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Grönlands Topografie und Name
Mit rund 57.000 Einwohnern und seiner riesigen, weitgehend von Eis bedeckten Landfläche kann Grönland als eine der weltweit am dünnsten besiedelten Regionen angesehen werden. Die strategisch bedeutende Lage im Nordpolarmeer dürfte mitverantwortlich dafür sein, dass ein aufstrebender Autokrat dennoch Interesse an der Insel zeigt und nicht nur in Kopenhagen Kopfschütteln verursacht. Dabei scheint er die Geschichte Grönlands nicht zu kennen oder auszublenden, wenn er den Anspruch der Grönländer, ihr Schicksal selbst zu bestimmen, infrage stellt. Grönland ist zwar verwaltungstechnisch autonom, aber ebenso Bestandteil des Königreichs Dänemark. 1917 haben die USA den Anspruch Dänemarks auf die arktische Insel auch anerkannt. Das hat bis heute Geltung. Die weltpolitische Gemengelage ist ein guter Anlass, die historischen Voraussetzungen der größten Insel der Erde näher zu betrachten und so manche Unklarheit auszuräumen.
Die stolzen Grönländer nennen ihre Insel nicht umsonst Nunarput (übersetzt: Unser Land) oder Kalaallit Nunaat (übersetzt: Land der Kalaallit). Letzteres geht auf die Kalaallit, das indigene Volk Grönlands, zurück. Die Fragen beginnen aber bereits beim offiziellen Namen des Landes: Grönland bzw. dänisch Grønland, altnordisch Grænland, das wörtlich übersetzt Grünland bedeutet. Dabei ist das Eiland alles andere als grün. Schmale eisfreie Küstenstreifen erlauben im begrenzten Rahmen menschliche Siedlungen. Das übrige Land ist von einem kilometerdicken Eisschild bedeckt. Der Name stammt von dem Wikinger Erik dem Roten, der Grönland im 10. Jahrhundert von Island aus entdeckte. Vielleicht war die Insel tatsächlich grüner zu jener Zeit, als im Nordatlantik eine mildere Klimaphase existierte (mittelalterliche Warmzeit). Eine frühe Quelle weiß zudem zu berichten, dass Erik den Namen wählte, um weitere Siedler anzulocken, was schließlich auch funktionierte.

Geschichte Grönlands im Mittelalter und in der frühen Neuzeit
Und damit rückt Grönland dann auch ins Licht der Geschichte, denn die indigene Bevölkerung – in Kanada und Grönland auch allgemein als Inuit bezeichnet -, die lange zuvor hier nomadisch lebte, hinterließ nichts Schriftliches und nur wenige Spuren, macht aber noch heute rund 90 % der Bevölkerung aus. Die Kalaallit, auf die die einreisenden Europäer stießen, teilten sich in unterschiedliche Gruppen: Kitaamiut, Tunumiit, Inughuit. Ihre Wanderungsbewegungen aus Kanada und Alaska sind komplex und verliefen in mehreren Phasen. Auf die Dorset-Kultur folgte im 12. Jahrhundert die Thule-Kultur. Aufgrund der Topografie Grönlands gab es längere Phasen der isolierten Entwicklung von Gruppierungen der Inuit.
Unter die Indigenen mischten sich die durch Schriftquellen und archäologische Untersuchungen bezeugten Grænlendingar, nordgermanische Siedler aus Island, unter denen Erik der Rote ab dem Jahr 986 den Anfang machte. Deren Siedlungen bestanden rund 500 Jahre an der Südwestküste Grönlands, bis sie im Laufe des 15. Jahrhunderts aus nicht restlos geklärten Gründen aufgegeben wurden. Für viele Jahrhunderte herrschte reger Handel mit Norwegen, der ursprünglichen Heimat der Grænlendingar. Berührung mit dem Christentum hatte Grönland bereits vergleichsweise früh, als Eriks Sohn Leif Eriksson um das Jahr 1000 die erste Kirche gründete. Sogar ein Bischof residierte auf der Insel.

Im späten 16. Jahrhundert und frühen 17. Jahrhundert wurde Grönland von mehreren europäischen Expeditionsseefahrern besucht. Ihnen folgten holländische, hamburgische und englische Walfänger. Auch in Emden existierten seit der Mitte des 17. Jahrhunderts Grönland-Kompanien. Der Tran des Wals war ein wichtiger Rohstoff für künstliche Beleuchtung und kostete vielen Meeressäugern das Leben. Die Grönlandfahrt zu diesem Zwecke hielt bis ins 19. Jahrhundert an. Die Kontakte zwischen Inuit und Europäern intensivierten sich in dieser Zeit.

Grönland als Teil Dänemarks
1721 erhielt der norwegische Pastor Hans Egede vom dänischen König Friedrich IV. die Erlaubnis, in Grönland eine Missionsstation zu errichten. Man darf den evangelischen Geistlichen zurecht als den Apostel der Grönländer bezeichnen, auch wenn seine Rolle im Rahmen der Aufarbeitung des dänischen Kolonialismus kritisch gesehen werden muss. In diesem Kontext wurde auch die heutige Hauptstadt Grönlands, Nuuk, gegründet. Mit Egede begann der dänische Einfluss auf der Insel zu steigen. Zahlreiche dänische Kolonien wurden im 18. Jahrhundert gegründet. Dabei spielte der dänische Kaufmann und Grönlandpionier Jacob Severein eine entscheidende Rolle. Es entstanden nun auch dänische Handelskompanien, die den Handel mit Grönland beherrschten und in Konkurrenz zu den holländischen Walfängern traten. Zum ersten dänischen Gouverneur in Grönland wurde Claus Paars ernannt.


Mit der Gründung des dänischen Staatsunternehmens Den Kongelige Grønlandske Handel (KGH) im Jahre 1774 startete schließlich die Entwicklung kolonialer Strukturen in Grönland. Zwischen 1807 und 1814 herrschte Krieg zwischen Dänemark und England, was auch die Versorgung der dänischen Kolonien auf Grönland zeitweise zum Erliegen brachte. Mit dem Kieler Frieden 1814 löste sich die Union Dänemark-Norwegen auf und Grönland fiel an Dänemark. Die dänische Verwaltung und die Missionierung auf der Insel wurden in der Folge weiter ausgebaut. Die Inuit verloren dadurch und die weitere Europäisierung der grönländischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Teil ihrer kulturellen Identität. Gleichzeitig entwickelte sich aber auch ein gemeinsames Nationalgefühl bei den Grönländern.

Im 20. Jahrhundert wandelten sich zunächst die Wirtschaftsstrukturen vom Robbenfang zur Fischerei, was zu Veränderungen in der Sozialstruktur der Bevölkerung führte. Seit dem Zweiten Weltkrieg existieren auch Militärbasen der USA auf der Atlantikinsel, was im gegenwärtigen Streit um Grönland besonders heikel erscheint. In den 1950er-Jahren begann die postkoloniale Zeit Grönlands, die den Lebensstandard der Grönländer an den des Kernlandes Dänemark angleichen sollte. Die Kehrseite dieser Bemühungen war, dass durch viele erzwungene Modernisierungen die traditionelle grönländische Kultur in vielen Bereichen verschwand. Seit 1979 ist Grönland eine autonome Region innerhalb des dänischen Königreichs mit einer eigenen Regierung. Die vollständige Unabhängigkeit ist bis heute nicht zuletzt aufgrund der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Dänemark nicht vollzogen.

Grönland in der Gegenwart
Das bevölkerungsarme, in weiten Teilen unbewohnte Grönland wurde in seiner Geschichte durch Wikinger, frühe Christianisierung, Walfang und dänische Kolonisierung geformt. Die indigene Kultur wurde dabei immer weiter zurückgedrängt. Hundeschlitten und Robben prägen unser heutiges Bild dieser arktischen Landschaft. Gleichzeitig besitzt Gröndlang aufgrund seiner Lage in der Arktis, seiner militärischen Infrastruktur und seiner Bodenschätze eine nicht unerhebliche geostrategische Bedeutung. Das sind die Gründe, warum es nun zu einem Ziel eines neuen amerikanischen Imperialismus wird, der kein Völkerrecht und keine regelbasierte Weltordnung zu kennen scheint. Die Insel könnte unfreiwillig zu einem Schauplatz eines neuen Kapitels Weltgeschichte werden, wenn Donald Trump die NATO an der Grönland-Frage zerbrechen lässt. Der Druck auf Europa als Spielball der Großmächte dürfte sich dann nochmals erhöhen. Insofern kann uns das Schicksal der größten Insel der Erde bereits aus dieser Warte nicht gleichgültig sein. Ihre Geschichte zu kennen, kann in diesem Prozess hilfreich sein, um Ansprüche und Positionen besser einzuordnen.




Ein gut strukturierter Überblick, der historische Tiefe mit aktuellen geopolitischen Fragen verbindet.