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Frühe Siedlung am Harzrand
Die Stadt Wernigerode ist überregional weit über den Harz als touristische Destination bekannt. Das ist vor allem auf die weitgehend unzerstörte Altstadt mit unzähligen Fachwerkhäusern zurückzuführen, die zu DDR-Zeiten nicht wie in vielen anderen Städten dem Verfall preisgegeben wurden. Entsprechend bunt und reizvoll präsentiert sich der Ort am nördlichen Harzrand heute.
Wernigerode ist nach archäologischen Erkenntnissen als Rodungssiedlung bereits im 9. Jahrhundert entstanden. Ob die Initiative dazu durch das Kloster Corvey und den dortigen Abt Warin erfolgte, ist aber unter Historikern umstritten. Diese älteste Siedlung ist auf dem Klint zu lokalisieren, einer Erhebung südlich des heutigen Marktplatzes. Dort wurde auch die erste Pfarrkirche gegründet, die zunächst dem heiligen Georg geweiht war. Erst im Hochmittelalter treffen wir auf verlässliche Quellen. Um 1112 wurde die Grafschaft Wernigerode durch Graf Adalbert von Haimar gegründet. Ausdruck der Landesherrschaft wurde die auf einem Bergsporn hoch über der Stadt gelegene Burg. Ihr heutiger baulicher Bestand geht im Wesentlichen auf das 19. Jahrhundert zurück, birgt aber noch mittelalterliche Bausubstanz. Mit ihrer malerischen Wirkung ist die Burganlage ein Paradebeispiel für den Historismus jener Zeit.

Wernigerode im späten Mittelalter
Wernigerode erhielt 1229 Goslarer Stadtrecht und wurde 1267 Mitglied der Hanse. Die Entwicklung der Stadt führte noch im 13. Jahrhundert zu einer planmäßigen Erweiterung der Stadt nach Osten und zur Gründung weiterer Kirchen, darunter die Johanneskirche und die Liebfrauenkirche. Die ältere Georgskirche wurde 1265 zum Chorherrenstift St. Sylvestri umgewandelt und diente fortan als Grablege des Grafengeschlechts. In diesem Zusammenhang wandelte sich die Liebfrauenkirche zur neuen Hauptpfarrkirche Wernigerodes. Altstadt und Neustadt waren lange getrennte Städte mit eigener Befestigung und eigenem Rat. Erst 1529 erfolgte die Vereinigung beider Siedlungsbezirke zu einer Stadt.
1429 gelangte Wernigerode durch Erbfall in den Besitz der Grafen von Stolberg. Brände und die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges führten zum wirtschaftlichen Niedergang. Das Bild der Stadt ist bis heute geprägt von zahlreichen frühneuzeitlichen Fachwerkhäusern, die die Brände – die heftigsten wüteten 1751 und 1847 – überstanden oder beim Wiederaufbau entstanden. Es ergibt sich dadurch ein historisches Straßenbild aus traufständigen, meist barocken und historistischen Fachwerkbauten in seltener Geschlossenheit. In den Nebenstraßen finden sich zahlreiche Handwerker- und Tagelöhnerhäuser.
Stadtrundgang
Markt und Rathaus
Jeder Stadtrundgang durch Wernigerode sollte am Markt mit seinem markanten Rathaus beginnen. Mit seinen schlanken Erkern mit Dachhelmen ist das Gebäude Mittelpunkt eines malerischen Ensembles und das Wahrzeichen der Stadt schlechthin. Um 1420 entstanden, diente es zunächst als gräfliches Spielhaus, ehe es nach einem Stadtbrand im 16. Jahrhundert zum Rathaus umfunktioniert wurde. Seine Gestalt ist im Wesentlichen auf einen Umbau im späten 15. Jahrhundert zurückzuführen.

Die malerische Wirkung des Rathauskomplexes wird durch Anbauten wie das Waaghaus aus der Mitte des 15. Jahrhunderts verstärkt. Der östliche Anbau ist dagegen ein in seiner Formensprache angeglichener Baukörper des 19. Jahrhunderts. 1939 wurde hier ein aus dem Jahr 1584 stammender, ebenerdiger Renaissance-Erker, das sogenannte Bürgermeisterstübchen, in das Dach des neuen Flügels eingefügt. An der westlichen Front des Marktplatzes schließt sich ein repräsentativer Fachwerkbau – das Gotische Haus – an, das bereits 1425 als Bürgerhaus bezeugt und im späten 19. Jahrhundert einschneidend umgebaut worden ist. Komplettiert wird die Postkartenszenerie durch einen prächtigen neugotischen Brunnen, den sogenannten Wohltäterbrunnen.
Klint und Oberpfarrkirchhof als Keimzelle der Stadt
Wir passieren das Rathaus in Richtung Süden und gelangen auf den Klint und den Oberpfarrkirchhof, die ältesten Stadtbezirke Wernigerodes. Besonders malerisch wirkt das sogenannte Schiefe Haus, das seinem Namen alle Ehre macht. Es wurde um 1680 als Walkmühle der Tuchmacher an der Stelle einer älteren Mühle errichtet, die bereits im 13. Jahrhundert urkundlich bezeugt ist. Heute beherbergt das Gebäude ein kleines Museum. In der Nachbarschaft findet man zudem das Harzmuseum, das unter anderem eine stadthistorische Sammlung präsentiert.


Die Kirche St. Sylvestri wird von der geschlossenen Bebauung des Oberpfarrkirchhofs mit einer Fülle bemerkenswerter Fachwerkbauten umschlossen, die dem vielfach umgestalteten mittelalterlichen Kirchenbau die Aufmerksamkeit stehlen. Herauszuheben sind ein 1724 an Stelle eines klösterlichen Stadthofes errichteter Barockbau mit markantem Portal und Dreiecksgiebel in der Mittelachse und eine Reihe traufenständiger Häuser aus dem 16. Jahrhundert südlich von St. Sylvestri. Auffallend ist zudem das Gadenstedtsche Haus, ein Gebäudekomplex mit Bruchsteinuntergeschoss, der auf dem Gelände einer ehemaligen Niederungsburg in mehreren Abschnitten des 15. und 16. Jahrhunderts entstand. Der augenfällige Zwerchhauserker ist inschriftlich auf das Jahr 1582 datiert. Er stammt aus einer Ausbauphase des Hauses, als der namengebende gräfliche Stadthauptmann Dietrich von Gadenstedt hier residierte.


Die Breite Straße und das Krummelsche Haus
Traufständige, stattliche Bürgerbauten säumen auch die Breite Straße, die sich als langgestreckte Fußgängerzone vom Markt Richtung Neustadt nach Osten zieht. Hervorzuheben sind die Häuser Nr. 4 von 1583, in dem sich heute das Café Wien befindet, oder das barocke Ensemble aus den Häusern Nr. 95 und 97. Das Haus Nr. 95 wird dabei als Krellsche Schmiede bezeichnet und wurde 1678 für den Großschmiedemeister Michael Krell erbaut.


Von besonderer künstlerischer Qualität ist das Krummelsche Haus in der Breiten Straße 72, das im Jahre 1674 entstand. Bauherr war der Kaufmann Henricus Krummel. Die Gefache sind mit allegorischen Reliefdarstellungen verziert, Masken und Fratzen in Kombination mit reichem Ohrmuschelwerk gesetzt. Die gesamte Fassade ist in Holz ausgeführt und überschwänglich mit Ornamenten versehen. Das stilistisch angepasste Untergeschoss ist allerdings eine Zutat aus dem Jahre 1875.


Entdeckungen in den Altstadtgassen
Kaum eine Gasse in Wernigerode präsentiert sich nicht mit einem geschlossenen Fachwerkensemble, sodass sich bei Entdeckungsrundgängen trotz der vorherrschenden bescheidenen Bebauung aus Handwerker- und Tagelöhnerhäusern immer wieder reizvolle Einblicke wie in der Mittel- und der Hinterstraße eröffnen. Vorherrschend ist auch hier die traufständige Bauweise. Pars pro toto für geschlossene Fachwerkensembles mögen zudem die Straßenzüge der Marktstraße, der Kochstraße oder der Burgstraße genannt sein, die alle vom Marktplatz bzw. der Breiten Straße Richtung Süden zum Burgberg verlaufen. Am Zusammentreffen von Marktstraße und Kochstraße steht das angeblich kleinste Fachwerkhaus Wernigerodes.


Von der ehemaligen Stadtbefestigung existieren nur noch der Mittelturm des Westerntores und geringe Reste der Stadtmauer mit einer Reihe von Halbschalentürmen. Letztere präsentieren sich besonders malerisch am Straßenzug Burgberg mit vorgelagertem Graben und ansehnlichen Fachwerkhäusern. Von hier könnte der Aufstieg zur Burg starten, der den Besuch Wernigerodes mit einem sagenhaften Ausblick auf die Stadt abrundet.



