aber Fritzlar im Besonderen auszeichnet, ist das Nebeneinander einer mittelalterlichen Fachwerkstadt, einer außergewöhnlich gut erhaltenen Stadtbefestigung sowie eines bedeutenden Sakralbaus als Keimzelle der Stadt. Gepaart ist diese besondere Konstellation mit einer reizvollen Topografie am steilen Nordhang der Eder sowie mit einer weit zurückreichenden Geschichte, die bis zum heiligen Bonifatius, also den karolingischen Anfängen der christlichen Mission im mitteldeutschen Raum, zurückreicht.



