
Inhalt
Arolsens Weg zur Residenz eines Kleinfürstentums
Das nordhessische Bad Arolsen ist ein Musterbeispiel einer barocken Planstadt. Die Wurzeln des Ortes liegen allerdings im Mittelalter, in einem Kloster der Augustinerinnen, das im 12. Jahrhundert gegründet wurde. Das Waldecker Grafengeschlecht, namentlich Graf Philipp III., hob es in der Reformation 1526 auf und baute die ehemaligen Klostergebäude zum Residenzschloss der Eisenberger Linie der Familie aus. Das Renaissanceschloss erhielt den Charakter einer Festung mit Gräben und Wällen. Dabei wurde der Wirtschaftshof in weiten Teilen intakt belassen und in die Nebenresidenz einbezogen. Nach dem Austerben dieser Linie wurde Arolsen zur Residenz der gesamten Grafschaft.
Schon Mitte des 17. Jahrhunderts entstand mit der Großen Allee eine Verbindung zwischen dem Residenzschloss und dem in den 1660er Jahren erbauten Sommer- und Jagdschloss Charlotten- bzw. Louisenthal. Diese Achse ist auch heute noch im Stadtgrundriss deutlich wahrnehmbar, während das Jagdschloss bereits im frühen 18. Jahrhundert wieder abgerissen wurde. 1710 begannen unter Graf Friedrich Anton die Bauarbeiten am Neubau des heutigen Schlosses. Als symmetrische dreiflügelige Schlossanlage folgte der von Julius Ludwig Rothweil für die Waldecker Fürsten entworfene Bau den Baugewohnheiten des frühen 18. Jahrhunderts.

Julius Ludwig Rothweils Idealstadt
Die Bedeutung der Architektur speist sich aber nicht allein aus dem Einzelbau, sondern aus der Integration des Schlosses in eine geometrisch-regelmäßige Idealstadt, die 1719 offiziell gegründet wurde. Arolsen ist damit, obwohl die mehrfach erweiterten Pläne Rothweils, der zum fürstlichen Baudirektor aufgestiegen war, nur zur Hälfte realisiert wurden, eine Gesamtanlage von seltener Geschlossenheit. Es fungiert als vorzügliches Beispiel einer barocken Residenz eines Kleinfürstentums (Waldeck wurde 1711 Fürstentum).


Rothweils schließlich zur Umsetzung gelangter Entwurf sah einen Stadtgrundriss vor, der sich symmetrisch vom zentral gelegenen Schloss erstreckte. Von dieser Hauptachse wurde nur die westliche Spange mit der Evangelischen Kirche als Point de Vue realisiert. Im frühen 19. Jahrhundert entstand eine Verlängerung der Achse nach Westen (heute Bahnhofstraße), sodass das als Mittelpunkt der Stadtanlage geplante Residenzschloss heute eigentümlich dezentral in der östlichen Peripherie steht. Die bürgerliche Stadt bildet ihren Mittelpunkt um die Kirche aus. Der Schnittpunkt der Landstraßen aus den benachbarten Städten fungierte bald als Marktplatz. 1782 entstand hier das neue Rathaus. Arolsen illustriert damit gut die Diskrepanz zwischen absolutistischem Wollen und realhistorischer Stadtentwicklung.

Barocker Stadtrundgang
Residenzschloss und Schlossumfeld
Unser Rundgang durch die barocke Stadtanlage soll am Residenzschloss, dem historischen und künstlerischen Mittelpunkt von Bad Arolsen, beginnen. Rothweils Konzept zeigt die seit dem späten 17. Jahrhundert moderne Dreiflügelanlage mit Ehrenhof, wie man sie zum Beispiel am Schloss im badischen Rastatt vorfindet und wie sie letztlich auf Versailles zurückgeht. Die gestuft angeordneten Seitenflügel enden allerdings noch in Pavillons älterer Tradition. Der östliche beherbergt die Schlosskapelle. Gestalterisch tritt der breite Mittelrisalit mit Kolossalordnung, Bänderrustika und Doppelwappen im Giebelfeld dominant hervor. Die Raumaufteilung des Inneren entsprach dem Zeremoniell und dem Repräsentationsbedürfnis eines jungen Fürstenhauses, wie es hier in Arolsen erst während der Bauarbeiten entstand. Der fürstliche Hof samt Verwaltung fand in den Seitenflügeln Platz.

Die Anlage des Schlosses wird von drei Seiten von einem anglisierten Schlosspark als Landschaftspark umgeben. Im Norden liegt ein Teich, von dem eine prächtige Lindenallee zum weit abgelegenen Tiergarten führt. Der unregelmäßige Vorhof mit den Wirtschaftsgebäuden im Südosten des Schlosses ist aufgrund der nicht beidseitig ausgeführten Stadtachse noch existent. Die Bausubstanz von Reitbahn, Orangerie, Remise und Gärtnerhaus stammt aber weitgehend aus dem frühen 19. Jahrhundert. Lediglich die Schmiede reicht bis ins Mittelalter zurück.
Vor dem Schloss zieht der als Kreissegment geführte, Mitte des 18. Jahrhunderts durch Rothweil errichtete Marstall die Blicke auf sich. Das Gebäude ist Teil der barocken Stadtplanung, wirkt aber ohne das nie ausgeführte Pendant an der Ostseite unvollendet. Der Paradeplatz vor dem Schloss hat deshalb nie seine vorgesehene halbkreisförmige Rahmung erhalten. An keinem Ort der Stadt wird die unvollendete Stadtplanung anschaulicher.


Das bürgerliche Arolsen
Der Marstall schließt unmittelbar an das benachbarte, nur wenig jüngere Regierungsgebäude an und bildet mit diesem eine optische und bauliche Einheit. An diesem Ort verschmelzen Residenz und Bürgerstadt baulich. Der Weg führt nun nach Westen durch die Reihen ansehnlicher barocker und klassizistischer Bürgerhäuser von auffallender Geschlossenheit, die einst von Kaufleuten und Hofbeamten bewohnt wurden. Eines der ältesten Gebäude ist das nach Plänen von Rothweil erbaute Schreibersche Haus, das als Modell für die weitere Bebauung der Schlossstraße diente. Beachtlich auch Haus Waas, das 1728 als Beamtenhaus entstand. Nebengebäude und die barocke Remise sind erhalten. Am westlichen Ende der Straße stechen das Haus Canstein und das Haus Stieglitz mit den barocken Portalen im Mittelrisalit heraus. Auch in der rechtwinklig auf der Schlossstraße stehenden Kaulbachstraße existieren einige stattliche Wohnbauten, die ein geschlossenes barockes Stadtbild vermitteln.


Die gesamte Sichtachse der Schlossstraße ist ausgerichtet auf die Ostfassade der Evangelischen Kirche, die uns bereits von weitem als baulicher Höhepunkt der Planstadt erwartet. Auch dieser Bau wurde nach Entwürfen von Julius Ludwig Rothweil 1735 begonnen und von seinem Sohn Franz Friedrich weitergeführt. Die Vollendung zog sich bis ins späte 18. Jahrhundert, weshalb die Formensprache zwischen Barock und Klassizismus changiert. Auffällig ist die aus städtebaulichen Gründen vorgenommene Ostung des über einem kreuzförmigen Grundriss errichteten Sakralbaus.

Der Rückweg soll uns abseits der Hauptachse zurück zum Residenzschloss führen. Über die Rauchstraße, an der einige stattliche neubarocke Bauten der Jahrhundertwende wie das Postamt oder das neue Regierungsgebäude (heute Rathaus) stehen, gelangen wir zur Großen Allee. Diese zieht sich wie zur Entstehungszeit über mehrere Kilometer mit ansehnlichem Baumbestand von Ost nach West. Wir folgen der Allee Richtung Osten zurück zum Schlossplatz. Kurz vor unserem Ziel erreichen wir das letzte erwähnenswerte Gebäude von Arolsen: Das sogenannte Neue Schloss entstand zwischen 1763 und 1778 als Witwensitz für die Fürstin Christiane und wurde Mitte des 19. Jahrhunderts im Stile des Klassizismus umgestaltet. Allerdings ist es in der Folgezeit derart radikal umgebaut und umgenutzt worden, dass seine einstige Rokokopracht nicht mehr zu erahnen ist. Heute fungiert es als Klinik. Hier endet unsere Reise durch die barocke Residenzstadt eines Kleinfürstentums.



